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Mittwoch, den 8. Juni 1892.
19. Jahrgang
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99 Erstes Blatt. >g
Wallfahrt der Katholiken Deutschlands ;um Grabe des hl. Konifatius.
Fulda, den 7. Juni.
Wer von Fulda den besten Eindruck gewinnen will, der komme dahin zu Anfang des Monats Juni, wo der Frühling endlich über die hohe Mauer des Rhöngebirges zu dem reizenden Flußthale, das schon den hl. Sturmius zum Entzücken hinriß, hernieder gestiegen ist. Und wie die herrlich erwachte Natur, so treibt auch das kirchliche Leben in der Bonifatiusstadt in dieser Zeit seine schönsten Blüthen. Geöffnet ist dann acht Tage lang das Heiligthum, das die Asche unseres großen Glaubensboten hütet und aus den Dörfern meilenweit in der Runde ziehen die ganze Oktav hindurch täglich wohlgeordnete Prozessionen zu dem hoch- geweihten Apostelgrabe. Die besten Kostbarkeiten, welche der Domschatz besitzt, müssen da dem hehren Gotteshause Pracht verleihen. Da sehen wir nicht nur jenen prachtvollen goldgestickten Baldachinüberzug von rothem Genueser Sammt, den Fulda's erster Fürstbischof Amand von Busick zur tausendjährigen Feier der Errichtung der Abtei gestiftet hat, sondern auch der ganze Hochaltar erstrahlt im Glanze seines „silbernen Altares", mit den ihn die geistlichen Fürsten des vorigen Jahrhunderts überkleidet haben. Von dieser überaus werthvollen Ausstattung als Antipendium, Pyramiden mit Reliquien, Urnen mit Blumen u. s. w. die in ihrer Gesammtheit ein einheitliches Kunstwerk bildet, wollen wir nur ein Prachtstück, die silberne, mit Edelsteinen gezierte Statue des hl. Bonifatius als ein Geschenk des Fürstabtes Konstantin von Buttlar hervorheben.
Wieder ist nun — und diesmal zugleich mit dem hohen Pfingstfeste — die bedeutungsvolle Festwoche gekommen, und in niegesehenem herrlichen Gewände ladet die Bonifatiusgrust alle Gläubigen zur Verehrung des großen Heiligen ein. Und Tausende kamen, um seit vorgestern zur hochgeweihren Stätte hinabzusteigen. Und nicht allein die Bürger der Bonifa- ttusstadt, nicht nur die Landbewohner der Umgegend waren es, nein, alle Gauen unseres Vaterlandes haben ihre Vertreter entsendet: Würdenträger der Kirche wie Laien, Edelgeborene wie schlichte Bürger, Männer der Wissenschaft wie Handwerker alle sind sie, beseelt von einem Gedanken, am hohen Pfingstfeste nach Fulda gezogen, um hier in einer Gesammtwallfahrt zum größten Nationalheiligthum des deutschen Volkes ihrer tiefgläubigen Gesinnung erhebenden Ausdruck zu geben.
Fürwahr! Fulda ist stolz, Fulda kann stolz sein, daß es eine solche glaubensstarke Vereinigung der wackersten deutschen Männer in seinen Mauern empfangen durfte! Darum war es aber auch eingedenk der Pflicht, den Empfang seiner Gäste, so viel als möglich voll Ehre, den Rahmen für die großartige Feier soviel als möglich voll Glanz zu gestalten. Und nach Maßgabe der lokalen Verhältnisse hat das Komitee alles aufgeboten, diese Absicht zu erreichen. Wie am Bahnhof schon eine Ehrenpforte den ankommenden Pilgern herzliches „Willkommen" entbot, so wehten ihnen auch die Flaggen von den meisten Häusern flohen Gruß entgegen. Von den hochragenden Masten welche die Feststraße bezeichnen, flattern in allen Farben festliche Banner und viele Häuser haben in ihren Ladenfenstern geschmackvolle Dekorationen geschaffen. Die Fichtenwälder aber haben viel unendlich viel grünen Schmuck hergeben müssen, denn tausend Frauen- und Kinderhände haben sich unermüdlich geregt, um eine Riesenguirlande herzustellen, die von Mast zu Mast gewunden, in graziöser Verschlingung von der Pfarrkirche bis zum Dome sich hinzieht; ja selbst bis zur höchsten Höhe der mächtigen Domkuppel hinauf fand das grüne waldesduftige Gewinde den Weg! Die Hauptzierde unserer in festlicher Schönheit prangenden Stadt bildet das Denkmal des heiligen Bonifatius. Gewaltig hat Werner Henschel'S Künstlergeist den großen Apostel erfaßt: So wie er das Evangelium verkündend, mit dem Kreuz in der Hand unter den mächtigen Eichen und Buchen der germanischen Urwälder einherschritt! Waldesodem umweht ihn auch hier, und Waldesgrün überschattet sein Haupt in einem finnig entworfenen Baldachin, dessen fleistehende, vier gothische Bogen bildende Pfeiler der von jeder Seite so mächtig wirkenden Gestalt eine vierfache Umrahmung
geben. War es doch auch eine zeltarttge Waldhütte, in der der heilige Mann vom Frauenberge herab auf seine Lieblingsstiftung im Thale blickte! Inschriften, Wappen und buntfarbige Wimpeln zieren den imposanten Aufbau; und tote jeden der Bogen ein großes Kreuz überragt, das sich in Heller Farbe von dem pyramidalförmigen Dach abhebt, so wird letzteres selbst von einem hochragenden Mast bekrönt, von dessen thurmhoher Spitze die Siegesfahne des Kreuzes weht.
Ließ das zweifelhafte regnerische Pfingstwetter in der zum Empfang ihrer zahlreichen Gäste herrlich geschmückten Bonifatiusstadt anfänglich eine festfrohe Stimmung nicht recht aufkommen, so wurde dies all- mählig anders, als sich die Zahl der ankommenden Pilger mit jedem einlaufenden Bahnzuge vergrößerte und man bereits Namen nennen hörte, deren Ruf überall im katholischen Deutschland den besten Klang hat. Die Spannung wurde immer größer, die Stimmung gehobener, bis endlich die abendliche Stunde erschien, welche die eingetroffenen Pilger im Orangeriegebäude des landgräflichen Schloßgartens zur Begrüßungsfeier vereinte. Leider hingen graue Regenwolken über dem herrlichen Park, der sonst mit seinen stolzen Baumgruppen, umbuschten Terrassen und grünen Rasenflächen einen sehr günstigen Eindruck macht. Als aber um 8 Uhr in den von heiterer Pracht und graziöser Schönheit überhauchten festlich geschmückten Rococosälen der vom Fürstabt Konstantin von Buttlar erbauten Orangerie die ersten Klänge des Krönungsmarsches aus der Oper „Die Folkunger" zu Gehör drangen und der Präsident des Lokalkomitee's, Herr Justizrath Rang, nach Beendigung desselben die ersten zündenden Worte an die zahlreich Anwesenden richtete, da gelangte die volle Feststimmung zum Durchbruch und wurde im Laufe des Abends durch die herrlichen Ansprachen auswärtiger Redner bis zur höchsten Begeisterung gesteigert.
Etwa 5—600 Personen füllten die beiden Säle der Orangerie. Unter den Anwesenden befanden sich Fürst Karl zu Löwenstein und Fürst Karl zu Jsen- burg-Birstein, Felix Freiherr von ßoe, Graf Anton Stolberg aus Bigge, Freiherr v. Böseager (Bonn), Graf Droste zu Vischering, Erbdrost in Darfeld, Graf von Galen in Dinklage, Graf von Bissingen in Schramberg, Freiherr v. Savigny auf Hof Trages, General von Amelunxen, Peckelsheim, Rochus von Rochow, Dresden, Domkapitular Dr. Knecht aus Freiburg, Freiherr v. Wambold in Groß-Umstadt, Propst Brieden bischöfl. Kommisiarius aus Magdeburg, Reichstags- Abgeordneter Nicola Racks aus Mainz, Fabrikant I. Brandt jun. aus M.-Gladbach, Dr. Alphons v. Steinle, Bankdirektor in Frankfurt a. M., Domkapitular Dr. Holzammer aus Mainz, Generalsekretär Hitze aus M.-Gladbach, Abg. Cahensly aus Limburg a. L., Dr. Marcour, Redakteur der Germania, Reichstagsabgeordneter Dr. Stephan aus Beuchen, A. Horten, Reichsgerichtsrath aus Leipzig, Fabrikant Mathias Wiese aus Werden a. R., Dr. Brüll aus M.-Gladbach, Domkapitular Oppermann aus Paderborn, Dr. Keil aus Trier, Reichstagsabgeordneter Neckermann aus Würzburg, Rechtsanwalt v. Brentano aus Offenbach, Dr. Kübel, Jnstitutsvorsteher aus Gießen, Redakteur Körver aus Aschaffenburg a. Main, Redakteur Schmitz aus Kempten und Dr. Weilbächer aus Münster.
Einige hiesige Stenographen haben uns durch ihr außerordentlich dankenswerthes Entgegenkommen in die angenehme Lage versetzt, unseren verehrten Lesern die am Begrüßungsabend gehörten Ansprachen in getreuem Wortlaut unterbreiten zu können. Die schöne Feier wurde, wie schon erwähnt, durch den Präsidenten des Lokalkomitee's, Herrn Justizrath Rang mit einem festlichen Willkommgruß in folgender Weise eröffnet:
Hochwürdigste und hochverehrte Herrn! Mein Amt als Vorsitzender des örtlichen Komitees verschafft mir die Ehre, die ersten Begrüßungsworte an die Pilger zu richten, welche von Nah und Fern hier in der Bonisatiusstadt Fulda zusammengekommen sind, um an geheiligter Stätte ihre Gebete gemeinsam darzubringen für unfern heiligen Vater und die katholische Kirche Deutschlands. — Als vor kaum einem Monate die erste Kunde von der beabsichtigten Wallfahrt zu uns drang, da waren es, offen gesagt, gemischte Gefühle, mit denen die Botschaft hier ausgenommen wurde. Einerseits Freude und Jubel, daß es uns vergönnt sein sein sollte, eine so stattliche Anzahl von Männern bei uns aufzunehmen, die ausgezeichnet sind durch Tugenden und und Opfermuth, durch echt katholische Gesinnung und durch hervorragende Verdienste um das kirchliche und politische Leben. Freude und Jubel, daß gerade unsere Stadt auserwählt war, Zeuge zu werden eines so kundgegebenen lebendigen Christusglaubens, der Verehrung des bl. Bonifatius, und der Liebe und Anhänglichkeit an unfern hl. Vater. Anderseits gab es auch manche Bedenken;
so die Besorgniß, daß wegen Kürze der Zeit und wegen räumlich beschränkter Verhältnisse unserer Stadt wir unfern Gästen nicht das bieten können, was sie zu verlangen berechtigt und gewohnt sind. Der Umstand, daß die Restauration der Gruft des hl. Bonifatius, sowie des Domes nicht vollständig vollendet ist, die Zerstörung unserer Stadt durch die neuangelegte Waffer- leitung und endlich so manche Conserenzen von andern katholischen Versammlungen und Wallfahrten: Magdeburg, Kevelaer, Ravensburg und noch andern. Allein mit dem Vorsätze, nach besten Kräften das unfrige zu thun im Vertrauen auf die Anspruchslosigkeit unserer Gäste, die aus einer Pilgerfahrt gewiß auch etwas Unbequemes gern mit in den Kauf nehmen, hat das Komitee sich an das Geschäft gemacht und es hat bei all' seiner Arbeit solches Entgegenkommen, eine so freudige Opferwilligkeit in allen Kreisen unserer Stadt gefunden, daß, wenn es nur auf guten Willen ankäme, sie gewiß auch bei uns nichts vermissen würden. Fulda hat auch bei dieser Gelegenheit wieder gezeigt, wie sehr es sich bewußt ist, daß es feine über die Größe feiner Einwohnerzahl und die Entwickelung feiner Industrie und über feinen Reichthum an Naturfchönheiten weit überragende Bedeutung nur der Thatfache zu verdanken hat, daß der große Winfried, der hl. Bonifatius es zu feiner letzten Ruhestätte erkoren hat (Beifall). Und so findet auch der Willkommensgruß, den ich an Sie, die zu feiner Verehrung zusammengekommen find, int Namen des Komitees richte, einen tausendfachen Widerhall int Herzen der Bewohner Fuldas (Bravo). Alles vereinigte sich in dem Wunsche, daß Sie das, was Sie hierher geführt hat, in reichem Maße finden mögen: wahre Erbauung am Grabe des Apostels der Deutschen, Stärkung des katholischen Muthes und Erhörung der Gebete, welche wir morgen für uns, für den fchwerbedrängten hl. Vater und die vom Unglauben bedrohte katholische Kirche und für unfer geliebtes Vaterland zum Himmel emporsenden werden (Bravo). Das gebe Gott durch die Fürbitte des hl. Bonifatius (Bravo, Händeklatfchen).
Nachdem die Beifallsrufe verklungen und die durch den hiesigen Orchesterverein verstärkte städtische Kapelle unter Leitung des Herrn Wienecke programmgemäß ein zweites Musikstück in ansprechendster Weise vorgetragen hatte, bettat Herr Fabrikant Walther aus Erfurt die Rednerbühne und richtete an die Versammlung folgende, ebenfalls sehr beifällig aufgenommene Ansprache:
„Hochwürdige und hochverehrte Herrn! Die Grüße, die ich ans meiner thüringischen Heimath hier an dieser Stelle zu übermitteln habe, sind verbunden mit einem ganzen Herzen voll Dankbarkeit, zunächst für den Hochwürdigsten Herrn Bischof Joseph von Fulda, der vor nicht langer Zeit während der schweren Erkrankung unseres nunmehr in Gott ruhenden Bischofs von Paderborn die Zeit einer langen Pause beendete und den Firmlingen in Erfurt das hl. Sakrament der Firmung spendete. Die große Ehre und die Freude, nach langen Jahren einmal wieder einen kathol. Kirchenfürsten in unfern Mauern und in unserem hohen Dome begrüßen zu können, hat meine Vaterstadt wohl erkannt und zu schätzen gewußt. Ich glaube, die Tage, die wir dort verlebt haben, waren ein kleiner Ersatz für die große Mühe, denen er sich allzumal unterzogen hat. (Sehr wahr!) Ein zweiter Grund unserer Dankbarkeit gilt der guten Stadt Fulda und der Diözese überhaupt und gründet sich auf den glücklichen Umstand, daß, ich glaube schon seit 50 Jahren das Mutterhaus der barmherzigen Schwestern uns eine große Zahl ausgezeichneter Schwestern nach Erfurt sendet, welche durch Eifer und Treue, durch ihren Fleiß und ihre Frömmigkeit die 5 charitativen Anstalten, die in Erfurt bestehen, ausqezeichnet bedient haben daß sie zu einer großen, erhabenen Höhe emporgewachfen sind, wie wir es nicht haben ahnen können. Ich möchte von biefer Stelle aus ganz besonders unfern Dank dafür aussprechen, und die bischöfliche Behörde bitten, uns dieselben noch wenigstens für 50 Jahre zu schicken (Beifall). Der dritte und größte Dank aber, meine verehrten Herrn, gilt der ehrwürdigen Diözese Fulda. Die Behüterin der Gebeine des hl. Bonifatius, des Apostels der Deutschen, die frommen Gebete, die hier unter dieser Fürbitte des hl. Bonifatius zum Himmel gesandt werden, die haben ja in den letzten Dezennien wirklich so erfolgreiche Früchte getragen, wie wir es kaum hofften. Hier an dieser Stätte haben sich unsere Kircheusürsteu versammelt, um sich Muth und Kraft zu holen, um in dem schweren Kulturkämpfe einzutreten und hier an biefer heiligen Stätte haben sie sich toieberum versammelt, um bie unvergeßlichen Denkschriften an bie Regierung unb das Volk zu erlassen, die unerreicht dastehen und die zum ewigen Gedächtnis der deutschen Kirchengeschichte (Beifall) bleiben werden. Zum frommen Gebete haben sich hier überhaupt wohl Millionen von Pilgern schon zufammengefunden und haben in dieser Intention zum hl. Bonifatius ihre Wünsche für die hl. Kirche zum Himmel gesandt. Wir sind ja auch gekommen, um morgen unter derselben Fürbitte auch die Anliegen des hl. Vaters Lev XIII. zu den unsrigen zu machen, damit der liebe Gott, der allmächtige Herr sie uns recht bald erfüllen möge. (Bravo!) Ich wiederhole nochmals den großen Dank aus Thüringen für das edle katholische Volk der Diözese Fulda. (Allgem. Bravo!)
Herr Profeffor Rebbert aus Paderborn, der bekannte Redakteur des ,Leo' legte den Katholiken Deutschlands die Unterstützung des Bonifatiusvereins an's Herz, indem er Folgendes auskührte:
Hochverehrte Festversammlung! Ich überbringe Grüße von Paderborn. Paderborn ist gleichsam ein Ableger von Fulda (Heiterkeit). Wer den Bonifatiusverein kennt, weiß, daß der Bonifattusverein zu Paderborn feinen Sitz hat, feinen Generalvorstand. Ich persönlich habe die Ehre, zum General Vorstände des Bonifatiusvereins zu gehören. Ich habe ferner den Auftrag, ich möchte sagen, leider, in Verhinderung des Herrn Präsidenten und des Vizepräsidenten, ich habe, sage ich, den Auf- trag, heute Abend Grüße zu überbringen im Namen des gesummten Bonifatiusvereins (Bravo!) Bonifatius, Bonifatiusverein; der Name sagt schon, welch' enge Beziehung zwischen Verein und Ort, an dem wir hier tagen, besteht. Meine Her-