Jtf 138
Sonntag, den 19. Juni 1892.
19. Jahrgang
Fuldaer
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N Hoftheater.*)
Als durch die Ereignisse von 1866 Hannover, Kassel und Wiesbaden aufhörten, wirkliche Residenzstädte zu sein, beließ man ihnen die Theater, die bisher von den betoffenden Fürsten unterhalten worden waren. Der preußische Staat übernahm es, einen Zuschuß zu diesen Theatern zu geben, und das königliche Hansministerium trat die Verwaltung dieser „Hoftheater" an. Das kostete die Hofkasse natürlich ein gutes Stück Geld. Aber diese Ausgabe, die nicht bloß für die Kunst, sondern auch für die innere Politik Bedeutung halte, war von dem Landtage mit in Betracht gezoaen worden bei der Erhöhung der Kronrente, des alljährlichen Staatsbeitrages sür den Kronfioeikommißfonds, um 1 Million Thaler. Inzwischen ist nun bekanntlich durch Gesetz vom 21. Februar 1889 die Kronrente abermals um 3,500 000 Mark erhöht worden, so daß sie jitzt 15 Mill onen Mark beträgt. Um so überraschender war für die genannten Städte die Nachricht, daß das königbche Hausministerium aus Sparsamkeitsrücksichten die 3 Hoftheater in Kassel, Wiesbaden und Hannover ein- -gehen lassen wolle. Der Staatszuschutz würde freilich zunächst unberührt bleiben; aber die Hofkasfe will die bisherigen Kosten nur noch für eine gewisse Uebergang szeit tragen und dann die Sache der städtischen Verwalt mg oder dem privaten Betrieb überlassen. Im Bürgerausschuß (Stadtverordneten-Versammlung) zu Kassel ist die kritische Angelegenheit kürzlich zur Sprache gelangt und vom Vize-Vorsitzenden lebhaft die Nothwendigkeit betont worden, auch in den kleinen Residenzen „Stätten der Kultur und des geistigen Ledens" zu erhalten, damit Deutschland nicht der verderblichen Centralisation verfalle, die Paris in Frankreich ausübe.
Es handelt sich da um eine Frage, die sehr viele Seiten hat. Dem Hausministerium kann man es gewiß nicht verargen, wenn es sparen will; denn an eine weitere Erhöhung der Kronrente ist in absehbarer Zeit nicht zu denken und die Ausgaben des Hofes werden beim Heranwachsen der Prinzen steigen. Ob aber nun gerade btt den Hoftheatern in den neuen Provinzen der richtige Ausgangspunkt für das Spar- samkeitssyftem gefunden ist, erscheint doch zweifelhaft. Das Eingehen der altgewohnten Hoftheater würde von der betheiligren Bevölkerung bitter empfunden werden, und auch außerhalb der betreffenden Städte und Provinzen würde das unangenehme Gefühl hervorgerufen werden, daß das neue Deutschland mit seiner vielgepriesenen Macht und Herrlichkeit nicht einmal die Erbschaft des alten Deutschland auf dem Gebiete des künstlerischen Luxus zu behaupten vermöge. Dazu kämen die unerquicklichen Erörterungen über die Frage, ob nicht in der Million Thaler, die der Landtag im Jahre 1868 dem KronfideikommißfondS zugelegt hat,
*) Wurde uns von unserem Berliner Korrespondenten schon vor mehreren Tagen übermittelt, mußte aber wegen Ueber- yaufung mit Stoff bis heute zurückgestellt werden. D. R.
auch eine gewisse moralische Verpflichtung zur Fortführung der annektirten Kunstanstalten stecke. Schließlich könnte das Abgeordnetenhaus auch sagen: Wenn das königliche Hausministerium kein Bedürfniß des Fortbestandes der fraglichen Theater anerkennt, dann können wir uns den Staatszuschuß für diese Anstalten auch sparen.
Wenn wir die Preisgebung dieser Theater für bedenklich halten, so stimmen wir deshalb noch lange nicht in das Kasseler Lied ein, das die Schaubühne als den wichtigsten Träger „der Kultur und des geistigen Lebens" hinstellen möchte. Schauspiel und Oper gehören auch zum Ganzen der Kultur; aber ein Hoftheater mit großen Zubußen ist doch schließlich ein Luxus, ohne den man allenfalls auch civilisirt und vergnügt leben kann. Die kleineren Hoftheater haben wohl gelegentlich Künstler ersten Ranges entwickelt, aber im Allgemeinen gedeiht die Kunst besser auf der freien Wahlstatt des harten „Kampfes um's Dasein", als in dem Stillleben eines höfischen Theaters mit Subvention und Bevormundung. Die königlichen Schaubühnen in Berlin sind den Gefahren der Rentier-Gemächlichkeit nicht in so hohem Grade ausgesetzt, weil sie die K o n- kurrenz von Theatern ersten Ranges zu bestehen haben. An den kleineren Orten aber, wo nichts Ebenbürtiges neben dem subveniionirten Hoftheater bestehen kann, und wo obendrein der Sporn der Anwesenheit des Hofes fehlt, ist die Bärenhaut gar zu verlockend.
Auf der andern Seite dc5:f man gewisse V o r t h e i l e eines subventionirlen und demgemäß bevormundeten Theaters nicht übersehen. Eine solche Anstalt kann eher dem schlechten Geschmack und den sinnlichen Neigungen der Menge widerstehen, da sie nicht ausschließlich auf gute Kasfen-Rapporte zu arbeiten braucht. Würden die betreffenden Theater in Privat-Unternehmungen verwandelt, so müßten sie vermuthlich zur Anlockung des Publikums sich stark auf „interesfante" und „pikante" Sachen werfen, wobei sowohl die wahre Kunst als die Sittlichkeit schlecht fortkämen.
Dazu kommt nun die hist or isch-politische Erwägung, die zu Gunsten der Erhaltung würdiger Bühnen an diesen Orten spricht. Diese Erhaltung erscheint uns auch wohl möglich unter einerBeschrän- kung der Zuschüsse aus der Kronkasse. Man sollte einen billigen Ausgleich anftreben, indem die bethei- ligten Städte sich mit der Königl. General-Intendantur einigen. Die Verwaltung kann ohne wesentliche Schädigung der Institute bedeutend billiger werden, wenn die Stadtverwaltung sie auf eigenes Risiko übernimmt. Die Hofkasse hätte einen angemessenen Zuschuß zu leisten, für den sie sich Rechte auf die Benutzung von Plätzen und auch einen gewissen Einfluß aus die künstlerische Führung bedingen könnte. Der Zuschuß könnte w-sentlick» kleiner fein, als die bisherige Belastung, und würde doch einer umsichtigen Stadtverwaltung ohne erhebliche eigene Belastung die Fortführung der Anstalten ermöglichen.
Da das Hausministerium eine „Uebergangszeit" in Aussicht genommen hat, so läßt es sich vielleicht auch bewegen, den Schluß-Termin des „Uebergangs" fallen zu lasten und einen schiedlich-friedlichen Ausgleich „bis auf Weiteres" zu treffen. Sparsamkeit ist eine Tugend, aber auch eine große Kunst. Man muß mit dem Sparen an der rechten Stelle anfangen und das rechte Maß einhalten.
Das verhimgnißvolle Testament.
Nach dem Englischen von H. v. Remagen.
(15. Fortsetzung.)
7. Kapitel.
Lord Rylestone hatte sich nach London begeben, wo wichtige Geschäfte seiner harrten. Wie schwer war es für ihn, den allseitigen Glückwünschen mit dem Bewußtsein, daß er ein ruinirter Mann sei, steundliches Gehör zu schenken. Jeder begrüßte ihn mit herzlichen Worten, denn er war sehr beliebt — es gab in London kaum einen jungen Mann, der mehr bewundert und überall gern gesehen wurde. Dennoch war ihm angenehm, wahrzuneymen, daß das Testament des verstorbenen Lords gänzlich unbekannt geblieben war; fand er doch unbegründete Glückwünsche immer noch erträglicher als Beileidsbezeigungen. Er nahm die Einladungen, mit denen man ihn überschüttete, lächelnd an und machte im Stillen die Betrachtung, ob er wohl ein eben so gesuchter Mann sein würde, wenn seine Vermögensumstände bekannt wären.
Als er seine Geschäfte abgethan, einige Freunde besucht und Briefe beantwortet hatte, fuhr er nach seinem Klub. Dort war feine erste Frage, ob Briefe für ihn angekommen seien.
Wirklich war ein Brief sür ihn dort, und der Portier, der ihn Lord Rylestone übergab, mochte sich vielleicht über die Röthe verwundern, die das schöne Antlitz des jungen Mannes beim Anblick der Adresse überzog. Es war ihm unmöglich, den Brief in Ruhe zu lesen, denn seine alten Bekannten schaarten sich all- mählig um ihn und jeder hatte ihm etwas Verbindliches zu sagen. So währte es eine ganze Zeit lang, bevor Lord Rylestone dazu kam, seinen Brief zu lesen.
Er war charakteristisch. Das Kouvert war klein und gewöhnlich, die Handschrift klar und deutlich, der Inhalt lautete folgendermaßen:
„Mein theurer Allan — die That ist vollführt! Lady Dayenant sah mich höchst erstaunt an, sie sprach mir in ihrer herablassenden Weise die Hoffnung aus, daß ich mich nicht etwa übereilt hätte und wünschte meine Zukunftspläne zu erfahren. Ich sagte ihr, daß ich heimzukehren beabsichtige. O Allan, wie wenig ahnt sie, wo mein Heim sein wird! Ich bin über den Schritt, den ich that, ganz unbesorgt und hoffe zuversichtlich, daß Alles gut werden wird. Also heute über zwei Monate bin ich frei. Früher konnte ich nicht loskommen, denn Lady Dayenant klagte zu sehr über die Umstände, die es ihr machen würde, einen Ersatz zu finden. Ich bitte Dich nicht ausdrücklich, daß Du mir bald schreibst, denn ich weiß, daß Du schreiben wirst, sowie es Deine Zeit erlaubt. Ist es nicht doch am Ende thöricht von mir, Dich so von Herzen zu lieben und Dir so blindlings zu vertrauen? — Immer die Deine.
Margarita."
Er las den Brief mit strahlenden Augen und beben» den Lippen. „Meine theure, meine einzig geliebte Margarita!" rief er aus. „Ich muß ihr meine jüngstm Erlebnisse, so wenig erfreulich sie ihr auch sein werden, doch mittheilen. Sie gibt sich jetzt der Hoffnung hin, in zwei Monaten Lady Rylestone zu werden und dann auf Waltoncourt ihrem Range angemessen zu leben, mittlerweile haben sich die Verhältnisse aber gänzlich geändert. Doch sie ist mein treuer, selbstloser Liebling und wird mir deshalb ihr Herz nicht entziehen."
Und dennoch war es schwer, ihr die Sachlage mit* zutheilen, und er blieb, nachdem er den Brief gelesen hatte, lange Zeit in sichtlich bittere Gedanken versunken stehen.
„Meine schöne Margarita", wiederholte er immer wieder, „wie wird sie es nur tragen?"
Seine Lage erschien ihm einen Moment lang ganz rathlos, er hatte unter diesen Umständen eine Heirath für unmöglich gehalten und sah nun, daß das Weib, das er so innig liebte, fest darauf baute, in zwei Monaten seine Gattin zu sein. Er wars trotzig das edle Haupt zurück.
„Ich trotze dem Glück und dem Schicksal", rief er aus. „Es gab eine Zeit, wo ich mich für den glücklichsten und den beneidenswerthesten der Menschen hielt, jetzt scheint es aber, als wäre mein guter Stern untergegangen. Ich will den Kampf mit dem Schicksal aufnehmen. Als ich Margarita meine Liebe gestand, hoffte ich, ihr eine glänzende Zukunft bieten zu können, und nun bin ich, wenn meine Schulden bezahlt sind, einstweilen Nichts weiter, als ein Bettler."
Und sein Herz hing so innig an ihr, die Geschichte seiner Liebe war so poesievoll und so wonnig, daß eilt glückliches Lächeln um seine Lippen spielte, als er so sinnig dastand. Alle Enttäuschungen, alle Schmerzen und Sorgen, die dem bitteren Fehlschlage gefolgt waren, vermochten nicht, das warme beseligende Bewußtsein des Glückes und der Liebe, das ihn so ganz erfüllte, zu übertönen.
„Mein Herzblatts flüsterte er leise. „Sie liebt mich ja nicht meines Ranges und meines Geldes, sondern einzig um meiner selbst willen; und würde ich morgen ganz und gar zum Bettler, so würde ihr Herz mir dennoch ungetheilt gehören. Was klage ich über das Schicksal, hat es mich nicht reicher, als alle anderen Sterblichen gemacht, indem es mir Margarita'? Liebe gab?"
Die Geschichte seiner Liebe war einfach uud reizend, die Erinnerung daran scheuchte die Wolke von seiner Stiin und verlieh seinen Augen einen helleren Glanz.