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JV 124

Mittwoch, den 1. Juni 1892.

19. Jahrgang

iildaer W Zeitung

«imeyayrucyer noonneu +> .Rathgeber für Landwirthschaft. Gartenbau und Hauswesen" m Fulda und auswärts 1 Mark oO Pfennrg.

Deutsches Keich»

Berlin, 30. Mai.

* Der Kaiser ist gestern (Sonntag) Abend wieder in Potsdam eingetroffen. Heute Nachmittag wurde vor dem Neuen Palais eine Generalprobe zu dem großen Zapfenstreiche abgehalten, der morgen Abend zu Ehren der Königinnen der Niederlande stattfinden soll. Morgen Vormittag findet auf dem Tempelhofer Felde die große Frühjahrsparade statt, welcher die Königinnen der Niederlande, die heute Abend hier eintreffen, die Herzogin von Edinburg, Prinz und Prinzessin Albrecht und andere Fürstlichkeiten beiwohnen werden.

* Der Hochw. Herr Bischof Dr. Simar von Paderborn trifft morgen (Dienstag) hier ein, um sich dem Kaiser vorzustellen.

* Die heute auf städtische Kosten erfolgte Beerdigung deS Oberbürgermeisters v. F-rckenbeck verlief unter großer Theilnahme der Bevölkerung. Der Kaifer und die Kaiserin hatten dem Sohne des Verstorbenen Bei­leidstelegramme übersandt. Die Kaiserin war durch ihren Oberhofmeister, die Kaiserin Friedrich durch General v. Mischke vertreten. Der Reichskanzler, der Ministerpräsident, die Minister v. Bötticher, Herrfurth, Miquel und Bosse, der Minister des König!. Hauses, die Präsidenten des Reichstags, des Herrenhauses und des Abgeordnetenhauses und viele andere hohe Würden­träger nahmen persönlich an der Feier Theil. Am Sarge sprachen Bürgermeister Zelle und Stadtver­ordnetenvorsteher Dr. Stryck; die Gedächtnißrede auf dem Friedhöfe hielt Pastor Hoßbach. Die katholisch­kirchliche Einsegnung war verweigert worden, weil sich der Verstorbene vom kirchlichen Leben völlig fern ge­halten und auch während seiner Krankheit in keiner Weise den Wunsch nach den Heilsmitteln der Kirche zum Ausdruck gebracht hat.

* DaS Herrenhaus wird heute Abend in dem Garten des Herrenhausgrundstücks zu einem Gartenfest vereinigt fein. Zu demfelben sind auch der Vorstand des Abgeordnetenhauses, der Reichskanzler und die Minister geladen.

* In der 16. Plenarsitzung vom 30. Mai erledigte das Herrenhaus die Sekundärbahnvorlage. Eine von dessen Eisenbahnkommission beschlossene Resolution, wo­nach die Kosten für 2. und weitere Geleife rc. in den Etat eingestellt und aus den laufenden Einnahmen ge­deckt werden sollen, wird angenommen, sowie die Berg­gesetz-Novelle en bloc. liebet eine hierzu beschlossene Resolution soll morgen berathm werden. Nächste Sitzung: Dienstag. Tag.-Ord.: Berathung einer Re­solution rc. Schluß 5 Uhr.

* In der 71. Plenarsitzung vom 30. Mai nahm das Abgeordnetenhaus zunächst in 3. Lesung den Nach­tragsetat, (Wasserversorgung für Oberschlesien) an und trat sodann in die 2. Berathung des Gesetzentwurfs bett. die Besetzung der Subaltern- und Unterbeamten­stellen in der Verwaltung der Kommunalverbände mit Militäranwärtern. § 1 der Beschlüsse des Herren­hauses bestimmt, daß diese Stellen, excl. die in der Forst­verwaltung, vorzugsweise mit Militäranwärtern zu be-

Das verhängnisvolle Testament.

Nach dem Englischen von H. v. Remagen.

(2. Fortsetzung.)

Es waren noch verschiedene Einzelheiten dabei be­stimmt, das eben Erwähnte bildete aber den Haupt­punkt. Während dieser zwei Jahre war Miß Cameron ein jährliches Einkommen von zehntausend Pfund ge­sichert, indefsen Allan nur zweitausend Pfund erhielt. Wenn Allan nach zwei Jahren in die Erfüllung dieser Bedingung willigte, so war das große Vermögen sein, und er war Herr von Waltoncourt mit einem jähr­lichen Einkommen von fünfzehntaufend Pfund; sollte er sich aber im Gegentheil weigern, Miß Cameron zu Gemahlin zu machen, so fiel ihr das Vermögen sofort zu, und er erhielt nur ein Legat von fünftausend Psund. Das übrige Einkommen war in diesem Falle so unab- tveislich auf Miß Camerons Person übertragen, daß ihr die Möglichkeit, anderweitig darüber zu verfügen, völlig benommen war. Der Testator äußerte ferner in feiner letztwilligen Bestimmung, dah er keinen Zweifel darein setze, daß seine Nichte Adelaide Cameron sich seinem letzten Wunsche fügen werde, sie sich ihm stets sanft und gehorsam erwiesen habe, zumal, da er seine Bestimmungen nur in Rücksicht auf ihr Glück und Wohlergehen, für das ihm eine Vermählung mit Allan

setzen sind. Die Kommission hat auch die Landgemeinden mit weniger als 3000 von dieser Bestimmung ausge­schlossen, jedoch soll die Ausdehnung der Verpflichtung auf diese Bezirke Kgl. Verordnung überlassen bleiben. Abg. Eberty beantragt den Zusatz der Kommission zu streichen: für diesen Antrag sprechen Naüonal- liberale, Freisinnige und Konservative, während die Konservativen für den Kommifsionsantrag sich ver­wenden. Regierungsseitig wird darauf hingewiesen, daß der Kommissionsantrag die Zahl der Stellen für civil- versorgungsberechtigte Unteroffiziere schmälere; dieses könne nicht ohne Rückwirkung auf der Bereitwilligkeit im Dienst zu verweilen bleiben, und werde so die Wehrhaftigkeit geschwächt werden; die Lasten des Heeres müßten zudem gemeinschaftlich getragen und dem Lande hier keine Bevorzugung gegenüber den Städten eingeräumt werden. Schließlich wird § 1 in der Kommissionsfassung angenommen. § 2 führt die Stellen an, welche ohne Ausnahme und § 3 die, welche mindestens zur Hälfte mit Militäranwärtern besetzt werden sollen. Centrumsanträge, welche eine Aenderung dieser Aufstellung bezwecken, werden abgelehnt, die §§ in der Fassung der Vorlage angenommen. Schließlich wird eine Resolution betr. den Pensionirungsmodus dieser Beamtenkategorie als zur Kompetenz des Reichs gehörend, abgelehnt. — Nächste Sitzung Dienstag. Tagesordnung: Lehrerdiensteinkommen. Schluß 3^ Uhr.

* Der sozialdemokratische Schriftsteller Peus begab sich gestern, von mehreren hundert Parteigenossen be­gleitet, nach Plötzensee, um die ihm zudiktirte sechs- monatliche Gefängnißstrafe anzutreten. Dabei kam eS zu Konflikten zwischen Sozialisten und Polizei, wobei die letztere schließlich blank zog und die Schaaren zer­streute. Einige Personen wurden verletzt.

* Kostenanschlag für Herstellung des Znknnfts- staates. Im Jahre 1328 ober 1869 hat Herr Bebel den ungefähren Bedarf an Menschenköpfen berechnet, welche seiner Schätzung nach zur Herstellung des sozial­demokratischen Zukunftsstaates erforderlich sein dürften. „Wir brauchen hundert tausend Köpfe, dann ist Alles fertig!" So hat, wie wenigstens also Dr. Hans Blum mittheilt, („Die Lügen unserer Sozialdemokratie", S. 329) Bebel, der Oberbaumeister der neuen Welt, sich dem sächsischen Abgeordneten Dr. Götz, Leipzig-Lindenau, gegenüber ausgesprochen. Mit dieser Kleinigkeit würde sich der findige Baumeister begnügen und sich dafür anheischig machen, ohne weitere Nachforderung das „Himmelreich auf Erden", den Zukunstsstaat mit allem Zubehör von Atheismus und freier Liebe fix und fertig herzustellen. Wer die Schwierigkeiten eines solchen Bau­unternehmens nicht kennt, dem mag die ausbedungene Summe von hunderttausend Menschenköpfen allerdings als etwas hochgegriffen erscheinen. Wir aber müssen gestehen, daß wir die beantragte Pauschalsumme Bebels sehr mäßig finden, wenn wir den Preis vergleichen, den ein anderer Bolksbeglücker und Vorfahre des Sozialdemokratengenerales für eine Leistung ganz ähn­licher Art verlangt hat. Ein Held der großen franzö­sischen Revolution, der genau wie unser sächsischer Drechslermeister das Reich der Freiheit, Gleichheit und

Brand Estcourt sichere Bürgschaft böte, getroffen habe. Das Testament schloß mit einigen Legaten für alte, treue Diener, und als endlich die Stimme des Notars verklungen war, herrschte tiefe Stille in dem weiten Raume. Miß Cameron brach das heimliche Schweigen zuerst, indem sie sich von ihrem Platze erhob und das Zimmer durchschritt. Sie wendete Lord Rylestone ihr bleiches stolzes Antlitz zu und schien in diesem Augen­blicke der anderen Personen gänzlich zu vergessen; denn sie sprach zu ihm, als wären sie beide ganz allein. „Ich bedauere das Geschehene unendlich", sagte sie bescheiden, „ich habe keine Ahnung gehabt, daß mein Oheim sich mit derartigen Plänen trug. Er hat gegen uns Beide grausam gehandelt, und ich hoffe, daß Sie mir deshalb vergeben werden."

Ihre Lippen bebten bei diesen Worten'. So tief ihn das Vernommene und die daraus folgende schmerz­liche Enttäuschung auch erschüttert hatte, so besaß er doch Selbstbeherrschung genug, um sie m verbind­lichstem Tone zu versichern, daß er ihr durchaus nichts zu vergeben habe, da sie ihm ja kein Unrecht zugefügt.

„Und dennoch zürnen Sie mir", sagte ste traurig. „Vorhin waren Sie so freundlich zu mir, daß ich hoffte, Sie würden mir Ihr Wohlwollen schenken, und jetzt blicken Sie mich so kalt und strenge an.

Brüderlichkeit auftichten und die Vernunft und die echte Menschenliebe auf den Thron heben wollte, Marat unrühmlichen Andenkens, hat auch vorausberechnet, wie viel Menschenköpfe etwa unter dem Beile fallen müßten, bis das allgemeine Völkerglück feinen Anfang nehmen könnte. Dieser Revolutionsmann hat aber den Ver­brauch von abgefchnittenen Menschenköpfen fast dreimal so hoch als der bescheidene Bebel angesetzt. In seinem Blatte, das er so sinnreich und sachgemäß den,Volks- freunb' nannte, forderte er die Männer der Freiheit mit zündenden Worten auf, noch zweihundertfiebzig- tausend Köpfe abzuschlagen, nachdem das Volk von Paris, dieser Zögling des echten Menschenthums, ohne­dies schon 6 Tage lang in den Straßen und Häusern nach Herzenslust gemordet hatte. Marat hatte bereits eine Liste entworfen mit 30,000 Namen, deren Trägem er die Köpfe herunterzunehmen gedachte. Die Jungfrau Charlotte Corday tödtete aber diesen Freiheitsheldm meuchlings im Bade, ehe er sein volksfreundliches Vor­haben durchführen konnte. Diese 30,000 Namen im Todtenregister Marats waren offenbar nur der Bor­trab jener 270,000 Schlachtopfer, bereit Blut ber ebte Volkserlöser in echter Bruber- unb Menschenliebe ver­langt hatte. 270,000 Menschenköpfe gegen 100,000! Das ist doch ein Unterschied! Die einmalhunderttausenb verstümmelten Leichen, die Bebel verlangt, bedeuten doch eine sehr merkliche Preisermäßigung, em nahm- haftes Abgebot gegen die Marat'sche Forderung von 270,000 Todtenschädeln. Gewiß würde Bebel, trotz seiner minderen Ansprüche, die Welt nicht weniger be­glücken, als fein Kollege Marat, ber Rechner ber Köpf- maschine. Man sieht, wie bie Zeiten vorwärts schrecken, wie Alles kürzer, prakttscher unb bequemer eingerichtet Wirb als früher. Auch bie Revolution weiß man heute schonender unb liebenswürdiger zu gestalten. Blos 100,000 Menschenköpfe — bann ist Alles fertig. In ber That, bas klingt sehr einfach im Mnnbe ber Leute, welche bie Kriege verabscheuen unb bieselben auf baS Schuldkonto ber kapitalistischen Gesellschaft setzen.

* AuS bem Schreiben Dr. Stuhlmanns, bes Be­gleiters Emin Paschas, an Prof. Supan in Gotha, welches in bem Junihefte von .PeterrnannS Mitthei­lungen' veröffentlicht wirb, geht hervor, daß Emm Pascha zunächst nur bie Absicht hatte, bie geographischen Verhältnisse am deutsch-englischen Grenzparallel (1° S.) zu erforschen, namentlich auch bas Sübenbe bes Al- bert-Ebwarbs-SeeS festzustellen. Am 22. März 1891 erfolgte ber Abmarsch von Kaiuro, unb man zog süd­lich von Stanleys Route durch unbekannte Gebiete zum Südufer deS genannten Se-s, das Anfang Mai er­reicht wurde. Auf dem Wkg- dahin hörte man schon, daß Emins Leute aus ber Aequatorialprovinz sich im Rorbeu des Albert-Edwarb-Sees niebergelassen hätten; es war bies aber, wie sich später herausstellte ein falsches Gerücht. Vom Sübnfer bes Sees brach Emin ben 15. Mai auf unb zog nun im W. desselben unb ber nörblich davon belegenen Schneeberge, von denen Dr. Stuhlmann einen bis 3800 Meter Höhe erflieg, nach Norden, und bei dieser Gelegenheit gelang es auch Emin, mit seinen ehemaligen Leuten, die sich bei

Die Einfachheit und Reinheit, die ans ihrm Worten sprach, schloß unwillkürlich jede Bedeutung ans. Sie hatte eben nur ausgesprochen, was sie fühlte und dachte.

„Ich bedauere das Geschehene ungemein", Wieder­holte sie. „Ich habe niemals Verlangen nach dem Selbe gehabt; ba ich ein eigenes Vermögen besitze, be­durfte ich ber Reichthürner meines Oheims ja gar nicht. O, zürnen Sie mir nicht, ich Will Alles thun, was in meinen Kräften steht, um das Testament umzustoßen." _

Bei diesen Worten näherte Mr. Beale sich ihr.

Das ist unmöglich, Miß Cameron. Der ver- storbeneLordRylestone war körperlich unb geistigvoll- kominen gesund unb beschlußsähig, als er bas Testa­ment machte, deshalb ist es unumstößlich.

Sie rang mit einem verzweifelten Schrei bie Hande.

Aber ich bedurfte bes Geldes gar nicht", rief sie ans." „Es steht mir nicht zu, und ich will es nicht annehmen". r .

Ich habe allen meinen Einfluß angew endet, um meinen Clienten von seinem Vorhaben abzubringen," fuhr Mr. Beale fort, „er erklärte mir aber fest un bestimmt, daß er Sie zu seiner Erbin einsetzen woll d Da er aber sehr wohl wußte, wie nothwendig ba Geld seinem Nachfolger sein würbe, entwarf er diese