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Die altehrwürdige Bonifatiusstadt

hat sich aus Anlaß der diesjährigen großen Wall­fahrten nach dem Grabe des Apostels der Deutschen zu dem herrlichen Doppelfeste, das in diesen Tagen begangen wird, Prächtig geschmückt. Auch die stille Domgrust, die irdische Ruhestätte des großen Apostels, trägt ein würdiges Festgewand. Das hohe Pfingst­fest ist gekommen und mit ihm zugleich der für die Stadt und Diözese Fulda, ja für ganz Deutsch­land so bedeutungsvolle Festtag des hl. Boni­fatius. Die beiden Feste stehen auch in einer gewissen inneren Beziehung zu einander,weil der hl. Bonifatius als Erzbischof und Märtyrer ein Nachfolger der Apostel war, welche am Pfingstfeste vom hl. Geiste erfüllt wurden, so daß sie plötzlich in verschiedenen Sprachen reden konnten, um die Lehre Christi, des Gekreuzigten, allen Völkern zu verkündigen. Nachdem den Aposteln der sichtbare Schutz des göttlichen Erlösers entzogen war, sollte der hl. Geist als Helfer und Tröster unsichtbar die Stelle Christi vertreten. Den Namen „Tröster" hat der hl. Geist, der Geist der ewigen Liebe, wiederholt aus dem Munde des Erlösers erhalten. Gnaden des hl. Geistes hatten die Apostel schon vor dem Pfingstfeste empfangen. Als Jesus nach seiner Auferstehung das hl. Bußsakrament einsetzte, sprach er: „Empfanget den heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden nachlasset, denen sind sie nachgelassen, und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten."

Was aber das Pfingstfest Eigenthümliches hat, ist die Fülle, der Umfang und die Unmittelbarkeit der Mittheilung des göttlichen Gnadenspenders. Jeder einzelne der ersten Lehrer der Kirche, der auser­wählten Apostel empfing ein so großes Maß von Gnaden, daß es gleichsam überströmte. Jeder der im Saale zu Jerusalem versammelten Apostel wurde ein Tempel des Geistes Gottes. Jeder der auf diese Weise wunderbar Begnadeten wurde selbst zum Geber und Ausspender, zu einem Werkzeug der Offenbarung des hl. Geistes. Welch' plötzliche Umwandlung! Es war ihnen unmöglich, die em­pfangene göttliche Gnade stumm in ihre Brust zu verschließen. Die zwölf Fischer, die keine andere Sprache kannten als ihre Muttersprache, redeten plötzlich in verschiedenen Sprachen! In Jerusalem waren an diesem Pfingstfeste viele fremden Juden aus ganz Palästina und aus den entlegensten Län­dern. Jeder der Anwesenden hörte seine Mutter­sprache aus dem Munde der Verkündiger der Lehre des gekreuzigten Jesus von Nazareth. Dieses Wunder bewirkte in den Fremden und in Allen, die fremder Sprachen kundig waren, große Ueber- raschung, so daß sie laut ausriefen: „Sind nicht alle Diese, die da reden, Galiläer ? Wie hören wir denn ein Jeder seine Sprache reden, in der wir geboren sind? Wir hören sie in unseren Sprachen die großen Thaten Gottes aussprechen." Durch

dieses Wunder sollten sich die Apostel bewußt wer­den, daß sie von nun ab gewaltige Rüstzeuge in der Hand Gottes seien. Dieses Wunder der gött­lichen Allmacht sollte die Bekehrung der Welt zum Christenthume beschleunigen. Es sollte dadurch auf die neue, die beginnende christliche Welt hinge­deutet werden. „Warum seid ihr so furchtsam, ihr Kleingläubigen?" hatte der Herr einst die Apostel angeredet. Nun ist alle Furcht, alle Unruhe und Angst aus ihnen entschwunden. Der Glaube zeigt ihnen Jesum Christum im überirdischen Lichte, die Hoffnung versichert sie des ewigen Lebens, und die Liebe verbindet sie unzertrennlich mit der hl. Dreifaltigkeit. Petrus erhebt sich alsbald, um den Auftrag seines Herrn und Meisters zu erfüllen: „Weide meine Lämmer, weide meine Schafe", in­dem er aus der Mitte seiner Brüder tritt und auf dem Markte zu Jerusalem zu dem versammelten Volke redet. Petrus, das Haupt der Kirche, der erste Papst, hält seine erste feierliche Ansprache an den Erdkreis. Er und seine Mitapostel sprechen, wie es ihnen der hl. Geist eingibt, und zwar sprechen sie mit einer Macht der Begeisterung und Ueberzeugung, mit einer Kenntniß, Würde und Tiefe, daß Viele, welche sie hören, davon überwältigt werden und sich der christlichen Wahrheit zuwenden. Das Judenthum und Heidenthum fängt an zu wanken, das Senfkörnlein des Evangeliums beginnt zu

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128 Sonntag, den 5. Juni 1892. 19. Jahrgang

Fuldaer MZeitung

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Sch.

Es wallt durch alle, alle Thäler, wallt Von steiler Höh' hernieder. Die stumme Felswand wiederhallt Vom Klang der Gotteslieder, Auf jeder Spur, auf jedem Pfad Zieht's pilgernd zur Apostelstadt.

Die heil'gen Hallen öffnen sich. Es harren still die Pforten, Und durch den Raum bricht's feierlich In rauschenden Akkorden, Und rufend zu dem fernsten Grund Dringt „Hosiannas" eh'rner Mund. —

Der Ruf erscholl; — wie Wogenfluth Durchbraust's Germaniens Marken; In der Begeisterung Himmelsgluth Reift gläubiges Erstarken;

Aus allen Gauen hell hervor Die Gottesflamme schlägt empor.

Und in Begeistrung, rein und wahr Der tiefsten Brust entnommen, Ruft Fulda Dir, du Glaubensschaar Ein grüßendes Willkommen: Euch grüß ich Pilger ohne Zahl, Seid mir willkommen allzumal!

Es folgt das Volk in mächt'gem Strom, In langer Wallfahrtkette, Drängt fluthend hin zu Fulda's Dom Bewährter Zufluchtsstätte;

Zu klagen dort dem Glaubensheld Der Kirche Schmach vor aller Welt. —

Der Ruf erscholl, die Kunde drang Durch Hütten und Paläste: „Auf, rüstet euch zum Gnadengang, Auf, auf zum Glaubensfeste! Sankt Winfrieds Hirtenstimme ruft Sem Volk heran zur heil'gen Gruft!"

Die für der Menschheit höchstes Gut In kühner Feinde Mitten Mit offner Stirn und freiem Muth Gar männiglich gestritten, Mannhaft und stolz für's heil'ge Recht, Sankt Winfrieds Söhne fromm und echt:

Sie drängen ernst sich um sein Grab, Die Hüter seiner Werke, Zu flehen seinen Geist herab, Daß sie in seiner Stärke Fortstreitcn treu und unentwegt Für Gottes und der Kirche Recht.

Vorau die sturmgeschloss'ne Schaar, Im wild'sten Kampfgestöhne Die Helden gut, die Helden wahr. Sankt Winfrieds tapfre Söhne, Die Mannen bieder, stark und echt, Der Hort für Glaube, Wahrheit, Recht. —

Der Ruf erscholl; — sein mahnend Wort Trägt weithin in die Runde Mit Wellenschlag von Ort zu Ort

Die große Pilgerkunde;

Rings aus dem ganzen, deutschen Land Es roogtlunb wallt zum Fuldastrand.

Horch, der Glocken Jubeldröhnen, der Osanna tiefer Ton, Sang des Bolk's, Kanonendonner, Weihrauch steigt zum Wolkenthron! Stolz die seid'nen Fahnen flattern, blähend sich im Morgenlicht, Auf des Baldachines Purpur fchön der Sonne Gluth sich bricht!

Wie der Gläub'gen Pilgerzüge einst 'gen Zion's Trümmerrest, Drängen sich des Kreuzes Schaaren heut' heran von Ost und West; Sandten doch der Söhne Beste alle Gau'n des Vaterland's, Drunter manche Glaubensstreiter, hell umstrahlt von Ruhmesglanz.

Glaube, Hoffnung und die Liebe sind ihr Argonauten-Kahn, Doch das gold'ne Vließ, das ihnen vorschwebt auf der Pilgerbahn, Ist das Grabmal des Apostels in der stillen Domesgruft, Dahin sie ein mächtig' Sehnen und des Herzens Stimme ruft.

Wie die Schwäne in Geschwadern nach dem sonn'gen Süden zieh'n, Schwingen Aller Herzenswünsche sich zum Vatikane hin. Alle schwellt am theuren Grabe eine muth'ge Zuversicht: „Keine Nacht war je so finster, daß nicht obgesiegt das Licht!"

Jenes Licht, das den Bekennern tief und stillverborgen glüht. Doch dereinst im Strahlenschimmer demanthell die Welt durchsprüht; Ja, des Rechtes ros'gen Morgen werdet Ihr noch dämmern seh'n. Und im eto’gen Siegerglanze über Roma's Zinnen steh'n!

Emil von Boxberger.