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J\£ 137 Samstag, den 18. Juni 1892. 19. Jahrgang

Flildlikr M Zeitung

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Deutsches Keich.

Berlin, 15. Juni.

* Der Kaiser und die Kaiserin legten am heutige« Sterbetage Kaiser Friedrichs an dessen Sarkophage im Mausoleum der Friedenskirche Kränze nieder und ver­weilten daselbst längere Zeit in stiller Andacht. Auch die Kaiserin Friedrich und die übrigen nicht anwesen­den Mitglieder der königlichen Familie hattm Kränze niederlegen lassen.

* Das italienische Königspaar trifft nach nun- mehriger Feststellung am 20. d. Mts. Abends 6 Uhr in Potsdam zu einem auf 4 Tage bemessenen Besuche am deutschen Kaiserhofe ein. In Begleitung des Königs befindet sich der italienische Minister des Auswärttgen, Brin, Ministerpräsident Giolitsi ist als Minister des Innern augenblicklich durch die Geschäfte zu stark bean­sprucht, um den König begleiten zu können.

* Der König von Schweden nahm heute die Sehens­würdigkeiten Berlins in Augenschein und ist Abends wieder abgereist, nachdem er sich bereits gestern Abend von den kaiserlichen Majestäten in Potsdam verab­schiedet hatte.

* Auch heute hielten beide Häuser des Landtages Sitzungen ab. — Das Herrenhaus nahm das Gesetz über die Ablösung der Rente für die Wegeordnung der Provinz Sachsen, das Militäranwärter-Gesetz und die Landgemeinde - Ordnung für Schleswig - Holstein an, letztere, nachdem Frhr. v. Manteuffel und Graf Klinckow- ström den ablehnenden Standpunkt ihrer Freunde noch­mals dargelegt. Nächste Sitzung Freitag: Vorlage, betr. die Besoldung der Lehrer an nichtstaatlichen höheren Lehranstalten. — Das Abgeordnetenhaus führte die Einzelberathung des Gesetzentwurfs über die Kleinbahnen zu Ende. Auf Antrag des Abg. v. Tiedemann-Bomst (fteikons.) wurde ein neuer § 37 a unter Zustimmung der Regierung angenommen, wonach die Verwendungs- Zwecke der den Provinzial- und Kommunal-Verbänden gesetzlich überwiesenen Dotationen dahin erweitert wer­den, daß die überwiesenen Kapitalien und Summen auch zur Förderung des Baues von Kleinbahnen verwendet werden. Der Rest des Gesetzes wurde in der Fassung der Kommission angenommen, sämmtliche dazu gestellten Resolutionen, welche eine staatliche Betheiligung mit Geldmitteln an Kleinbahnen in wirthschaftlich schwächeren Gegenden verlangten, dagegen abgelehnt, nachdem Finanz­minister Dr. Miquel auf eine bezügliche Anfrage er­klärt hatte, daß die Brutto-Einnahmen der preußischen Staatsbahn-Verwaltung für 1891/92 nach bisheriger Ermittelung um 58 Millionen hinter dem Etatsansatz zurückbleiben. Schließlich wurde der Antrag Dr. Kelch berathen, wonach die Regierung die Errichtung eines Amtsgerichtes auf Helgoland erwägen soll. Nachdem regierungsseitig erklärt worden, daß durch die erfolgte Errichtung eines Schöffengerichtes auf Helgoland dem Bedürfniß ausreichend entsprochen sei, wurde der An­trag zurückgezogen. — Freitag: 3. Berathung des Kleinbahn-Gesetzes.

* Der Beschluß des Straf-Senats des Berliner Kammergerichts, welcher die Verhaftung des Rektors

Das verhängnisvolle Testament.

Nach dem Englischen von H. v. Remagen.

(14. Fortsetzung.)

„Du siehst selber ein, daß Du Lord Rylestone, ohne es zu wollen, sehr Unrecht gethan hast," fuhr sie fort, „und eigentlich hast Du doch den lebhaften Wunsch, ihm zu helfen. Dadurch, daß Du ihm Geld gibst, wirst Du Deinen Zweck nie erreichen, denn er wird es un­bedingt zurückweisen. Du kannst ihm aber auf andere Weise sehr dienstbar sein. Zum Beispiel kannst Du die Dir gebührende Stellung in der großen Welt einnehmen und den Einfluß einer schönen und reichen Frau zu innen Gunsten ausbeuten."

Ein Freudenstrahl glitt über das jugendliche Antlitz.

„Wie läßt sich das ausführen, Madame?" fragte beh'lfl'ch!'^ mit Ihrer Weltkenntniß dazu

„Du kannst Dir Freunde erwerben und sie Dir in 1 einem Interesse dienstbar machen. Suche Dir in der nächsten Saison eine hervorragende Stellung in der Msellschast zu erringen, Du bist ganz dazu befähigt. Erwirb Dir die Freundschaft einflußreicher Männer, und wenn die Regierung dann eine geeignete Stelle zu ^geben Hst, so verschaffe sie Lord Rylestone. Es wird I^ch Niemand weigern, Dir eine Bitte zu erfüllen."

Ahlwarvt anordnete, liegt jetzt im Wortlaute vor. Da­nach ist wegen „Fluchtverdachts der Haftbefehl wegen öffentlicher Beleidigung" erlassen und nicht wegen Betrugs, wie mehrere Blätter behauptet haben. Ahl- wardt soll übrigens gegen eine Kaution von 10,000 Mk. aus der Haft entlassen werden, welche Summe aber noch nicht aufgebracht ist.

* Heute wurde mit dem Abbruch des ersten Hauses der Schloßfreiheil begonnen, zu welchem Afte ein kleines Musikkorps aufgeboten war, welches „Heil Dir im Siegerkranz" und „So leb' denn wohl, du altes HauS" spielte.

* Durch kaiserlichen Erlaß ist ein Ausschuß nieder­gesetzt worden, der die Fragen über die Ursachen der in neuerer Zeit vorgekommenen Ueberschwemmungen und deren Vorbeugung prüfen soll. Der Ausschuß be­steht aus 32 Mitgliedern. Ehrenvorsitzender ist Reichs­tagspräsident v. Levetzow, Vorsitzender der Ministerial- Direttor Schultz, stellvertretender Vorsitzender Oberbau- Direktor Wiebe. Dem Ausschuß gehören u. A. an die Abgg. Geheimer Ober-Reg. Gamp, Frhr. v. Zedtlitz und Freiherr v. Huene.

* Der Gesandte z. D. Graf Limburg-Stirum hat sein Gesuch um Versetzung in den definitiven Ruhestand, nachdem dasselbe abgelehnt worden war, wiederholt, diesmal mit der Erklärung, daß er, falls ihm Ruhe­gehalt verweigert werden sollte, keine weiteren Schritte thun werde.

* Der ehemalige Hauptmann Sidney O' Daune ist wegen verleumderischer Beleidigung des deutschen Militair-Attachis in Paris und anderer hoher Offiziere, denen er in einer Eingabe an den Kaiser landesver- rätherische Handlungen vorgeworfen, zu drei Jahren Gefängniß und fünfjährigen Ehtenverlust verurtheilt worden.

* Der Stadtdirektor von Hannover, der frühere Landtagsabgeordnete Tramm, hatte heute eine Besprechung mit dem Ministerpräsidenten Grafen Eulenburg und soll beruhigende Erklärungen rückstchtlich des Fortbe­standes des Hoftheaters iu Hannover erhalten haben.

* Die Einnahme an Wechselstempelsteuer im deutschen Reiche betrug in den Monaten April und Mai d. I. 1,315,398 Mk. (48,033 Mk. weniger als in den gleichen Monaten des Vorjahres.)

* Königsberg i Pr., 16. Juni. Die sechste Wanderausstellung der Deutschen Landwirth- schafts-Gesellschaft wurde heute um 12 Uhr in Anwesenheit des Ministers der Landwirthschaft durch I Graf zu Eulenburg - Prassen eröffnet. Gestern war Empfangsabend im prächtig geschmückten Hufenpark. Der Oberpräsident und andere hohe Beamte waren anwesend.

* Am 6. Juli d. I. wird die Generalversammlnng aller Raiffeisenmänner Deutschlands zu München stattfinden. Es ist zum erstenmal, daß in Süddeutsch­land eine solche Versammlung abgehalten wird. Wir zweifeln keinen Augenblick, daß dieselbe gleich ihren Vorgängerinnen zu Straßburg, Frankfurt, Köln, Er­furt rc. einen großartigen Verlauf nehmen wird. Das Königl. bayerische Staatsministerium des Innern und

„Wäre mir das wirklich möglich, Madame?"

„Versuche es, mein Kind — man muß erst Alles in der Welt versuchen — ich für meine Person zweifle nicht an Deinem Erfolge."

Nach diesem Gespräche ging mit Adelaide eine große Veränderung vor, sie gab der Muthlosigkeit gar keinen Raum mehr. Freilich war sie nicht in der sorglosen Weise ihres Alters froh und glücklich, aber sie suchte geflissentlich jede Gelegenheit auf, wo sie mit dem ihr anvertrauten Gelde Gutes stiften konnte, und vor Allem richtete sie ihr Streben darauf, ihrem Verwandten da­durch nützlich zu sein. Madame lächelte im Stillen über den Erfolg ihrer ernsten, strengen Worte.

Fortan hielt man Miß Cameron allgemein für sehr weltlich. Man behauptete, daß sie sich nur in den höchsten Gesellschaftskreisen befriedigt fühlte und daß nichts Geringes, Mittelmäßiges ihr genügte. Sie wurde ür sehr ehrgeizig gehalten, denn Niemand ahnte, daß ihr ganzer Ehrgeiz in dem heißen, innigen Verlangen, Lord Rylestone nützlich zu sein, bestand. Die Erfüllung dieses war ihr einziges Streben, ihr ganzes Sinnen und Trachten richtete sich nur darauf, sich Freunde zu erwerben, die ihm nützen könnten. Daher verwendete ie alle ihre Kräfte nach dieser Richtung, sie bemäch­tigte sich, so viel sie konnte, nur des Wohlwollens hochgestellter Beamten und Machthaber, die vortheil-

der oberbayerische Landrath haben zur glanzvollen Ge­staltung des Festes in hochherziger Weise bereits die hierzu nöthigen Mittel zur Verfügung gestellt. Der Magistrat der Königl. Haupt- und Residenzstadt München wird der Versammlung dm altm Rathhaussaal über­lassen und die Festdekoration besorgen. Außer den deutschen Raiffeisenmännem »erben auch zahlreiche Vereinsgenossen von Tirol, sowie von allen übrigm Kronländem Oesterreichs den Münchener Vereinstag beehren.

Ausland.

* In Oesterreich soll die Berathung der Valuta­vorlagen, ebenso wie in Ungarn, auf jeben Fall fort­gesetzt unb balb möglichst zu Enbe geführt werben. Es ist allerdings in parlamentarischen Kreisen lebhaft der Wunsch geäußert worden, die Tagung des Reichs­raths nicht über die erste Juliwoche auszudehnen; es wird jedoch bestimmt erklärt, daß weder der Reichsrach noch der ungarische Reichstag vor Erledigung der Balutavorlagen vertagt werden würde.

* Der schweizerische Ständerath hat den italiemsch- schweizerischen Handelsvertrag einstimmig angenommm.

* Bei den Wahlen in Belgien boten die Liberalen das Aeußerste auf, um die früher besessene Majorität wieder zu erlangen. Sie scheuten selbst ein offenes Bündniß mit den Sozialisten nicht, um dieses Ziel zu erreichen. Ihre Chancen rechneten sie deshalb be­sonders hoch, weil die Zahl der Abgeordneten für den Senat von 69 auf 76, jenefür die Kammer von 138 auf 152 erhöht wurde. Bei einer größeren Zahl von Abgeordneten sind die Aussichten der Minorität in der Regel günstiger, selbst wenn für eine Reihe von Man­daten gar kein Kandidat nominirt wird. Die Liberalm hatten den Katholiken für dm Senat sofort 31 Man­date nicht streitig gemacht, während die Katholikm den Liberalen 8 Sitze ohne Kampf überließen. In den übrigen Bezirken war aber der Kampf um so er­bitterter. Die Katholiken hatten bisher im Senate 48 Sitze inne, die Liberalen 21. In der Neuwahl er­rangen die Katholiken 44, die Liberalen 30 Sitze. Außerdem stehen, wie telegraphisch gemeldet wird, die Stichwahlen in Soigues und Verviers günstig für die Katholiken, jene in Tournai für die Liberalen. In der Abgeordnetenkammer gehörten bisher 94 der katho­lischen, 44 der liberalen Partei an. Neugewählt sind bisher 92 Katholiken und 52 Liberale. Die fünf Stich­wahlen sollen für die Liberalen günstig sein. Einer dieser Wahlkreise, Charleroi, soll aber statt des bis­herigen liberalen Vertreters drei Katholiken gewählt haben. Außerdem haben die Liberalen ihre bisherigen Mandate in Mons, Tournai und Verviers in der Stich­wahl zu vertheidigen. Große Erfolge haben die Libe­ralen in Brüssel zu verzeichnen', wo ihre Listen für Senat und Kammer mit 3600 Stimmen Majori­tät durchgingen, ebenso in Ostende, wo sie 1600 Stim­men mehr aufbrachten. Das Ziel haben aber die Liberalen nicht erreicht, die Katholiken behalten in der Kammer eine erdrückende Majorität. Die bisherige Zweidrittelmajorität haben die Katho-

hafte Stellungen zu besetzen hatten; und Madame de Valmy hatte oft Gelegenheit, sich über die Wirkung ihrer ernsten Mahnung zu freuen.

Miß Cameron wurde einzig und allein durch dieses Streben veranlaßt, die Gesellschaft aufzusuchen, ihrer Neigung nach hätte sie ihre Zeit viel lieber an der ruhelosen See verträumt, als Besuche abzustatten und zu empfangen; es währte aber auch nicht lange, bis sie einen der größten Anziehungspunkte Brightons bildete.

Alles schaarte sich um Miß Cameron, sowohl hoch­geborene Mütter mit unversorgten Söhnen, als ver­schwenderische Lords, die bereits ein Vermögen ver­praßt hatten und sich yun nach einem zweiten umsahen, sowie Glücksritter aller Art. Sie bewegte sich in ihrer vornehmen, ernsten Ruhe unter ihnen, der Schmeichelei wie dem Tadel unzugänglich, stolz und selbstbewußt, nur von dem einen Gedanken geleitet, Lord Rylestone nützlich zu sein. Wenn sie von Jemand hörte, der im Senate ober hohen Rache eine hervorragende Stellung hatte, so setzte sie Alles daran, seine Bekanntschaft zu machen, und mancher bedeutende Staatsmann-war über das ernste Interesse erstaunt, das dieses schöne Mäd­chen ihm zuwendete, mancher mächtige und einflußreiche Beamte dachte darüber nach, für wen sie wohl seinen Schutz und sein Wohlwollen zu erwerben strebte.