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JV 128 Sonntag, den 5. Ium 1892. ' 19. Jahrgang.

Fuldaer M Zeitung

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QflBT Zweites Blatt.

An die geehrten Leser.

Wegen des hohen Pfingstfestes erscheint die nächste Nummer unseres Blattes am Diens­tag. Dieselbe wird ausnahmsweise erst mit den Abendzügen zur Versendung gelangen, damit der Bericht über die vormittägige Feier des 7. Juni noch Aufnahme darin finden kann.

StMIwn uni) Mitin in Wm Nm

Deutsches Keich.

Berlin, 3. Juni.

* S. M. der Kaiser hat gestern auf der Pfauen­insel bei Potsdam die Verlobung des Thronfolgers von Rumänien mit der Prinzessin Maria von Edin- -urg feierlich proklamirt. Heute früh ist der Kaiser zur Vermählung des Fürsten Radolin nach Ober« Glogau abgereist. Die Rückkehr nach Potsdam erfolgt morgen Nachmittag. Die Reise des Kaisers nach Kiel zur Begegnung mit dem Zaren findet am 20. d. M. Abends statt. Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Frhr. v. Marschall, begleitet den Kaiser, wohin sich auch der russische Botschafter zu Berlin, Graf Schuwaloff begibt. Die Begegnung erhält somit einen politischen Charakter.

* Ueber die Zusammenkunft Kaisers Wilhelms mit dem Zaren in Kiel weiß die .Köln. Ztg.' noch folgendes Nähere zu berichten: Die Ankunft des Zaren in Kiel erfolgt Dienstag nach Pfingsten Vormittags 10 Uhr. Der Zar steigt im Königlichen Schlosse ab, rvo Abends ein Prunkmahl stattfindet. Der Botschafter Graf Schuwalow wird mit allen Mitgliedern der russi­schen Botschaft den Zaren in Kiel begrüßen. Der Staatssekretär des Auswärtigen Amts, Freiherr von Marschall, reist ebenfalls dorthin. Den Kaiser begleiten die Herren seines militärischen Gefolges.

* Die Königin-Regentin der Niederlande hat an­läßlich ihrer Anwesenheit in Berlin dem Prinzen Fried­rich Leopold, dem Reichskanzler und Grafen Caprivi, dem Ministerpräsidenten Grafen Eulenburg, dem kom- mandirenden General Frhrn. v. Los und Frhr. v. Meerscheidt-Hüllesfem, dem Ober-Gewandkämmerer Gra­fen Perponcher, dem Kriegsminister von Kaltenborn- Stachau und dem Minister des Königlichen Hauses von Wedel das Großkreuz des niederländischen Löwen­ordens verliehen.

* Mit der Reise des Pirmontesischen Königs Hum­bert nach Berlin geht es, wie die .Germania' schon neulich andeutete: sie wird, mit Rücksicht auf die fehr schwierige parlamentarische Lage Neu-Italiens, wahr­scheinlich nicht statlfinden können; jedenfalls wird sie nicht zu dem Zeitpunkte, für den sie in Aussicht ge­nommen war, den 7. Juni, ausgeführt werden; denn sollte dies geschehen, so müßten jetzt, vier Tage vorher, die nöthigen Festsetzungen erfolgt sein, wovon aber bis jetzt nicht das Geringste bekannt geworden ist. Der Besuch kann übrigens schon um deswillen nicht am nächsten Dienstag erwartet werden, weil nach den ge­troffenen Bestimmungen an diesem Tage Kaiser Wil­helm bekanntlich mit dem russischen Zaren in Kiel Zusammentreffen soll. Und zu allem lleberfluß meldet heute der römische Korrespondent des Londoner Blattes ,Chronicle', daß der Besuch des Königs Humbert in Berlin wegen der bevorstehenden Wahlen aufge­schoben worden sei. Ein Telegramm des ,Bureau Herold' berichtet dann weiter, der deutsche Botschafter Graf Solms habe eine lange Unterredung mit dem italienischen Minister des Auswärtigen, Brin, gehabt. Der Gegenstand der Unterredung habe offenbar die ge­plante Reise des Königs nachWotsdam betrof­fen, deren Datum übrigens noch ungewiß ist. „Un­gewiß" — ja, ja: das ist das richtige Wort. In Neu-Italien ist A l l e s ungewiß — nicht nur die Reise des Königs nach Berlin, sondern der Bestand des ge- sammten Staatswesens und auch der — Monarchie!

* In einer heute stattgefundenen Sitzung des Staats- Ministeriums wurde, wie verlautet, über die Stellung der Regierung zu den Beschlüssen des Abgeordneten­hauses über die Militäranwärter - Vorlage verhandelt. Namentlich bestehen Seitens des Kriegsministers Be­denken gegen diese Beschlüsse.

* Kultusminister Dr. Bosse begibt sich bald nach Pfingsten nach Posen, um die dortigen Volksschulen zu inspiziren.

* Auf Berufung des Kaisers befindet sich ein nor­wegischer Architekt, Munthe aus Christiania, auf dem Wege nach Berlin, um Pläne für einen Kircheuba« im norwegischen Style (Holzbau) vorzulegen, der in der Nähe des Jagdschlosses Rominten in Ostpreußen er­richtet werden soll.

* Der Siebener Ausschuß zur Vorberathung der Reform des höheren Schulwesens hielt gestern seine Schlußsitzung ab. Die Mitglieder desselben wurden zur kaiserlichen Tafel nach der Pfaueninsel geladen.

* Der Leiter der Kolonial-Abtheilung des deutschen Auswärtigen Amtes, Geh. Rath Kayser, ist in Deutsch- Ostafrika eingetroffen und bereits in Tanga an's Land gegangen.

* Der Prozeß gegen den Bankier Polke hat heute mit der Verkündigung des Urtheils sein Ende gefunden. Dasselbe lautet auf Freisprechung. Die Verhandlung hat nicht weniger als 36 Tage gedauert. Die Frei­sprechung erfolgte, obgleich der Gerichtshof Täuschungs- Handlungen des Angeklagten annahm, weil lediglich allgemeine Gesichtspunkte gegen Polke geltend gemacht worden sind.

* Bom Rhein wird der ,Germania' geschrieben: Die Geschäftssozialisten müssen wohl trotz der überaus lauten Klagen über Arbeitsmangel und schlechten Ver­dienst, wie wir sie täglich in den Blättern der Sozial­demokraten vernehmen, gute Geschäfte machen. Nament­lich scheint die Spekulation auf die Vergnügungs­sucht sehr lohnend zu jein. Die rothen Volksmänner wissen das offenbar auch; darum drohen sie hier einem widerspänstigen Wirthe mit Meidung seines Lokals, dort verzeichnen sie, daß einem Wirthe der Besuch von Seiten der Genossen zu Thei! werden solle, weil er hübsch brav sei und z. B. die »Frankfurter Volksstimme' halte. Wir finden das ganz begreiflich, weil die Massen- armuth weniger durch die fchlechten Löhne, als durch die unvernünftige Vergnügungssucht herbeigeführt wird. Der Kapitalismus würde gar nicht in der Lage sein, so viele Existenzen zu ruiniren, wenn unser Volk die einfachen Sitten der Vorfahren hätte. Die modernen Ansprüche an das Leben sind die schlimmsten Feinde des Volkes. So viel Geld, wie unser jetziges Geschlecht für alle möglichen Genüsse verlangt, läßt sich nicht auf­bringen. Früher hatte man in der Regel fo viel Selbst­beherrschung, um das verdiente Geld und Gut ver­nünftig zu verwalten und nützlich zu verwenden, aber jetzt versteht unser Volk im Großen und Ganzen die Kunst des Sparens nicht mehr. Man läßt das Geld leichtsinniger aus den Händen rollen in die Hände der Vergnügungs-Spekulanten, und weil man doch auch noch nothwendige Lebensbedürfnisse befriedigen muß, geht es abwärts mit dem Wohlstand. Jmer mehr Ver­gnügen, das ist leider das Losungswort, und die Führer der Sozialdemokraten wissen dieses ihnen zu Gute kommende Rezept wohl anzuwenden. Die Herren Sozialdemokraten sprechen auch so gerne von ihrem Bildungs- und Wissensdrang. Sehr groß muß der Eifer für die Wissenschaft aber nicht sein. Am 21. Mai c. haben in Franfurt a. M. die drei dortigen Verwaltungen des deutschen Metallarbeiter-Verbandes eine gemeinschaftliche Versammlung abgehalten. „Zum dritten Punkte berichtete Kollege Selter über die Biblio­thek. Dieselbe wurde vor etwa einem halben Jahre mit 68 Bänden eröffnet und weist jetzt einen Bestand von 72 Bänden auf. Die Benutzung der Bibliothek war eine fehr schwache und wurde nur 81 Mal von 20 (!) Mitgliedern benutzt .... Redner spricht am Schluffe seines Berichtes den Wunsch aus, daß die Bibliothek und die Leseabende ... in Zukunft besser besucht werden möchten." Der Leser kann aus diesen Klagen der rothen,Volksstimme' sich von dem Wissens- bedürfniß der „Genossen" ein Bild machen; jedenfalls würde dies noch schöner ausfallen, wenn er die Titel und den Inhalt jener 72 Bände näher prüfen könnte.

* Krefeld, 2. Juni. Nach dem Vorgang von Berlin und Magdeburg wird nun auch hier eine große Centrumsversammlung abgehalten werden, in welcher Herr Abg. Dr. Lieber als Redner auftreten wird. Die Versammlung soll am Donnerstag nach Pfingsten stattfinden.

* Trier, 2. Juni. Wie in den vergangenen Jahren, sind auch jetzt wieder die Pfingst - Wallfahrten zum Grabe des hl. Apostels Mathias im Vorort St. Mathias zahlreich. Die St. Mathias - Bruderschaft

von Berrendorf am Rhein ist heute Abend zur vier­hundertfünfzigjährigen Jubelfeier eingetroffen, und opfert morgen eine etwa 100 Pfund schwere Wachskerze, die größte der bis jetzt dort ausgestellten.

Ausland.

* Die Grubenkatastrophe bei Przibram gehört zu den fürchterlichsten, die je dagewesen sind. Bis jetzt sind 112 Leichen geborgen, aber noch liegen Hunderte von Leichen in den Schächten, denn, wie ein Oberberg­verwalter versichert, dürften sich zur Zeit der Kata­strophe wenigstens 500 Arbeiter in den Schächten be­funden haben, von denen kaum hundert gerettet worden sein dürften. Menschenmasfen umstehen die Schachte, wo die Leichen zu Tage gefördert werden — so weit dies eben möglich ist — und es spielen sich dort Scenen ab, die jeder Beschreibung spotten. Der Acker­bauminister Graf Falkenhayn, welcher an die Unglücks­stelle geeilt war, sprach persönlich den Wittwen und Verunglückten Muth zu und versicherte sie, daß für sie das Möglichste geschehen würde. Zu all' dem Ent­setzlichen kommt nun noch, daß allgemein die Ansicht vorherrscht, daß der Grubenbrand böswillig angelegt worden sei. Die Bergleute, über den Urspmng der Katastrophe befragt, erklären einstimmig, daß Leicht­sinn nicht vorliegen könne; sie glauben an ein Ver­brechen. „Man" habe für den 1. Mai etwas ange­kündigt, nun sei es am letzten Mai geschehen. An ver­dächtigen Leuten und Dingen habe es nicht gefehlt. — Das österreichische Abgeordnetenh aus hat ein­stimmig beschlossen, die Regierung aufzufordern, für die Hinterbliebenen der Opfer dieser Katastrophe aus­reichend Sorge zu tragen und die Namen der bei den Rettungsarbeiten betheiligten Personen auf einer Marmortafel zu verewigen.

* Paris, 3. Juni. In Saint-Quen wurden fünf Anarchisten verhaftet, bei denen man Waffen und zahl­reiche Dynamitbomben fand, welche von dem Dieb­stahl in Sofia berrühren sollen.

* Rom, 3. Juni. Der hl. Vater hat, wie Pariser Blätter berichten, allen Nuntiaturen einen Bericht über die Behandlung der katholischen Missionen in Uganda zugehen lassen mit der Anweisung, denselben bett Re­gierungen zu unterbreiten und gegen die abscheuliche Verletzung der Freiheit der afrikanischen Missionen Verwahrung einzulegen.

• Die italienische Deputirtenkammer hat die sofortige Anwendung der Weinzollklausel in geheimer Abstimm­ung mit 181 gegen 63 Stimmen beschlossen, nachdem zuvor der Finanzminister die Zustimmung der Regierung konstatirt und erklärt hatte, daß die italienischen Produ­zenten nahezu einstimmig den ihnen gewährten Zollschutz ablehnten. Die Weinzollklausel ist in folgender Fassung angenommen' „Die Regierung ist ermächtigt, für die meistbegünstigten Länder den Einfuhrzoll auf 1 Hektl. Wem in Fässern und Gebinden auf 5 Francs 77 Cts. herabzusetzen."

* In Rußland tritt am 4. Juni die vom Zaren eingesetzte Getreidekommisfion zusammen, um über die Aufhebung weiterer Getreideausfuhrverbote, insbesondere des Verbots Weizenausfuhr, zu beschließen.

* Petersburg, 3. Juni. Der bis ungefähr den 10. Mai alten Stils reichende Bericht des Ackerbau- Departements über den Stand der S a a t e n im euro­päischen Rußland besagt: Der schneereiche Winter habe den Boden fast durchgängig genügend gut befeuchtet, was hauptsächlich zur Aufbesserung des Standes der Wintersaaten im Frühling beigetragen hat. Es habe sich zwar im April Mangel an Regen fühlbar gemacht, allein der im Mai allenthalben niedergegangene Regm habe die Saaten sehr erfrischt und die beste Hoffnung auf eine befriedigende Ernte gegeben. Die Sommer­saaten stehen größtentheils befriedigend, stellenweise so­gar auch die Wintersaaten.

Wie die Blätter melden, wird der Reichsrath dieser Tage Gesetzentwürfe berathen, welche die Regierungs- kontrole über die Synoden der evangelischen Geistlich­keit und eine „Reorganisation" der Pfründegüter dieser Geistlichkeit in den b altisch en Gouvernements, so­wie eine „Reorganisation" der Verwaltung der katho­lischen Kirchen Rußlands betreffen.

* Loudon, 3. Juni. Die ,Times' ist ermächtigt, mitzutheilen, daß die Verlobung der Prinzessin Maria von Edinburg mit dem Thronfolger von Rumänien stattgefunden hat.