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IS. Jagrtzlwg
JM 138
GonnLag, den 19. Ium 1892.
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gg* Erstes Blatt. >£
G. H. Die Hausirer find eine Landplage.
Ging ich da jüngst über Land und hatte das zweifelhafte Glück, auf dem Hinwege sowohl als auf dem Heimwege mit einem Hausirer zusammen zu treffen. Auf dem Wege in das flache Land war der Mann schwer beladen, er trug schwere Ballen Leinwand (?) und Kleiderstoffe. Auf dem Wege zur Stadt war er vogelleicht, er hatte ausverkauft. Ich mußte mich unwillkürlich fragen, ob drinnen im Städtchen die seßhaften Geschäftsleute, die eine hohe Ladenmiethe, Steuern, aller Art und sonstige Abgaben zu zahlen haben, wohl jemals an einem Tage so viel Maaren verkaufen würden; ich mußte mich ferner fragen, ob nicht die Käufer hinsichtlich des Werthes der Waare benachtheiligt wären. Auf dem Wege zur Stadt war mein Begleiter recht mittheilsam, er hatte einen guten Tag. ' „Die Tasche habe ich voll Geld und gut getrunken und gut gegessen habe ich auch und zwar umsonst" so sagte er mir selbst. Diese Sorte von Hausirern ladet sich nämlich selbsteigen zu Gaste bei den Bauern ein, denen sie ihre Waare aufschwätzen. Der Bauer kauft — warum kauft er? — theils um den zudringlichen Fremden aus dem Hause zu bekommen, theils über den Werth der Waare getäuscht, theils aus Furcht. Besonders auf diesen letzten Punkt wollen wir hier mehr Gewicht legen, da ihn mir Bauersleute selbst so oft auf meine Fragen angegeben haben. Besonders wo Einzelhöfe häufig sind, wie beispielsweise in Südbayern, haben die Leute Furcht, daß der Abgewiesene ihnen irgend einen Schabernack spielen möchte, was bei der einsamen Lage ihrer Gehöfte gerade kein Wunder ist.
Doch ich will erzählen, was mir mein Begleiter in seiner durch meine Fragen genährten Redseligkeit alles gebeichtet hat. „Es ist selten", meinte er, „daß ich bei einem Bauern fortgehe, ohne ein Geschäft gemacht zu haben; so habe ich heute ein Stück Tuch für einen Anzug gerade da verkauft, wo man mich gar nicht einlassen wollte. Ich verdiene an diesem Stück 6 Mk. Mit 32 Mark habe ich es dem Bauern angeboten, um 16 Mk. habe ich's verkauft." Lieber Leser! Denke dir den Stoff zu einem ganzen Herrenanzuge um 10 Mk. hergestellt, rechne noch den Gewinn von erster und zweiter Hand und dann weißt Du, was der Bauer für einen Schund gekauft hat. Es war ein sogenanntes Kammgarn, sagen wir besser Kammgarn-Imitation, ein Fabrikat, das gerade noch die Scheere des Schneiders aushält und am Leibe bricht, das nur für die Täuschung des Auges gemacht ist. Der Bauersmann, der sich der Zeiten erinnert, wo der Stoff zu einem Gewände 20 und mehr Gulden gekostet hat, glaubt überaus billig zu kaufen und rechnet schließlich noch damit, daß er sich einen Weg in die Stadt gespart hat. — Gerade so schlecht wie seine Kleiderstoffe waren des Hausirers Leinwandstücke. Kennt sich in diesem Artikel der Bauer auch besser aus, so kann doch auch ein geübtes Auge sich täuschen, wenn ein solches Stück noch keine Wäsche bestanden hat.
Häufige Hausirartikel auf dem Land sind ferner Schmucksachen; auf diesem Gebiete hat die Uebervor- theilung den weitesten Spielraum. Da wird das Ge- fängniß oft mit dem Aermel gestreift. Doch der Landmann scheut sich in den meisten Fällen vor Gericht zu gehen. Wohin soll er sich wenden? Er ist unerfahren und stirchtet, sich Kosten zu machen. Und wo den Hausirer finden? Er kommt und geht, Niemand kennt chn, er kann es treiben, wie er will. Der seßhafte Geschäftsmann kann schon seines Geschäftsrenomme's wegen nicht so verfahren, er muß sich seine Kundschaft halten und muß seine Waaren preiswürdig verkaufen. Gerade dieser Punkt, daß der Hausirhandel keine reellen Geschäftsgrundsätze kennt, macht ihn so verwerflich.
Er richtet einen dreifachen Schaden au. Er schädigt in erster Linie den Käufer, der fast ausnahmslos für theueres Geld eine schlechte Waare erworben hat. Er schädigt sodann den seßhaften Geschäftsmann auf's Schwerste. Je größer die Armee der Hausirer von Tag zu Tag wird, um so größer ist der Schaden für Jene. Dabei aber tragen sie ganz andere Lasten und müssen sich mit einem viel geringeren Gewinne zufrieden geben, als diese Wanderschwindler, welche mit 70 Mark im Äahre sich die Erlaubniß erkaufen, den seßhaften Bürgerund Bauernstand schwer zu schädigen. In dritter Linie ist aber der reelle Produzent geschädigt, der nicht aus
schließlich auf Betrug berechnete Schleuderwaare herstellt. Um so unbegreiflicher ist es mir, wie im vorigen Monate 200 Firmen aus Bielefeld und Herford in einer Eingabe an den Reichskanzler für den Hausir- hand.l eine L.inze einlegen konnten.
Daß ein g.fitzlichesEinschreiten gegen den in manchen Gegenden z:i einer w..hren Landplage gewordenen Hausirhandel nöthig, dringend nöthig ist, muß immer wiederholt werden. Die Schäden sprechen eine zu deutliche Sprache. Allerdings habe ich und mit mir wohl noch viele Tausende auf die Art und Weife, wie unsere hohe Bureaukratie gewöhnlich solche „Fragen" untersucht, sehr wenig Vertrauen. Diejenigen, die es wissen und, um mit dem bayerischen Minister Riedel zu sprechen, kein von juristischer Fachkenntniß getrübtes Ur- theil haben, werden meistens nicht gefragt. Beauftrage man doch einmal einen Pfarrer vom Lande, Umfrage zu halten bei seinen Bauern, oder lasse man Lehrer darüber reden! Frage man die kleinen Landkrämer und die Detailliften in den Städten, die sonst auf die Landkundschaft rechneten. Ein Geistlicher vom Lande bestätigte jüngst in der ,Landsh. Ztg.', daß er an einem Tage 20 Hausirer in einer Landgemeinde gezählt hat! „Und wenn das Patent noch 3, 4 und 5 mal so theuer wird, gehe ich doch auf’S Hausiren!" sagte mir mein Begleiter, von dem ich am Anfänge gesprochen habe. Lieber Leser! Das ist ein Wort! Was muß der Mann verdienen und wie verdient er er es? Schon lange fordert das Centrum einschränkende Maßnahmen gegen den Hausirhandel. Die bestehenden Einschränkungen sind weitaus nicht genügend.
Selbsthilfe! Kauft nichts, ihr dummen Bauern! ruft da der Schutzherr des Raubbaues, der manchester- liche Freiheitsmann, der Mann, der stets die Lanze für den Plünderer und nie für den Geplünderten einlegt; er soll hinausgehen aus's Land und ehrliche Umfrage halten, er wirb dieselben Antworten bekommen, wie wir sie oben gegeben haben. Bei uns in Süddeutschland, besonders in Südbayern, steht an jedem Bauernhöfe: „Hausirer haben keinen Einlaß" — sie kommen aber dennoch, frech wie die Schmeißfliegen, oft noch Wander- Apostel der Sittenlosigkeit, Zotenreißer, Spötter über Religion und Sitte, die nur zu häufig weibliche Personen mit ihrer Frechheit belästigen, sie kommen und sie kommen als eine Segnung des „Liberalismus" in's Land — als eine wahre Landplage!
Deutsches Keich.
Berlin, 17. Juni.
* Zum Ehrendienst bei dem König von Italien sind befohlen: General der Kavallerie Graf Waldersee, Generallieutenant von Bülow, Oberst Freiherr von Vissing, Kommandeur des 13. Husarenregiments König Humbert, Oberstlieutenant Engelbrecht, Militärattache in Rom, ferner beider Königin von Italien: Gräfin Arnim-Muskau und einige Hofherren. Dem General Brin ist Graf v. d. Groeben, z. Z. Attache im Auswärtigen Amt, beigegeben. — lieber die zu Ehren des italienischen Königspaares in Aussicht genommenen Festlichkeiten verlautet, daß am Montag, nach der Abends erfolgten Ankunft, Familientafel stattfindet. Am Dienstag ist große Parade, der Nachmittags große Gala- Tafel und Abends Zapfenstreich vor dem Neuen Palais folgt. Für Mittwoch ist ein Exercieren im Feuer in Aussicht genommen; Abends findet Gala-Oper statt, zu der nur geladene Gäste Zutritt haben. Ein größeres Diner und eine musikalische Abendunterhaltung steht für Donnerstag in Aussicht. Am Freitag erfolgt die Abreise.
* Beide Hauser des Landtags hielten heute Sitzungen. — Das Abgeordnetenhaus nahm das Kleinbahngesetz in 3. Lesung mit einigen Abweichungen gegenüber der 2. Lesung an. Es wurde beschlossen, daß für die Bahnen, die sich auf Kunststraßen bewegen, welche in städtischer Unterhaltung stehen, die Genehmigung der Ortspolizeibehörde (statt des Regierungspräsidenten) gefordert werde. Das Mandat des Abg. Jerusalem, der zum Landgerichtsrath befördert ist, wurde für nicht erloschen erklärt. Schließlich wurden Petitionen berathen. Morgen: Militäranwärter-Gesetz. — Das Herrenhaus berieth die Vorlage, betreffend das Diensteinkommen der Lehrer an mchtstaatlichen höheren Schulen, welche in der Kommission gegenüber den Beschlüssen des Abgeordnetenhauses einige wesentliche Abänderungen erfahren hat. Zn 8 1 wurde ein Antrag von Wedel- Piesdorf angenommen, wonach die Vorschullehrer das
Minimum der Besoldung der Volsschullehrer plus 150 Mark erhalten sollen, mindestens aber das Minimum der Besoldung der Volksschullehrer an staatlichen Anstalten. Im Uebrigen wurde § 1 der Regierungsvorlage angenommen. Auch die weiteren Paragraphen erfuhren abweichend von den Beschlüssen des anderen HanseS Aenderungen.
* In der Börsenenquete-Kommisfion hat die Regierung erklärt, daß im Reichsjustizamt gesetzgeberische Vorbereitungen in Bezug auf das Bankdepotwesen im Gange sind. Die Erörterung dieser Frage scheidet daher aus der Börsenenquete aus.
* Der Beschluß des Landgerichts, welcher die Freilassung Ahlwardt's gegen Kautionstellung verfügt, ist im Wesentlichen wie folgt motivirt: „Nach dem bisherigen Ergebniß der Voruntersuchung ist ein wesentlicher Theil der Behauptungen des Angeschuldigten (nach denen Kühne und Löwe wissentlich dem Kriegsministerium minderwerthige Gewehre in großer Anzahl geliefert haben sollen) wenigstens in soweit für wahrscheinlich gemacht anzusehen, daß z. Z. und vor Abschluß der Voruntersuchung sich jene Beschuldigung keineswegs als nicht erweislich habe bezeichnen lassen. Es wird vielmehr unter allen Umständen dem Angeschuldigten zugegeben werden müssen, daß er schwerwiegende Gründe hatte, jene Angaben für wahr zu halten urd dieser Annahme entsprechend zu handeln. Dadurch erfährt der in dem kammergerichtlichen Beschluß auf die Schwere der Beleidigungen und die Höhe der Strafe in dieser Sache gestützte Fluchtverdacht eine wesentliche Abschwächung. Es liegen auch keine Thatsacheu vor, welche die Annahme rechtfertigen könnten, daß der bisher nur wegen Beleidigung in Untersuchung befindliche Ange- schuldigte ein Mann ist, welcher das Vertrauen, welches etwa von dritter Seite durch Hergabe der Mittel zur Stellung der Kaution in ihn gesetzt wird, leichthin täuschen und flüchtig werden könnte."
* Eine Erweiterung der Jnnungsprivilegien in Bezug auf die Ausbildung von Lehrlingen sollte nach einer Mittheilung der,Baugewerkszeitung' im preußischen Staatsministerium geplant sein. Statt einer Bestätigung findet diese Nachricht jetzt in der .Posener Ztg/ ein Dementi mit dem Hinzufügen: „In öen leitenden Kreisen besteht keine Neigung, den Anhängern der obligatorischen Innungen weitere als die bisher gewährten Zugeständnisse zu machen." Also auch in Betreff der Handwerkerfrage macht sich in den „leitenden Kreisen" schon der „neueste Kurs" bemerkbar!
* Für kirchliche und wohlthätige Zwecke im Ressort des preußischen Kultusministeriums wurde» 1891 — 373 Zuwendungen von je mehr als 3000 Mark gemacht. Dieselben beziffern sich zusammen auf 87,040,28 Mark, wozu noch an Zuwendungen ohne Werthangabe kommen: 2 Kirchen, Kirchenglocken, 4 Grundstücke, 1 Pfarrhaus und 1 Bibliothek.
* In der ,Kreuzzeitung' befindet sich folgende Notiz: „Berlin, 11. Juni. Vor etwa acht Tagen sind aus dem Privat-Kabinete des Herrn von Hansemann die üblichen Gratifikationen an die Handelsrrdakteure der Berliner Zeitungen, soweit dieselben ihre Visitenkarten zu diesem Zweck eingesandt hatten, verschickt worden, und zwar einige Monate vor Fälligkeit der üblichen Halbjahrs-Gratifikationen. Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir diese Vorausbezahlung in Verbindung bringen mit den Vorbereitungen zur Emission der neuen rumänischen Anleihe, deren Vorzüge zu schildern und deren Nachtheile zu verschweigen sich die Herren Handelsredakteure mit 300 bis 1500 Mark je nach der Größe ihrer Zeitung bezahlen lassen." — Die ,Kreuzzeitung' hat mit dieser Meldung auf einen wunden Punkt unseres Preßwesens gerührt. Solche Graü« fikationen der Banken, namentlich der Emissionsfilmen, find ein alter Usus. Würde es gelingen, ihn auszu- rotten, so wäre damit für eine unbefangene Benrthei- lung der Börsenoperationen sehr viel gewonnen. Um dieses Ziel zu erreichen, ist nun aber auch nöthig, daß die ,Kreuzzeitung' die einzelnen Zeitungen nennt, deren Redakteure sich Gratifikationen von 300—1500 Mark durch Einsendung ihrer Visitenkarten einfordern.
* Das Juniheft von Dr. Petermann's Mittheilungen" theilt in dem am 3. Juni abgeschlossenen Monatsbericht mit, daß nach telegraphischer Meldung auch Emin Pascha wohlbehalten in Bukoba angelangt sei. Meldungen englischen Ursprungs hatten Emin bekanntlich tobt gesagt.
* Die -ommersche Versicherungs-Anstalt hat, nach der .Neuen Stettiner Zeitung', die Provinz in 17