ren! Der hochselige Bischof Konrad, Bekenner-Bischof, muß ich sagen, war einst beim Tode Ihres Bekenner-Bischofs Florenz in Fulda, wo er ihm die Grabrede gehalten hat. (Bravo!) Dieser hochverehrte Bischof Konrad hat einst in die katholische Welt hinausgerufen: Die Hauptpflicht der Katholiken Deutschlands sei die Unterstützung des Bonifatius-Bereins. Wenn ich am heutigen Tage gar nichts Anderes sage, als dieses Wort: dann sage ich genug, um jedem Einzelnen von der Festversammlung, die so herrlich ist, die Hauptpflicht des katholischen Deutschlands wieder in's Gedächtniß zu rufen, nicht mit meinen Worten, sondern mit den Worten des Bekenner - Bischofs Konrad, der einst an der Spitze des Bonifatius-Bereins gestanden hat. „Die Hauptpflicht des kathol. Deutschlands ist Unterstützung des Bonifatius-Bereins." Ich sage sie vor Allem gern an dieser Stelle hier, die das Grab und die Gebeine des hl. Bonifatius umschließt, um an die Hauptpflicht des kathol. Deutschlands zu erinnern. Wir sind hierher gewallfahrtet zu Tausenden, um in den schweren Tagen der Gegenwart die Fürbitte und Hilfe des heil. Bonifatius zu erflehen. Meine Herren! Sorgen wir dafür, daß der oben genannte Verein recht kräftig unterstützt werde in allen Gauen unseres deutschen Vaterlandes, wie ja der Eifer des heil. Bonifatius ganz Deutschland umfaßt hat. Also ich sage es an dieser Stelle hier und ich rufe es in alle Gaue hinaus und bitte Sie, es überall zu verbreiten. Die Hauptpflicht des kathol. Deutschlands ist die Unterstützung des Bonifatius-Bereins. (Bravo!) O, wie viel hängt davon ab, meine Herren! Sie wissen es Alle, aber können es nicht genug sich in's Gedächtniß zurückrufen. Wie viel hängt davon ab, daß wir den Bonifatius - Verein unterstützen in der jetzigen Zeit, wo allüberall die Konfessionen durcheinander gewürfelt werden, wo so viele Katholiken mitten unter Andersgläubigen wohnen in Gegenden, wo man früher keinen kannte, wo so viele neue Kirchen und Anstalten errichtet werden müssen, wo täglich neue Mittel aufgebracht werden müssen, um nur einigermaßen den Bedürfnissen zu genügen. Da, meine Herren, möchte ich Sie erinnern: Helfen Sie da mit, daß diese eine Hauptpflicht des kathol. Drutschlauds in allen Kreisen immer mehr erkannt und erfüllt wird. Indem ich Ihnen also Grüße überbringe von Paderborn, ich könnte sagen, einer Filiale von Fulda, Grüße überbringe im Namen des Bonifatius-Bereins und im Namen des Bonifatius-Bereins demselben die kräftigste Unterstützung wünsche, schließe ich mit kurzen Worten, indem ich noch einmal wiederhole die Worte des kathol. Bischofs: Die Hauptpflicht des kathol. Volkes von Deutschland ist die Unterstützung des Bonifatius-Bereins! (Andauerndes Beifallsrufen!)
Als vierter Redner richtete der bekannte Centrums- Abgeordnete Herr Dr. Lingens aus Aachen an die Versammlung die nachstehenden herrlichen Worte, die in einem begeistert aufgenommenen Toaste auf Se. Heiligkeit Papst Leo XIII. gipfelten:
Hochgeehrte Herren und katholische Brüder! Ich bin zum zweiten Male durch den Ernst der Zeit und nach traurigen, traurigen Erlebnissen nach Fulda, ich darf wohl sagen gewallfahrtet. Im Jahre 70, bedrängt durch den Eindruck dessen, was Gewalt hatte ausüben dürfen in Rom gegen unfern hl. Vater, haben wir in der Stadt Karls des Großen, des topfern Helden und Beschützers des hl. Stuhles, uns zu allererst aufgerafft, öffentliche Gebete, ein Tridunm zu veranstalten, in Aachen selbst dann einen Umzug mit den Reliquien, die wir Karl dem Großen und den deutschen Kaisern verdanken und die wir bergen in unferm althistorischen Münster und dann nach Fulda zu gehen, um hier an der ehrwürdigen Grabstätte des hl. Bonifatius, des großen Apostels Deutfchlands, unsere Fürbitten einzulegen. Wohl, meine Herren, hatten mir damals eine Ahnung von den schweren Zeiten, die uns drohten und doch keiner von uns, die sich damals hier versammelt haben, keiner hat wohl vorausge- sehen, was für Bitterkeiten und für Opfer den deutschen Katholiken auferlegt werden würden. Meine Herren ! Der Kulturkampf hat uns unserer besten Freunde beraubt, die Ordensgenossenschaften und vor allem die Jesuiten hat man hinausgewiesen. Und jetzt sind Jahre verstrichen, 20 Jahre und darüber und noch haben wir sie nicht zurück, unsere treuesten Freunde (Bravo) und bewährten Führer, unsere verdienten Genossenschaften (Bravo). Wir haben in der letzten Session ein schweres Opfer uns anfer- legt. Der selige Windthorst, den Gottes Gnade uns zum Führer gegeben hatte im deutschen Parlamente, nicht weniger aber im preußischen Landtag, et hatte den Antrag eingebracht, daß das Ausnahmegesetz ausgehoben und zurückgezogen werden sollte, nachdem man das andere Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie hatte ablaufen lassen und es aus der Welt geschafft hatte. Der Antrag ist zurückgezogen worden, um die Bereitwilligkeit der Katholiken tatsächlich zu beweisen, auch das größte Opfer uns aufzuerlegen, wenn damit, wie wir glaubten und hofften, ein auch in der Behandlung begriffenes und wichtiges Unternehmen, das war die Schulfrage, gefördert wurde und deren gesetzliche Festlegung, wenn damit irgend ein Hinderniß aus dem Wege geräumt werden könnte. Meine Herren! Den Verlauf, den wissen Sie und ich bin fest davon durchdrungen, war das Jahr 70 der Anfang einer schweren Periode, von einer durchaus dunklen und bedenklichen Zukunft, bann, meine Herren, haben Ihnen die Attentate zu Paris, Madrid und in andern großen Städten Europas gezeigt, wohin die von Gott verlassene oder von Gott abgewendete Menschheit gerathen kann und bereits gerathen ist, so daß Jedem, der aufmerksam und offenen Auges die Zeitverhältnisse betrachtet, nicht entgehen kann, daß wir auf einem Vulkan stehen, der schrecklichsten und gefährlichsten Art. Und sollten uns nicht alle die großen Unglücksfälle, die Mißernten, die Thatsachen, die wir erlebt in den letzten Jahren, mehr und mehr gezeigt haben, wie sehr wir der Hülfe Gottes bedürfen und wie es angezeigt ist, daß wir unsere Gebete vermehren, daß wir eifriger werden, in. H., als wir bis jetzt gewesen sind, um alles Uebel und die drohenden Gefahren abzuwenden von uns und unserem Baterlaude, von der ganzen Christenheit. Das kann man, m. H. nicht bestreiten, Deutschland ist das Herz Europas. Ist das Herz gesund, so ist alles gesund ; ist Deutschland gesund, so ist Deutschland christlich, ist Deutschland so, wie es sein soll, gottesfürchtig, bann ist das Herz Europas gefunb unb gerettet. (Allgemeiner Beifall.) Diese Gesellschaft würde wieder aus ihrer Verkommenheit, aus ihrer Krankheit wieder gesunden, aus ihrer Verlassenheit sich wieder erheben lassen zur Gottesfurcht, die die Grundlage zur Gerechtigkeit und aller wahren Tugenden bildet. (Bravo!) Warum sind die Juden heimgesucht worden, wenn sie die Gesetze nicht beobachteten? Die Strafe traf den König, aber öfters auch das Volk, weil es die Gebote Moses, die Gebote Gottes und des Herrn nicht gehalten hatre. Auch heute, m. H., wer die GeboteGottes hält, wird die Hülfe Gottes nicht entbehren. Aber auch für die Städte, die Provinzen und das ganze Land hängt es davon ab, das es dasjenige thue, was Gottes Gesetz vorschreibt, wenn es will den Segen auf der Flur, wenn es in den Familien das haben will, was man wahres Glück und Wohlergehen nennt. Also immer die Anerkennung und Unterwerfung unter Gottes Gesetz. Damals, m. H., vor 22 Jahren, war ich auch hier dabei, — ich darf sagen, mit recht schwerem Herzen; denn wir sagten uns, wenn das geschehen kann gegen die höchste Autorität, gegen den hl. Stuhl und gegen das Papstthum — was alles kann dann geschehen und haben wir zu fürchten für uns, für das Gemeinwesen und für alle übrigen Verhältnisse? Gottes Gnade hat Deutschland nicht verlassen. Das katholische Volk, statt nieder
gedrückt und verzagt zu werden, hat sich aufgerafft, hat sich bte Männer ausgesucht, benen es sein Vertrauen schenken konnte, unb Gottes Gnade hat diese Männer ausgerüstet, so daß sie die Rechte der Kirche, die Rechte Gottes so vertheidigten, wie sie in Deutschland noch nie besser vertheidigt worden sind. (Lebhafter Beifall.) Und welche Werkzeuge hat sich der Herr auserwählt! Sehen wir den Führer an, Windthorst, klein, unansehnlich, schwächlich, aber groß an Geist und an allen Tugenden und Eigenschaften, die den großen Parlamentarier, Politiker machen; — Windthorst, m. H., ist durch den Kulturkampf der erste Mann Europa's geworden. (Andauernde Beifallrufe.) Erkennen wir darin nicht den Finger Gottes? Sehen wir noch nach andern unter meinen Freunden, die früher bescheiden und unbekannt und mit diesen Geschäften gar nicht vertraut gewesen sind, was sie für Talente, für Energie, was für Leistungen sie entwickelt haben in der Bertheidigung der gerechten Sache Gottes und feiner Kirche. Meine Herren! Das kommt auch wieder auf Rechnung des katholischen Volkes, denn das Volk hat gebetet, hat verharrt int Gebete. Sehr oft hat Windthorst gesagt, wenn wir ihn beglückwünschten für die Erfolge seiner Rede: da hat wieder ein altes Mütterchen für mich gebetet (Bravo!) Dem Gebete der Demüthigen ist der Himmel geöffnet, das Gebet der Schwachen durchdringt die Wolken. Darum wallen wir auch jedes Mal, wenn wir vor einer bedenklichen und schwierigen Periode stehen, wie wir uns auch morgen niederwerfen, um den hl. Bonifatius, diesen großen Heiligen, anzuflehen, der zum Schilde geworden ist für diese ganze Landschaft und auch für die umliegende Landschaft, deren Apostel er geworden ist unb besten Segen unb Fürbitte noch immer ausstrahlen unb sich verbreitet hier und nicht bloß hier, wie der geehrte Vorredner gesagt hat, durch den Bonifattusverein jetzt durch ganz Deutschland und mehr als jemals zuvor. Also wir kommen, und das ist auch der Zweck unserer Begrüßung, wir kommen, um uns gegenseitig anzueifern, diese Gnade, die uns morgen geboten wird, recht eifrig und innig zu benutzen, wie wir nur vermögen unb was vermag nicht biefes kräftige Volk von Fulda. (Bravo!) Wenn diese ebenso kräftig beten wollten, o bann werben sie Ungeheueres erwirken. Also, meine Herren, nur tiertraut, baß, wenn man das Seine thut, Erhörung auch sicher ist unb baß Gott ber Allmächtige uns nicht verläßt unb uns seine Gnade gibt. Was nun unseren vormaligen hl. Vater betrifft, Pius IX., diesen unvergeßlichen, liebenswürdigen majestättgen Friedensfürsten auf dem Stuhle Petri, was hat er nicht alles geleistet ? Wie hat er die Schläge ertragen, wie hat er uns aufgemuntert bei den Wallfahrten, die fortwährend nach Rom und zu seinem Sitze kamen. Nun stirbt er unerwartet. Schon hatten sie alles bereitet, auf jede Art eine andere Papstwahl, wenn möglich, ganz zu verhindern. In kürzester Zeit hatten wir einen Papst, wie wohl noch wenige den Stuhl Petri bestiegen. Wir haben jetzt ein lumen de coelo, Leo XIII. ist ein Mann der Wissenschaft wie ihm von Freund und Feind zugestanden wird. Er steht auf der höchsten Höhe der Wissenschaft und alle auch die schwierigsten Fragen, wie sie ihm entgegengebracht werden, auch die Arbeiterfrage mit welchem Licht und mit welcher Klarheit beleuchtet er sie unter Gottes Hülfe. Alle feine Bemühungen, auch das freundschaftlichste und mildeste Entgegenkommen hat nichts gefruchtet, es ist und bleibt ein Gefangener im Vatikan. Wir haben es ja noch vor wenigen Monaten erlebt, wie die Pilger, die zu seinen Füßen sich Trost und Segen holen wollten, wie man sie mißhandelt, verhöhnt, ja wie man sie so behandelt hat, wie man es früher gar nicht für möglich hätte halten sollen. M. H. dieser große Papst, seine Geduld, seine Ergebenheit, sein eifriges Bitten und Flehen zu Gott, dem allmächtigen Herrn, das muß auch uns begeistern. Es ist darum auch angezeigt, daß wir am heutigen Abend seiner an erster Stelle gedenken. Gerade das überaus große Bedürfniß nach Hülse und höheren Beistand, der für unfern hl. Vater vorhanden ist, hat Biele von uns bestimmt, sich hierher zu begeben und bet morgigen Wallfahrt anzuschließen. M. H. Leo XIII. ist wirklich, wenn er auch in feiner äußeren Gestalt nicht die Liebenswürdigkeit und den Eindruck, mit dem Gott feinem glorreichen Vorgänger von Gott in Gnaden erhalten hat, so ist es doch, wenn man ihn näher kennen gelernt hat, von einer solchen Milde und von einer Tiefe, daß Alle, die das Glück gehabt, ihm zu nahen, ihn ganz entzückt verlassen haben. M. H., er steht auf der Warte, er leidet für uns. M. H. und Mitbrüder, er kämpft für uns. Deshalb gebührt es sich auch, daß wir ihm die erste Auer- fennung zollen, indem ich Sie anffordere in den Jubelruf ein» zustimmen: Seine Heiligkeit, unser allverehrter heiliger Vater, Leo XIII. lebe hoch, hoch, hoch.
Mit klarer durchdringender Stimme führte darauf Herr Propst Brieden von Magdeburg aus, daß wir Katholiken des Namens Ultramontanen uns rühmten, jedoch nicht in dem Sinne, wie unsere Gegner es uns zum Vorwurfe machten: daß wir in Vaterlandsliebe uns von Niemand übertreffen lassen; das zweite Hoch gelte daher dem Landesfürsten, unserem glorreich regierenden Kaiser Wilhelm II. Begeistert stimmten die Anwesenden mit ein, worauf das „Heil Dir im Siegerkranz" stehend gesungen wurde. Sodann sprach noch Herr Stadtpfarrer Baal aus Frankfurt a. M. über den Wahlspruch: „Mit Gott und dem katholischen Volke." Herr Dr. von Brentano aus Offenbach toastete auf die Bonifatiusstadt Fulda, Herr Kaplan Leineweber vom Eichsftlde sprach über den Bonifatius-Verein, Herr H uiskin g aus Iburg überbrachte Grüße aus der Diözese Osnabrück, Herr Richard Schmitt aus Fulda brachte als stellvertretender Präsident des Lokal-Komitee's ein Hoch auf die zahlreichen Gäste der Stadt Fulda, und Herr Instituts-Vorsteher Dr. Kübel aus Gießen widmete den Frauen und Töchtern Fulda's einen launigen Trinkspruch, den Herr Richard Schmitt Namens unserer Damenwelt dankend erwiderte. Um 11 Uhr wurde die Begrüßungsfeier durch den genannten Herrn Vizepräsidenten des Lokalkomitees geschlossen, da die meisten auswärtigen Theilnehmer, welche sich von der Reise ermüdet nach Ruhe sehnten, schon um diese Zeit die Festsäle verlassen hatten. (Den stenographisch aufgenommenen Wortlaut dieser Ansprachen werden wir im morgigen Blatte nachtragen. D. R.) Noch sei erwähnt, daß, während man die Begrüßung in der Harmonie feierte, am Schloßplatz eine effektvolle Illumination des Bonifatmsdenk- mals stattfand, welche eine große Volksmenge herbeizog. Der feenhafte Anblick machte einen tiefen Eindruck auf die Zuschauer und begeistert stimmten sie die Bonifatiushymne an.
Beim Anbruch deS heutigen Tages war Alles freudig überrascht, daß der Himmel, der am gestrigen Abend noch eine sehr bedenkliche Miene zeigte, welche gewiß viele Pilger von der Reise abhielt, über Nacht seine Laune geändert hatte. Schon in aller Frühe belebten sich die Straßen mit zahllosen Kirchengängern, die in den Dom zum Empfang der hl. Sakramente eilten. Um 6 Uhr erklangen feierliche Klänge hoch von der Pfarrkirche herab. Die liebe süße Weise des Boni- fatiusliedes und der Choral „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" zogen, vom Thurme geblasen, wunderbar ergreifend über die festliche, von wonnigem Sonnenglanz überfluthete Stadt. Das erwartungsvolle Treiben in den Straßen wurde lebhafter. Die Pilger begaben sich nach und nach an ihren gemeinsamen Versammlungsort , unsere schön restaurirte Stadtpfarrkirche, wo ihnen von 12 Mitgliedern des Ordnungskommitees die Plätze angewiesen wurden. Die verschiedenen katholischen Vereine Fulda's als Winfridia, Jünglings- Kongregation, Meister-, Gesellen- und St. Josephs- Verein bewegten sich über den Friedrichsmarkt und nahmen mit ihren Fahnen an der Nordseite der Pfarrkirche Aufstellung, während an der entgegen gesetzten Seite sich die Bürgerschaft versammelte. Vor der Fa^ade aber zog mit blinkenden Helmen eine Abteilung der Feuerwehr auf, um zur Unterstützung der Schutzleute für Aufrechthaltung der Ordnung sorgm zu helfen. Nachdem keine Pilger mehr vom Bahnhof her zu erwarten waren, ordneten sich um 9 Uhr die Vereine in der in unserer Festnummer bereits bekannt gegebenen Reihenfolge und zogen unter Vorantragung des Kreuzes in's Innere der Kirche ein, um dieselbe durch das Hauptportal wieder zu verlassen. An dieselben schloß sich zunächst der hochwürdige Klerus, der ein sehr ansehnliches Kontingent zu der Wallfahrt stellte. Hinter dem Lokalkomitee, welches sich nunmehr anreihte, folgten die Pilger in nicht endenwollender Zahl und hinter diesen Fulda's Bürgerschaft. Programmgemäß sollte die Feuerwehr den Schluß des Zuges bilden, doch ließ es sich nicht verhindern, daß hinter ihr noch eine große Menge Volkes in wirrem Durcheinander nachdrängte. Länger als eine Stunde währte es, bis die unabsehbare Wallfahrt — in der sich auch einige geschloffene Prozessionen und Vereine von auswärts befanden — mit dem Eintritt in den Dom ihr Ende erreicht hatte, denn längst schon war dieser beträchtlich angefüllt und noch immer harrte eine große Schaar des Austritts aus der Pfarrkirche. Golden schien die Sonne von dem mit leuchtend weißen Wölkchen bedeckten Himmel auf den feierlichen Zug, der — umtönt von jubelnden Glockenstimmen, aus denen vor allen der königlichen Osanna mächtiger Ton hervorklang — langsam unter den flatternden Bannern sich fortbewegte. Aus tausend und abertausend Kehlen tönte begeistert die herrliche Bonifatiushymne, begleitet von den Musikklängen der Fuldaer und Weyherser Kapelle, und das Standbild des Heiligen machte jetzt wahrhaft den Eindruck, als ob er selbst mit eherner Wucht herabsteigen wollte, das Kreuz in der erhobenen Rechten seinen getreuen Söhnen voranzutragen. In der Mitte des Domplatzes prangte ein aus Waldesgrün aufgebauter, mit Fahnen, Wimpeln und Wappen bunt gezierter Triumphbogen, von dessen Wölbung Leo's XIII. Wappen sowie die päpstlichen Insignien imposant herabhingen. Jenseits dieser stolzen Ehrenpforte erweiterte sich sodann die via triumphalis bis zu den an beiden Seiten der Domfayade befindlichen Obelisken. Ist eS schon ergreifend, eine ländlich schlichte Prozession über den von dunklen Baumreihen umsäumten Domplatz wallen zu sehen, so mußte der Anblick dieser gewaltigen Kundgebung der Verehrung und Dankbarkeit für den Apostel der Deutschen den gläubigen Beschauer wahrhaft zu Thränen rühren.
Durch das weitgeöffnete Portal zog die Prozession in die int Festgewand prangenden, erhabenen Tempelhallen, wo bunter Fahnenschmuck, Fichten und Guir- landen die sonst etwas kalt wirkende weiße Tünche freundlich überkleideten. Auch leuchtete in wunderbarem Farben glanz das neue Glasgemälde im hohen Chor zwischen dem von Engeln und Wolken gebildeten Baldachin des Hochaltars hindurch: die Verklärung Christi auf dem Tabor darstellend. In Goldglanz strahlte der Hochaltar, auf dem als bester Schatz das Haupt des hl. Bonifatius in herrlichem Schreine aufgestellt war, während im Kreuzschiff den imposanten Sturmius-Altar das mit einer kostbaren Mitra bedeckte Haupt dieses Heiligen, den gegenüberliegenden Bmediktus-Altar aber das goldgekrönte Haupt der hl. Lioba zierte.
Durch das nördliche Seitenschiff zog die Wallfahrt vorüber an der Reihe reich geschmückter Altäre. Am nordwestlichen Pfeiler, neben dem Epitaphium des Fürst- abtes Adolf von Dalberg, erhob sich aus grünen Blattpflanzen die vom hl. Vater Leo XIII. als Erinnerungsgabe an sein goldenes Priesterjubiläum der Fuldaer Kathedrale gestiftete Petrus-Statue. Demuthsvoll bezeigte jeder Wallfahrer ihr seine Verehrung, um dann weiter zu schreiten bis zu der Stelle, wo vor dem von Prof. Knackfuß herrlich gemalten Valeutinus-Altar 21 Granitstufen in das Heiliglhum hinabführen. Gewiß hat die Bonifatiusgruft, die Johannes Janssen als das größte National-Heiligthum des deutschen Volkes bezeichnet, in ihrer herrlichen Neugestaltung den Pilgern die erfreulichste Empfaitgsüberraschung bereitet.