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JV 114 Donnerstag, den 19. sÄai 1892. . IS. Jahrgang

ildaer

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* Das hundertjährige Gedächtnis der Geburt Dius IX.

Am 13. Mai 1792 wurde dem Grafen Mastai- Ferretti in Sinigaglia ein Sohn geboren, der in der Taufe den bedeutungsvollen Namen Johannes Maria erhielt. Dem frommen Sinne seiner Mutter verdankte das Kind eine gottesfürchtige Erziehung, insbesondere eine frühzeitige innige Vorliebe für feine Patronin, die allerseligste Jungfrau — eine Vorliebe, die der spätere Papst in amtlichen Aktenstücken wiederholt zum Aus­druck brachte. Am 16. Juni 1846 wurde Giovanni Mastai im Alter von 54 Jahren zum Nachfolger Gre- gor's XVI. gewählt und trug unter dem Namen Pius IX. die Tiara, bis am 7. Februar 1878 sein thatenreiches Leben schloß. Man bedenke folgende ge­wichtige Zahlen: 85 Jahre des Lebens, 58 des Prie- sterthums, 50 des bischöflichen Amtes hat er erfüllt, 31 Jahre die Hirtensorge der Gesammtkirche getragen. Ein rastloser Eiferer für Gottes Ehre und der Seelen Heil war er ein Petrus an Felsenkraft und dem Amte nach, ein Johannes aber an Milde und durch seinen Namen: Johannes Mastai-Pius — nomen et omen! Als „crux de cruce“ hat er seinem ersten Ahnherrn gleich den gekreuzigten Meister im Leiden verherrlicht. Als ein anderer Johannes hat er in der Regierung der Kirche die jungfräuliche Mutter des Herrn gefeiert und ihren Dienst gepflegt — er, der silberhaarige Greis mit der feurigen Liebe eines jugendlichen Sohnes. Darum war für ihn ausnahmsweise das uralte Gesetz suspendirt worden: „non videbis annos Petri“ (Du wirst die Jahre Petri nicht sehen)..

Auf den 13. Mai d. I. fiel das hundertjährige Gedächtniß der Geburt Pius' IX. Es verlohnt sich, unserer schnelllebigen Zeit das Andenken des großen Papstes in die Erinnerung zurückzurufen.

Im Syllabus fo wenig als im Vatikanum, mit welchem der Name Pius IX. für immer verknüpft ist, verleugnen sich die uralten Anschauungen der Christen­heit. Als im Jahre 1864 der Syllabus veröffent­licht wurde, erhob sich im gegnerischen Lager ein Sturm gegen denselben, als ob die Welt aus den Angeln gehen würde. Die Parlamente erschöpften sich in Schmähun­gen eines solchen Aktes von Rom. Die Regierungs­männer drohten, den Verkehr mit Rom abbrechen zu müssen, und ein längst abgehauster Staatsmann sprach es feierlich aus, es fei unmöglich, zu regieren, wenn Rom derartige Grundsätze proklamire. Seit dem Be­kanntwerden des Syllabus sind nun nahezu 30 Jahre in's Land gegangen. Kein Buchstabe wurde an dem­selben geändert; Rom verfährt nach demselben. Alle katholischen Gewissen richten sich nach ihm und müssen von demselben ihre Direktive empfangen. Nicht tote ein Meteor ist diese Sammlung von Zeit-Jrrthümern er­schienen. Von langer Zeit her war die Publikation vorbereitet, bereits im Jahre 1862 waren die Sätze des Syllabus den in Rom anwesenden Bischöfen zur Prüfung und Begutachtung mitgetheilt worden. Nach­dem die Hilfsmittel menschlicher Wissenschaft angewen- det worden waren, wurde der Syllabus vom Papste

Am Postschalter.

Kriminal-Roman aus dem Verkehrsleben von Th. Schmidt.

(35. Fortsetzung.)

»Sie sind Herr Sattler Polter?" begann er, nach­dem er in den Laden des Handwerkers eingetreten war.

^Zu dienen! Womit kann ich aufwarten, Herr

„Ah! Sie kennen mich schon! Das ist mir lieb." „Ich habe die Ehre," antwortete der freundliche Mann.

„Ich muß Sie um eine Gefälligkeit bitten. Haben Sie soeben einem jungen Manne Namens Hecht einen kleinen Handkoffer verkauft?"

„Nein Herr Linde, heute Morgen nicht, sondern gestern Abend schon."

„Noch besser! Wollen Sie nun die Freundlichkeit haben, und mir sagen, mit welcher Münze der Koffer bezahlt wurde? Es liegt mir sehr daran, dies von >rhnen zu erfahren."

„Ich habe einen Einhundert-Markschein erhalten und auf diesen neunzig Mark in Goldstücken zurück­gegeben."

, „So? . . . Würden Sie wohl die Güte haben, mw den von Hecht erhaltenen Schein auszuhändigen? >rch nehme an, Sie besitzen ihn noch."

gutgeheißen, in Druck gegeben und publizirt. Möchten nur die Staatsmänner und die Parlamente bei ihrer gesetzgeberischen Thätigkeit mit ebenso viel Vorsicht und Ueberlegung und nach langer reiflicher Prüfung zu Werke gehen. Dann hätten wir nicht so viel Gesetze, die, kaum veröffentlicht, der Ergänzung, Abänderung und Umgestaltung so bedürftig erscheinen, oder die gar als todtgeborene Kinder zur Welt kommen.

Ein noch größeres Werk, das größte unseres Jahr­hunderts, trägt ebenso den Stempel seines Geistes — das vatikanische Konzil. Mehr als700Bischöfe hatten sich zu demselben eingefunden, um gemeinsam mit Pius IX. die höchsten Interessen der Menschheit zu berathen. Der Schluß des ersten Aktes fiel genau zu­sammen mit dem Anfang des Strafgerichts über Frank­reich, dem Beginn des deutsch-französischen Krieges. In Rom wurde am 18. Juli 1870 die lehramtliche Un­fehlbarkeit des Papstes zum Dogma erhoben; gleich­zeitig wurde in Paris beschlossen, die Kriegsfurie auf dem Boden zweier großer Kulturvölker zu entfesfeln. Wenn je die Gegner der Kirche einen Zeitpunkt für geeignet hätten halten können, um einen Feldzug gegen das Konzil zu organisiren, die öffentliche Meinung zu verwirren und die Staatsregierungen aufzuhetzen, fo wäre es die Zeit nach dem 18. Juli gewesen, aber nun auf einmal trat ein blutiger Feldzug dazwischen, der geraume Zeit ihre ausschließliche Aufmerksamkeit beanspruchte. Es gibt kritische Momente im Leben des Einzelnen, wo er deutlicher als sonst eine höhere Ge­walt außer sich wahrnimmt; bricht aber eine Völker- und Weltkrisis an, da erlangt man in deutlichen Um­rissen das Bewußtsein von einer über den Völkern stehenden Macht. So war es damals.

Der Geschichtschreiber der Zukunft wird die Regie­rung Pius IX. als die Periode eines gewaltigen Auf­schwungs des Katholizismus und des Papstthums be­trachten. Zwar ist ein äußerer Triumph nicht zu verzeichnen, wenigstens so weit man damit die Wieder­herstellung deS äußeren Glanzes der Kirche versteht. Eher das Gegentheil. Selbst der Verlust des Kirchen­staates war nur ein Tropfen in dem Leidenskelche Pius IX. Jedes Jahr brachte dem Greise neue größere Trübsal und am Abend seines Lebens hatte er den Schmerz, deutsche Bischöfe bei sich zu empfangen, für welche die weiten Grenzen des jungen Reiches zu eng geworden waren. Trotz alledem hat sich mitten in einer gefährlichen Krisis ein unglaublicher Aufschwung der Kirche vollzogen. In mehreren Ländern wurde die Hierarchie hergestellt, in anderen vorbereitet, in an­deren ausgebaut. Bischöfe entfalteten ihre Wirksam­keit in Gegenden, wohin vorher kaum ein Missionär seinen Fuß gesetzt hatte. In allen Welttheilen ward frische Saat ausgestreut, der Herr aber gab sichtlich Wachsthum und Gedeihen. Selten, vielleicht nie war das Gefühl der Einheit so stark entwickelt, als in unserem Zeitalter in dem erweiterten Reiche der Kirche. Der Geist der Liebe und des Opfers erfüllte und be­seelte die katholischen Kreise. Alle diese tröstlichen Zeitereignisse und so manches Andere, was sich unter dem Pontifikate Pius IX. begeben, ist mit der Per-

„Ja, er befindet sich noch in meinen Händen," ant­wortete Polter mit einem fragenden Blicke auf Linde.

„Ich habe leider nicht so viel Geld bei mir, um den Schein einwechseln zu können . . . wenn Sie da­her mit einer Quittung von mir vorläufig zufrieden wären, dann würde ich Ihnen für Ihr Vertrauen sehr dankbar sein."

„Erlauben Sie mir eine Frage, Herr Linde. . . ist der Schein vielleicht gestohlen? Meinen Sie, daß er zu denen gehört, die vor einiger Zeit auf der Post abhanden gekommen sind?"

„Hm! Sie haben es errathen — ich glaube, jetzt werden Sie ihn mir um so lieber aushändigen?"

„Ja, recht gern — Ihr verhafteter Kollege, fowie dessen demnächstige Schwiegereltern gehören zu meiner Kundschaft, — deshalb lege ich den Schein mit Freuden in Ihre Hände. Eine Quittung brauche ich von Ihnen nicht, das kann ja gelegentlich ausgeglichen werden. — Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, ich bin gleich mit dem Schein zurück."

„Ein Wort, Herr Polter: Verschwiegenheit!" „Versteht sich!"

Nach einigen Minuten kam der Handwerker mit dem Schein. Schnell zog Linde sein Notizbuch hervor und verglich die Nummer der Banknote mit denjenigen seines Verzeichnisses —

sönlichkeit dieses Trägers der Tiara verknüpft. Viel­leicht keiner seiner Vorgänger kam ihm gleich in der Herrschaft über die Herzen, in dem unwiderstehlichen Zauber, den er selbst auf die Gegner ausübte. Er war in Wahrheit der Vater der Christenheit, aber auch die begeisterte Liebe seiner Kinder loderte bei jedem der zahlreichen Anlässe im Leben Pius IX. in hellen Flammen auf. Wenn er in einer Audienz das Wort ergriff, wenn die gebeugte Gestalt sich aufrichtete und das milde Auge strahlte, wenn der Mund des greifen Pontifex sich öffnete zu Worten der Ermuthigung, des Trostes, der Liebe, dann wurde manches Auge feucht, das längst der Thränen sich entwöhnt hatte. Alle Welt staunte über die heitere Stirne Pius IX. Das Oberhaupt der Kirche hatte die Gewißheit des Glaubens, die festeste, die hienieden existirt. Darum schaute der 85jährige Greis mit ruhigem Auge in die kontinentale Verschwörung, die ihn auf dem apostolischen Felsen umlagerte. Er kannte die Verheißung: „Ich bin bei euch!" Er fühlte die Nähe seines Meisters. „Mein Ruhm und meine Stärke ist der Herr."

Mehr als 13 Jahre sind seit dem Tode des un­vergeßlichen Papstes verflossen. Mit Staunen und mit Dank gegen den Herrn schauen wir jetzt auf die er» eignißvolle Epoche der Kirchengefchichte zurück. Je mehr wir die außergewöhnliche Regierungszeit des großen Pius IX. betrachten, desto mehr tritt uns ihre pro- videntielle Bedeutung für die Welt und Mensch- heit entgegen. Nach den Lehren der Gefchichte dürfen wir vertrauen, daß die Sache des Papstthums sie g en werde, auch dann, wenn menschlicher Berechnung nach der Kamps aussichtslos ist.

Deutsches Reich.

Berlin, 17. Mai.

* Bei dem gestrigen Festmahl, welches der west- preußische Provinziallandtag dem Kaiser gab, brachte der Vorsitzende v. Graß-Klamin das Hoch auf Seine Majestät aus, welches begeisterten Wiederhall sand. Darauf erhob sich der Kaiser, um für den ihm be­reiteten jubelnden Empfang in beredten Worten zu danken. Er gedachte der Zeit, da er mit seinem Vater, dem hochseligen Kaiser Friedrich in Danzig geweilt und widmete dem kernigen Volke der Westpreußen warme Anerkennung, indem er es als eine Aufgabe seiner Regierung bezeichnete, stetig das Wohlergehen der Provinz zu fördern. — Heute früh besichtigte der Kaiser nochmals die Arbeiten auf der Schichau'schen Werft und nahm sodann die Parade über die Danziger Garnison ab, wobei das erste Leib-Husaren-Regiment zum ersten Male den neu verliehenen weißen Todten- kopf auf der Lanzenflagge führte. Nach der Parade, welche ein glänzendes Schauspiel darbot, verlieh der Kaiser auf dem Paradefelde zahlreiche Auszeichnungen. Der kommandirende General des 17. Armeekorps Lentze erhielt den rochen Adlerorden 1. Klasse. — Am Abend wohnte der Kaiser einer größeren Festtafel im Ober­präsidium bei und begab sich dann an Bord der „Hohenzollern". Morgen gedenkt sich Se. Majestät

„Nc. 043251! — Sehen Sie hier, Herr Polter, dies ist das Nummernverzeichniß von den gestohlenen Banknoten, die Nummer des Scheines ist diese —"

„Richtig!" sagt Polter. „Er gehört zu den ge­stohlenen Scheinen."

„Das soll Ihr Schaden nicht sein, Meister! Noch­mals freundlichen Dank und ..." Linde legte die Finger auf den Mund.

„So, Bürschchen!" sagte Linde vor sich hin, als er die Straße wieder betrat. „Endlich, endlich hätte man Dich. Wenn nun der Gauner noch vor dem Spruch des Richters in W. zur Haft gebracht werden könnte, dann wäre meine Freude vollständig. Daß der arme Bäumer verurtheilt werden wird, das ist sicher anzunehmen. Mit welchem Raffinement diese heillosen Schurken zu Werke gegangen sein müssen. Der Frank konnte ja, wie ich vom Richter weiß, fein Alibi über­zeugend nachweisen, und trotzdem hat er zur Thai Zeit gehabt."

Er zog die Uhr hervor.

„Hm! Halb zwölf! Da will ich doch lieber erst nach Hause gehen und ein Glas Wein trinken und auch etwas zur Stärkung genießen . . . wer weiß, wie lange der Hecht — kapitaler Name, paßt ganz zu dem räuberhaften Treiben des Menschen — auf sich warten lassen wird."