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JV 136

Donnerstag, den 16. Juni 1892.

19. Jahrgang

Fuldaer M Zeitung

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SW Wegen des hl. Frohnleichnamsfestes wird die nächste Nnmmer ds. Bl. erst am Freitag ausgegeben.

* Die Wallfahrt nach Fulda und die liberale Dresse.

Der liberalen Presse sind die katholischen Massen­versammlungen, welche in neuerer Zeit wieder in den verschiedensten Gegenden Deutschlands abgehalten wur­den, höchst unbequem. Das zeigt sich wieder in den kulturkämpferischen Erörterungen liberaler Blätter über die Wallfahrt einer großen Anzahl von Katholiken nach Fulda zum Grabe deS Apostels der Deutschen, des hl- Bonifatius. Fast alle behaupten, Freiherr v. Loö und die Fuldaer Versammlung hätten eine Stellung einge­nommen, welche das Centrum verpflichte, die Abberufung der deutschen Gesandten beim Königreich Italien zu verlangen. Freiherr von Los hat aber an der betref­fenden Stelle wörtlich gesagt:

Wie steht cs heute? Sind unsere Gebete erhört worden und haben unsere Proteste Erhörung und Erfolg gefunden bei den Mächten Europa's? Wenn wir die Lage uns ansehen, müssen wir gestehen, daß die Bande, in die der hl. Vater gefesselt ist, heute ebenso fest, vielleicht noch fester zu sein scheinen, als sie es je gewesen sind. Noch immer ist er seiner Freiheit und seiner Rechte beraubt! Noch immer ist dieRegierung, die damals der König Viktor Emanuel in Rom installirt hat, auch heute noch im Palaste des hl. Vaters, im Ouirinal, installirt, noch immer sind die Gesandten der Mächte bei dieser Regie­rung des Quirinals beglaubigt.

Diesen Erfolg der Revolution und der geheimen Gesellschaften beklagen auch wir, so sehr wir die gegen­wärtige Bedeutung des Dreibundes anerkennen und einsehen, daß keine einzelne Regierung in der jetzigen gespannten Lage Europas etwas gegen jene Zustände thun kann und wird. Italien würde aber schuldloser und auch unvergleichlich glücklicher sein, wenn es die Hauptstadt Florenz niemals verlassen hätte; und wenn es so rasch als möglich dahin zurückkehrte, würde es die schwere Schuld sühnen. Dar siegreiche Unrecht aber gegenüber dem ältesten, heiligsten und wichtigsten Rechte in Europa ist eine stete Rechtfertigung und Ermuthigung aller Umsturzmänner, auch der sozialistischen, die ja auch ihrerseits Mazziui, Garibaldi us«. als ihre Heroen feiern. Ganz mit Recht heißt es daher u. A. in der von der Fuldaer Festversammlung angenommenen Resolution:

So lange der hl. Vater seines erhabenen Amtes nicht mit voller Freiheit walten kann, so lange ihm die für diese Freiheit unentbehrliche territoriale Selbstständigkeit vorenthalten wird, so lange fehlt der Welt zu ihrer Gesundung und friedlichen Gestal­tung ein wesentliches Moment; so lange bleibt dasFun- dament erschüttert, auf dem die politischen Gewalten als eine höhere göttliche Anordnung ruhen; so lange können die Lehren des Umsturzes nicht allüberall und wirksam mit jenen geistigen Waffen bekämpft werden, welche im Herzen der Völker das Bollwerk aufrichten gegen die Verführungen falscher Äolksbeglücker.

Die Wahrheit dessen, daß die „falschen Volksbe­glücker" sogar zeitlich unmittelbar nach den italienischen Kriegen von 1859 und 1860 wieder ihr Haupt erhoben, ihre Agitation begannen und aus den italienischen Er­eignissen fort und fort Ermuthigung gezogen haben

Das verhäugnißvolle Testament.

Nach dem Englischen von H. v. Remagen.

(13. Fortsetzung.)

Madame de Balmy betrachtete sie mit Verwunderung.

„Willst Du denn Nichts weiter als Deine Klei­dungsstücke mitnehmen?" fragte sie- „Keine Bücher, Noten und Bilder? Besitzest Du keinerlei Schmuck­sachen?"

„Ich bedarf ihrer nicht," erwiderte sie, und ich möchte lieber noch Vieles für Lord Rylestone hier zu- rücklaflen, als daß ich die geringste Kleinigkeit mit fortnehme."

So verließ sie die prächtige, elegante Heimath, in der sie sich so glücklich gefühlt hatte, ohne eines der zahlreichen und werthvollen Geschenke, mit denen der verstorbene Lord Rylestone sie überschüttet hatte, mit sich zu nehmen.

„Ich habe Dich von Kindheit an für ungewöhnlich großmüthig und freigebig gehalten," sagte Madame, „in diesem Falle gehst Du aber doch zu weit, indem Du nicht einmal Dein rechtmäßiges Tigeuthum mit Dir nimmst."

„Ich habe Lord Rylestone leider schon zu viel ge­nommen," erwiderte sie, „mich verlangt wahrlich nicht nach mehr."

und ziehe«, wird wohl Niemand bezweifeln. Was also für das Recht des Papstthums und der Kirche in Fulda geschehen, ist zugleich zum Wohle aller Staa­ten und ihrer legitimen Gewalten geschehen; es war ein Protest und eine Bitte zu Gunsten von Sittlich­keit und Recht, und damit zu Gunsten der einzig haltbaren Fundamente der innern Ordnungen und des äußeren Bestandes der Staaten. Wer diese Grund­lagen aufgibt, behält als einzige Stütze die Macht; je mehr aber ein Volk revolutionär und sozialistisch wird, desto mehr wird auch die Macht in den Dienst dieser Idee kommen. Gerade heute schildert „Der Sozialist" die Situation also:

Wir gehen mit großen Schritten einer Umwäl­zung entgegen, einer Bewegung, die, einmal ausgebrochen, sich wie im Jahre 1848 über alle benachbarten Länder ausdeh­nen wird und, indem sie die gegenwärtige Gesellschaft bis in ihre innersten Eingeweide hinein erschüttert, neue Lebensquellen er­schließen wird. Wir brauchen nur das Bild, das sich innerhalb der letzten 20 Jahre vor unseren Augen aufgerollt hat, genauer zu bewachten, nur darauf zu achten, was um uns hemm vor­geht. Wir werden alsdann konstatiren können, daß zwei Dinge vor allen anderen sich aus dem finsteren Hintergründe des Ge­mäldes abheben: das Erwachen der „unteren" Volksschichten gegenüber dem moralischen, intellektuellen und öko­nomischen Verfall der herrschenden Klassen, und die ohn­mächtigen letzten Anstrengungen der wohlhabenden Klassen, dieses Erwachen zu verhindern.

Auch Engels, Bebel u.s.w. erwarten den „großen Kladderadatsch" noch in diesem Jahrhundert. Das ist sanguinisch, hat aber allerdings auch die voll­ständig unberechenbaren Zustände bei und nach einem Weltkriege zur Voraussetzung. Sicher ist, daß schon Millionen diese Hoffnungen theilen und noch mehr Millionen mit auf sie hinarbeiten. Beachte man also die Worte der Fuldaer Wallfahrer, trete man diesen umstürzlerischen Bewegungen entgegen und gestatte man vor Allem zu diesem Zwecke gerade demjenigen Faktor, der diesbezüglich jedenfalls die beste Wirkung erzielen kann, der Kirche und ihrem Oberhaupts, volle und ganze Freiheit. Das verlangen wir Katholiken seit Jahren und werden es stets verlangen.

Deutsches Keich.

Berlin, 14. Juni.

• Allgemeines Entsetzen herrscht in Berlin über die fast unglaubliche Thatsache, daß der vor einigen Wochen an der Postschaffnersfrau Menzel begangene Mord von einem fiebenzehnjährigen Lehrling verübt worden ist, dessen Eltern mit jener Frau in der freund­schaftlichsten Weise verkehrten, und welcher selbst des Wohlwollens derselben sich zu erfreuen hatte, verübt auf Anstiften eines beschäftigungslosen Arbeiters, welcher Geld haben wollte, aber anscheinend zur Begehung der Mordthat zu feige war — wie man aus dem Ge- ftändniß des Lehrlings entnehmen muß. Die Einzel­heiten der Greuelthat sind so haarsträubender Art, daß die Behörde noch die Betheiligung eines Dritten an­nimmt, und in Folge dessen sind gestern Abend noch drei jugendliche Strolche, mit welchen der Mörder viel verkehrte, nach dem Polizei-Präsidium geschafft worden. Zur Kennzeichnung des Mörders wird mitgetheilt, daß derselbe sich bereits vor Jahresfrist an seiner Mutter

Was es heißt, eine reiche Erbin zu sein, wurde ihr bald genug klar.

Die Fama hatte den wahren Sachverhalt zwar noch nicht ergründen können; man nahm aber allgemein an, daß der selige Lord seiner Nichte ein bedeutendes Ver­mögen vermacht hatte. Aus Madame de Valmy's Rath miethete sie in Brighton keine ganze Villa, sondern nur eine Etage in einem der elegantesten Häuser. Ihr Ruf verbreitete sich aber dennoch schnell genug, und Miß Cameron lernte die Freuden einer reichen Erbin durch den Empfang zahlloser Bettelbriefe, Cirkulare, Aufforderungen zu allerlei gefelligen Vergnügungen und Bitten um Unterstützungen aller Art kennen.

Wer konnte sich eines glücklicheren und beneidenS- wertheren Looses als Miß Adelaide Cameron, die Nichte und Erbin des verstorbenen Lord Rylestone, rühmen? Und dennoch betrachtete sie die Außenwelt mit falten, schwermüthigen Blicken und hätte mit dem ärmsten, niedrigsten Weibe getauscht, wenn sie sich dadurch des Vermögens hätte entäußern können, das ihr, wie sie glaubte, unrechtmäßiger Weise zugefallen war.

Madame de Valmy bemühte sich vergeblich; sie zu zerstreuen. Adelaide war gleichgiltig gegen Alles. Die Welt besaß keinen Reiz für sie. Ein einziger Gedanke schien sie ganz und gar in Anspruch zu nehmen; sie grübelte und saun nur, wie sie Lord Rylestone sein

vergriffen hat, daß der Vater Furcht hatte, ihn zu züchtigen, und daß eine verheirathete Schwester des Jungen durch die Anbringung einer Sicherheitskette an der Thüre vor dem Besuche desselben sich zu schützen für gut fand. Man hat es also mit einem entarteten Schlingel ärgster Sorte zu thun. Die Eltern werden als anständige Arbeitsleute geschildert; die Mutter ver­suchte sich durch einen Sprung aus dem Fenster zu tobten, als sie die Nachricht erhielt, daß ihr Sohn der Mörder der Freundin sei, wprde aber an der Aus­führung des Selbstmordversuchs verhindert und verfiel in Krämpfe, ebenso die Schwester und der ältere Bruder des Mörders. Die Erziehung ihres Sohnes haben aber die Eltern zweifellos gröblich vernachlässigt; das geht auch daraus hervor, daß derselbe nach beendetem Abend­essen bis zur späten Nachtstunde ausbleibeu durfte. Wo mag er sich bis dahin Herumgetrieben, und wovon mag er in der Zwischenzeit gelebt haben? — in den Destilla­tionen, Kaffeeklappen oder in verrufenen Kellerlokalen. Denn ein Stuckateurlehrling, der bei seinen Eltern wohnt, bekommt nur wenig Geld, und etwas davon werden doch auch die Eltern für die Beköstigung zurück- gehalten haben. Die Prozeß-Verhandlungen werden vermuthlich darüber Aufschluß geben. Die Pflichtver­gessenheit mancher Eltern, namentlich in Großstädten, tritt wieder ein Mal deutlich zu Tage, und man fragt sich von Neuem, auf welchem Wege man der zunehmen­den Verwilderung der Jugend am aussicht- vollsten entgegentreten könne. Zu den Mitteln, welche hier in Betracht kommen, gehört unzweifelhaft eine ver­schärfte Beaufsichtigung des Lehrlingswesens überhaupt, wenn sie auch die elterliche Erziehung nur zum Theil zu ersetzen vermag, die Verpflichtung der Wirthe, solchen jugendlichen Personen keine geistigen Getränke zu ver­abreichen, und die Ermächtigung der Polizei, in den Straßen Nachts sich herumtreibende halbwüchsige Burschen ihren Eltern unter Verabreichung eines Straf­mandats zuzuführen. Namentlich müßten die Wirths- hänser niedrigster Gattung fortdauernd unter scharfe Aufsicht gestellt sein. Der Verführung der Unerwachsenen durch gewerbsmäßige Verbrecher würde somit schon wesentlich vorgebeugt. Soweit die Gesetzgebung solchen Maßnahmen etwa im Wege stände, würde an der Bereitwilligkeit des Reichstages oder deS Landtages zu Aenderungen nach dieser Richtung hin nicht zu zweiseln sein.

* Der König von Schweden ist gestern Abend in Potsdam eingetroffen, wo er vom Kaiser bewillkommt wurde. Die Begrüßung war herzlich. Heute Früh fand die Vorstellung der beiden in Potsdam garnisonirenden Garde-Ulanen-Regimenter vor dem König von Schweden statt. Die Kaiserin wohnte der Besichtigung mit den ältesten Prinzen bei. Der Großherzog und die Groß­herzogin von Mecklenburg-Schwerin, die gestern Abend in Berlin eintrafen, begaben sich heute Vor­mittag nach Potsdam, um die kaiserliche Familie und den König von Schweden zu begrüßen. Abends fand im Neuen Palais eine größere Festtafel zu Ehren der sürstlichen Gäste statt, zu der etwa 100 Einladungen ergangen waren.

Vermögen zurückgeben, wie sie ihn bewegen könnte, es aus ihrer Hand anzunehmen.

Sie entwarf hundert verschiedene Pläne, sowie sie aber der Ausführung näher trat, sah sie, wie unhalt­bar sie waren. Ihre Züge verkündeten kein glückliches Gemüth, das schöne Antlitz war bleich und kalt, es leuchtete kein freundlicher Strahl darüber hin, kein schelmisches Grübchen spielte um die stolzen Lippen. Sie fühlte sich unglücklich, Nichts erfreute, Nichts zer­streute sie; da beschloß Madame endlich eines Tages, ausrichtig über ihren Zustand mit ihr zu sprechen.

„Wann wirst Du endlich aus dieser düsteren Wolke herauStreten?" fragte sie. „Ich sehne mich wahrhaftig nach Deinem alten herzgewinnenden Lächeln, ich möchte Dich wieder singen «nb lachen hören unb Dich heiter sehen, wie es ein Mädchen in Deinem Alter sein muß. Wann wird mir die Freude zu Theil werden?"

Adelaide blickte zu ihr auf.

„Ich erinnere mich, daß ich als Kind einmal von einer entsetzlichen Folterqual las," sagte sie. „Wenn nämlich Jemand vor Zeiten einen Mord beging, so tödtete man ibn nicht, wie jetzt, sondern befestigte die Leiche seines Opfers an seinen Schultern und ließ ihn so bis zu feinem Tode die Welt durchwandern. Ich sah irgendwo diesen Gegenstand bildlich dargestellt — es war ein entsetzliches Bild, das mich sortwährend