Beilage zu Nr. 122 der „Fuldaer Zeitung".
Sonntag, den 29. Mai 1892.
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Das oerhängnihvolle Testament.
Nach dem Englischen von H. v. Remagen.
(Nachdruck verboten.)
1. Kapitel.
„Höchst ungerecht, ja, fast grausam, finde ich das Testament", bemerkte Lord Rylestone.
„Und ich kann es Ihnen durchaus nicht verdenken, daß Sie es so scharf beurtheilen, erwiderte Mr. Beale, der Notar. „Meiner Ansicht nach hat Niemand das Recht, sich in derartige Angelegenheiten zu mischen."
„Wer kann es wagen, mir über meine heiligsten Gefühle Vorschriften zu machen, das Weib ist dem Manne das Theuerste, — das Höchste, was er auf Erden besitzt, und wenn er berechtigt ist, seinen Wohnort, seinen Beruf selbst zu wählen, so muß er vollends in der Wahl des Weibes, das den größten Theil des Lebens mit ihm verbringen soll, unbeeinflußt bleiben."
„Ja, ja, das Testament ist sehr ungerecht, Mylord. Ich habe das auch meinem seligen Klienten wiederholentlich vorgestellt, aber er war nicht davon abzubringen. Er beharrte darauf, daß sich das „seiner Zeit" schon machen würde. Ich habe ja gar nicht in der Sache mitznsprechen, aber da Sie mich mit Vertrauen über ihre verzweifelte Lage beehrten, erlaube ich mir, meine unmaßgebliche Meinung dahin auszusprechen, daß ich für Sie keinen anderen Ausweg aus Ihren Schwierigkeiten fehe, als daß Sie sich den im Testamente verzeichneten Bedingungen fügen."
„Nimmermehr", erwiderte der junge Mann stolz — „nie in meinem Leben, geschehe, was da wolle!"
„Ich fürchte aber, daß Sie dann gegen Ihr Interesse handeln", sagte Mr. Beale bedächtig, und Lord Rylestones Antlitz überzog sich mit düsteren Wolken.
Lord Rylestones Heimath, Waltoncourt, war eben der Schauplatz einer sehr peinlichen Scene, die einem bejahrten Maler als Borwurf zu einem bedeutenden Bilde dienen konnte, gewesen. Draußen übergoß die Junisonne Wald, Garten, Park und Terrassen mit goldenem Lichte, aber drinnen, in dem alten, prächtigem Bibliothekzimmer herrschte ein melancholisches Dunkel, da die Jalousien alle herabgelassen waren, und es gelang der Sonne nur gerade so viel durch die Spalten zu dringen, um einen milden Schimmer über das antik geschnitzte Meublement, die schönen alten Bilder in den kostbaren Rahmen und auf die Hunderte von Bänden, die vom Fußboden bis zur Decke auf den Bücherbrettern aufgestellt waren, zu verbreiten. Das matte, röthliche Licht schien sich besonders auf der hervorragendsten Gestalt im Zimmer, einem Mädchen in tiefer Trauer, dessen Kopf und Antlitz, sowie ihr schön geformter Hals und die edle Gestalt einer Klytia glichen, zu konzentriren. Sie erschien in dem röthlichen Dämmerlichte wie eine schöne Gemme in antiker Fassung, die Sonne beleuchtete ihr goldenes Haar und ihr schönes, stolzes, bleiches Antlitz. Sie stand ganz allein und hatte das Antlitz mit den Händen bedeckt. Eine Gruppe von Herren hatte sich in einen anderen Theil des Zimmers zurückgezogen und Adelaide Cameron ihren eigenen Betrachtungen über das eben Vernommene überlassen.
Allan, Lord Rylestone, ein blonder, hübscher Mann von edlem Ausdruck und Wuchs, stand am äußersten Ende des Zimmers, an ein Postament, auf dem eine kostbare Broncefigur stand, gelehnt, und neben ihm, in seltsamem Kontraste zu dem jungen Edelmanne, befand
sich der kluge, scharfsinnige, kleine Mr. Beale, der Notar der Familie. An einem Tische, auf dem verschiedene Papiere zur Durchsicht ausgebreitet lagen, gruppirten sich einige Herren. Die Scene, die sich eben hier zugetragen hatte, die Testamentseröffnung des jüngst verstorbenen Lords Bernard von Rylestone, war für Allan, seinen Erben, eine tieftragische gewesen, denn seine Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft waren gänzlich dadurch vernichtet.
Das Testament war durchaus ungerecht. Allan Brand Estcourt war der nächste Verwandte des verstorbenen Lords und also der gesetzmäßige Erbe, sowohl des Titels eines Barons von Rylestone auf Walton, als auch des kleinen Einkommens von jährlich tausend Pfund, zu dem die einst sehr bedeutenden Revenuen der Rylestones allmählig herabgesunken waren. Daß keine Macht der Welt im Stande war, dieses Erbrecht streitig zu machen, wußte er von jeher und zählte also mit aller Bestimmtheit darauf. Der verstorbene Lord war aus unbekannten Gründen lebenslang unvermählt geblieben, man wollte wissen, daß er in früher Jugend eine unglückliche Neigung gehabt hatte und dann nie wieder liebte. Diese Vermuthung bestätigte sich nach seinem Tode dadurch, daß man in einem geheimen Fache eine blaue Schleife und eine Haarlocke, als einziges Erinnerungszeichen an eine Liebe, die ein Menschenleben ausgefüllt hatte, vorfand.
Er hatte keinem anderen Weibe seine Hand gereicht und sein Geheimniß schweigend mit ins Grab genommen. Allan Brand Estcourt war von frühester Kindheit an als sein Erbe von ihm erzogen worden. Er war der einzige Sohn eines der schönsten und allgemein beliebtesten Männer Englands, des Husaren- Obersten Arthur Estcourth, der zwar ganz mittellos, aber einer der ritterlichsten Offiziere der englischen Armee war. Nach dem Tode seiner Gattin sank aber Oberst Estcourt's Stern. Er betrauerte sie sehr tief und nahm, um seinen Schmerz zu betäuben, unglücklicher Weise seine Zuflucht zum Trünke, starb dann schließlich im blühendsten Mannesalter und hinterließ seinem Sohne Allan nur ein ganz geringes jährliches Einkommen von kaum hundert Pfund. Allan hatte aber nicht weiter unter dem Drucke der Armuth zu leiden, da Lord Rylestone sofort nach dem Tode des Obersten an ihn schrieb, um ihm mitzutheilen, daß er unvermählt zu bleiben beabsichtige und ihm als seinen nächsten Verwandten, deßhalb eine Erziehung zu geben gedenke, die seiner zukünftigen Stellung entsprechend sei.
„Du wirst nach meinem Tode Lord Rylestone," schrieb der Baron, „und mußt darum als solcher erzogen werden."
Da eine solche Erziehung aber bedeutende Mittel erforderte und Allan Brand Estcourt nur über ein so sehr geringes Einkommen zu verfügen hatte, sah Lord Rylestone sich veranlaßt, ihm eine Jahresrente auszusetzen. Mit dieser nun war es Allan möglich, den allgemein üblichen Bildungsgang durchzumachen. Er besuchte die Anstalten in Eton und Oxfort, wie auch den Kontinent und nahm nach seiner Rückkehr einen längeren Aufenthalt in London. Dort öffneten sich ihm die vornehmsten Gesellschaftskreise, da man allgemein wußte, daß er Lord Rylestones Erbe sei und dieser als ein sehr reicher Mann bekannt war. Allan hatte alle seinem Alter entsprechenden Neigungen und Ansichten, er brannte vor Ungeduld, das Leben nach allen Richtungen kennen zu lernen, liebte Theater, Musik und Tanz und genoß mit vollen Zügen alle Freuden, die das Leben ihm bot. Sein Charakter entwickelte sich durchaus nicht ungünstig, aber dennoch blieb er den gewöhnlichen Ausschreitungen der Jugend nicht fern, denn er versagte sich keinen Wunsch und gerieth also, als unausbleibliche Folge, ziemlich tief in Schulden.
(Fortsetzung folgt.)
Vermischtes.
* In Forstkreisen wird die Befürchtung laut, daß in diesem Jahre die Kreuzottern besonders stark austreten werden. Schon jetzt sollen sich diese lästigen und höchst gefährlichen Reptilien gezeigt haben. Es ist daher wohl angebracht, wenn wir nach- stehend angeben, wie man sich gegen den Biß dieser Giftschlange
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schützt und den üblen Folgen eines Bisses begegnet. Man findet die Kreuzotter häufig an Hellen, sonnigen Waldrändern, unter Steinen und Heidelbeergestrüpp. Die sonnigen Waldränder werden nun gar zu gern von Ausflüglern zu Ruheplätzen erkoren; bevor man einen solchen Platz nun einnimmt, sollte man mit dem Spazierstock oder Regenschirm den Platz sondiren, denn dadurch wird die scheue Kreuzotter vertrieben. Will man im Walde umherspazieren, so bekleide man den Fuß mit Schuhwerk, das hohe Schäfte hat; tritt man dann auf eine Kreuzotter, so kann ihr Biß doch nicht Schaden anrichten, da sie das Leder nicht durchbeißen kann. Sollte Jemand von einer Kreuzotter gebissen werden, so sauge man die Wunde aus oder lasse sich dieselbe aussaugen, doch müssen die Lippen heil sein, weil sonst das Schlangengift sich mit dem Blute Vereinen kann, alsdann unterbinde man die Wunde, damit das Gift sich nicht unter das gesunde Blut mische. Die Wunde muß alsdann erweitert werden, damit sie tüchtig ausblutet, später lasse man sie ausbrennen; in jedem Falle aber ist möglichst schnell ein Arzt zu Rathe zu ziehen. Wer Waldtouren macht, sollte stets ein Fläschen Rum oder Kognak bei sich führen, denn der Genuß desselben hat sich oft als bestes Gegenmittel gegen den Biß der Kreuzottern erwiesen. Das Gefährlichste aber an der Kreuzotter ist, daß sie von Vielen für ungefährlich gehalten wird.
* Ei« Wettkampf von Setzmaschinen. Wie aus Chicago gemeldet wird, hat daselbst ein Wettkampf zwischen vier Setzmaschinen begonnen, der von der „Amerikan Newspaper Publishers Association" veranstaltet worden ist. Die im Wettstreit stehenden Maschinen sind die „Mergenthaler Linotype", der „Rogers Typograph", die „McMillen Typesetting-Maschine" und die „St. John Typo Bar". Die bei dem Wettsetzen gebrauchte „Copy" besteht aus Manuskripten, gedrucktem Stoff und den am 8. Oktober 1891 gelieferten Depeschen der Associirten Presse aller Art, um den wirklichen Verhältnissen im Zeitungswesen so nahe wie möglich zu kommen; die betreffenden Blätter der Associirten Presse enthalten insgesammt 45,000 Worte mit Sport-Nachrichten, Markt- Berichten, Kabel- undJnland-Depeschen und sind für den Zweck extra zurückgelegt worden, wie sie von dem Telegraphen-Beamten nach dem Ticken seines Apparates mit der Schreibmaschine ausgezeichnet wurden. Die Maschinen find 8 Stunden per Tag in Thätigkeit, der von ihnen gesetzte Stoff wird genau gelesen und korrigirt, die Zeit dafür, sowie alle Pausen rc., werden genau notirt, um nach Schluß des achttägigen Wettkampfes entscheiden zu können, welche Maschine am schnellsten setzt. Anfragen und Telegramme aus allen Theilen der Vereinigten Staaten deuten darauf hin, daß das Interesse an diesem, in seiner Art einzigen Wettkampfe ein ungewöhnlich großes ist.__
Literarisches.
Das göttliche Herz, die unerschöpfliche Quelle der reichsten Schätze des Himmels. Anhang: Das göttliche Herz Jesu und der Protestantismus. 368 S. 12«. Zweite Auflage. Preis broschirt 90 Pfg., geb. in Kaliko-Roth- schn. 1 Mk. 20 Pf, in Kaliko-Goldschn. 1 Mk. 50 Pfg. Verlag der Bonifatius-Druckerei. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen.
Dieses Buch bietet ein vollständiges und reichhaltiges Gebetbuch zur Verehrung des heiligsten Herzens Jesu. Aber es enthält noch mehr. Es beginnt mit den herrlichen Worten des hl. Vaters Leo XIII. an die Mitglieder des Gebets-Apostolats über die Verehrung des heiligsten Herzens Jesu. Hieran reihen sich — indem die 11 Verheißungen des Heilandes als Ueberschrift genommen sind, zahlreiche Gebetserhörungen und Gnadenerweise des heil. Herzens als sprechende Beweise der Güte, Macht und Treue des Heilandes. Der Herausgeber hat den Grundsatz befolgt: Verba movent — exempla trahunt — Worte bewegen — Beispiele ziehen. Demselben Zwecke dient der Anhang. Er enthält vorzüglich viele wunderbare Bekehrungen aus dem Protestantismus durch eine besondere Gnade des heiligsten Herzens.
Möge das Büchlein durch eine große Verbreitung dazu beitragen, daß die Worte des Heilandes an die sei. Margaretha verwirklicht werden: „Verkünde es und lasse es verkünden in der ganzen Welt, daß ich in Ausspendung meiner Gnaden kein Maß und keine Schranken kenne für Alle, welche dieselben in meinem Herzen suchen."
Bi» ich gewerbesteuerpflichtig? Zum letzten Mal ist die Veranlagung zur Gewerbesteuer nach dem alten Modus erfolgt und schon für die nächste Veranlagung treten die Bestimmungen des neuen Gewerbesteuergefetzes in Kraft. Alle Gewerbetreibenden und auch alle diejenigen, welche sonst bei der Gewerbesteuer- Veranlagung betheiligt sein werden, haben ein wesentliches Interesse daran, die neuen Bestimmungen schnell und genau kennen zu lernen. Und da wird das Büchlein, welches Herr Regierungs- Assessor Dr. Günther in Frankfurt a. O. soeben unter dem Titel: „Bin ich gewerbesteuerpflichtig?" in I. I. Heines Verlag in Berlin erscheinen ließ, sicherlich hochwillkommen geheißen werden. Das Büchlein gibt in der klarsten und präcisesten Weise einen Ueberblick über die Bestimmungen des neuen Gesetzes und hebt besonders alle Abweichungen von dem alten Gesetze hervor, kurzum es gibt jeden Gewerbetreibenden — dem größten wie dem kleinsten — die Möglichkeit, sich — ohne das Gesetz selbst zu lesen — leicht und schnell über alle diejenigen Punkte zu informiren, welche für ihn von Wichtigkeit und Interesse sind. Aber nicht die Gewerbetreibenden allein, sondern auch alle anderen bei der Gewerbesteuer-Veranlagung mitbethei- ligten Faktoren, Mitglieder der Steuerausschüsse, Gemeinde-Vorstände rc., werden aus dem Büchlein gern Belehrung schöpfen. Der Preis ist 50 Pfg. bei Entnahme von größeren Partien erhebliche Ermäßigung.