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jv 123 Dienstag, den 31. Mai 1892. IS. Jahrgang

Fuldaer W Zeitung

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Bierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen' und der alle 14 Tage erscheinenden Gratisbeilage ,Rathgeber für Landwirthschast, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

* Die Hölnische Zeitung und der Hensel.

Der .Kölnischen Ztg/ ist bekanntlich vor einigen Wochen ein Bericht über eine Teufelsaustreibung in die Finger gefallen, die im vergangenen Jahre in Wemding in Bayern vor sich gegangen ist. Das ist ihr nun höchst unangenehm und sie wehrt sich gegen die wahrheitsgetreue Darstellung dieser Austreibung mit Händen und Füßen. Der geneigte Leser wird nun denken, die .Köln. Ztg/ sei dahinter gekommen, daß der Knabe, der exorcirt wurde, gar nicht besessen ge­wesen sei. Er wird erwarten, daß die Zeitung einen strikten Beweis dafür beibringen werde, daß der Knabe ein schlauer Betrüger und die Kapuziner in Wemding, welche den Exorcismus vornahmen, getäuscht worden seien. Das wäre der einzig richtige Weg gewesm, wenn sie vernünftig und wissenschaftlich hätte handeln ^vollen, und jeder Mensch und auch wir, wären ihr dankbar gewesen, wenn sie zur Aufdeckung eines Be­truges die Hand geboten hätte. Wer indeß Vernunft und Wissenschaft in solchen Angelegenheiten von der ,Köln. Ztg/ erwartet, der kennt das Blatt schlecht. Hohle Phrasen und ein großes Zetergeschrei, daß sind die Waffen, die sie führt. So auch hier. Auf den in Rede -stehenden Fall läßt sie sich toettig ein. Wa­rum auch! Steht es doch von vornherein bei ihr -fest, daß Alles nur Trug und Schwindel ist, weil sie es eben für ganz unmöglich hält, daß „noch jetzt, in unserer gelobten Zeit der Aufklärung, der persönliche Teufel in einen Menschen fahren und aus diesem mit menschlicher Stimme reden könne." Das ist also der ganze Grund. Weil die ,Köln. Ztg/ es nicht glauben Will, es für unmöglich hält, darum ist es nicht wahr. Der Grund ist freilich ein ziemlich fauler, aber man wird oft bemerken können, daß unsere mo­derne Wissenschaft auch mit ihm operirt. Wir wollen nun den Fall in Wemding ganz auf sich beruhen lassen und uns nur mit der Annahme der ,Köln. Ztg/ be­schäftigen, daß es unmöglich sei, daß „in unserer ge­lobten Zeit der Aufklärung" es noch Besessene geben könne. Weßhalb denn? Wenn es überhaupt jemals Besessene gegeben hat, weshalb soll unsere Zeit frei davon sein müssen? Vor was soll denn der Teufel heute so großen Respekt haben? Vielleicht vor der mo­dernen Wissenschaft? Daß Gott erbarm! Die kann gewiß keinem Teufel imponiren. Der muß vielmehr im Gegentheil, Gott weiß wie oft, seine Helle Freude daran Haben, denn zuweilen ist unsere sog. Wissenschaft selbst ganz wie vom Teufel besessen. Bor was denn sonst? Vor den modernen Erfindungen? Wir sehen nicht ein, wie Eisenbahnen und Dampfschiffe, Maschinen und Telegraphen, Dampf und Elektricität, Mausergewehre und Granaten einen besonderen Schutz vor dem Teufel gewähren sollen. Oder was hat denn unsere „gelobte Zeit der Aufklärung" noch sonst für besondere Schutz­mittel vor dem Teufel aufzuweisen. Wir wüßten wirk­lich nichts zu nennen. Oder soll es deshalb keine Be­sessenen mehr geben können, weil die,Köln. Ztg/ es nun einmal nicht glauben will? Wir fürchten sehr,

Das verhängnißvolle Testament.

Nach dem Englischen von H. v. Remagen.

(1. Fortsetzung.)

Bei seinem sehr reichlichen Einkommen wäre das sehr wohl zu vermeiden gewesen, aber Allan handelte ohne alle Ueberlegung. Er war bis zur Verschwendung freigebig und ließ sich nicht gern von irgend einem seiner Bekannten etwas zuvorthun und dadurch gerieth er, ohne sich eigentlich darüber Rechenschaft zu geben, in immer liefere Geldverlegenheiten, die ihm im Grunde aber wenig Sorge machten. Er wußte, daß die ganzen Besitzungen der Rylestones seiner Zeit sein unbestreit­bares Eigenthum werden mußten, und was waren für Lord Rylestones Erben ein paar Tausend Pfund! Zudem war er überzeugt, daß Lord Rylestone, sowie er ihn in Walton besuchte, bereitwilligst seine Schulden bezahlen würde, und dachte also kaum an die drei­tausend Pfund, die er bereits geliehen hatte.

* Lord Rylestone wünschte, daß er sich in der Welt umsah und sich während der Saison in London auf­hielt, um sich eine feste Stellung in der Gesellschaft zu gründen, und Allan war vollkommen bereit, allen diesen Wünschen zu willfahren. Als er sich aber mitten in dem tollsten Treiben, im vollsten Lebensgenüsse befand, erhielt er zu seinem höchsten Erstaunen die Nachricht -von Lord Rylestones plötzlichem Ableben.

daß der Teufel, so lieb ihm daS Treiben der ,Köln. Ztg/ auch häufig sein mag, doch ihr zulieb nicht grundsätzlich auf die Besessenheit verzichtet. Nein, wenn wir annehmen, daß es überhaupt jemals Besessene ge­geben hat —und das müssen alle gläubigen Christen, da ja die Bibel, das Wort Gottes, uns von sol­chen erzählt, — dann müssen wir auch annehmen, daß heute noch eben so gut ein solcher Fall vorkommen kann, wie damals, wie denn auch zu allen Zeiten solche Fälle wirklich vorgekommen sind. Ob im ein­zelnen Falle wirklich eine Besessenheit vorliegt, das ist denn eine andere Frage. Da mag die .Köln. Ztg/ aber sich versichert halten, daß die kirchlichen Organe dann aber auch mit aller Gewissenhaftigkeit und Vor­sicht die Sachlage prüfen und untersuchen werden. Nur wenn man annimmt, daß es überhaupt keine Be­sessenheit geben könne, wenn man den göttlichen Ur­sprung der Bibel verwirft und an keinen Gott und an keinen Teufel glaubt, dann ist die Besessenheit frei­lich ein Unsinn. Und das ist allerdings der eigentlicheStandpunkt der ,Köln. Ztg/, das ist allerdings auch der Standpunkt der modernen Auf­klärung. Sie will nicht glauben, daß etwas Ueber- natürliches existirt, daher der Zorn, wenn plötzlich etwas Uebernatürliches in die Erscheinung tritt und so das ganze Fundament ihres Unglaubens in Frage stellt. Dann erschallt ein Wuthgeheul auf der ganzen Linie des Unglaubens, und die verzweiflungsvollsten An­strengungen werden gemacht, das Uebernatürliche seines Charatters zu entkleiden, es natürlich zu erklären oder als Schwindel und Humbug hinzustellen. Es darf ja nichts Uebernatürliches geben! So gleicht der Un­gläubige dem Verbrecher, der nicht glauben will, daß er verurtheilt wird. Sein Wollen hilft ihm freilich nichts. Wenn seine Stunde gekommen ist,' wird er vor Gericht gezogen und sein Urtheil wird gesprochen.

Deutsches Keich.

Berlin, 28. Mai.

* Aus Kiel wird gemeldet, der Kaiser tritt am 29. Juni auf der Dacht „Hohenzollern" von Kiel aus seine Nordlandsreise an, von der er am 4. Aug. zurückzukehren beabsichtigt. Der Panzer „Siegfried" und das Transportschiff „Pelikan" begleiten die kaiser­liche Dacht.

* Die Begegnung des Zaren mit Kaiser Wilhelm II. beginnt greifbarere Gestalt anzunehmen, denn auch das Kopenhagener Blatt,Dagbladet' bestätigt, daß der Zar mit Kaiser Wilhelm in Kiel eine Zusammenkunft haben werde. Alle russischen Schiffe würden dorthin gehen. Wir können nur nochmals wiederholen, daß, bevor eine offizielle Besuchsansage noch nicht erfolgt ist, der Besuch des Zaren am deutschen Hofe auch noch nicht als sicher anzusehen ist. — Schließlich ist auch noch zu beachten, daß ein „Zusammentreffen" des Zaren mit Kaiser Wilhelm in Kiel kaum als eine freundliche Erwiderung der beiden Besuche Kaiser

Er begab sich sofort nach Walton, und dort wartete seiner eine noch größere Ueberraschung. Als er zwei Jahre zuvor zum letzten Male auf Schloß Walton zum Besuche war, hatte Lord Rylestone ihm allerdings von Adelaide Cameron, einer Nichte, gesprochen und ihm erzählt, daß er sie, da sie eine Waise war, adoptirt habe und daß er sie nun, da ihre Erziehung eben vollendet sei, zum dauernden Aufenthalte in seinem Hause erwarte. Allan hatte sich aber in seinen Gedanken durchaus nicht weiter mit ihr beschäfttgt, obgleich Lord Rylestone mit inniger Zuneigung von ihr gesprochen hatte. In der Zwischenzeit hatte er sie vollends ver­gessen und war ungemein überrascht, bei seiner Ankunft in Walton, dort ein schönes, wohlgewachsenes, vornehm aussehendes Mädchen als Bewohnerin vorzufinden.

Miß Cameron schien durch den Tod ihres Oheims tief erschüttert, und Allan, jetzt Lord Rylestone, sah sie erst nach dem Begräbnisse wieder. Als die sämmtlichen dazu gehörigen Herren sich zur Testamentseröffnung im Bibliothekzimmer eingefunden hatten, vermißte man Miß Cameron plötzlich.

„Ich habe Miß Cameron noch eben gesprochen," sagte Lord Rylestone. „Ich werde sie sogleich her bitten."

Sie saß, als er sie aufsuchte, noch an der Stelle, wo er sie verlassen hatte, und er erstaunte über die

Wilhelms am russischen Hofe angesehen werden kann, hier kann es sich nur um Potsdam oder Berlin handeln.

* Der verstorbene Oberbürgermeister von Berlin, Forckenbrck, war bekanntlich geborener Katholik, ist aber den Ueberlieferungen seiner Väter nicht treu ge­blieben, ja er hat sogar einer Behörde angehört, die zur Bekämpfung des Katholizismus geschaffen war, dem „Gerichtshof für kirchliche Angelegenheiten", und hat als Mitglied dieser Behörde an der „Absetzung" katholischer Bischöfe mitgewirkt. Diese Thatsache kann nicht verschwiegen werden, denn Forckenbecks katho­lischer Taufschein ist unzählige Male als Beweis an­geführt worden, daß die Klagen der Katholiken über Mangel an Parität in Preußen unbegründet seien.

* Das Abgeordnetenhaus tritt am31. d. M., das Herrenhaus am 2. Juni seine Pfingstferien an; das erstere nimmt am 9. Juni seine Sitzungen wieder auf.

* Der.Staatsanzeiger^ veröffentlicht eine Uebersicht über die Ergebnisse der Einkommensteuervrranlagung in Berlin. Danach beträgt das Mehraufkommen auf Grund des neuen Gesetzes gegenüber dem Vorjahre 7,279,395 Mk., wovon 2,307,051 auf 242 Aktien­gesellschaften, Genossenschaften und Konsumvereine und 4,972,344 Mk. auf 298,774 physische Personen ent­fallen. Es bringen mehr auf als im Vorjahre die Steuerpflichtigen mit Einkommen von mehr als 100,000 Mk.-2,371,960 Mk. mit einem Einkommen von mehr als 30,500 bis 100,000 Mk.-2,000,964 Mk. und mit Einkommen von mehr als 9,500 bis 30,500 Mk- 932,004 Mk., während bei den Einkommensteuerftufen von 900 bis 9,500 Mk. gegen das Vorjahr im Ganzen ein Minderaufkommen von 332,584 Mk. zu verzeichnen ist. Dementsprechend ist der prozentuale Antheil am gesammten Erhedungssoll bei den Einkommen von 900 bis 9,500 Mk. von rund 51%fim Jahre 1891/92, auf rund 36% im Jahre 1892/93 zurückgegangen, und umgekehrt bei den Einkommen von mehr als 30,500 Mk. von rund 26% auf rund 41% gestiegen.

* Die 3. Berathung der Tertmrbahnvarlage im Abgeordnetenhause ist bis nach Pfingsten verschoben.

* In der heutigen Vorstandssitzung der deutschen Kolanialgesellschast wurde mitgetheilt, daß schon im nächsten Monat mehrere deutsche Auswanderer nach Klein-Windhock (Südwestafrika) hinausgehen.

* In der gestrigen Sitzung des Henenhauses wurde die Vorlage betr. die Regelung der ländlichen Ver­hältnisse in Neuvorpommern und auf Rügen nach der Fassung des Abgeordnetenhauses angenommen. Ebenso der Nachtrags-Etat (Minister-Präsident-Gehalt). Weiter nimmt das Haus Urwcrä tdert an die Stolge- bühren-Aufhebung für die älte-. n Provinzen re. und die Vorlage bett, die Gerichtskosten für Eintragung der Genossenschaften mit beschränkter Haftpflicht. Nächste Sitzung Montag. Tagesordnung: Sekundärbahnen rc. Schluß 4Va Uhr.

* In der 70. Sitzung vom 28. Mai nahm das Abgeordnetenhaus zunächst in 3. Lesung den Gesetzent­wurf über Ablösung der Wegeordnung in der Provinz sanfte Röthe, die sich bei seiner Anrede über ihr bleiches Antlitz ergoß.

„Man wünscht also wirklich meine Anwesenheit im Bibliothekzimmer", wiederholte sie. „Warum soll ich dort zugegen sein, Lord Rylestone, da die Testaments­eröffnung für mich doch ganz ohne Interesse ist."

„Das bezweifle ich," erwiderte Lord Rylestone eifrig. „Mein Oheim war Ihnen von Herzen zugethan und wird sicher für Ihre Zukunft gesorgt haben."

Sie blickte mit einem matten Lächeln zu ihm empor.

„Was er mir gegeben haben kann, müßte er Ihnen geraubt haben," bemerkte sie freundlich, und Lord Rylestone lachte.

„Das kümmert mich wenig," versetzte er. Ihre Jugend, ihre Schönheit und Selbstlosigkeit rührte ihn und er fühlte ein so warmes Interesse für sie, daß sich ihm unwillkürlich der Wunsch aufdrängte, daß sein Oheim, selbst auf seine Unkosten hin, recht reichlich für ihre Zukunft gesorgt haben möchte.

„Maß ich wirklich dort erscheinen, Lord Rylestone?" fragte sie wiederum, und er sah, daß sie sich sehr un­gern dazu entschloß.

„Mr. Beale hält ihre Anwesenheit für nothwendig," versetzte er.

„Das ist mir unbegreiflich," sagte sie, „denn das Testament meines Oheims kann unmöglich auf mich Bezug haben."