. 19. Jahrgang
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Freitag, den 10. Juni 1892.
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ZMV" Zweites Blatt.
Deutsches Keich.
Berlin, 8. Juni.
* Der Zar war nur einen Tag Gast unseres Kaisers in Kiel. Es hieß anfangs, Kaiser Alexander werde bis Mittwoch in Kiel verbleiben und es werde ihm zu Ehren eine Flottenrevue stattfinden. Dazu ist es nicht gekommen, wohl aber haben beide Kaiser die Arbeiten des Nordostseekanals und speziell das Schleusenbauterrain bei Holtenau eingehend besichtigt. Bei dem Diner, welches Abends im Schlosse zu Kiel stattfand, brachte Kaiser Wilhelm etwa folgenden Toast auf den Zaren aus: „Ich trinke auf das Wohl S. M. des Kaisers von Rußland, den ich von diesem Augenblick an mit Allerhöchst seiner Genehmigung als Admiral ä la suite meiner Marine führe. Er lebe hoch!" Nachdem die Marinekapelle die russische National- Hymne intonirt hatte, erwiderte Kaiser Alexander III. „Ich bin erfreut über diese Auszeichnung und über den Empfang, der mir zu Theil geworden ist. Ich trinke auf das Wohl meines lieben Freundes und Vetters." Die Unterhaltung bei der Tafel war außerordentlich lebhaft. Aus dem, was sich äußerlich abgespielt hat, gewinnt man schwer einen Einblick in die innere Bedeutung des Besuches. Der Trinkspruch unseres Kaisers war kurz, wie es die Trinksprüche Kaiser Wilhelms I. bei gleichen Gelegenheiten waren. Man ist diese Kürze heute kaum noch gewöhnt. Unser Kaiser ist gewöhnt, wenn er das Wort ergreift, der Welt einen Einblick in das zu gewähren, was seinen Geist zur Zeit gerade bewegt. Von Aeußerungen russischer Blätter über die Kaiserzusammenkunft liegt ein offiziöses Petersburger Telegramm vor, welches nur eine spärliche Auslese enthält. Es soll ein Bild von der sympathischen Aufnahme der Bewegung in Rußland geben; wenn sich aber die Sympathie - Kundgebungen auf die beiden citirten Preßstmimen beschränken, und nach privaten Meldungen ist das fast anzunehmen, dann ist es mit der Sympathie nicht allzuweit her. Wir bedauern das, denn wir haben den Wunsch, mit Rußland in guter Nachbarschaft zu leben. Diese gute Nachbarschaft sollte sich nicht auf die Beziehungen der beiden Souveräne und ihrer Regierungen zu einander beschränken, sondern sich auf die der Völker erstrecken. Wir haben indeß die Hoffnung, daß es bei der Kaiserzusammenkunft in Kiel wenigstens gelungen sein werde, gewisse Mißverständnisse zu beheben, welche beim Zaren über die Absichten Deutschlands Eingang gefunden haben mögen.
* Anläßlich der Kieler Kaiserzusammenkunft haben zahlreiche Ordensverleihungen auf beiden Seiten stattgesunden; u. A. erhielten der Staatssekretair des Aeußern, Frh. von Marschall, der kommandirende Admiral v. d. Goltz und der Generaladjutant v. Wittich den Weißen Adlerorden, General Graf Waldersee den Alexander-Newsky-Orden und Wirkl. Geh. Rath von Lucanus den Annenorden 1. Classe in Brillanten.
* Der Kaiser kehrt morgen Vormittag aus Kiel zurück Seine diesjährige Nordlandreise tritt der Kaiser am 29. d. M. von Kiel aus an, nachdem er an den vorhergehenden Tagen den dortigen Regatten beigewohnt haben wird. Der Kaiser besichtigt zunächst den Salten- stroem und begiebt sich dann nach den Lofoten, wo er den Walfischjagden beiwohnt. Die Rückkehr erfolgt Anfang August über Wilhelmshaven.
* König Humbert von Italien hat, wie gemeldet wird, an Kaiser Wilhelm ein Handschreiben gerichtet, worin er unter Hinweis auf die unsichere innere Lage in Italien sein tiefstes Bedauern ausspricht, den geplanten Besuch in Berlin bis auf unbestimmte Zeit verschieben zu müssen. Der Minister des Auswärtigen, Krin, hat den Botschafter Grafen Solms in gleichem Sinne von der Vertagung des Besuchs verständigt. Demgemäß sind in Berlin alle bereits geplanten Hoffestlichkeiten wieder abbestellt worden.
* Das Staatsministerium hielt heute unter Vorsitz des Grafen Eulenburg eine Sitzung ab, der auch Reichskanzler Graf Caprivi beiwohnte.
* Der 5. Allgemeine Deutsche Neuphilologentag ist gestern in Berlin zusammengetreten. Der Kaiser hat dem Kongreß 2000 Mk. bewilligt, durch welche Spende die Herausgabe einer inhaltlich werthvollen Festschrift ermöglicht wurde. — Ebenfalls gestern in Berlin zu
sammengetreten ist der Gymnafialvercin, der 2600 Freunde der humanistischen Bildung in allen europäischen Kulturländern umfaßt. Den Hauptpunkt der Verhandlungen dieses Kongresses bilden die neuen preußischen Lehrpläne.
* Von Herrn Eugen Wolff erhält das „Berliner Tageblatt" folgendes Telegramm aus Zanzibar: „Nachrichten aus englischer Quelle über Mombas bestätigen, daß Emin Pascha gestorben ist; Dr. Stuhlmann ist über Tabora unterwegs nach Mpuapua. Morgen Donnerstag werden der Chef in der Schutztruppe v. Perbandt, der Stellvertreter des Gouverneurs, Kapitänlieutenant Rüdiger, der bisherige Stationschef in Tabora, Lieutenant Sigl nach Deutschland abreisen. — Die Wiß- mannsche Expedition wird am 5. Juli von Chinde in Portugiesisch-Ostafrika aus ins Innere aufbrechen."
Ausland.
* Trotz des schon seit Mittag eingetretenen Regens verlief in der Hauptstadt Ungarns die Illumination am gestrigen Abend auf das Glänzendste. Kaiser Franz Joseph, der um 9 Uhr Abends in einem offenen Wagen einen großen Theil der Stadt durchfuhr, wurde überall mit großem Jubel von der wogenden Menge begrüßt, die sich durch den Regen nicht abhalten ließ, die prächtige Illumination zu bewundern. Da befand sich u. A. an der Hauptpfarrkirche ein kolossales, die Krönung darstellendes Transparent, sowie auch ein riesiges Doppelkreuz, das in strahlendem Schein verkündete, daß hier vor 25 Jahren der Kaiser den Eid geleistet. Die ganze Stadt war prächtig geschmückt und erleuchtet, auf den Schiffen wurden Feuerwerke abgebrannt und auf den umliegenden Bergen brannten Scheiterhaufen.
* Nach nunmehr erfolgter amtlicher Feststellung über die Grubenkatastrophe in Przibram sind am 31. v. M. Nachmittags 807 Bergleute in die Schächte eingefahren. Davon sind 475 noch rechtzeitig ausgefahren, so daß 332 in den Gruben blieben. Bis gestern Vormittag 9 Uhr waren die Leichen von 304 Bergleuten heraufbefördert. Dieselben hinterlassen 292 Wittwen und 692 Waisen unter 14 Jahren.
* Die italienische Kammer hat den Gesetzentwurf, betreffend die Unterstützung der Kommune Rom angenommen. Heute wird die Berathung der Vorlage über das Butgetprovisorium beginnen, wozu sich schon 24 Redner, darunter Bonghi und Sonnino haben eintragen lassen. Aller Voraussicht nach wird das Facit dieser Berathung sein: die Auflösung der Kammer.
* In London ist gestern der internationale Bergarbeiterstreik unter Theilnahme von 150 Delegirten eröffnet worden. Der französische Deputirte Lamendin wurde zum Präsidenten des Kongresses gewählt. Es wurde eine Resolution betreffs des Normalarbeitstages angenommen.
Das verhängnisvolle Testament.
Nach dem Englischen von H. v. Remagen.
(8. Fortsetzung.)
Der Tag, an dem das Testament ihres Onkels eröffnet war, erschien Adelaide Cameron unerträglich laug und düster. Sie sagte sich immer wieder, daß Allan Estcourt, nach dessen Sympathie sich ihr Herz so brennend sehnte, dessen Wohlwollen und Freundlichkeit sie schon so hoch beglückt hatte, nun durch sie beraubt und in die peinlichste Lage gebracht worden sei. Zudem war ihr weiblicher Stolz tief verletzt worden. Sie, die sie kaum gewagt hatte, ihrem eigenen Herzen in der Stille und Einsamkeit der Nacht einzugestehen, wie tief es für ihn fühlte, — sie hatte die Schmach und Demüthigung ertragen müssen, daß man sie ihm antrug und obendrein vergebens antrug. Sie lag noch stundenlang nachher in ihrem namenlosen Schmerz, das brennende Antlitz tief in die Hände verborgen, und glaubte, daß sie nie wieder vor den Augen der Welt und in dem klaren Tageslicht erscheinen könne, daß die Schande und Erniedrigung nicht zu überleben sei. Ihr zartes, feines Gefühl wurde durch die Erinnerung an die Prüfung, die sie eben überstanden hatte, tief verletzt — es war eine wahre Tortur für sie gewesen. Daß ihr, die sie in mädchenhafter Scheu und Zurückhaltung fast vor ihren eigenen Träumen zurückgeschreckt war, nun die Alternative gestellt worden, entweder sein Weib zu werden, oder ihn zum Bettler zu machen, war ein Gedanke, der sie in wilder Verzweiflung erfaßte.
Selbst wenn er ihr, gleich nach der Testamentseröffnung, seine Hand angetragen hätte, würde dieser Gedanke immer noch eine Qual für sie gewesen sein, aber er hatte das nicht einmal gethan. Es schien, als ob er daran nicht im Entferntesten dachte ; denn er war darüber, als über etwas ganz Unmögliches, ohne Weiteres fortgegangen.
Und vielleicht verletzte sie das ebenso tief. Wenn er den Vorschlag nur erwogen und die Entscheidung darüber der Zukunft Vorbehalten hätte, wäre er erträglicher gewesen, aber davon hatte er Nichts geäußert. Er hatte sie, ohne weiter darüber nachzudenken, versichert, daß sie unter allen Umständen Lord Rylestone's Erbin sei und daß sie alle ihre ZukunftSpläne ruhig daraufhin entwerfen möchte, da er sie nie in Bezug auf die Testamentsklausel belästigen werde.
Als sie sich seine darauf bezüglichen Worte wiederholte, erglühten ihre Wangen, bebten ihre Lippen und sie zitterte vor Zorn und Schmach. Sie war sehr rasch in Gedanken und Worten und heftig in ihren Reden und Handlungen.
„Von nun an ist mir mein Leben verhaßt," rief sie laut, „und Nichts kann es mir je wieder lieb machen!"
Was sollte sie thun? O, hätte nur ihre Mutter gelebt, daß sie sich um Trost und Rath an sie wenden konnte; welch' eine Hilfe wäre ihr selbst die Liebe und der Zuspruch einer Schwester gewesen! Aber sie war leider mit ihrem Elend ganz mutterseelenallein. Warum hatte er sich so grausam gegen sie benommen? Warum hatte er sie bei Seite geschoben, daß sie ganz außerhalb seines Lebens stand? Warum hatte er den Besitz von Glanz und Reichthum abgelehnt, wenn er mit ihr theilen mußte?
Sie trat vor den hohen Spiegel und betrachtete ihr Bildniß mit prüfenden Blicken. Zum ersten Male in ihrem Leben wollte sie selbst über ihre Reize ur- theilen. Das Antlitz, das ihr entgegenleuchtete, war in seiner vornehmen Ruhe wunderbar schön, und das üppige goldige Haar war prächtig, Nacken und Schultern glichen dem Bilde der vielberühmten Klythia, die erregten Augen, in die sie blickte, waren klar und schön.
„Warum kann er mich nicht lieben?" dachte sie. „Warum hat er mich, ohne sich zu bedenken, gleich ganz aus seinem Leben verbannt? Ich halte den Vergleich mit anderen Weibern aus und mein Herz ist ihm geneigt, warum ist er denn so grausam?"
Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke und sie sträubte sich davor, sie schauderte unwillkürlich davor zurück und streckte abwehrend wie vor einem lebenden Gegenstände, den sie zurückdrängen wollte, die Hände vor sich aus.
„Er haßt mich," sagte sie entschlossen. „Vielleicht glaubte er sogar, daß ich meinen Oheim dahin beeinflußt habe! Ich will aus Walton enlfliehen, und er soll mich nie Wiedersehen!"
Aber wohin sollte sie sich in ihrer Schmach und ihrem Schmerze wenden? Endlich fiel ihr der Brief, von Madame de Valmy ein: sie setzte sich sofort hin, um ihn zu beantworten, und bat sie darin, sobald als möglich zu ihr nach Waltonkourt zu kommen.
Schon am nächsten Tage langte Madame de Valmy an. Sie wurde sofort zu Miß Cameron geführt, fuhr aber erschrocken an der Zimmerthür zurück, als diese ihr das stolze, bleiche Antlitz zuwendete.
„Lida, mein armes Kind, was ist Dir geschehen?" sagte sie. Sind Deine Rosen unter dem kalten englischen Himmel so schnell verblüht? Du bist bleich und traurig und ganz verwandelt. Was ist Dir in aller Welt?"
Ehe Madame de Valmy Platz nehmen konnte, hatte Adelaide ihr bereits das übervolle Herz ausgeschüttet. Die mütterliche Freundin lauschte mit Verwunderung und Theilnahme.
„Das konnte auch nur ein Engländer ersinnen," bemerkte sie; „schließlich, meine einzige Lida, ist es aber doch Nichts weiter als eine mariage de convenance. Du weißt, daß deren tausende in Frankreich geschlossen werden."
Miß Cameron blickte hastig auf.
„Sie verstehen mich nicht recht, Madame," sagte sie; es ist von keiner Heirath die Rede."
Madame verstand sie entschieden nicht. Sie blickte erstaunt in das bleiche Antlitz des jungen Mädchens.
(Fortsetzung folgt.)