.-V 113 Mittwoch, den 18. Mai 1892. IS. Jahrgang
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Deutsches Deich.
Berlin, 16. Mai.
* Der Kaiser hat gestern Mittag Stettin verlassen und sich nach Danzig begeben, woselbst er die im Bau befindliche Kreuzerkorvette „J“ besichtigte und dann auf der vor der kaiserlichen Werft liegenden „Hohenzollern" übernachtete. Heute Vormittag fuhr der Kaiser unter dem Geläute sämmtlicher Glocken in Danzig selbst ein. Die Stadt war festlich geschmückt, und der Empfang, der dem Kaiser zu Theil wurde, war enthusiastisch. Am Artushofe erfolgte die Begrüßung durch die Spitzen der Behörden, wonach der Kaiser den Ehrentcunk aus goldenem Pokal that, indem er für den freundlichen Empfang dankte und den Wunsch aussprach, daß die Stadt Danzig stets blühen und ihm gleiche Treue bewahren möge, wie seinen Vorfahren. Dann besichtigte der Kaiser das Rathhaus und die Marienkirche, woselbst er der dortigen Geistlichkeit mit- theilte, daß er diesen stattlichen Dom, ebenso wie dies Friedrich Wilhelm IV. gethan, durch ein farbiges Glasfenster zu schmücken gedenke. Am Abend nahm der Kaiser an dem Festmahl des Provinzial-Landtages im Provinzial-Landeshause Theil, vor welchem großer Zapfenstreich stattfand. Morgen Vormittag hält der Kaiser große Parade über die Danziger Garnison ab. — Die Kaiserin ist gestern Nachmittag von Stettin nach Potsdam zurückgekehrt.
* Eine große Berliner Katholiken - Versammlung zur Besprechung der politischen Gesammtlage findet morgen (Dienstag) Abend 8 Uhr im Saale der Aktienbrauerei Friedrichshain statt. Hauptredner ist der Reichstags- und Landtags-Abgeordnete Dr. Lieber, viele Centrumsabgeordnete werden anwesend sein. Die Gallerten sind für die Damen reservirt.
* Die Kommission des Abgeordnetenhauses für das Gesetz über das Diensteinkommen der Lehrer an nicht- staatlichen höheren Lehranstalten hat den Entwurf in der Fassung der 2. Lesung angenommen und nur mehrere Fremdwörter verdeutscht.
* In der 65. Plenarsitzung vom 16. Mai nahm zunächst das Abgeordnetenhaus die Vorlage betr. die Einführung der Landgemeindeordnung in Schleswig- Holstein in der 3. Lesung an. Abg. Meyer-Berlin (dfr.) nimmt Gelegenheit hierbei auf die Reformbe- dürftigkeit der Verwaltung der hohenzollern'schen Lande hin. Regierungsseitig wird die Möglichkeit seiner Auslassungen anerkannt und für die nächste Session „vielleicht" eine betr. Vorlage in Aussicht gestellt. Sodann wird die Vorlage betr. die Entschädigung der früheren Reichsunmittelbaren für bisherige Befreiung von Personalsteuer in 3. Lesung angenommen. Hierzu hatte Abg. Meyer (bfr.) einen Antrag eingebracht, welcher den § 1 der Vorlage dahin abändert, daß diese Befreiung vom 1. April 1893 aufhört. Der Antrag wurde abgelehnt. Sodann wurden Petitionen erledigt. Eine solche betr. die Aufhebung des Zolls auf der Saalbrücke bei Weißenfels wird der Regierung zur
Hm Postschalter.
Kriminal-Roman aus dem Verkehrsleben von Th. Schmidt.
(34. Fortsetzung.)
XVIII.
In Gruppen stehen die aus D. freiwillig und unfreiwillig zur Schwurgerichts-Verhandlung geeilten Personen auf dem Bahnhofs-Perron in SB., zur Abfahrt bereit, zusammen. Alle diejenigen, die den Vier-Uhr- Zug noch Haden erreichen wollen, hatten sehr beeilen müssen.
Etwas abseits von den anderen Gruppen bemerken wir drei Herren und eine junge Dame. Sie nnterhalten sich nicht; jede der vier Personen scheint mit ihren Gedanken allein beschäftigt. Freudiger Natur können diese nicht sein, da wir in den Augen der jungen Dame einen Thränenschimmer wahrnehmen.
Aus der Ferne hört man da« Dampfroß fchnauben und nun kommt auch Bewegung in dir Gesellschaft. Solch ein schwarzes Ungethüm läßt Füße und Füßchen ein schnelleres Tempo annehmen. Auch jene vier Personen setzen sich langsam in Bewegung. Doch was ist denn das? Alles stutzt! Die junge Dame wird roth und blaß ... sie sinkt um . . . die sie begleitenden Herren folgen den Süden ihrer starren Augen . . . das ist ja der Sträfling Bäumer, der sich durch die verwunderte Menge Volks mit suchenden Blicken drängt . . und ihm folgt auf dem Fuße ein . . . Gensdarm.
Erwägung überwiesen, die übrigen Petitionen meist lokaler Natur den Anträgen der Kommission nach als zur Berathung im Plenum ungeeignet erachtet. Nächste Sitzung Donnerstag. Tages-Ordnung: Antrag Rickert (dfr.) betr. Wahlrecht rc. Schluß 3 Uhr.
* Das Abgeordnetenhaus ist noch eifrig an der Arbeit. Mit erfreulicher Einstimmigkeit ging dasselbe den abenteuerlichen Schloßbauplänen zu Leibe, die man nunmehr als beseitigt betrachten darf. Der „Mann Namens Kunze" hat die Flinte in's Korn geworfen, und das ist das Beste, was er thun konnte. Viel weniger einträchtig ging es am Dönhofsplatz bei der Berathung der Berggesetz-Novelle zu Den mittelparteilichen Berggesetz-Verschlechterern ist sichtlich nicht wohl beim Anblick des eigenen Werkes. Schon in der Kommission erlebten wir das seltsame Schauspiel, daß die rücksichtslos alles niederstimmende Mehrheit nach der ersten Lesung vor den eigenen Beschlüssen erschrak und in der zweiten wenigstens etwas Wasser in den Arbeitgeberwein goß. Im Plenum half dann ein Theil der National-Liberalen den Entwurf von ' ihrem Standpunkt aus noch ein klein wenig zurück verschlechtern. Das Gefühl, daß das Gesetz die Arbeiter nicht befriedigen wird, in Verbindung mit dem Bestreben, die Jnteresfen der Unternehmer, wie sie dieselben verstehen, nicht weiter der „Begehrlichkeit der Arbeiter" preiszugeben, hat nun eine Mißstimmung bei den „sühnenden" Parteien erzeugt, in der sie am liebsten wie die ,Köl. Vztg." schreibt, auf jeden losprügeln möchten, der sie auf die Folgen ihres kurzsichtigen Thuns aufmerksam macht. Bei den gesitteten Verhältnissen, in denen wir nun ein Mal leben, muß man sich aber mit einem kräftigen Zungendreschen begnügen, und da kommt den das Centrum schlecht weg. Seine Presse und seine Redner sollen allein an der Beunruhigung der Arbeiter schuld sein. Nur weil sie den Leuten Vorreden, sie könnten nicht zufrieden sein, sind diese unzufrieden. Würde von den Dingen nicht geredet, so herrschte der tiefste soziale Friede und würden keine Anträge gestellt, so würden die Bergleute keine Ahnung haben, daß man auch dieses und jenes noch fordern kann. Dem frei-konservativen Abg. Dr. Ritter lief das direktoriale Herz so über, daß er in den Ton zurückverfiel, der hinter den verschlossenen Thüren der Kommission angeschlagen worden war. Die fortwährenden persönlichen Ausfälle von gegnerischer Seite verrathen wohl auch, wie wenig Eindruck man sich verspricht von den stereotypen Klagen über Beunruhigung der Arbeiter und Untergrabung der Autorität, welche sachliche Gründe für die Ablehnung berechtigter Anträge ersetzen müssen. Dir CentrnmSredner blieben die Antwort nicht schuldig und ließendenRollentausch, denman vorhatte,nicht durchgehen. Insbesondere nahmen die Abgg. Lieber und Hitze kein Blatt vor den Mund, wenn sie auch nicht in der ihnen gegenüber angeschlagenen Tonart erwiderten. Nicht diejenigen, welche die als berechtigt anerkannten Forderungen der Arbeiter in Anträgen vertreten, schaffen Beunruhigung, sondern diejenigen, welche sie ablehnen.
Was bedeutet das Alles? Ist er entsprungen?
Jetzt hat der Sträfling jene vier Personen aus D. erblickt, er eilt, wie es scheint, freudig erregt, auf diese zu. Und da, vor ihm, weicht Jemand entsetzt zurück, als sähe er ein Gespenst. Jetzt wird der Sträfling auch auf den Zurückweichenden aufmerksam, seine Augen nehmen einen unheimlichen Glanz an, wild blicken sie den jungen Mann, Frank, an. Dann, gleich einem verwundeten Tiger, stürzt er auf diesen zu; ihn wie ein Kind mit seinen kräftigen Armen ergreifend, schwingt er den Elenden in die Höhe.
Da saust auch schon der Zug daher ... ein Schrei aus vielen Kehlen erfüllt die Luft . . . noch einige Schritte, dann muß der Emporgehobene unter den Rädern der Maschine liegen. Schon will der Sträfling seinen Feind auf das Geleise schleudern, doch da ist auch schon der Gensdarm zur Stelle und wirft sich dem Wüthenden entgegen. Mit einem kräftigen Ruck reißt er ihm seine Beute ans den Händen. „Herr Sekretär, machen Sie sich nicht unglücklich an dem Elenden, der gehört uns!"
Dann erfaßt er Frank am Rockkragen und stößt ihn vorwärts.
Bäumer kommt zur Besinnung und greift nach feiner Stirn. Man umringt ihn.
„Hermann! Junge! Was bedeutet das Alles?" ruft der Major, während Droop des Angerufenen Hand ergreift.
Sehr treffend wies der Abg. Hitze darauf hin, daß die Unternehmer auch den Empfang der Arbeiter-Deputation durch den Kaiser und später über die Enquete über die Bergarbeiter-Verhältnisse ebenso a's Beunruhigung der Arbeiter bejammert hätten, wie jetzt das Gesetz und die Centrumsanträge. Der ganze Versuch, die Verantwortlichkeit für die Folgen des jetzigen Verhaltens von sich auf das Centrum abzuwälzen, ist so ungeschickt und wird in blindem Zorn mit so unschönen Mitteln in Szene gesetzt, daß er nirgends verfangen wird. Die Erfahrung hat auch das Centrum über die Zukunft seiner Anträge vollkommen beruhigt; werden sie heute abgelehnt, so werden sie ein anderes Mal desto sicherer angenommen werden. Vielleicht ist es auch diese Empfindung, welche die Mehrheits-Parteien so nervös und verdrießlich macht. An der Regierung scheint die Erregung, welche sich der Bergleute bemächtigt hat, ebenfalls nicht ganz spurlos vorüberge- gangen zu fein. Minister Frhr. v. Berlepsch sprach bei dec dritten Lesung ganz anders als bei der zweiten Lesung. Während ihm damals die Kommissionsbeschlüsse ebenso gut wie seine eigene Vorlage zu sein schienen, bezeichnet er jetzt die Wiederherstellung seines Entwurfs in Bezug auf die Fördergefäße und die Mitwirkung der Arbeiter bei der Verwaltung der Strafgelder als dringend wünschenswerth. Er versicherte ferner, die Besorgniß, daß in Bezug auf die Sozial-Reform ein neuester Kurs eingeschlagen werden solle, sei vollkommen unbegründet, und theilte zum Beweise dessen mit, daß er die Einrichtung von Berggewerbegerichten beabsichtige und den Gedanken des Besähigungs - Nachweises für Bergarbeiter entschieden fördern wolle. Hoffen wir, daß diese Erkenntniß dessen, was noth thut, nicht dem augenblicklichen Bedürfniß nach Beschwichtigung der beunruhigten Arbeiter ent- sprukigen ist, sondern einen energischen Willen finden wird, der sie in Thaten umsetzt, auch wenn diese, was wahrscheinlich ist, den Herren Ritter, Schultz und Genossen als neue Beunruhigung der Arbeiter und Untergrabung der Autorität erscheinen sollten.
* Neben den Schloßplatz -Phantasieen hat bekanntlich in den letzten Wochen die Behauptung des Antisemiten Ahl warbt die öffentliche Meinung erregt, unsere Armee sei durch einen Betrug der Löwe'scheu Fabrik mit 425,000 unbrauchbaren Gewehren ausgerüstet worden. Die ganze „Enthüllung" war so haarsträubender Natur, daß kein vernünftiger Mensch sie glauben konnte. Um so mehr befremdete es, daß die Militärverwaltung nicht mit einem kategorischen Dementi dazwischenfuhr. Sollte es doch wahr sein? munkelte man. Am Montag hat endlich der ,ReichS- anz.' das Wort genommen und festgeftellt, daß die Armee nicht mit Schund betrogen worden ist, sondern die Gewehre in den anderthalb Jahren, seit denen sie zum Theil schon in Gebrauch sind, sich durchaus bewährt haben. Hier ist also zur Beunruhigung kein Anlaß mehr, man wundert sich nur, warum die Militärverwaltung das nicht gleich gesagt hat. Etwas
Im nächsten Augenblick liegt Bäumer an der Brust des alten Soldaten.
„Onkel! Onkel! Ich bin frei! Frei, wie der Fisch im Wasser!" kommt es erlösend aus der Brust des Neffen. „Linde hat den Schuft ermittelt."
„Einsteigen, meine Herrn!" ruft der Schaffner.
Man schiebt Bäumer in den Wagen, wo er sofort von seinem Onkel, Droop und seinem Vorgesetzten, sowie von dessen Tochter mit Fragen bestürmt wird.
Der Schaffner fragt diensteifrig nach den Billets . . . an ein solches hatte der junge Mann nun wohl nicht gedacht. Wir sehen nur noch, wie Droop dem Beamten eine Banknote in die Hand drückt und hören noch, daß der glückliche alte Herr jagt:
„So! Das nehmen Sie nur . . . es wird wohl reichen für ein Billet."
Dann rollt der Zug von bannen.
XIX.
Kehren wir jetzt 'zu Linde zurück, um zu fehen, wie es diesem gelang, den Beweis der Unschuld Bäumers beizubriugen und was des letzteren sofortige Freilassung bewirkte.
Als Linde am Morgen, an dem er zur Gerichtsverhandlung in W. erscheinen sollte, um acht Uhr seine Wohnung verließ, eilte er zum Postamt, um die dringendsten Dienstgeschäfte noch vor seinem Besuch bei Hecht zu erledigen. Als er das Dienstzimmer betrat, sandte er sofort den Unterbeamten Weise nach dem