Sonntag, den 22. ivtai 1892.
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viel gewonnen, wenn wir die tonangebenden Vertreter der zivilisirten Nationen zu einer Reise nach Deutschland und zu einigem Verweilen bei unS zu bewegen vermögen. Sie sehen dann mindestens, daß es in Deutschland auch noch etwas anderes gibt, als Kasernen, Sauerkraut und Sozialdemokraten. Wenn alle anderen großen Nationen wenigstens eine Weltausstellung sich geleistet haben und die „grrrande nation“ sogar eine ganze Reihe, so könnte die fortwährende Zurückhaltung Deutschlands allerdings vielfach den Eindruck machen, als ob es noch im Hintertreffen der Kultur stände. Man mag die Weltausstellungs-Mode vemrtheilen, aber mitmachen muß man sie doch, wenn man sich nicht den Lästerzungen aussetzen will. Und es ist ja auch nicht ein eitles Spiel, wenn wir die Achtung der Welt vor Deutschland etwas aufzumuntern suchen, sondern ein Beitrag zur Friedenssicherheit. Im letzten Grunde beruht ja der Weltfrieden auf dem Respekt, den man der deutschen Nation zollt. Nicht bloß unserem Heere, sondern auch unserer wirthschaftlichen Kraft muß der Respekt der Welt gesichert sein; kann man doch immer wieder hören, wie das Märchen verbreitet wird, daß Deutschland die Mehrlasten durchaus nicht mehr tragen könne und nächstens abrüsten müsse, weil nachgerade außer den Soldaten Niemand mehr satt zu essen habe. Mögen die Fremdlinge kommen und sehen, daß wir die Abrüstung zwar wünschen, aber doch Kraft und Höflichkeit genug haben, um den Franzosen den Vortritt in dieser Beziehung zu überlassen.
Sollen diese schönen Früchte des Weltausstellungsbaumes zur Reife kommen, so muß freilich der alte Schlendrian und die heillose Abneigung vor selbstständigem Vorgehen von den betheiligten Kreisen einmal ausnahmsweise überwunden werden. Die Franzosen haben 1889 ohne Staatshilfe einen Garantiefonds von 21 Millionen Frank aufgebracht. Wenn die Zeichnungslisten, die man jetzt in Berlin anfertigt, nicht diesen Sommer noch mindestens 20 Mill. Mark anfweist, dann wollen wir den Degen nur schleunigst wieder einstecken. Namentlich die Stadt Berlin muß gehörig in ihren großen Beutel fassen; bei einem Steuerzuschlage von bloß 70 Prozent kann sie keinen Mangel an Kleingeld vorschützen, und eS ist auch nicht mehr als billig, daß sie einen Haupttheil der Lasten trägt, da der Vor- theil zunächst und hauptsächlich in ihren Schooß fällt. Profitiren wollen sie alle gern von der Ausstellung, der große Bankier sowohl, wie die kleine Bierbrauerei. Also mögen sie auch Alle zahlen oder wenigstens sich verbindlich machen zur Zahlung, im Nothfalle.
Und schließlich haben wir noch die Mahnung, den Geist des Herrn Kunze nicht in die vorbereitenden Sitzungen zuzulassen. Lasse man die Lotteriespielerei möglichst aus dem Spiele! Eine Waarenlotterie zur Erhöhung des Absatzes könnte man sich zur Roth gefallen lassen, aber eS sollte uns eine Ehren- und Gewissenssache sein, das nöthige Geld ohne einen Pakt mit dem Spielteufel herbeizuschaffen.
Berlin, 19. Mai.
* Der Kaiser hat dem Oberpräsidenten von Westpreußen, dem ftmheren Kultusminister Dr. v. Goßler, anläßlich der Danziger Kaisertage sein Bildniß zum Geschenk gemacht. Der Tochter des Oberbürgermeisters von Danzig, Dr. Baumbach, verehrte der Kaiser eine Brosche mit dem Reichsadler in Brillanten.
* Die Resolutionen, welche in der Berliner Katho- liken-Versammlung gefaßt wurden, haben folgenden Wortlaut:
„Zur Stellungnahme gegenüber der durch Zurückziehung des Bolksschulgesetzes geschaffenen politischen Gesammtlage" in der Zahl von einigen Tausend heute versammelte Berliner Katholiken
sprechen ihr tief schmerzliches Bedauern aus über das Schicksal des Schulgesetzentwurfs und die dadurch erfolgte Unterbrechung der ohnehin so langsamen Fortschritte der letzten zehn Jahre zur Wiederherstellung befferer Zustände in Kirche und Schule.
Nachdrücklich widersprechen sie der offenkundigen Unwahrheit, als hätten in dem Kampfe um diesen Gesetzentwurf diejenigen Richtungen und Parteien die Volksstimme oder auch nur die Mehrheit des Volkes für sich gehabt, welche in den sieben- ziger Jahren auch die Träger des unglückseligen Kulturkampfs waren.
Die Versammlung erkennt mit freudiger Erhebung an, daß die parlamentarischen Vertreter des katholischen Volkes die seit zwanzig Jahren stets bewiesene Grundsatzfestigkeit, Hingebung und Umsicht auch wieder in dieser, noch zu keiner klaren und endgiltigen Entscheidung gelangten Krisis bethätigt haben.
Die Versammlung erklärt, daß die Katholiken wie immer mit unerschütterlicher Treue und Hingebung hinter ihren bewährten Vertretern stehen werden in dem Kampfe gegen die Versumpfung der höchsten Lebensfragen unseres Volkes und um die Verwirklichung der ersten Grundsätze und Ziele unserer Partei:
1. eine in ihrer Leitung und Thätigkeit wirklich freie Kirche insbesondere auch die Befreiung der Ordensthätigkeit von noch bestehenden Fesseln und die Zulassung aller Orden;
2. Unterrichtsfreiheit, und für die aus öffentlichen Mitteln unterhaltene Schule eine gesetzliche Ordnung, welche den Anforderungen von Kirche und Eltern so gut wie denen von Staat und Gemeinde gerecht wird, insbesondere also auch konfessionell ist und die Garantien für einen echt kirchlichen Religionsunterricht und den nothwendigen Einfluß der Kirche auf die Erziehung der Kinder bietet;
3. volle Gleichberechtigung der Katholiken auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens;
Die Versammlung erklärt endlich, gegenüber manchen Vorgängen und Aeußerungen auch wieder der neuesten Zeit, daß das Centrum bezüglich der so wichtigen sozialen Aufgaben unserer Tage sich hochverdient gemacht hat und trotz der neuerlichen Anfeindungen auf den Wegen muthig beharren möge, die es so erfolgreich betreten,
und daß bei voller Rücksichtnahme ans den politischen Werth des Dreibundes für den Frieden Europas, jeder Katholik zugleich unerschütterlich festhält au der damit nicht im Widerspruch stehenden Forderung der territorialen Unabhängigkeit des heil. Stuhles als Bürgschaft für die Freiheit der Kirchenregierung.
* Zum italienischen Botschafter in Berlin ist, nachdem Graf Taverna von diesem Posten zurückgetreten ist, ohne ihn noch faktisch bekleidet zu haben, Graf Arco ausersehen.
* Reichstagsabgeordneter von Kleist - Retzow, der Führer der Konservativen, ist heute früh auf seinem
□ Die Weltausstellung im märkischen Sande.
Aller Anfang ist schwer; aber den Anfang der Vorbereitung für die Berliner Weltausstellung hätte ich mir doch etwas weniger schwerfällig vorgestellt. Gewiß, Deutschland ist der mächtigste Staat in Europa und Berlin ist eine P/2 Millionen - Stadt; weshalb sollen es und sie nicht auch einmal sich eine Weltausstellung leisten? ES kommt nur darauf an, ob die nöthige Thatkraft vorhanden ist. Bisher sieht man aber mehr Phlegma als Spiritus.
Anscheinend glaubt man zunächst, daß sich eine Weltausstellung auf „Sympathien" begründen ließe. Die Stadtväter von Berlin resolvirten ihre Sympathien und der „deutsche Handelstag" stürzte sich in dieselben Unkosten. Und dann schaute man erwartungsvoll nach Oben. Der militärische und der Bismarck'sche Drill haben unS so schön erzogen, daß wir wie artige Kinder immer geduldig warten, bis Mutter uns das Brod schneidet, schmiert und vorsetzt; einige verlangen auch noch das Berkauen. In diesem Falle war die Reichsregierung der vernünftigen Ansicht, daß Selbsthilfe auch ein recht nettes Ding sei und die betheiligten Erwerbsstände sowie die Stadt Berlin von Rechtswegen den Vortritt hätten zum Weltausstellungsopfer- Altar. Nach und nach begriffen denn auch die Berliner Matadore, daß Herr v. Caprivi nicht der vorangehende Mann mit den großen Stiefeln sein wolle. Da der „Handelstag" sich nun einmal in die Sympathie-Sackgasse verrannt hatte, so thaten sich dieser Tage wieder vier andere Vereine zusammen, um endlich ein Komitee zu bilden, das an Stelle der Sympathien in Papierwährung bindende Zeichnungen in Goldwährung sammeln soll. Wenn Alles gut geht, so kommt doch vielleicht der Garantiefonds für die Berliner Weltausstellung noch eher zu Stande als das preußische Schul- Gesetz.
Unseren Segen geben wir diesen Bemühungen gern. Nicht als ob wir von einer Weltausstellung eine ungeheure Beglückung der deutschen Erwerbsthätigkeit erwarten oder als ob wir das Bedürfniß fühlten, den „Wasserkopf" noch dicker werden zu sehen. Aber nachdem im Jahre 1889 die Mode der Weltausstellungen in neuen Schwung gebracht worden ist, scheint nun Deutschland auch mitmachen zu müssen — seines Ansehens und des Friedens halber.
Ohne in den Geruch des Eigenlobes zu gerathen, können wir wohl sagen, daß Deutschland etwas besser ist, als sein Ruf. Denn unser Ruf in der Fremde läßt noch sehr viel zu wünschen übrig. Es liegt einmal so in unserer „nationalen" Natur, daß wir uns nicht recht aufzuspielen verstehen, am wenigsten dann, wenn wir eS krampfhaft wollen. Nun ist freilich die Weltausstellung auch ein großer theatralischer Versuch, und die Vorstellung kann mißglücken. Doch ist schon immer
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Am Umschalter.
Kriminal-Roman aus dem Berkehrsleben von Th. Schmidt.
(38. Fortsetzung.)
Er hatte nämlich ein Waarenlager in einem allein sichenden Schuppen, der nicht direkt mit dem Haupt- Fabrikgebäude in Verbindung stand, zu beaufsichtigen, und eS passirte oft, wie man auch wußte, daß die jungen Leute des Geschäftes für einige Minuten sich entfernten, um in der nahen Gastwirthschaft ein Glas Bier zu trinken. Hecht's Wohnung lag nur einige Minuten von der Fabrik entfernt. Wie der Untersuchungsrichter nach dem Vorfall am 7. September durch Nachfrage in der Fabrik, in der Gastwirthschaft und in der Wohnung Hecht's erfuhr, war dieser zur omgeblichen Stunde in der Fabrik nicht vermißt, in der Gastwirthschaft aber gewesen, um einige Seidel Bier zu trinken, hingegen in seiner Wohnung nicht gesehen worden. Alles traf sich so weit gut für die beiden Schufte. Der „taube Seiler" war hinter dem Wohn- hanse in einem Stalle beschäftigt und konnte daher nicht JHWn, daß fein Miethsmann schon zu Hause war. Innerhalb einer Minute war der Brief von Hecht mit geübter Hand aufgeschnitten, der Inhalt demselben entnommen und dafür nach Gutdünken einige der von dem Post - Unterbeamten an Frank gegebenen Papierfetzen nebst dem Telegramm - Formular - Abriß hineingelegt. Mit einem Markenstreifen klebte Hecht dann von Innen
den Einschnitt in dem Kouvert wieder zu. Jeder Räuber nahm dann die Hälfte des Raubes an sich. Darauf löschten sie das Licht. Frank verließ nun eiligst das Haus des Seilers und traf etwa fünf Minuten nach sieben Uhr — richtiger Zeitangabe in D. — vor der Thür der Adens'schen Fabrik wieder ein. Hecht verließ gleich nach Frank sein Zimmer und begab sich in die Gastwirthschaft unweit der Fabrik, in der er beschäftigt war. Dort trank er schnell einige Glas Bier, um bei späteren Nachfragen behaupten zu können, daß er sich nur einige Minuten entfernt habe. Aus der Fabrik konnte er höchstens zehn Minuten abwesend gewesen sein, was dort Niemand ausgefallen war. Frank wollte, nachdem er das Haus des Seilers verlassen hatte, noch einmal in das Comptoir seines Geschäftes gehen, da er in Wirklichkeit etwas vergessen hatte, jenes war aber bereits verschlossen. Als er dann aus der Eingangsthür der Fabrik trat, stieß er auf Frede und Baum, die dann sich ihm anfchlossen und später vor dem Untersuchungsrichter so günstig für ihn zeugten. Das Glück war Frank auch auf der Post treu geblieben. Wir wissen, daß Bäumer vergaß, das Gewicht des Briefes sogleich bei der Annahme festzustellen. Hiernach mußte der Verdacht der That auf den Beamten fallen, um so mehr, als später von dem Postinspektor ermittelt wurde, daß das ursprüngliche Gewicht nicht neunundvierzig, sondern vierundfünfzig Gramm betragen hatte.
Die Differenz dieser beiden Zahlen - Ermittelungen wurde hauptsächlich für Bäumer verhängnißvoll. Während der Anwesenheit des Postinspektors bei Adens Tags nach dem Vorfälle hatte Frank durch die nur angelehnte Thür zum Zimmer seines Prinzipals die Worte gehört, daß die Nummern der Banknoten von letzterem notirt seien. Aus diesem Grunde verzögerte sich die Abreise Hecht's nach Amerika; er wagte es noch nicht, einen der gestohlenen Scheine auszugeben. Erst vor drei Tagen, nachdem Linde bei Adens gewesen war, hatte Frank dem Hecht mitgetheilt, daß er nunmehr dreist )ie Einhundert-Markscheme verausgaben könne, da er bestimmt erfahren, daß die Nummern dieser nicht notirt seien.
Daß Frank nicht mit Hecht zusammen die Reise nach Amerika antrat, das war wiederum eine schlaue Berechnung der stechen Burschen. Man sagte sich, daß, wenn Frank jetzt plötzlich seinen Prinzipal kündigte, )ieS Verdacht erwecken müßte; deshalb nahm jener ich vor, erst nach einem Vierteljahre, wenn der Vor- all mit dem Geldbriefe bereits in Vergessenheit gemachen sein würde, das Dienstverhältniß bei Adens zu kündigen.
Das war das Wesentlichste in den Aussagen Hecht's. Nachdem dieselben zu Protokoll gebracht, wurde er wieder in's Gesängniß abgeführt.
Linde aber eilte mit einem vom Richter geschriebenen Telegramm steudig zum Postamte, um schleunigst