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G. H. Das wissen wir nicht!

Das wissen wir nicht, können wir und brauchen wir nicht zu wissen — erklären alle sozialistischen Schriftgelehrten und Weltverbesserer einmüthig. Ich sehe Dich ungläubig mit dem Kopfe schütteln, lieber Leser, ob solcher Worte — sie, die ja Alles wissen, Alles besser wissen, wie andere Menschen, sollen ein­mal etwas nicht wissen?! Sie, die in Afterweisheit bereits Staatsmonopol haben und für jeden Gegner stets den Vorwurf der Unwissenheit bereit halten, sie sollen etwas nach ihrem eigenen Geständnisse nicht wissen? Und in diesem Eingeständnisse sollen sie ein­müthig sein, sich nicht widersprechen, sie, die stets unter sich verschiedener Meinung sind — das ist ja demo­kratisch! —, die sich oft an ein und demselben Tage widersprechen?

Mit ihren eigenen Worten werde ich Dir beweisen, daß sie Nichtwissen, wie ihr geprieseyer Zukunfts-Staat aussehen und wie sich aus dem jetzigen Bourgeois- Staate die Umwandlung in denselben vollziehen foll. Ja, wirst Du mir sagen, wenn der gepriesene Zukunfts- Staat das Endziel der sozialdemokratischen Weltver­besserer Bebel, Liebknecht, Singer und Vollmar ist, so müssen sie sich doch hierüber vor Allem klar sein! — Mein lieber Freund! Deine hausbackenen Ansich­ten passen nicht mehr in unsere Zeit. Heutzutage ist das Wichtigste, daß man die Theorie gefunden hat, die Ausführung gibt sich ganz von selbst. Nur einreißen, einreißen, das Aufbauen gibt sich ganz von selbst. Die Theorie ist wohl begründet (Bebel, Unsere Ziele, S. 17) sagen Bebel und Genossen. Und wenn Phrasen und Hirngespinste Theorien sind, dann sind die rothen Weltweisen unerreichbar. Sie gleichen einem Hausbe­sitzer, der sein Wohnhaus einreißt, ohne sür eine Woh­nung gesorgt zu haben. Er muß unter freiem Himmel kampiren, bis er Unterkunft findet. Da nun die rothen Schriftgelehrten einmüthig erklären, nicht zu wissen, wie der neue Staat aussehen soll, so könnte die „Ge­sellschaft" in eine ähnliche Lage kommen, wie der plan­lose Hausbesitzer. Nun, die Staatsbaumeister Liebknecht und Co. werden in der Uebergangszeit uneigennützigst die Geschäftsleitung übernehmen, bis sie den neuen Bau­plan für die Gesellschaft fertig haben.

„D'rum, lieber Freund, beruhige Dich!

Ganz von selbst schon gibt es sich!""

Wie vollzieht sich nun nach den sozialistischen Schrift- gelehrten die Umwandlung aus dem Bourgeois- Staat in den Zukunfts-Staat? Die Antwort ist von Liebknecht je nach Wunsch und Bedarf gegeben: „Den herrschenden Klassen gegenüber ist der Sozialis­mus keine Frage der Theorie mehr, sondern einfach eine Machtfrage, die in keinem Parlament, die nur auf der Straße, auf dem Schlachtfelde zu lösen ist, gleich jeder anderen Machtftage." (Liebknecht, Ueber die politische Stellung der Sozialdemokratie. Sozial­demokratische Bibliothek XXV, 13.) „Wenn der Tag kommt, werden Gewehre und Kanonen von selbst sich um dreh en, um die Feinde des sozialistischen Volkes niederzuschmettern." (W. Liebknecht's Rede, geh. zu Gent 1877.) Aber auf dem Parteitage zu Halle — Herr Liebknecht scheint wohl gut gefrühstückt zu haben — spricht er von einem Hineinwachsen des jetzigen Staates in den Zukunfts-Staat. Herz, was willst Du noch mehr . . . sauer, bitter und süß, je nach Bedarf. Bebel (Unsere Ziele, Sozd. Bibl. V. 16) sagt: „Das Eine ist sicher: Je heftiger der Widerstand, um so gewal­tiger die Herbeiführung des neuen Zustandes. Mit Sprengen von Rosenwasser wird die Frage auf keinen Fall gelöst." Im Reichstage aber nannte Bebel be­kanntlich die Pariser Kommune mit ihren Greuelthaten „nur ein kleines Vorpostengesecht." Also Kanonen,

Kleinfeuer oder Hineinwachsen, vielleicht auch nur ein zartes Beiseiteschieben genügen, um den alten, kranken Bourgeois-Staat durch den rothen Muster-Staat zu ersetzen; man gibt also auf eine solche Frage die nach Zeit und Umständen angemessenste und zum Gimpelfang geeignetste Antwort. Pfund (Unsere Taktik p. 5 und 21) meint, „ohne Erschütterung wird die Umwandlung nicht vor sich gehen" und „erst eine Erhebung des Volkes werde die grundlegende Umgestaltung der Gesellschafts- Ordnung ermöglichen."

Wie soll der Zukunftsstaat der rothen Weltver­besserer denn aussehen? „Nur ein Narr kann ver­langen, zu erfahren, wie es in einem sozialdemokra­tischen Zukunftsstaate aussehe (Rede gehalten am 16. Oktober auf dem Parteitage zu Halle) antwortet Dir Liebknecht auf Deine einfältige Frage. Denn „die Forderung des Zukünftigen ergibt sich aus der Kritik des Bestehenden ganz von selbst", sagt Bebel (Unsere Ziele p. 17) „Wie sich das Proletariat einst seinen Staat einrichten wird, . . . das wissen wir nicht" (Pfund, p. 4). „Hinsichtlich des sozialistischen Zu­kunftsstaates, sagt Kurt Falk (Bruno Geiser, Die Be­strebungen der Sozialdemokratie p. 19) kann auch nicht der angesehenste Sozialdemokrat etwas sagen, was für die Partei bindend ist." Denn, „Detailausmalung einer Sache, die erst in der Theorie vorhanden ist, ist immer eine mißliche Aufgabe" (Unsere Ziele p. 17). Also aus der Kritik des Bestehenden, oder sagen wir, aus der Phrase ergibt sich die Forderung des Zu­künftigen. Lieber Leser! Ich will Dich nicht länger mit solchen sozialistischen Eingeständnissen Hinhalten. Es gibt deren eine Unzahl.

Dein gesunder Menschenverstand wird Dir sagen, daß jede Partei ein festes Endziel im Auge haben muß. Jeder Baumeister muß nach einem Plane linnen Wer aber der Partei jener -We: werbest erer angehört, hilft mit einreißen, zerstören, denkt aber nicht an's Aufbauen, an's Erhalten und Verbessern. Er schüttet das Kind mit dem Bade aus und schneidet sich in's eigene Fleisch, indem er die Verhältnisse verschlechtert, anstatt verbessert. Wenn Du im rechten Beine Schmerzen hast, wirst Du deshalb den ganzen Leib vernichten? Oder, wenn ein Quacksalber Dir versprechen würde, er wolle Dich tobten, um Dir dann einen neuen, besseren Körper zu machen, wirst Du nicht vorher eine Probe seines Könnens verlangen, ehe Du Dich ihm anver­traust? Und da er Dir diese Probe nicht geben könnte, würdest Du nicht vorziehen, ernstlich Deine kranken Glieder von einem Arzte geduldig behandeln und heilen zu lassen? Ganz gewiß!

Und gleichen die sozialistischen Staatsbaumeister nicht ganz jenem Quacksalber? Sie, die noch nie einen ihrer Musterstaaten aufgebaut haben, verlangen Deine Mithülfe bei der Zerstörung des jetzigen Staates, ohne eingestandenermaßen den Plan für den neuen Staatsbau zu haben. Wirst Du nicht lieber uns Deine Hand zur Mithülfe bieten, damit wir die kranken Glieder unseres Staates heilen? Wir leugnen nicht, daß er stellenweise recht aussätzig geworden ist, besonders durch die Be­rührung mit dem Vater des Sozialismus, dem Libera­lismus. Aber wir wollen und werden an der Heilung und Gesundung mitarbeiten. Die Zukunft wird, wie immer bisher, das Centrum auf Seite der wohl­meinenden Reform sehen und wird es die alten Forde­rungen immer wieder und auch neue zeitgemäße stellen.

Deutsches Keich.

Berlin, 24. Mai.

* Der Reichskanzler Graf Caprivi stattete nach seiner Rückkehr aus Karlsbad heute früh dem Minister­präsidenten Grafen Eulenburg einen längeren Be­such ab.

* Infolge wiederholter Ausschreitungen Seitens jüngerer Offiziere gegen Angehörige des Bürgerstandes, wobei mit der Waffe gegen waffenlose Personen in zweifelloser Ueberschreitung der gebotenen Grenzen Ge­brauch gemacht wurde, trägt man sich in höheren Militair- kreisen ernsthaft mit der Absicht, die jüngeren Osfiziers- clemente unter strengere Beaufsichtigung zu stellen. Wie verlautet, sei dem Kaiser über die neuesten ärgerlichen und die guten Beziehungen zwischen Heer und Volk gefährdenden Vorkommnisse Vortrag gehalten worden und man erwarte den demnächstigen Erlaß einer ge­heimen Offiziersordre, welche die höheren Vorgesetzten veranlassen dürfte, jeder in Betracht kommenden Aus­schreitung mit der nöthigen Strenge entgegenzutreten.

* Das Komitee für Aufbringung eines Garantie­fonds für die Berliner Weltausstellung tritt am 30. d. Mts. zu einer ersten Sitzung zusammen.

* Der deutsche Künstlerverein in Rom hat eine Eingabe an das preußische Kultusministerium gerichtet, worin dieses ersucht wird für den Bau eiues deutschen Künstlerhauses in Rom den preußischen Staat oder das deutsche Reich zu interessiren. Das Künstlerhaus habe den Zweck, Stipendiaten vollkommen eingerichtete Ateliers zur freien Verfügung zu stellen, zu kurzem Aufenthalte hier weilenden Künstlern billige, sofort benutzbare Räume gegen mäßiges Entgelt offen zu halten und solle auch einen besonderen Raum für Aus­stellungen, sowie einen Garten und Terassen zu Frei­lichtstudien enthalten. Das Haus würde nach den dem Kultusministerium vorgelegten Plänen auf 4 bis 600,000 Lire zu stehen kommen. Nach vertraulichen Mittheilungen, welche einer hiesigen Persönlichkeit ge­macht wurden, soll gegründete Aussicht vorhanden sein, daß das Gesuch bald eine günstige Erledigung finde.

* In der 68. Plenarsitzung vom 24. Mai erledigte das Abgeordnetenhaus zunächst die Vorlage über die Kosten der Eintragung für die Genossenschaften mit beschränkter Haftpflicht in das Handelsregister ohne weitere Debatte in 3. Lesung. Ebenso wird ohne heißere Debatte die Vorlage betr. die Ablösung der Staatsrente welche nach der Wegeordnung vom Juli 1891 der Provinz Sachsen zu zahlen ist, erledigt; die Anträge auf Kommissionsberathung werden abgelehnt und findet die 2. Lesung im Plenum statt. Sodann wird dem Kommissionsantrag entsprechend die Wahl des Abg. Grimm-Wiesbaden (nl.) für ungültig er­klärt. Schließlich wird eine Reihe von Petitionen er­ledigt. Nächste Sitzung Freitag. Tagesordnung: Wege- rentennbl niitttg ■>■»- 41 Uh»

* Aus einer „den Verhältniffennahe stehenden Quelle" meldet ein Berliner Berichterstatter, daß der öffentlichen Belobung des Grenadiers Luck durch den Kaiser eine Besprechung mit dem General-Oberst v. Pape und dem kommandirenden General des Garde-Korps Frhrn. v. Meerscheidt-Hüllessem voraufgegangen sei, in welcher diese der Meinung Ausdruck gaben, daß die Beförderung des Grenadiers Lück zum Gefreiten ein ausreichender Lohn für seine Pflichterfüllung sei. Be­stätigung dieser Meldung bleibt abzuwarten.

* Von den durch die Berathungen der bekannten Dezemberkonferenz hinsichtlich der Reform des höhere« Schulwesens geförderten Aufgaben sind zur Zeit noch zwei zu erledigen: es handelt sich noch darum, die Be­stimmungen über die Schulhygiene und die Prüfungs- ordnung für die Kandidaten des höheren Lehramts endgültig festzustellen. Um sein Gutachten über diese beiden Angelegenheiten abzugeben, ist der sogenannte Siebener-Ausschuß (der Dezemberkonferenz) von seinem Vorsitzenden, Geh. Ober-Reg.-Rath Dr. Hintz- peter, zum 31. d. M zusammenberufen worden. Mit der Erfüllung dieser noch restirenden Aufgaben erledigt sich die Mission des Siebener-Ausschusses.

* Die Mittheilung eines Blattes über die Fest­stellung der gegenwärtigen Geschäftslage der Industrie im Siegerlande durch einen Spezialkommissar der Kgl. Staatsregierung wird vom ,Staatsanzeiger' dahin be­richtigt, daß es sich um eine eisenbahndienstliche Be­reisung mehrerer Bahnstrecken des Direktionsbezirks Elberfeld gehandelt hat, mit welcher, wie üblich, soweit es die Zeit erlaubte, der Besuch nahe gelegener in­dustrieller Werke verbunden wurde. Eine eingehende amtliche Untersuchung und Feststellung des allgemeinen Geschäftsumfangs der Gesammtindustrie jener Bezirke war in der zu Gebote stehenden kurzen Zeit weder beabsichtigt, noch möglich.

* Der .Staatsanzeiger' schreibt: Durch die Tages­presse ist vor Kurzem mehrfach die Mittheilung ge­gangen, daß der im September 1887 vom Schwur­gericht in Elberfeld wegen eines Verbrechens gegen die Sittlichkeit zu einer sechsjährigen Zuchthausstrafe verurtheilte und diese Strafe seit Januar 1888 im Zuchthaus zu Werden verbüßende Tagelöhner Herscheid nunmehr durch den Nachweis eines Alibi seine Un­schuld dargethan habe und demzufolge aus dem Zucht­hause entlassen worden sei. Diese Mittheilung ist dahin richtig zu stellen, daß auf Grund eines dem p. Hei­scheid angetretenen Alibibeweises die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen denselben unb bie Erneuerung ber Hauptverhanblung vor dem Schwurgericht, sowie gleichzeitig bie einstweilige Unterbrechung bei Straf­vollstreckung angeordnet worden ist. Das Gericht wirb

Donnerstag, den 26. Mai 1892.

19. Jahrgang

JM 120

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