anders steht es mit der Behauptung Ahlwardt's, daß von der Löwe'schen Fabrik Militärbeamte, z. B- Büchsenmacher, bestochen worden seien, damit sie gewisse „Unregelmäßigkeiten" durchgehen ließen. Daß diese „Unregelmäßigkeiten" nicht die Bedeutung gehabt haben, daß der Militärverwaltung werthlose, ja für unsere eigenen Soldaten lebensgefährliche Waffen aufgehalst wurden, kann nach der sonst sehr anfechtbaren Erklärung des ,ReichSanz.' nicht wohl angezweifelt werden. Vielleicht hat es sich darum gehandelt, Kleinigkeiten — die Schienenflicker würden sagen „Schönheitsfehler" — durch die strenge Kontrole zu bringen. Daß etwas vorgegangen sein muß, darauf deutet das Schweigen des ,Reichsanz.' über diesen Punkt. Er sagt nur, gegen die Angeschuldigten sei die militärgerichtliche Untersuchung eingeleitet worden. Das muß aber doch schon mindestens drei Wochen her sein und wenn nichts entdeckt worden wäre, so hätte der .Reichs- anz.' das wohl sagen können. Es ist eigenthümlich, daß gerade in unserem Heerwesen sich so unschöne Dinge ereignen, von denen man in den Civilverwal- tungen nichts hört. Im Heere und bei der Marine haben wir nicht allein Mißhandlungen unserer Rekruten, wir haben öa auch die Zahlmeister- und Lieferanten- Prozesse wegen Bestechungen. Nun kommen vielleicht noch neue Skandalosa hinzu. Sollten solche Vorkommnisse nicht ein wenig zur Bescheidenheit mahnen und daran erinnern, daß das Militär doch noch nicht in allen Dingen über die „Civilisten" so hoch erhaben ist, wie es glaubt und glauben machen möchte.
* Die Gesammtzahl der Studirenden auf den deutschen Universitäten und der Akademie zu Münster belief sich nach Ascherson's Universitäts-Kalender im Winter 1891/92 auf 27,119, einschließlich 263 Studirenden der militärärztlichen BildungS - Anstalten in Berlin. Die höchste Zahl der Hörer hatte Berlin, nämlich 5371, zu denen noch die 263 Militär-Studirenden hinzuzurechnen sind, es folgen sodann Leipzig mit 3431 Hörern und München mit 3292. Mehr als tausend Hörer hatten noch, absteigend geordnet, Halle (1522), Würzburg (1367), Breslau (1262), Bonn (1204), Tübingen (1172) und Erlangen (1060). Annähernd tausend Hörer hatten Straßburg (969) und Heidelberg (932), die übrigen Universitäten wiesen die folgenden Äesuchszah- len auf: Freiburg 856, Marburg 840, Göttingen 807, Greifswald 719, Königsberg 667, Jena 581, Gießen 543, Kiel 480, Akademie Münster 384. Von Rostock fehlen die Zahlen. Die großen Universitäten Berlin, Leipzig und München zeigen in allen Fakultäten gleichmäßig sehr hohe Ziffern. Bei anderen überwiegt bisweilen die Zahl der einen Fakultät beträchtlich gegen diejenigen der anderen. In Würzburg z. B. herrschen die Mediziner vor (822 unter 1367 Studiren- den), in Halle die Theologen (600 unter 1522 Hörern); in Greifswald sind die Zahl der Theologen (244) und Mediziner (332) überaus groß im Verhältniß zu denjenigen der rechtswissenschaftlichen (75) und der philosophischen Fakultät (67). Im Verhältniß hohe Besuchsziffern zeigten hingegen die philosophischen Fakultäten zu Göttingen und Halle. Auf die einzelnen Fakultäten vertheilte sich die Gesammtzahl der Hörer wie folgt: Evangelische Theologie 3889, katholische Theologie 1259, Jura 6778, Medizin 8299, Philosophie 6793.
Ausland.
* Wien, 15. Mai. Die energischen Worte, welche Kardinal Gruscha in seiner wahrhaft apostolischen Predigt am Sonntag im Stephansdom dahier zur Ver- urtheilung des schamlosen Treibens der Judenpresfe gesprochen hat, fanden weithin ein Echo in allen noch christlich denkenden Kreisen, welche Se. Eminenz dankbar dafür sind, daß er mit solchen Freimuthe die Frechheit dieser Presse gebrandmarkt hat. Das Verhalten derselben angesichts dieser wohlverdienten moralischen
„tauben Seiler" und ließ unter dem Borwand, daß eine Sendung für Hecht auf der Post zur Empfangnahme bereit läge, nachfragen, wann diefer abzureisen gedächte. Weise, der durch Linde in daS Geheimniß eingeweiht war, wußte seine Sache so geschickt einzurichten, daß der Seiler keinen Verdacht schöpfte. Nach den Angaben dieses alten Mannes beabsichtigte Hecht am Nachmittag abzureisen. Linde war sehr erfreut über diese Mittheilung, da er andernfalls, wenn Hecht schon am Morgen hätte abreisen wollen, doch vorher das Gericht mit in seinen Plan hätte hineinziehen müssen, was er zu vermeiden beabsichtigte, denn ohne einen Beweis von Hecht in Händen zu haben, sagte er sich, wird sich der Richter auf meine Denunziation hin nicht der Person des Hecht versichern.
Das Nächste, was er that, mußte sein: einen der gestohlenen Einhundert-Markscheine aufzutreiben, wonach dann Hecht's Verhaftung vor sich gehen konnte.
Um zehn Uhr war Linde mit seinen Arbeiten im Dienstzimmer fertig; dann verließ er dieses und ging die Triststraße hinauf. Am Ende derselben wohnte der „taube Seiler". Er betrat dessen Haus und traf hier gleich mit dem alten Mann zusammen. Dieser war mit dem Aufräumen eines Zimmers beschäftigt. Offenbar war es dasjenige Hecht's, wie die gepackten Koffer in der Mitte deutlich erkennen liehen. Einen Augenblick besah sich Linde den Alten, der von seiner Gegenwart
Verurtheilung ist nun sehr bezeichnend. Da sie es nicht wagt, den Kardinal ob seiner Predigt anzugreifen, so schweigt sie wie auf Kommando die Sache tobt; ihre Leser sollen offenbar es nicht erfahren, daß der Kirchenfürst, den gewisfe liberale Blätter im Anfänge so sehr umschmeichelt hatten, in so entschiedener Form gegen die Zügellosigkeit der judenliberalen Tagespresse aufgetreten sei und sie gebrandmartt habe. Aber dieses Todtschweigen hilft nicht viel, die Worte des Oberhirten sind ins Volk gedrungen und haben dort die ohnehin schon längst gegen diese verlogene und verderbliche Presse bestehende Abneigung nur neuerlich vermehrt und die christliche Bewegung gestärtt. Se. Eminenz, der in dieser hehren Predigt auch ganz entschieden für die christliche Schule und die Rückkehr der Kunst zum Kreuze eintrat, hat Tausenden und Tausenden aus dem Herzen gesprochen, er hat aber auch damit den Bestrebungen der christlichen Parteien seine Billigung ertheilt. Denn diese streben ja vor allem eine Abwehr des frechen Uebermuthes der kirchenfeindlichen Judenpresfe an und wünschen die Anwendung der christlichen Grundsätze auf das öffentliche Leben. Gottlob, daß die Erkenntniß von ihrer Nothwendigkeit sich immer mehr verbreitet und daß gerade in Wien die christliche Bewegung in so erfreulicher Weise fort und fort aufblüht. Es hat sich in diefer Richtung binnen wenigen Jahren ein vollständiger Umschwung vollzogen und zwar nicht zum kleinsten Theile als Gegenwirkung des jüdischen Preßübermuthes. Wien ist christlich geworden, das zeigt sich bei zahlreichen Anlässen zum nicht geringen Grolle Israels und des mit ihm Hirten Manchesterliberalismus, dessen Sonne immer mehr im Untergehen ist.
* Belgien bewahrt seinen Ruhm als Treibhaus der Revolutionäre und Dynamitarden. Die Lütticher Dynamitattentate stellen sich immer mehr als ein von langer Hand vorbereitetes anarchistisches Komplott dar, ein Komplott, das irgend einen bestimmten Zweck nicht hat, es sei denn den, zu demonstriren und Angst und Schrecken zu verbreiten. Die Haupiübelthäter sind glücklicher Weise gefaßt worden. Es sind keineswegs Leute, die durch Elend und Hunger zur Verzweiflung getrieben sind, vielmehr befinden sich darunter ein deutscher Schankwirth, dessen Geschäft ganz gut ging, ein ehemaliger Lieutenant, der Sohn eines angesehenen und sehr begüterten Fabrikanten und ein Anstreichermeister, der mit mehreren Gesellen arbeitet. Sie bildeten zusammen mit französischen Anarchisten einen Klub, in dem die Herstellung von Sprengstoffen gelehrt wurde. Ob dieser Klub der Kern eines internationalen Geheimbundes ist, wie in manchen Blättern behauptet wird, müssen wir dahin gestellt sein lassen. Auch die strengste Bestrafung der Verhütteten wird die Wiederkehr solcher Unthaten nicht verhindern, so lange nicht ernstliche soziale Reformen in Angriff genommen werden.
* Die französischen Gemeinderathswahlen sind durch eine Menge von Stichwahlen abgeschlossen worden, welche trotz einiger weiterer Mißerfolge im Einzelnen wiederum den Fortschritt der Republikaner zeigten. So wenig die siegreichen Anhänger der Republik unter einander einig sind: die Niederwerfung des Monarchismus ist ihnen auf absehbare Zeit gelungen, und die Wiederbildung einer monarchischen Partei, der man eine nahe Zukunft versprechen konnte, ist durch die gegenwärtige Politik des hl. Stuhles so gut wie ausgeschlossen. Rastlos verfolgt Leo XIII. seinen Lieblingsgedanken, die Aussöhnung der französischen Katholiken mit der heutigen Staatsform, zu verwirklichen. Seiner bekannten Encyklika hat er ein erläuterndes Schreiben an die 6 Kardinal-Erzbischöfe Frankreichs folgen lassen, welches den Gedanken der En- eyklika in bestimmtester Form erneuert. So weit wir sehen können, hat diese wiederholte Aufforderung nur bei wenigen einigermaßen gemäßigten Blättern republikanischer Färbung Entgegenkommen, bei dem ge- keine Ahnung zu haben schien. Er war ja taub und drehte ihm überdies den Rücken zu.
„Scheint hier eine nette Höhle zu sein!" dachte Linde.
Der Alte wischte sich soeben den Schweiß mit seinem fettigen Rock-Aermel aus dem Gesicht. Linde tritt näher und berührt feinen Arm. Der Seiler dreht sich um und grinst den Angekommenen erstaunt an. Dieser ruft ihn an, allein vergebens. Der Angerufene bedeutet ihm, daß er näher an fein Ohr treten müsse, um verständlich zu werden.
Nachdem Linde nach dem Bewohner des Zimmers gefragt hat, antwortete der Alte ihm ziemlich mürrisch:
„Ist ausgegangen . . . kommt vor zwölf Uhr nicht zurück!"
Linde fragte jetzt den alten verdrießlichen Kauz, ob Hecht ihm vielleicht gestern einen Emhundert-Markschein für Miethe in Zahlung genommen habe.
„Ne, Herr, der hat solch' schöne Papierchen nicht ... bin froh, daß ich meine paar Thaler für Miethe mit knapper Noth erhalten habe."
„Ei, das ist fatal!" sagte Linde, während er einige Male im Zimmer auf und abging.
„Kriegen Sie denn noch was von Hecht?" fragte der Seiler mit einer gewissen Schadenfreude im Gesicht.
„Ja, Mann, eine ehr hohe Summe Geldes." „Hahaha. Na, lieber Herr, da können Sie es man
fammten Radikalismus höhnische Ablehnung und bei einem großen Theil der Katholiken eine sehr kühle Aufnahme gefunden, was auch die Verhandlungen des gerade in Paris versammelten katholischen Kongresses durchblicken lassen. Msgr. d'Hnlst, der Nachfolger des Bischofs Freppel' in der Deputirtenkammer, soll sich sogar in sehr scharfer Weise über das Vorgehen des Papstes ausgesprochen haben. Er hat darauf bestimmt in Abrede gestellt, daß er mit dem Berichterstatter deS betreffenden Blattes auch nur ein Wort gewechselt habe. Aber das Blatt bleibt fest bei seiner Behauptung, und daß Msgr. d'Hnlst bei irgend einer Gelegenheit und in irgend welcher Form die päpstliche Einmischung zurückgewiesen hat, ist nicht ausgeschlossen. An die Nachricht, der hl. Vater wolle noch schärfere Maßregeln gegen die Widerstrebenden ergreifen, glauben wir nicht, eben fo wenig aber an eine baldige Aussöhnung der großen französischen Parteien. Gerade jetzt sind wieder die gehässigsten Maßregeln gegen die Kirche theils im Werk, theils in Vorbereitung, und ohne eine gründliche Lektion werden die Schüler Gambetta's das Hauptdogma des Meisters nicht verleugnen, daß „der Klerikalismus der Feind" sei.
* Am gestrigen Sonntag sind in Griechenland die Wahlen zur Deputirtenkammer vollzogen worden. Die Regierung war gegen alle Vorkommnisse gerüstet; die gesummte Streitmacht war mobil gemacht worben und Militärabtheilungen durchstreiften Tag und Nacht die Städte. Es scheint sich aber nichts Außergewöhnliches zugetragen zu haben, denn ein Telegramm von gestern Mittag aus Athen meldet, daß dort die Waht in voller Ordnung verlaufen ist. lieber die Wahlresultate liegt dis jetzt erst recht Spärliches vor; von 40 Wahlkreisen haben in 38 die Anhänger Trieupis gesiegt, darunter in sämmtlichen 11 Athener Wahlkreisen. Weitere offizielle Wahlrefultate waren zur Stunde noch nicht bekannt.
* In England werfen die bevorstehenden Wahlen schon ihre Schatten voraus. Der Wahlkampf verspricht erbitterter zu Werben Wie je zuvor, unb wenn bie vom Premierminister Lorb Salisbury gegebenen Rathschläge günstige Ohren finben, wirb man sich nicht wunbern dürfen, wenn bie feinblichen Parteien sich schließlich mit ganz anbereu scharfen Dingen zu Leibe gehen, als mit scharfen Worten. Hat er doch, inbem er feine Mannen zum entschiedensten Kampfe gegen die irische Hornerule-Politik aufforberte, ben protestantischen Bewohnern von Ulster nahe gelegt, sich burch ben religiösen Bürgerkrieg gegen den Schatten von Selbstständigkeit Irlands, den die Gladstone'sche Homerule bedeutet, zu wehren. Die liberalen englischen Blätter haben wohl Recht, wenn sie Salisbury's Rede als rück- sichtslofeste Auslassung bezeichnen, die je von den Lippen eines verantwortlichen Staatsmannes geflossen ist. Ob er die Verantwortung für all' das übernehmen wird, was aus feinem verhetzenden Auftreten folgt?
Stadt, Provinz und Dachbargediet.
Fulda, 17. Mai.
* Der Hochwürdigste Herr Bischof wird am 20. d. M. (Christi Himmelfahrt) in Hanau den neuen Hochaltar konfekriren und firmen, ferner am 28. Mai in Somborn und am 29. in Groß-Auheim das heil. Sakrament der Firmung spenden.
* Zur Wallfahrt nach dem Grabe des hl. Bonifatius haben sich von hervorragenden Persönlichkeiten Weiter angemelbet: Ferd. Graf von Galen in Dinklage, Graf Frohberg aus Gersfeld und Franz Freiherr von Wambolt in Groß-Umstadt.
* Wie man aus Frankfurt a. M. berichtet, wird die Landgräfin von Hessen Anfangs Juni nach Schloß Adolphseck mit kleinern Gefolge für die Sommermonate übersiedeln.
eben so gut mit schwarzer Kreide in den Schornstein schreiben, von dem kriegen Sie nichts."
„Was nun thun?" fragte sich Linde, als er das Haus verließ. „Halt, mein Glücksstern ist noch nicht erloschen!"
Vor der Hausthür tritt ihm ein kleines hübsches Mädchen mit einem eleganten Handkoffer entgegen.
„Mein Kind, wer hat denn den schönen Koffer bestellt?"
„Herr Hecht, der in diesem Hause wohnen soll. Bist Du vielleicht der Herr Hecht?"
„Ja, mein Kind, der bin ich. Gib nur her! So! Hier hast Du etwas, dafür kauf' Dir 'was Schönes. Sag' einmal, wie heißt Du denn?"
„Elsa Polter! Meine Mama und mein Papa wohnen in der Puterstraße, ich habe hier auch einen Brief für Dich."
„Ich danke, Elschen, und nun lauf' nur wieder zu Deinen Eltern."
Linde ging mit dem Koffer in der Hand wieder in das Zimmer Hechts zurück und übergab ihn dem Seiler mit Dem Bemerken, daß denselben ein Kind soeben für feinen Miethsmann abgegeben habe; er möchte ihn nur zu den anderen Sachen setzen. Dann las er bie quittirte Rechnung für Hecht, merkte sich ben Namen des Sattlers, unö hierauf verließ er da; Haus und eilte zu
' dem Sattler. (Forts, folgt.)