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19. Jahrgang

Donnerstag, den 9. Juni 1892.

JV 130

Fuldaer W Zeitliag

Gratisbeilage

(Frkf. Ztg.)

sucht.

halb der mit den Vorarbeiten zur Chicagoer Weltaus­stellung befaßten gewerblichen Kreise haben die Erörte­rungen über das Berliner Vorhaben unverkennbar die Annahme wachgerufen, es werde die deutsche Industrie in rascher Aufeinanderfolge zur Beschickung zweier Weltausstellungen sich veranlaßt sehen. Dieser An­nahme vorzubeugen halte ich für nothwendig, damit die würdige und erfolgreiche Vertretung Deutschlands auf amerikanischem Boden durch das inzwischen.aufge­nommene Projekt Berlin uicht beeinträchtigt werde, und damit deutsche Industrielle nicht geneigt werden, wosür bestimmte Anzeichen bereits vorliegen, von ihrer Zusage für Chicago wieder zurückzutreten. Es ist meine Pflicht, zunächst die von den gesetzgebenden Fak­toren gebilligte und mit Reichsmitteln unterstützte Aus­stellung in Chicago mit allen Kräften zu fördern und zu schützen. Wie immer aber die Bestrebungen für Berlin sich gestalten, keinesfalls könnte schon der in der Eingabe des Vereins bezeichnete Zeitpunkt — 1896/97 — für die Veranstaltung einer neuen Aus­stellung in Frage kommen. Der Reichskanzler, gez. Graf v. Caprivi." — Infolge dieses Schreibens hat der „Verein Berliner Kaufleute und Industrieller" über­einstimmend mit dem Aeltesten-Kollegium der Kauf­mannschaft den Beschluß gefaßt, die behufs Bildung einer freien Vereinigung zur Schaffung eines Garantie­fonds eingeleiteten Maßnahmen bis zum Herbst zu ver­tagen.

* Abg. Bebel soll, wie dem .Leipziger Tagebl.' aus sozialistischen Kreisen mitgetheilt wird, schon seit längerer Zeit nervenleidend und nunmehr als gemüthskrank zu betrachten sein. Aus diesem Grunde halte er sich bei seinem Schwiegersöhne, dem Arzt Dr. Simon in Zürich auf, der ihn sorgfältig beobachte und ärztlich behandle. In eine Heilanstalt, so lautet das Gerücht weiter, habe man Bebel nicht schaffen wollen, weil dann sein Geisteszustand weiteren Kreisen bekannt ge­worden sein würde. Beim sozialistischen Abg. Hasen- klever hat man freilich in der That die Geisteskrank- heit desselben so lange geheim gehalten, bis dessen Ueberführung in eine Irrenanstalt unvermeidlich war. In Anknüpfung an diese Gerüchte sei noch mitgetheilt, daß bereits vor einigen Tagen gemeldet wurde, Bebel sei aus dem Vorstande der sozialdemokratischen Partei ausgeschieden. Eine Bestätigung dieser Nachrichten bleibt abzuwarten, wenigstens muß man abwarten, ob und wie der .Vorwärts' diese Nachrichten dementiren wird.

* Posen, 5. Juni. Unter den katholischen Ansied­lern in Ossowo. Biechowo, Kaczanowo und Zajezierze in der Provinz Posen circulirt gegenwärtig zur Samm­lung von Unterschriften ein Gesuch an den Herrn Kul­tusminister des Inhalts: Excellenz wolle dahin wirken, daß in der katholischen Kirche zu Biechowo alle 14 Tage deutsch gepredigt werde. Möchte end­lich nach manchem fruchtlosen Bemühen ca. 50 katho­lischen Deutschen die Gelegenheit werden, von Zeit zu Zeit das Wort Gottes anhören zu können. In den östlichen Städten der Provinz Posen leben viele katho­lische Deutsche, besonders Beamte und Militär; allein fast nirgends können sie eine deutsche Predigt zu hören bekommen. Nun hat allerdings der jetzige Herr Erz­bischof desBisthums, Dr. Florian v. Stablewski, im vorigen Jahre, als er noch Propst in Wreschen war, die Anordnung getroffen, daß etwa alle Vierteljahre in der Pfarrkirche zu W resch en deutsch gepredigt werde. Augenscheinlich jedoch sind die Zwischenräume von einer Predigt zur andern viel zu weit bemessen. In anderen Orten und Städten, wo ebenfalls zahlreiche deutsche Katholiken wohnen, wird noch gar nicht in deutscher Sprache gepredigt. Diese traurige Thatsache bildet ein Seitenstück zu der Agitation der polnischen Landtags- Fraktion um obligatorische Einführung des polnischen Sprachunterrichtes in den Volksschulen. Bekanntlich wurde im vorigen Jahre vom damaligen Minister Grafen Zedlitz den polnischen Lehrern erlaubt, im Schulzimmer, jedoch außer der Schulzeit, Unterricht in der polnischen Sprache ertheilen zu können. Man glaubte, die Polen würden von dieser Begünstigung ausgiebigen Gebrauch machen. Gott bewahre! Man kann die Gemeinden an den Fingern herzählen, in denen polnischer Sprachunterricht ertheilt wird. Der polnische Bauer ist eben mit den bestehenden Verhältnissen zu­frieden. Er sehnt sich nicht im Mindesten nach der Knute des polnischen Gutsherrn, und Polen selbst be­haupten, ihre Landsleute würden kaum mehr zu einer Erhebung gegen die Regierung zu bewegen sein. Trotz­dem dürfte noch viel Wasfer die Warthe hinabfließen,

bis der Traum von polnischer Selbstverwaltung und Anderem aus der Provinz geschwunden ist.

* Bochum, 5. Juni. Die,Wests. Volksztg.' bringt heute einen Artikel über die Erhebung der Anklage gegen Baare und die Verhaftung Fusangels. Der merkwürdige Zufall, daß beide Thatsachen an einem Tage sich abgespielt hätten, sei der Partei des Herrn Baare sehr gelegen gekommen. Fusangel sei gehindert, den errungenen Erfolg in das gebührende Licht zu setzen und dem mächtigeren Gegner entgegen­zuwirken. Er sei nur wegen Beleidigung bestraft, welche zunächst mit Geldstrafe bedroht sei, und für ihn hafteten 15,000 M. Caution, die das Gericht als Sicherheit für genügend erachtet habe; es fei nicht an­zunehmen, daß die Staatsanwaltschaft der Meinung gewesen sei, Fusangel würde jetzt, wo nach einer zehn­monatlichen Untersuchung zwar nicht der Bochumer Staatsanwalt, wohl aber der im Dienste ergraute Erste Staatsanwalt Schlüter in Essen Baare nebst zwei Ingenieuren der qualificirten Fälschung und des wiederholten Betrugs anklage, die Flucht ergreifen. Die Angabe der Baare'schen Prefse, der Staatsanwalt habe schon zwei Mal die Erhebung der Anklage ab­gelehnt, sei unwahr. Daneben aber sei es besonders aufgefallen, daß sofort mitverbreitet worden sei, die Einstellung des Verfahrens werde ohne Zweifel durch Gerichtsbefchluß erfolgen. Man habe in Bochum so­gar schon kurz nach Zustellung der Anklageschrift über die Ansichten einzelner Richter der Essener Beschluß­kammer sich unterrichtet gezeigt. Es werde hier be­hauptet, der Erste Staatsanwalt habe die Anklage nur erhoben, um der Form zu genügen und die Unschuld Baare's durch richterlichen Beschluß feststellen zu lassen. Diese Unterstellung sei mehr als bedenklich; denn die Thatsache, daß überhaupt Anklage erhoben worden, sei bereits ein hervorragend wichtiges Moment bei der Beurtheilung Fusangels. Gleichzeitig nimmt heute das „Rh. Wests. Tagebl." in einem offenbar vom Bochumer Verein inspirirten Artikel das Wort. Aus­gehend von der Angabe, die Staatsanwaltschaft habe zwei Mal die Erhebung der Anklage abgelehnt, wird ausgeführt, neues Beweismaterial sei nicht hinzuge­kommen und das vorhandene trage in den Augen jedes Fachmannes den Stempel absoluter Harm­losigkeit. Wie in der Löwe'schen Gewehrfabrik kleine Unregelmäßigkeiten zugegeben worden seien, so seien auch auf dem Bochumer Verein von einzelnen untergeord­neten Organen unschädliche Kleinigkeiten vnrgenommen worden, die lediglich durch ihren häßlichen Namen ge­fährlich erschienen, im Uebrigen aber auf keinem größeren Werk zu vermeiden seien. Ueberdies müsse die Absicht des Betruges wegfallen, sobald die sachverständigen Ab­nehmer übereinstimmend die Vorzüglichkeit der erhaltenen Waare ausdrücklich bescheinigt hätten. Die Staats­anwaltschaft sei offenbar dem Drucke der öffentlichen Meinung gewichen, die Fusangel mit Hilfe der ultra­montanen, fortschrittlichen und fozialdemokratischen Presse gemacht habe. Sie habe sich gesagt: „Laßt uns ein Mal Anklage erheben; Freisprechung erfolgt ja doch." Daß dieser Ausweg sehr bedenklich (!) werden könne, liege auf der Hand. Die harmlosen „Kleinig­keiten" sind nach der Anklageschrift: Anfertigung von Hunderten falscher Stempel, Tausende von Falsch­stempelungen, „die einzeln unmöglich aufgeführt werden können", „gewerbsmäßiger" Betrug" eigene Flick- und Graveur-Werkstätten mit telegraphischen Sicherheits- Vorrichtungen usw.

* Xanten, 5. Juni. Zu dem Prozeß Buschoff theilt das amtliche ,Kreisblatt' für den Kreis Moers Folgendes mit: „Die Anklage lautet auf Mord und stützt sich auf die Beschaffenheit des Messers, welches bei Buschoff beschlagnahmt wurde. Dasselbe soll eine schartige Schneide aufweisen, welche auch das zum Morde verwandte Messer gehabt haben muß. Ferner fällt in die Waagschale, daß die Thüre, welche vom Buschoff'schen Hause aus zu der Küppers'schen Scheune führt, mit anderen Nägeln vernagelt war, als die­jenigen waren, welche wenige Tage vor dem Mord von dem diese Arbeit ausführenden Schreiner dazu verwandt wurden." — Dem ,Düss. Volksbl.' zufolge hat das Landgericht Cleve den Antrag der Verthei- digung Buschoff's, die Sache zur Aburtheilung an das Gericht zu Düsseldorf zu verweisen, abgelehnt.

* Stuttgart, 7. Juni. Laut dem ,Neuen Tage­blatt' ist die Ravensburger Katholikenversammlung von zehntausend Personen, darunter 7500 auswärtigen be-

Heuyches Keich.

Berlin, 7. Juni.

* Der Kaiser ist am zweiten Pfingstfeiertage Nach­mittags 2 Uhr zur Begegnung mit dem Zaren mit großem Gefolge, darunter Prinz Albert von Sachsen- Altenburg, nach Kiel abgereist, woselbst er vom Prinzen und der Prinzessin Heinrich empfangen und vom Publikum lebhaft begrüßt wurde. Bald nach der Ankunft in Kiel ging der Kaiser an Bord der „Hohen- zollern", wobei sämmtliche Kriegsschiffe — 18 Panzer und 26 Torpedoboote — salutirten. Heute Vormittag fuhr der Kaiser an Bord der „Hohenzollern" der russi­schen Jacht „Polarstern", welche den Zaren und den russischen Thronfolger von Kopenhagen brachte, nach Friedrichsort entgegen. 1/411 Uhr liefert die beiden Kaiseryachten in den Kieler Kriegshafen unter brausen­den Hurrahrufen ein. Während auf den deutschen Schiffen die russische Nationalhymne gespielt wurde, erscholl von den russischen das „Heil Dir im Sieger­kranz." 3/4li Uhr begab sich der Zar an Bord der „Hohenzollern", wo er vom Kaiser Wilhelm an der Steuerbordtreppe begrüßt wurde. Beide Herrscher um­armten und küßten sich drei Mal. Der Zar verweilte etwa 20 Minuten an Bord der „Hohenzollern", worauf Kaiser Wilhelm den Besuch an Bord des „Polarstern" erwiderte. Um lls/4 Uhr begaben sich die beiden Kaiser an Land und gingen in lebhaftem Gespräch durch den Schloßgarten nach dem Schlosse, wo das Frühstück eingenommen wurde. Wie es heißt, bleibt der Zar bis morgen (Mittwoch) in Kiel. Ueber die Rückkehr unseres Kaisers nach Potsdam ist noch gar nichts bestimmt; die Dauer seines Verbleibens in Kiel richtet sich nach dem Verbleiben des Zaren daselbst.

* Ueber die Wiutersksfioueu des Reichstags und preußischen Landtags haben, wie man hört, an maß­gebenden Stellen bereits Erwägungen stattgefunden. Die beiden Parlamente werden danach voraussichtlich in der ersten Hälfte des November wieder einberufen werden. Von einer kurzen Reichstagssession im Som­mer, anläßlich des Handelsvertrags mit Spanien, ist bei dem gegenwärtigen Stand der Verhandlungen nicht mehr die Rede.

* Ein rechtes Wort zur rechten Zeit hat Herr Abg. Dr. Lieber auf der großen BerlinerKatholitenversammlung gesprochen, als er die Unterrichtsfreiheit und das Recht der Eltern als die Leitsterne im Schulkampfe pro- klamirte. In der That muß auf diese Fundamental­forderungen stets zurückgegangen werden, wenn man eine richtige Lösung der Schulfrage erreichen will. Jawohl, unserer Zeit, in welcher so viel von allen möglichen Freiheiten gesprochen und gesungen wird, ist das Gefühl für wahre Freiheit abhanden gekommen. Die Lehr- und Lernfreiheit ist ein für alle Menschen gleiches und unveräußerliches Recht. Das ist der unverrückbare Grund- und Eckstein, von welchem Jeder ausgehen muß, der die Schulfrage nach den Grundsätzen des Rechts, der Gerechtigkeit und Billigkeit lösen will. Allerdings ist das Recht der Lehr- und Lernfreiheit begrenzt durch höhere Gebote, welche von Gott gegeben sind. Von einer absoluten Lehr- und Lernfreiheit kann nicht die Rede sein, ohne die Grund­lagen der kirchlichen und staatlichen Ordnung in's Wanken zu bringen. Daher sind jener Freiheit Schranken gezogen durch die von Gott gestellten Autoritäten, und unter Festhaltung dieses Gesichtspunktes kommt man zu einer richtigen Vertheilung des Antheils, welchen die verschiedenen Autoritäten, Eltern, Kirche und Staat an der Schule haben. Für Jeden aber, der nicht im Staat die Quelle alles Rechts erblickt, liegt auf der Hand, daß unter diesen Autoritäten die der Eltern in erster Linie steht. Die erste durch Gott in der Natur des Menschen begründete Autorität ist eben un­bestreitbar die der Eltern, und die Schule lediglich eine Hülfsanstalt der Familie.

* Der „Verein der Berliner Kaufleute und In­dustrieller" hatte dem Reichskanzler in einem Schreiben vom 8. Mai von der damals im Rathhause stattge­fundenen Versammlung der Interessenten für eine 1896/97 in Aussicht genommene Berliner Weltaus­stellung Kenntniß gegeben. Der Reichskanzler hat da­rauf unterm 3. Juni nach Hinweis auf seine früher geäußerte Anschauung, wie folgt, geantwortet: „Jnner-

grfAtint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen^entsorechendtt Rabatt. Vierteljährlich» AbonuementSpreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage Sterne und Blumen und der alle 14 Tage erscheinenden ,Rathgeber für Landwirthschaft, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auSwarts 1 Mark 50 Pfennig.