JV 125
Donnerstag, den 2. Juni 1892.
19. Jahrgang
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Deutsches Keich.
Berlin, 31. Mai.
* Der Kaiser hielt heute früh auf dem Tempel- Hofer Felde die große Frühjahrs-Parade der Garnisonen Berün's und Umgebung ab. Die Kaiserin wohnte mit der Königin-Regentin der Niederlande und der Herzogin von Edinburg dem glänzenden militärischen Schauspiele bei, während die jugendliche Königin der Niederlande, Wilhelmine, in Potsdam zurückgeblieben war. Unter den anwesenden Generälen befanden sich die General- Feldmarschälle Prinz Albrecht und Graf Blumenthal, General-Oberst v. Pape, Reichskanzler Graf Caprivi, Kriegsminister v. Kaltenborn u. A. Während der Vorbeifahrt an der Front hielt sich der Kaiser zur Linken des Wagens, in welchem die Königin Emma saß, hielt sich aber einige Schritte zurück und überließ somit das Abnehmen der Parade der Königin, Beim Vorbeimarsch führte der Kaiser das 4. Garde-Regiment der Königin Emma und seiner Gemahlin vor. Eine brillante Suite folgte den Majestäten; viel bewundert wurden die stattlichen Figuren des niederländischen Gefolges mit ihren pompösen Bärenmützen. Das Kaiserpaar und seine hohen Gäste wurden von der nach Tausenden zählenden Menge auf dem Paradefelde selbst, sowie bei dem Einzüge in Berlin jubelnd begrüßt. Nach der Parade führte der Kaiser der Königin Wilhelmine, die inzwischen nach Berlin gekommen war, vor dem Schlosse die Fah- nen-Kompagnie vor. Die Königin der Niederlande ist « la suite des 4. Garde-Regiments, die Herzogin von Edinburg ä la suite des Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiments gestellt worden.
* Der ,Reichsanzeiger^ veröffentlicht amtlich die anläßlich der Anwesenheit des Kaisers in Pommern und Westpreußen erfolgten Auszeichnungen. Die wesentlichsten derselben sind bekannt, 135 Personen, Civil und Militair, erhielten Orden und Ehrenzeichen, 7 Personen Hofwürden, 10 Personen wurden Rangerhöhungen zu Theil. Gleichzeitig werden die anläßlich des Zustandekommens des deutsch-österreichischen Handelsvertrags vom deutschen Kaiser an österreichische und ungarische Beamte erfolgten Ordensverleihungen veröffentlicht.
* Dem Abg. Dr. Peter Reichensperger ist anläßlich seines 83. Geburtstags am 28. Mai ein freundliches Glückwunschschreiben des Präsidenten des Abgeordnetenhauses, Excellenz v. Köller, zugegangen. Herr Dr. Reichensperger hat dem Präsidenten für diese ehrenvolle Aufmerksamkeit in herzlichster Weise seinen Dank ausgedrückt. Auch die Centrumsfraktion des preußischen Abgeordnetenhauses hat auf ihre Geburtstags- Adresse em freundliches Antwortschreiben des Herrn Dr. Reichensperger erhalten.
* Sn der 17. Plenarsitzung vom 31. Mai berichtet das Herrenhaus die von seiner Handelskommission beschlossene Resolution, wonach die Regierung die Bestrebungen auf Abänderung der Knappschaftskassen-Ge- letzgebung nicht unterstützen soll. Ein Antrag Durand „zur Zeit" einzuschalten wird abgelehnt, die Resolution unverändert angenommen. Das Haus erledigt sodann Petitionen. Kommission empfiehlt betr. der Petition
Das verhiingnißvolle Testament.
Nach dem Englischen von H. v. Remagen.
(3. Fortsetzung.)
„Wir wollen hoffen, daß Sie nach Ablauf der zwei Jahre günstigere Ansichten über die Sache haben, "Mylord," warf Mr. Beale ein. „Unter uns gesagt, baue ich fest darauf. Sie können sich nicht darüber täuschen, daß Sie viel Chancen für sich haben; Miß Cameron ist ein reizendes Mädchen und Ihnen, wenn ich mich nicht täusche — sehr geneigt."
„Sprechen wir weiter nicht darüber," erwiderte Lord Rylestone. „Ich habe Ihnen ein für alle Mal gesagt, daß es mir unmöglich ist, den Wunsch des seligen Lords zu erfüllen. Ich sehe meinen Weg jetzt klar vor nut — ich muß meine Schulden bezahlen, wenn ich auch den letzten Schilling hingebe, und mich dann nach irgend einer Stellung in den Kolonieen umthun."
„Miß Cameron diesen Entschluß zu eröffnen, wird keine leichte Aufgabe sein," bemerkte Mr. Beale.
„Ich mag die Frage nicht weiter erörtern," sagte Lord Rylestone kurz und trat an den Tisch, auf dem die Papiere lagen, während der Notar wieder seinen Platz einnahm.
der Wirthschafts- und Steuerreform, welche Einführung der Silberwährung rc. fordert, Ueberweisung an die Regierung zur Berücksichtigung. Reichsbankdirektor Koch beantragt Tagesordnung. Die Petition wird nach längerer Debatte der Regierung zu „eingehender" Erwägung überwiesen, eine Petition des Vereins für Bodenbesttzreform betr. Erlaß von Bestimmungen zu Gunsten der Bauhandwerker zur Berücksichtigung. Morgen: Schlesische Wasserleitung rc. Schluß 41/« Uhr.
* In der 72. Plenarsitzung vom 31. Mai nahm das Abgeordnetenhaus zunächst den Gesetzentwurf betr. das Diensteinkommen der Lehrer an den höheren nichtstaatlichen Anstalten in 3. Lesung an. Seitens des Centrums wird der Zeitpunkt des Abschlusses des Gesetzes für ungünstig erklärt, da man sich mitten in Schul- und Steuerreform befinde. Regierungsseitig wurden die bereits gegen § 1 erhobenen Bedenken wiederholt und um Ablehnung des § 2 gebeten, wie ihn ein Antrag Kropatscheck (kons.) umformen will. Das Haus nimmt jedoch diesen Antrag an. Gegen das ganze Gesetz stimmt das Centrum.' Es folgt die 2. Berathung des Gesetzentwurfs betr. Besetzung gewisser Stellen im Kommunaldienst durch die Militäranwärter. Die Konservativen lassen erklären, daß sie nur für das Gesetz stimmen werden, wenn die Beschlüsse 2. Lesung aufrecht erhalten bleiben. Regierungsseitig wird erklärt, daß das Gesetz nur annehmbar sei, wenn mindestens die Grenze des Gesetzes nach einem Antrag Tschoppe auf Ortschaften mit 2000 Einw. festgesetzt wird. Dieser Antrag wird trotzdem abgelehnt und ein Antrag Eberly angenommen, der Wiederherstellung der Regierungsvorlage verlangt. Im Uebrigcn werden die Beschlüsse der 2. Lesung aufrecht erhalten, namentlich ein Centrumsantrag, wonach die Anstellungspflicht von Militäranwärtern sich nicht auf kommunale Kassen erstrecken soll, abgelehnt. — Nächste Sitzung den 13. Juni.
* Der .Reichs- und Staatsanzeiger' veröffentlicht nachstehende Erklärung: „Berlin, den 29. Mai 1892. Zur Broschüre „Neue Enthüllungen, Judenflinten I. und II. Theil" wird hierdurch auf Grund der inzwischen angestellten Ermittelungen Nachstehendes veröffentlicht: 1) Die von der Kommanditgesellschaft auf Aktien, Ludwig Löwe u. Komp, hier, fm die Militärverwaltung gelieferten 425,000 Gewehre 88 entsprechen allen Anforderungen, die an die Kriegsbrauchbarkeit derselben zu stellen sind. 2) Die sämmtlichen in der Broschüre angeführten, bei Truppen vorgekommenen Sprengungen von Gewehren 88 betreffen nicht Löwe- sche Gewehre .Der Kriegsminister, gez. v. Kaltenborn." — Die ,Nordd. Allg. Ztg.'kann daran die Bemerkung knüpfen, daß nach ihren Informationen die bei den Militär- und Civilgerichten schwebenden Untersuchungen mit thunlichster Beschleunigung betrieben werden; bis zum Abschluß derselben dürfte aber bei der großen Zahl der zu vernehmenden Zeugen und Sachverständigen immerhin noch einige Zeit verstreichen. Es darf schon jetzt als feststehend betrachtet werden, daß ein Theil der thatsächlichen Behauptungen der Ahl- wart'schen Broschüren völlig unrichtig ist. Zu einem anderen Theil mögen die Ahlwardt'schen Angaben an sich vielleicht zutreffen, sie sind aber keineswegs geeig-
„Jch habe noch einen Punkt zu erledigen," verkündete der Notar.
„Mein verstorbener Client hat nämlich außer seinem Testamente noch einen Brief zur Erläuterung hinterlassen, der mit demselben gleichzeitig vorgelesen werden soll. Ich wollte ihn also mit Ihrer Genehmigung, Miß Cameron, und der Ihren, Mylord, jetzt vortragen."
Miß Cameron erhob ihr Haupt einen Augenblick und verbarg das Antlitz dann wieder in den Händen. Lord Rylestone gab etwas unfreundlich seine Einwilligung. Der Notar öffnete einen Brief und las:
Ich ruhe bereits im Grabe, wenn das Testament, dessen Abfassung mir so viel sorgenvolle Stunden bereitet hat, eröffnet wird. Ich wünsche, daß dieser Brief gleich darauf vorgelesen wird, sein Inhalt entstammt dem tiefsten Grunde meines Herzens. Indem ich Euch, meine Kinder, mit den engsten Banden aneinander zu fesseln suche, thue ich das, was ich nach reiflichster, gewissenhaftester Erwegung für Euer Bestes halte. Dir, Allan, wird das Erbe eines der ältesten, edelsten Namen zu Theil, und wenn Du meinen Wunsch erfüllst, gelangst Du gleichzeitig in den Besitz eines großen Vermögens — weigerst Du Dich, so bist Du gezwungen, Geld zu verdienen, um den Ansprüchen
net, eine richtige Vorstellung von den Verhältnissen bei der Prüfung und Abnahme der Gewehre zu geben, so daß alle aus ihnen gezogenen Schlüsse hinsichtlich der Beschaffenheit der Löwe'schen Waffenlieferung hinfällig erscheinen.
* Im Elfer - Ausschuß der konservativen Partei haben die Herren v. Helldorf-Bedra, von Rauchhaupt und von Levetzow die Mitgliedschaft des geschästs- führenden Ausschusses niedergelegt. An ihrer Stelle wurden gewählt Frhr. von Manteuffel-Krossen, von Rauchhaupt und Graf Mirbach. Vorsitzender ist an Stelle Herrn v. Helldorf's Herr von Manteuffel geworden.
* Gegen die Wiedereinführung der Prügelstrafe schreibt die ,Nordd. Allg. Ztg. am Schluffe eines an- ickein nd offiziösen Leitartikels: „Bei unserer heutigen Anschauungsweise haben die Bestrebungen auf Wiedereinführung der Prügelstrafe als eines richterlichen Strafmittels keine Aussicht auf Erfolg. Ja selbst als Diszipliuarmittel hat sie eine auerkenuenswerthe Bedeutung eigentlich nur als ein Erziehungs- und Besserungsmittel bei den jugendlichen Strafgefangenen. Um für erwachsene Gefangene in den Zuchthäusern oder Gefängnissen selbst als ultima ratio, beispielsweise bei besonders schwerer Unbotmäßigkeit, oder als gleichsam ein Akt staatlicher Nothwehr gegen Personen, die sich selbst der Menschenwürde entkleidet haben, mit Erfolg verwerthet zu werden, erscheint sie uns einerseits zu brutal, anderseits überholt durch andere, auf die Dauer, um nicht zu sagen raffinirter, doch nachdrücklicher einwirkende Zwangsmittel."
* Bei dem Berliner Landgericht II begann heute die Verhandlung gegen den früheren Prediger von Weißensee, Harder. Derselbe ist angeklagt, in 29 Fällen unsittliche Handlungen mit Konfirmanden und in mindestens 20 Fällen solche Handlungen mit Schülern unter 14 Jahren vorgenommen zu haben.
* Dem Erfinder der Lithographie, Alohs Sene- felder, wird in Berlin ein Denkmal errichtet, wozu die Kgl. Genehmigung bereits erfolgt ist.
Ausland.
* Der Streik der Glasarbeiter des Jsergebirges, der am Mittwoch wegen Nichteinhaltung der festgesetzten Minimallöhne ausgebrochen war, nimmt, wie aus Reichenberg in Böhmen gemeldet wird, einen bedenklichen Umfang an; gegenwärtig sind über 3000 Glasarbeiter ausständig. Es verlautet, daß die Dauer des Streiks auf sieben Wochen normirt fei.
* Nicht wenig stolz werden die Franzosen auf ihr neues Repetirgewehr sein, dessen Kaliber 6*/2 Millimeter und dessen Patronengewicht 20 Gramm beträgt. Die Schießproben im Lager von Chalons durch die Normal-Schießschule sind beendet und das „XIX Siecle" kann melden, daß dies neue Repetirgewehr die Gewehre aller übrigen Systeme übertreffe.
* König Alexander von Serbien war am Sonntag in ernster Lebensgefahr, indem er sich in seinem Wagen auf dem Bahngeleise befand, als gerade ein Bergnü- gungszug auf ihn zuraste. Der König wäre unrettbar verloren gewesen, wenn sich nicht ein beherzter Gendarm
Deines Namens gerecht zu werden. Du, theuere Adelaide, hast mir so nahe wie eine geliebte Tochter gestanden, und ich habe stets Dein Wohl im Auge gehabt. Ich weiß, daß Dein Herz noch frei ist, und wenn Du Allan Deine Hand reichst, wirst Du eine der glücklichsten Frauen der Welt werden. Du bist meine Erbin. In der Voraussicht, daß Du, wenn die fragliche Bedingung nicht erfüllt wird, den Reichthum ungern annehmen wirst, der Dir auf diese Weise zufällt, habe ich Dir keinerlei Wahl gelassen — er ist Dir so unweigerlich verschrieben, daß Du ihn durch keinerlei Schenkung oder Abtretung an einen Anderen überweisen kannst. Darum reicht Euch über meinem Grab die Hände, geliebte Kinder, und erfüllt den letzten Wunsch eines alttn Mannes."
Nachdem das letzte Wort des Briefes verklungen war, entstand wiederum tiefes Schweigen, bis Lord Rylestone vortrat.
„Ich sehe keine Veranlassung, diese für alle Betheiligten so äußerst peinliche Scene noch zu verlängern. Ueber meine Lage bin ich mir völlig klar. Ich bin Lord Rylestone auf Walton und hade ein ehrliches Einkommen von tausend Pfund, mit dem es mir obliegt, den Anforderungen meiner Stellung zu genügen, wenn ich mich nicht einer Bedingung füge,