Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

JV 118 Dienstag, den 24. Mai 1892. IS. Jahrgang

Fuldaer W Zeitung

Erscheint täglich. Sonn« und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbellage .Sterne und Blumen' und der alle 14 Tage erscheinenden Gratisbeilage ,Rathgeber für Landwirthschaft, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

IMMEII»■llllli—II I »II —I III Ulli |i I -juumji—iwmat—«munii».njmmMri«

* Da- Kabine! Gi-liM

kam in Italien zu Stande, ohne daß man eigentlich weiß, warum Rudini vom Schauplatze abtreten mußte. Freilich, wenn eS wahr wäre, daß man geheimen Be­ziehungen Rudini's zum Vatikan auf der Spur zu fein glaubte, so wäre seine Entfernung vom Steuerruber der Regierung vom Standpunkte des offiziellen Italien aus vollkommen begreiflich. Was die Auffassung der gegenwärtigen Situation betrifft, so ist die Mehrheit der bisher laut gewordenen Stimmen darin einig, dem Kabinet Giolitti einen bloß provisorischen Charakter und in Folge dessen eine kurze Lebensdauer zuzuerkennen. „Kabinet Crispi ohne Crispi" lautet das ge­flügelte Wort, und man will damit sagen, daß Giolitti nur der Bahnbrecher, der Platz-Ausheber für Crispi ist. Ob Giolitti nach drei oder vier oder sechs Monaten abtreten wird, bleibt dahin gestellt und ist gleichgiltig; die Hauptsache ist: Crispi ist der kommende Mann. Crispi war vor kaum einem Monat gerade zum Schreckgespenst, zur Vogelscheuche der Kammer getoorben. Es gab kein sichereres Mittel, um für Ru­dini eine „erdrückende" Majorität zu gewinnen, als das Eingreifen Crispi's in die Debatte. Woher nun die plötzliche Veränderung, der gewaltige Umschwung zu Gunsten des großen Trigamisten und routinirten Kon- spirators? Wenn Rudini schon einmal gehen mußte, warum soll gerade Crispi der Mann der Zukunft sein? Die Antwort lautet: Italien hat, soweit es sich um Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Systems handelt, feine (Staatsmänner mehr zur Verfügung; die einen haben nacheinander „die Schuld der Natur bezahlt", die anberen finb abgenutzt unb verbraucht. Man mußte jetzt gerabezu hausiren gehen, um überhaupt ein Mini­sterium zusammenzubringen.

Was sollen wir nun zu der Perspektive „Crispi ledividus“ sagen ? Man kennt Crispi aus seiner Ver­gangenheit, namentlich aus seinem vierjährigen Regime. Wir wollen von gar nichts Anderem, als von seiner Kirchenpvlitik sprechen. Während Rudini zwar der Kirche kein prinzipielles Zugeständniß machte, kein ein­ziges kirchenfeindliches Gesetz außer Kraft setzte und solcher Art sichtlich die Verschärfung besKvnflittes und systematische Provokationen vermied, ließ Crispi seinem freimaurerischen Hasse gegen den Papst und die Religion ungenirt die Zügel schießen und legte es in der boshaftesten Weise darauf an, die Organe und Anhänger der Kirche zu kränken und zu verletzen. Was Crispi nach seinem Wiederer­scheinen auf dem Plane Alles beginnen, in welche neue Abenteuer er etwa das Land stürzen, ob er die längst beabsichtigten Gewalt-Akte gegen den Vatikan ausführen werde, darüber wären natürlich Prophezei­ungen sehr müßig, gewiß ist nur, daß Crispi nicht gewohnt ist, sich in ausgesahrenen Geleisen zu bewegen, daß er Wagnisse liebt, daß er sich ad majora natus fühlt, daß er einen eisernen Kopf hat.

Zur Ergänzung theileu wir noch eine Aeußerung der ,Suftice' über den Kabinetswechsel mit. Sie erklärt,

Am Mostschaltn.

Kriminal-Roman aus dem Berkehrsleben von Th. Sch midt.

(Schluß.)

Einige Tage nach den eben geschilderten Vorgängen erhielt Bäumer von seiner vorgesetzten Behörde ein langes Schreiben, worin ausgesprochen ward, daß er, nachdem seine Unschuld klar ertoiefen sei, seine Stellung bei dem Postamte in D. wieder einnehmen und sich darnach auf das höhere Examen vorbereiten möchte. Einige Ermahnungen zur größern Vorsicht bei Verrich­tung seines Dienstes waren aber doch mit in die sonst ganz wohlwollenden Aeußerungen der Behörde hinein­geflochten. Der junge Beamte trat dann schon in den nächsten Tagen, entgegen der Absicht seines Onkels, welcher am liebsten gesehen hätte, daß der Neffe jetzt den Postdienst quittirte, seine vorher eingenommene Stelle in D. wieder an.

In der ersten Zeit stieg oft in der Seele Bäumers ein bitterer Groll über die erlittene Unbill auf. Es gab Stunden, in denen er im Geiste alle Einzelheiten der Haftzeit noch einmal durchlebte. Dann zog sich seine Stirne in düstere Falten. Das Vertrauen zu den Menschen schien ihn bann auf immer verlassen zu haben. Aus bem sonst lebenslustigen, gefälligen Be­amten war ein ernster, vorsichtiger, strenger Mann geworben.

bas Kabinet habe einen franzosenfteunblichen Charakter. Letzteres mag vom französischen Standpunkte aus ganz richtig sein, allein es ist klar, baß König Humbert bei ber gegenwärtigen politischen Konstellation unmöglich Gallophilen (Franzosenfteunbe) zur Führung ber Ge­schäfte berufen kann. Ein Lebenszeichen hat bie neue Regierung schon von sich gegeben: ber Minister des Aeußern, Brin, hat sofort nach ber Uebernahme feines Amtes an sämmtliche Mitglieber des biplomatischen Korps in Rom ein Circular gerichtet, in bem er er­klärt, er lege Werth barauf, bem lebhaften unb auf­richtigen Wunsche Ausdruck zu geben, daß die „Bande" der Freundschaft, die Italien glücklicherweise mit den beim König von Italien offiziell vertretenen Ländern verbinden, sich immer inniger gestalten mögen. — Wir können dem nur hinzufügen, daß die Bande der Freund­schaft mit Italien, wenn solche bestehen, dann für sämmtliche Theilnehmer daran um so werthvoller und daher um so fester wären, wenn Italien im Verhält- niß zu Demjenigen, auf den 230 Millionen Katholiken in allen 5 Erdtheilen ihre Blicke richten, nach den Grundsätzen des Rechtes und der Gerechtigkeit geordnet wäre.

Deutsches Keich.

Berlin, 21. Mai.

* Der Empfang, der dem Könige tum Schweden in den verschiedenen französischen Städten, welche er berührt, zu Theil wird, scheint einen gewissen demonstrativen Charakter zu tragen. Die Franzosen sind ja so leicht ge­neigt, sich Selbsttäuschungen hinzugeben. Es wird ihnen nun wenig Freude machen zu hören, daß der König auf feiner Rückreise nach Stockholm dem deutschenKaiser, mit den ihn verwandtschaftliche Bande verknüpfen, einen Besuch abftatten werde. — Dagegen dürfte aus dem Besuche des Zaren am Berliner Hose vorläufig wieder nichts werden. Der Zar trifft mit seiner Familie am Montag zu der goldenen Hochzeitsfeier des dänischen Königspaares in Kopenhagen ein, während unser Kaiser in Pröckelwitz zur Jagd weilt und kaum vor dem 28. d. M. nach der Hauptstadt zurückkehren wird. Außer der Zarenfamilie trifft das griechische Königs- und das griechische Kronprinzenpaar, der Großherzog und der Erbgroßherzog von Luxemburg, der Prinz und die Prinzessin von Wales (diese aber erst am Donnerstag), Prinz Albert von Schleswig-Holstein-Glücksburg als Vertreter des deutschen und Erzherzog Friedrich als Vertreter des österreichischen Kaisers zu dem Kopen­hagener Familienfeste ein.

* Reichskanzler Graf Caprivi verläßt am Montag Karlsbad, um über Teplitz-Werden nach Berlin zurück­zukehren.

* Hinsichtlich der in Ausarbeitung befindlichen Militär - Borlage meldet die »Post', die Vermehrung werde nur taktische Einheiten der Fußtruppen umfassen, diese aber im umfangreichsten Maße, entsprechend den vom Reichskanzler im Reichstage gemachten Andeutun­gen über die Ausnutzung der steigenden Bevölkerungs-

Einige Veränderungen traten zu Beginn des Win­ters auch in den uns bekannten Familien ein.

Zunächst bereinigten sich ber Major unb bie Mutter Bäumers dahin, baß biese mit ihrer Tochter zu jenem nach Berlin zog, wo alle Drei gemeinschaftlich einen Haushalt bilbeten. Die Schwägerin hatte ben alten Haubegen achten unb schätzen gelernt; hatte sie doch in Erfahrung gebracht, daß ber Schwager schon seit Jahren burch Vermittelung ihres Sohnes ihren Unterhalt mit bestritten habe.

Eine weitere Veränberung war in bei Person des Vorstehers der Post-Anstalt in D. vor sich gegangen. Der alte Vorsteher hatte allerdings die Nervenkrank­heit überstanden, ttotzdern fühlte er sich der Stellung nicht mehr gewachsen, er nahm deshalb seine Dienst- entlaffung und trat in Pension. An seine Stelle trat Linde, den der Vorgänger bei der vorgesetzten Behörde warm empfohlen hatte.

* * *

♦

Da die Hochzeit zum Frühjahr projektirt war, floß ber Winter in Gesellschaft glücklicher Eltern unb guter Freunbe schnell dahin. Sehr ost wurde Bertha von der Tochter des pensionirten Vorstehers besucht. Eine wunderbare Wandlung war mit dieser vorgegangen. Ihr sonst verschlossenes Wesen hatte sie gänzlich abge­legt; treu und herzlich schloß sie sich der Braut ihres einstigen Verehrers en. Nur eins konnte sie nicht

Ziffer des Reiches zur Stärkung der Wehrkraft. Der ganz allmähliche Uebergang zur zweijährigen Dienstzeit mit Ausschluß der berittenen Waffe stehe in Aussicht; jedoch sei nicht ausgeschlossen, daß für Leute mangel­hafter Führung oder ungenügenden Ausbildungsgrades das Retentionsrecht für ein drittes Jahr aufrecht er­halten werde.

* Eine heute erschienene Extraausgabe des Militär- Wochenblatts meldet, daß die Generallieutenants Ziegler und Seyftied in Genehmigung ihres Abschiedsgesuchs mit Pension zur Disposition gestellt worden sind, ebenso fünf Generalmajors unter gleichzeitiger Beförderung zu Generallieutenants. Zu Generallieutenants wurden ferner befördert die Generalmajors v. Alten und Labe- mann, welche Divisionen erhielten.

* Der Reichskanzler hat dem Vorstände des Ver­eins zur Beförderung des Gewerbefleißes in Berlin auf dessen Eingabe betreffs einer internationalen Ausstellung in Berlin unteren 20. d. nachstehenden Bescheid zu­gehen lassen:

Dem Vorstande beehre ich mich auf die gefällige Eingabe vom 26. April d. I., in welcher derselbe mein Interesse für eine Weltausstellung in Anspruch nimmt, ergebenst zu erwidern, daß nach meinem Dafürhalten auch von demjenigen Standpunkt aus, welcher einer solchen Ausstellung ein warmes Interesse entgegen­bringt und die daraus zu erhoffenden Bortheile hoch anschlägt, noch kein Grund vorliegt, eine amtliche Stellungnahme der ver­bündeten Regierungen herbeizuführen. Zunächst erscheint mir, so weit meine Informationen reichen, fraglich, ob unsere Groß­industrie überall geneigt sein würde, diejenigen Opfer, welche eine solche Ausstellung, wenn sie erfolgreich werden soll, von ihr fordern müßte, auf sich zu nehmen. Ebensowenig ist bisher die finanzielle Sicherung, sofern sie durch die Bereitstellung von er­heblichen Geldmitteln Seitens Privaten und Seitens der Stadt Berlin herbeizuführen wäre, in einer Weise gewährleistet, welche dem Urtheil der verbündeten Regierungen eine hinreichende Unterlage bieten könnte. Mit dem Vorstande bin ich völlig darin einverstanden, daß kein zur Hebung der deutschen Ausfuhr-ge­eignetes Mittel unbenutzt gelassen werden sollte. Eine Weltaus­stellung in Berlin würde aber ein solches Mittel nur dann bieten, wenn sie glückte, während andernfalls nicht nur pekuniäre Opfer zu bringen wären, sondern auch der Ruf deutscher Indu­strie und Gewerbe im Auslande in eine unsere Ausfuhr schädi­gende Mitleidenschaft gezogen werden könnte. Die Rückwirkung einer Weltausstellung in Berlin auf den deutschen Export werden meines Erachtens unsere Kaufleute und Gewerbetreibenden, wenn sie aus Chicago zurückkommen, klarer übersehen als heute. Jedenfalls hat eine Weltausstellung in Berlin mit mancherlei Schwierigkeiten zu kämpfen, und es wird nicht bestritten werden können, daß sie, früher oder später, nur unternommen werden darf, wenn ihr die Aussicht auf einen vollen Erfolg so weit als irgend möglich gesichert ist.

* Der ,Reichsanzeiger' veröffentlicht in ber An­nahme, baß es ben beutfdjen Ausstellern vielfach er­wünscht fein wirb, mit benjenigen Herren in ein per­sönliches Benehmen zu treten, welche infolge ber vom Reichskommissar für bie Weltausstellung in Chicago im April einberufenen Versammlungen ben Ausstellungs- Unternehmern fernerhin bauernb ihre Mitwirkung leihen wollen, ein Verzeichniß ber Mitglieber bes für bie Organisationsarbeiten gebilbeten Centralausschusses, so­wie berfenigen Herren, welche sich zu befonberen Aus­schüssen für das Transport- unb Versicherungswesen, für Bearbeitung bes Katalogs, für Veröffentlickungen unb für bie Behandlung sonstiger wichtiger Fragen

überwinden: die beiden Verlobten traulich bei einander zu sehen. Sobald Bäumer daher bei seiner Braut er­schien, empfahl sie sich mit schmerzlichem Lächeln.

„Sie kann mich doch dauern," sagte dann die glück­liche Braut.

* * *

Man befindet sich bereits in den letzten Tagen des April, ES ist ein sonniger Frühlingstag, der heute für zwei glückliche Menschenkinder angebrochen ist. In einem der schönsten Häuser der kleinen Stadt D. herrscht schon seit dem frühen Morgen ein auffälliges reges Leben. Man sieht dort viele fremde Herrn unb Samen ein» unb ausgehen. Was mag da wohl vor sich gehen? Soeben betritt ein schlanker hübscher Mann die Stufen zum Droop'schen Hause.

„Das ist der schöne und glückliche Bräutigam der Tochter des Hauses!" hört man die Umstehenden sprechen.

Wagen auf Wagen rollt nun heran. Noch einige Minuten, dann werden wir auch die Jungfer Braut sehen ... da ist sie schon . . .

„Ach, wie schön!" hört man verwunderte Stimmen leise rufen.

Strahlend in Glück und Glanz, am Arme des Bräutigams betritt jetzt die Braut die mit Blumen befäeten Stufen zum Wagen hinab, der bie ©eiben zur Kirche, vor ben Altar führt, wo sich bas Banb