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Samstag, den 21. Mai 1892
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Botschafter die sämmtlichen Belege darüber zugestellt wurden; der Botschafter habe sich dadurch vollkommen befriedigt erklärt.
* Graf und Gräfin HoyoS treffen am Samstag mit ihrer Tochter, der Gräfin Margaretha, Braut des Grafen Herbert Bismarck, in Begleitung des letzteren in Friedrichsrnh ein. Wie die ,Hamb. Nachr.' ferner berichten, beabsichtigt Fürst Bismarck, diesen Besuch demnächst zu erwidern und an der Hochzeit seines Sohnes, die Ende Juni in Fiume stattfinden soll, theilzu- nehmen. Dann dürfte sich Fürst Bismarck zur Kur nach Kissingen begeben.
* Zur Theilnahme an der von der nordamerikanischen Bundesregierung angeregten internationale« Münzkonferenz ist auch Deutschland eingeladen worden. Die Konferenz soll in Brüs s el stattfinden. Die Reichsregierung steht derselben kühl gegenüber. Wie der Wiener ,Polit. Korr/ aus Berlin geschrieben wird, befürchte man Mangels eines ernannten Konferenzprogramms agitatorische Ausnützung und bezweifle, ob die europäischen^ Staaten, die sich geordneter Währungszustände erfreuten, gut thun würden, sich an der Konferenz zu betheiligen.
* In der 66. Plenarsitzung vom 19. Mai berieth das Abgeordnetenhaus den Antrag Richter: „Die Regierung zu befragen, ob sie beabsichtige, Gesetzentwürfe vorzulegen 1) über Aenderung des Landtagswahlrechtes und 2) über eine den jetzigen Bevölkerungsverhältnissen entsprechende Abänderung der Wahlkreiseintheilung. Abg. Rickert (dfr.) begründet den Antrag mit dem Hinweis auf die Steuerreform und deren plutokratischen Einfluß und weist in Bezug auf die verfehlten jetzigen Verhältnisse darauf hin, daß Berlin eigentlich statt 9, nach der Staatssteuerreform 62 Abgeordnete im Hause sitzen haben müßte. Minister Herrfurth erklärt, daß die Regierung nicht gewillt sei, das Wahlgesetz zu ändern, jedoch nach Beendigung der Steuerreform an eine gesetzliche Regelung der WahlkreiSeinthellung gehen werde. Bei dieser werde aber die Bevölkerungsziffer nicht den Ausschlag geben, denn die Sache solle nicht mechanisch, sondern organisch auf Grund der örtlichen, Erwerbs- rc. Verhältnisse geregelt werden. Bei Be- rathung des Wahlgesetzes sei festgesetzt worden, daß der damals zu Grunde gelegte Bevölkerungsziffermaßstab für die Zukunft nicht bindend sein und periodische Revisionen nicht stattfinden sollten. Seitens des Centrums wird die Nothwendigkeit einer Reform des Wahlgesetzes anerkannt, der Antrag ad 2) aber für überflüssig erklärt und kund gegeben, daß man gegen denselben stimmen werde. Die Konservativen gaben die Erklärung ab, daß sie gegen den Antrag 1) zur Zeit und ad 2) prinzipiell stimmen werden, da erst die Steuerreform ihre Wirksamkeit einige Zeit' geübt haben müsse, ehe man an die Wahlreform gehen könne. Die Freikonservativen erklären sich gleichfalls gegen beide Theile des Antrags. Seitens der Nationalliberalen wird die Frage eines provisorischen Wahlgesetzes aufgeworfen und erklärt, den Antrag ad 2) ablehnen zu müssen. Nach einem Schluß-
Am Uostschatter.
Kriminal-Roman aus dem Berkehrsleben von Th. S ch m i d t.
(37. Fortsetzung.)
Im nächsten Augenblicke stürzt Hecht, am Kopfe getroffen, blutend zu Boden .... Ein Schuß kracht .... Linde fühlt einen stechenden Schmerz im Unterarm, er achtet indeß nicht darauf, sondern stürzt vorwärts auf dm Verbrecher los. Ein kurzes Ringm, dann schwingt Linde den Revolver, den er den halb Betäubten entrissm hat.
„Bekenne, Schurke! Hast Du mit Frank den Werthbrief seines Inhalts beraubt?"
Keine Antwort.
„Ich lasse Dir jetzt eine Minute Zeit . . . dann schieße ich . . . Bist Du der Räuber?"
„Ja!" kommt es heiser aus Hecht's Kehle.
In demselben Augenblicke tritt der Polizeimann ein.
„Gut, daß Sie kommen, Herr Wachtmeister!" ruft Linde. „Hier dieser elende Mensch und der bekannte Frank haben den Geldbrief, wegen dessen mein armer Freund bis heute hat im Gefängnisse fitzen müssen, beraubt . . . soeben hat dieser hier es eingestanden, nachdem ihm ein Mordanfall auf mich mißglückt war. Ich selbst gehe jetzt zum Untersuchungsrichter, um ihm das gestohlene Geld zu übergeben."
„Es ift die alte Geschichte vom Kruge," sagt grimmig der Wachtmeister. „Stehen Sie auf!" herrscht er
den Daliegenden an. „Ich habe Sie schon lange im Verdacht gehabt. Jene verschiedenen Beträge, die Ihnen vor einem Jahre bei der Abholung derselben von der Post abhanden gekommen fein sollten, wie Sie vorgaben, und die Ihnen dann von Ihrem Prinzipal nachgesehen wurden, werden wohl auch da geblieben fein, wo diese Banknoten gefunden wurden."
Hecht erhebt sich nun und greift an seine blutende Stirn.
„Er muß einen harten Schädel haben," bemerkte Linde fast heiter, „sonst hätte das schwere Uhrgewicht ihm denselben wohl zerschmettern müssen."
Nachdem dem Verbrecher Handschellen angelegt sind, folgt er mit einem giftigen Blick auf Linde dem Beamten. Linde zieht indeffen recht mühsam feinen Rock aus, um die Wunde zu untersuchen.
„Das wird wohl bald wieder Hellen. Gott sei Dank, daß die alte Uhr hinter mir hing, sonst wäre ich jetzt wohl eine Leiche," meint er erfreut.
Er verband sich, fo gut es ging, den Arm, daun begab er sich zum Untersuchungsrichter.
XXI.
„Sie sind ja zum Auf klären dunkler Geschichten ebenso fähig wie mancher eingefleischte Geheimpolizist, Herr Linde. Tausend und noch einmal, wie haben Sie es denn angestellt, den Burschen zu fangen?" rief der Richter, nachdem er Linde's Bericht angehört."
„Mein Geheimniß, Herr GerichtSrath! Aufklärung
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Worte des Abg. Richter (dft.) wird die Angelegenheit verlassen, da er den Antrag als nach der formellen Seite hin erledigt, zurückzieht. Es folgt Berathung des Antrags v. Schalscha „die Regierung um eine Vorlage zu ersuchen, wonach Mitglieder einer Einschätzungskommission unter bestimmten Verhältnissen unter Strafe gestellt werden können." Regierungsseitig und aus dem Hause erklärt man sich gegen den Antrag. Derselbe wird zurückgezogen. Nächste Sitzung: Montag. Tages- Ord.: Petitionen, kleine Vorlagen. Schluß 33/t Uhr.
* Die Erhöhung der Civillisten scheint im Zuge der Zeit zu liegen. So wird aus Darmstadt gemeldet, die eben der hessischen Volkvertretung zugegangene Civilliste des Großherzogs enthalte eine große Mehr- forderung. Wenn diese Nachricht sich bestätigen sollte, so würde die Mehrforderung insofern auffällig sein, als der verstorbene Großherzog, der Vater des jetzigen, mit der seither ausgeworfenen Summe vollständig auskam, dabei Jahre lang eine ziemlich zahlreiche Familie — 5 Kinder — hatte, und auch noch einige Töchter bei deren Vermählung ausstattete, während sein Nachfolger bekanntlich erst 23 Jahre alt und noch unver- heirathet ist. Man darf begierig sein, wie die zweite Kammer gegenüber der Mehrforderung sich verhalten wird. .
* Die Sperrgelder-Berwendungs-Kommisfio« in der Diözese Breslau hat die sämmtlichen bei ihr eingegangenen Anmeldungen durchberathen und sich in jedem einzelnen Falle schlüssig gemacht, welche Beträge zu bewilligen und welche Beträge abzulehnen sind. Ein großer Theil dieser Beschlüsse liegt bereits in Ausfertigung vor, der Rest wird in naher Zeit ausgefertigt sein. Der Vorsitzende der Kommission hat dem Finanzminister über dieses Resultat der Thätig- keit der Kommission Bericht erstattet, und ist danach wohl zu hoffen, daß der Minister in Bälde gestatten wird, die ausgefertigten Beschlüsse zuzuftellen. Bevor diese Ministerial-Entschließnng überhaupt eintrifft, ist jede Zustellung unzulässig. Im Ganzen waren bei der Kommission 209 Anmeldungen eingegangen, welche aber eine weit größere Zahl von Einzelausprüchen betrafen. Bei den Anmeldungen von Ersatzansprüchen gemäß Artikel 2 Absatz 1 des Sperrgelder-Verwendungs-Ge- setzes enthielt z. B. die eine Anmeldung 90 Einzel- ansprüche, die andere 50.
* «öl«, 18. Mai. Herr Justizrath Sieger, der Präsident des Afrika-Vereins deutscher Katholiken, ist wie schon kurz mitgetheilt, in letzter Nacht um 1274 Uhr verschieden. In ihm verliert die rheinische Rechtsanwaltschaft einen ausgezeichneten Kollegen von seltener Liebenswürdigkeit und Beliebtheit, unsere Stadt einen guten, vielfach im öffentlichen Interesse thäügen Bürger, besonders die Katholiken Köln's einen Mann, der rastlos für ihre Aufgaben in zahlreichen Vereinen thätig war. Noch am Sonntag nahm Herr Sieger an der Feier auf dem Gürzenich Theil, bereits am selben Tage stellten sich dieVorboten der reißend schnell sich entwickelnden Krankheit (typhöse Lungen-Entzünduug) ein, und schon kommt später! Doch zur Sache! Ich möchte nun einmal von dem Kerl, dem Hecht, erfahren, wie er und Frank es angefangen haben, das Stückchen so fein auszuhecken, daß Niemand ihnen bis heute etwas beweisen konnte. Hier ist die Brieftasche .... wollen einmal sehen, was noch von den gestohlenen Banknoten darin ist! Siehe da! Eintausend dreihundert Mark! Sie scheinen demnach brüderlich getheilt zu haben. Zweihundert Mark hat somit Hecht schon ausgegeben. Dieser Einhnndert-Markschein gehört noch dazu," bemerttLinde weiter, indem er die Banknote, die er von Polter erhalten hat, zu den anbeien legt.
„Der ist wohl Ihr Talisman gewesen, Herr Linde?"
„Getroffen, Herr Gerichtsrath! Doch nun bitte ich, Hecht zu verhören, mein Arm schmerzt mich jetzt doch ein wenig. — Wäre es nicht besser, wenn Hecht mich hier nicht sähe? Der Bursche wird mit den Triumph nicht gönnen, ihm feine Sünden bekennen zu hören, und wird in meiner Gegenwart Alles leugnen oder doch verdrehen, deshalb erlauben Sie mir, daß ich dort hinter den großen Ofenschirm trete, hinter dem ich völlig unsichtbar für ihn bin.“
„Sie haben Recht! — Doch ä propos! — sehen Sie sich einmal die Depesche auS W. von dem Schwurgerichts-Präsidenten an!“
Linde liest dieselbe und gibt sie dann dem Richter zurück.
„Konnte mir das denken! Nun, die Depesche, die
Deutsches Keich.
Berlin, 19. Mai.
* Die schon erwähnte Katholiken-Versammlung im Saale der Brauerei Friedrichshain, welche gegenüber der durch Zurückziehung des Volksschulgesetzes geschaffenen politischen Lage Stellung nehmen sollte, war von etwa 1500 Männern besucht. Die Galerieen waren von Damen besetzt. Vom Centrum waren anwesend Graf Ballestrem, Frhr. v. Heereman, Frhr. v. Huene, Frhr. v. Wendt, Dr. Lieber, Biesenbach, Frhr. v. Loö und viele Andere. Direktor Eyrund eröffnete nach einem Gesangsvortrag die Versammlung und führte Lieber als Redner ein. Stürmisch begrüßt, führte derselbe aus, die neue Lage habe die Stellung der Partei nicht erschüttert, ihren Muth nicht gebeugt. „Wir sind nicht zur Opposition gedrängt, die Leidtragenden um den Entwurf sind nicht die Katholiken. Als Preußen fordern wir die Unabhängigkeit der Kirche, die Freiheit des Ordenslebens, kein Wohlwollen, sondern unser Recht.“ Redner erinnerte daran, der Jesuit Wolff habe Ende des 17. Jahrhunderts in Wien die Wege für das preußische Königthum geebnet, der Jesuit Vota die Anerkennung desselben durchgesetzt in Warschau und anderswo. Wir verlangen ferner Unterrichts-Freiheit, bei Bestehen des Schulzwanges Fortfall der Zwangs- fchule. Wir verlangen drittens Gleichberechtigung der Katholiken als Staatsbürger im Beamtenthum. Als Deutsche haben wir zwei Ausgaben durchzuführen: Er- träglichrnachung der Sage der arbeitenden Bevölkerung sowie die Unabhängigkeit des hl. Stuhles. Der Dreibund ist nöthig zur Erhaltung des Friedens, aber der Papst ist der beste Hort des Friedens. Unser Pol steht fest, trotz der Schwankungen der Nadel wird der Steuermann das Schiff ruhig lenken. Nachdem der Vorsitzende in warmen eindringlichen Worten zur starken Bethelligung an der bevorstehenden Wallfahrt nach Fulda zum Grabe deS hl. Bonifatius eingeladen, schloffen die Verhandlungen mit der gemeinschaftlich gesungenen Hymne auf Papst und Kaiser und endlich mit dem katholischen Gruße.
* Die Justizkommission des Abgeordnetenhauses hat eine Petition betreff. Vermehrung der etatsmäßigen Kanzlisten st ellen bei den Justizbehörden der Staatsregierung zur fortdauernden Erwägung überwiesen. Der Vertreter des Justizministers erklärte, die Justizverwaltung werde nach wie vor eine Vermehrung der etatsmäßigen Kanzlistenstellen erstreben.
* Die .Allgem. Reichs-Korr.' erklärt, die Notiz über die Erkrankung des Sultans sei ihr von einem ihrer ständigen Wiener Korrespondenten brieflich als Gerücht zugegangen. Sie sei von Seiten der Korrespondenz nicht an Reuter gegeben worden. Die Besitzer, Herausgeber und Redakteure der Korrespondenz ständen jeder Jn- trigue fern. Dem Wunsche des hiesigen türkischen Botschafters entsprechend hätten die Leiter der Korrespondenz die Quelle ermittelt, aus welcher dem Wiener Korrespondenten die Nachricht zugegangen und dem