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19. Jahrgang

Freitag, den 20. ^ai 1692.

JM 115

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Aussöhnung Mischen dem Kaiser und dem Fürsten Kismarck?

* Seit einiger Zeit gehen namentlich durch die mittelparteiliche Presse allerlei dunkle Andeutungen und Gerüchte, daß eine Aussöhnung zwischen dem Kaiser und dem Fürsten Bismarck versucht werden solle; man wollte sogar schon in Frhrn. v. Stumm den Ver­mittler entdeckt haben. Daneben tauchen auch Gerüchte auf, daß Graf Herbert Bismarck, der frühere Staats­sekretär des Auswärtigen, in den Reichsdienst zurück­berufen werden solle. Die nationalliberale Münchener ,Allg. Ztg.' ließ sich u. A. aus Berlin melden, Graf Herbert Bismarck beabsichtige nicht in den Staats­dienst zu treten; sein Wiedereintritt wäre nur möglich bei einer Aussöhnung des Kaisers mit dem Fürsten Bismarck, die Graf Caprivi hindere. Einflußreiche Mitglieder des preußischen Ministeriums hielten jedoch die Aussöhnung für schlechterdings nothwendig.

Diese und ähnliche Nachrichten haben jedenfalls, wie eine Berliner Centrums-Korrespondenz schreibt, den Vorzug, interessant zu sein. Aber in demselben Maße, wie sie interessant und pikant sind, sind sie auch un­glaubwürdig. Daß Graf Herbert vorerst nicht daran denkt, in den Reichsdienst zurückzutreten, ist allerdings sehr wahrscheinlich. Auf seine Verlobungs­anzeige hin hat der Kaiser mit einem die Formen gesell­schaftlicher Höflichkeit nicht überschreitenden Glückwunsch- Telegramm geantwortet, und mehr weiß man für den Grafen Herbert Bismarck auch nicht anzuführen. Daß er so tüchtig, ja geradezu unersetzlich in seinem Amte gewesen sei, wie sein Vater, hat noch Niemand be­hauptet, und auch die Beamten im Auswärtigen Amt sollen glaubwürdigen Nachrichten zufolge keine beson­dere Sehnsucht nach Rückkehr des Grafen Herbert Bis­marck empfinden. Die homerische Grobheit ist zwar berühmt, aber nicht überall beliebt. Eine Rückkehr des Grafen Herbert Bismarck in sein Amt wäre wahr­scheinlich nur unter der Voraussetzung, daß entweder Fürst Bismarck selbst als Reichskanzler wieder in Amt und Würde trete, oder daß wenigstens eine Aussöhnung zwischen dem Kaiser und dem Fürsten Bismarck statt­findet. ,

Dem Grafen Caprivi wird in der Berliner Korre- fpondenz der Münchener ,Allg. Ztg.' zur Last gelegt, daß er die Aussöhnung hindere, während einflußreiche Mitglieder des preußischen Ministeriums dieselbe für nothwendig hielten. Das eine ist so unglaubwürdig wie das andere. Wenn der Kaiser sich mit dem Fürsten Bismarck wieder versöhnen wollte, so würde er sich durch den Grafen Caprivi nicht daran hindern lassen. Sic volo sic jubeo! Graf Caprivi hat ja nicht einmal die Zurückziehung des Volksschulgesetzes hindern können. Vielleicht wäre es dem Grafen Caprivi viel lieber, wenn eine Aussöhnung stattfinde, weil er dann einen guten Anlaß hätte, aus dem Amte zu scheiden, das ihm nach der Krisis in den Märztagen vielleicht wenig Freude mehr macht! Aber welche „einflußreiche Mitglieder des preußischen Ministeriums" könnten nach

Am Vo lt sch alter.

Kriminal-Roman aus dem Berkehrsleben von Th. Schmidt.

(36. Fortsetzung.)

Gleich nachdem der Seiler gegangen, verließ Linde dessen Zimmer, froh, endlich aus dieser Höhle des alten Junggesellen aufbrechen zu können. Im nächsten Augenblick klopfte er an die Thür des andern Zimmers, welches jenem gegenüberlag und in dem Freund Hecht sich aufhalten mußte. Auf dessen „Herein!" öffnete Linde schnell die Thür, und trat ein.

Hecht erschrack heftig bei dem Anblick des Postbe­amten.

„Sie sind Herr Hecht? begann Linde.

„Jawohl! Was wünschen Sie?"

„Ich möchte mich gern mit Ihnen über einen Gegenstand unterhalten, der uns beide interessirt. Wie ich höre, haben Sie die Absicht, nach Amerika auszu­wandern. Ich kann dies nur ganz natürlich finden. Nicht Jeder findet es hier in unserm Baterlande gerade gemüthlich . . . nicht wahr?"

„Sie sind mir allerdings bekannt, Herr Linde," antwortete Hecht mit unsicherer Stimme, „indeß wüßte ich nicht, was Sie zu einer Unterredung mit mir, der ich Ihnen so gut wie unbekannt sein werde, veranlaßt haben könnte. Sie wollen doch nicht etwa auch aus- wandern?"

einer Aussöhnung zwischen dem Kaiser und dem Fürsten Bismarck Verlangen tragen? Etwa der neue Minister­präsident Graf Eulenburg, der vom Fürsten Bismarck „gerammelt" wurde? Oder der Vizepräsident des Staats­ministeriums Herr v. Bötticher, dem Fürst Bismarck es nicht hat verzeihen können, daß er nach Bismarck's Rücktritt in seinem Amte blieb und der für diese „Un­dankbarkeit" die Enthüllung über eine Zuwendung von 360,000 M. aus dem Welsenfonds über sich ergehen lassen mußte? Oder der Finanzminister Miquel, der unter dem Regime Bismarck niemals seine Steuer­reform hätte einleiten, am wenigsten aber hätte durch­führen können? Die Nachricht in der Münchener ,Allg. Ztg/ mit ihren Einzelheiten erscheint deshalb voll­ständig unglaubwürdig.

Aber auch der Kern aller dieser Nachrichten, die Aussöhnung zwischen dem Kaiser und dem Fürsten Bismarck erscheint uns mehr als unglaubwürdig. Aus dem Fahrwasser des „neuen Kursus", der mit Bis­marcks Rücktritt eingeleitet wurde, sind wir allerdings in einen „neuesten Kurs" hineingeratben, aus einem ruhigen Fahrwasser und von einem sicheren Wege in eine innerpolitische Brandung und in einen Wirbel, — ins Ungewisse. Sollte Fürst Bismarck jetzt zurückbe­rufen werden, so wäre das eine Bankerottserklärung des „neuesten Kursus". Wir haben wahrlich keinen Anlaß, Freunde des „neuesten Kursus" zu sein, der mit den kritischen Märztagen dieses Jahres, mit einem Nachgeben gegenüber dem Liberalismus, mit dem Sturze des Grafen Zedlitz, mit der „Halbirung" des Grasen Caprivi, mit der Zurückziehung des Volksschulgesetzes eingeleitet und in anderen Maßnahmen, besonders durch das Verhalten der Regierung bei der Berathung der Berggesetz-Novelle, fortgesetzt wurde, aber eine solche Bankerotterklärung möchten wir auch dem neuesten Kurse nicht wünschen, indem wir noch immer hoffen, daß aus der Brandung und aus dem Wirbel das Staatsschiff das ruhige und sichere Fahrwasser des „neuen Kurses" vor den Märzstürmen wieder gewonnen werde.

Und wie denkt man sich denn die Aussöhnung zwischen dem Kaiser und dem Fürsten Bismarck? In rasselnden Versen hat Graf Westarp den Kaiser aufge­fordert, nach Friedrichsruh zu pilgern und den Alt- Reichskanzler zurückzurufen, in verklausulirten Rede­wendungen ist dem Kaiser von nationalliberaler Seite dasselbe Ansinnen gestellt worden. Sollte der Kaiser einen solchen „Gang nach Canossa" — pardon, Fried­richsruh, machen können? Soll der Kaiser reumüthig Abbitte leisten, daß er den Fürsten Bismarck entlassen hat? Soll der Kaiser die Worte zurücknehmen: „Emer ist Herr im Lande, und das bin ich, keinen anderen werde ich neben mir dulden", oder: „Wer sich mir entgegenstellt", „Suprema lex regis voluntas“, oder „mein Kurs ist der richtige, und der wird fortge­steuert?" Oder soll etwa Fürst Bismarck die Artikel in den Hamb. Nachrichten' gegen den neuen Kurs und die Charakterschilderung in den .Contemp. Rew.'u.s.w. widerrufen?

„Das nun gerade nicht, Herr Hecht," sagte Linde mit einer unheimlichen Ruhe in Ton und Geberde. „Ich habe wenigstens keine Veranlassung dazu," be­merkte er weiter, die letzten Worte mit Nachdruck be­tonend.

„Nun, ich habe auch keine direkte Veranlassung dazu," antwortete Hecht mit gutgespielter Empfindlichkeit.

„So? Hm! Sie erlauben wohl, daß ich mich setze, Herr Hecht?" Und ohne dessen Einwilligung hierzu abzuwarten, schritt Linde auf einen Stuhl zu, der in der Fensterecke stand, in welcher auch eine alte Uhr mit auffallend schweren Gewichtsstücken hing.

Einen Schritt von seinem Sitze hing an einem Nagel der Ueberzieher des Hecht, in der inneren Brust­tasche desselben bemerkte Linde eine Brieftasche, die er nicht aus den Augen ließ. Der junge Mann, ein kräftiger Geselle, der etwa zweiundzwanzig Jahre alt sein mochte, stand in der Thür, die zur Schlafkammer führte.

„Ich bedaure sehr," begann Hecht nach einigen Minuten, mich mit Ihnen nicht lange unterhalten zu können, da ich schon mit dem nächsten Zuge, der in einer Stunde fährt, abzureisen gedenke. Ich bitte daher, mit Ihrem Anliegen hervorzutreten!"

„Hat denn Ihre Abreise wirklich so große Eile!" Es war Linde daran gelegen, Hecht solange mit

Wer an eine Aussöhnung zwischen dem Kaiser und dem Fürsten Bismarck glauben will, mag es thun; wir glauben nicht daran.

Deutsches Keich.

Berlin. 18. Mai.

* Der Kaiser wohnte gestern in Danzig der Taufe des Kreuzerfahrzeugs „E“ bei, welches den Namen „Kormoran" erhielt. Abends war die Stadt glänzend illuminirt. Heute erfolgte die Weiterreise des Kaisers nach Marienburg und von da nach Schlobitten. Die Rückkehr Sr. Majestät nach Berlin bezw. Pots­dam wird gegen den 25. d. M. erwartet. Am ge­nannten Tage trifft die Königin von Holland zum Besuch am hiesigen Hofe ein.

* Die gestern stattgefundene Versammlung Berliner Katholiken, an der zahlreiche Abgeordnete der Centrums­partei theilnahmen, nahm eine umfangreiche Resolution an, in welcher über das Schicksal des Schulgesetzes schmerzliches Bedauern ausgesprochen und die Wieder­zulassung aller Orden, einschließlich der Jesuiten, sowie die territoriale Unabhängigkeit des Papstes gefordert wird.

* Die Kommission des Abgeordnetenhauses für den Gesetzentwurf betr. die Geheimhaltung der Ergeb­nisse der Veranlagung zur Staatseinkommensteuer em­pfiehlt die Annahme des Entwurfs mit einigen Ergän­zungen, mit denen sich der Finanzminister einverstanden erklärt hat.

* Die amtlichen Verordnungsblätter des Reichs veröffentlichen das Gesetz betr. die Unterstützung do« Familien der zu Friedeüsübungen einberufenen Mann­schaften, welches bekanntlich dem Reichstage gegenüber der ursprünglichen Vorlage erhebliche Erweiterungen erfahren hatte, weshalb das Zustandekommen eine Zeit in Frage stand

* Die Vermählung des Grafen Herbert Bismarck mit der Komtesse Hoyos findet Wiener Blättern zu­folge am 22. Juni in Wien statt. — Die,Hamb. Nachr.' treten entschieden der Blätterangabe entgegen, daß Graf Herbert Bismarck einen Botschafter­post en anstrebe.

* Der Herausgeber der ,Allg. Reichs-Korr.' von Wasselitzki ist wegen der Jntrique mit der falschen Nachricht der Erkrankung des Sultans aus Preußen ausgewiesen worden.

* Magdeburg, 16. Mai. Die Katholikenversamm­lung in Magdeburg, welche am Himmelfahrtsfeste im großen Saale des „Hofjägers" abgehalten werden soll, verspricht besonders glänzend zu werden. Von hervor­ragenden Persönlichkeiten haben, dem Vernehmen nach, zugesagt die Herren Freiherr v. Schorlemer-Alst, Frei­herr v. Huene, Abg. v. Strombeck, Dc. Lieber, Fuchs. Ihre Anwesenheit in Aussicht gestellt haben Abg. Dr. Porsch und Prälat Racke aus Paderborn, Vorsitzender des Bonifatiusvereins. Nach allem, was man jetzt schon hört, dürste der Zuzug, selbst aus den Magde­burg ferner liegenden Orten der Provinz ein ganz be­deutender werden.

Fragen aufzuhalten, bis der Polizeibeamte erscheinen würde; er fühlte sich dem stämmigen Burschen allein nicht gewachsen.

„Ich sehe," fuhr er fort, ohne die Antwort seiner Frage adzuwarten, „Sie haben da ein niedliches Köfferchen ... das stammt wohl nicht aus einem hiesigen Geschäft . . . unsere Sattler arbeiten solch' feine Sachen gar nicht selbst."

„Ich muß Sie jetzt dringend bitten, mich zu ver­lassen," sagte Hecht mit unheimlicher Geberde. Ich habe keine Zeit zu verlieren und muß hier noch Einiges ordnen."

Dann schritt er auf feinen Ueberzieher zu.

Doch mit schnellem Griff zog Linde die Brieftasche aus demselben und steckte sie in seine eigene Brust­tasche.

„Sie werden jetzt überhaupt nicht mehr nach Amerika abreiseit, sondern vorher erst einige Jahre im Zuchthaus über ihre unsauberen Thaten nachdenken," rief er.

Einen Augenblick stutzte der Verbrecher und wech­selte die Farbe. Sollte der wohlangelegte Plan noch in der letzten Stunde scheitern? Wüthend trat er mit dem Fuße auf.

„Herr! Was unterstehen Sie sich hier in meiner Wohnung gegen mich? Wollen Sie sofort die Brief­tasche wieder an den Ort stecken, woher Sie dieselbe