JW 112
Dienstag, dm 17. Mai 1892.
19. Jahrgang
Fuldaer W Zeit«ng
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In einem neulichen Artikel des Korrespondenzblattes
der Generalkommission der sozialdemokratischen Gewerk- | r 1 ... v poften Deutschlands „Zum 1. Mai" hieß es: „Nicht die Vorlage, da keine Rechtsansprüche vorliegen. Re- ein Feiertag ist es, der den Arbeitern aufgezwungen ------*r'- ! t
wird zur Erinnerung an Wunderdinge, deren Glaubwürdigkeit immer mehr vor dem Vordringen der Wissenschaft, vor der natürlichen Erkenntniß schwindet." Vor diesen und ähnlichen Aeußerungen der Sozialdemokratie sollte allerdings die Sorglosigkeit des christlichen Volkes gegenüber dieser Partei immer mehr schwinden.
gierungssettig wird zunächst ein Ueberblick über die Entwicklung der Vorlage gegeben und sodann ausgeführt, daß wohl begründete Rechtsansprüche der Entschädigung zu Grunde liegen. Es unterstützen dieselbe hierin die Abg. Bödiker und Dr. Lieber (Ctr.), sowie Graf Limburg-Stirum (kons.) So wenig die Kieler Professoren sich nicht fteiwillig der Besteiung von der Kirchensteuer begeben hätten, weil sie nicht nur ihre, sondern die Rechte der Universität zu wahren hätten, so wenig könnten dies die Fideikommißhesitzer in Hinblick auf die Nothwendigkeit der Wahrung der Rechte ihrer Familie. Seitens der Nationalliberalen
sich umdrehen, um die Feinde des sozialistischen Volkes niederzuschmettem."
Der Umstand, daß trotzdem gelegentlich die Anwendung der Gewalt von der Hand gewiesen wird, beweist [nur, daß diese Frage als eine solche der Opportunität behandelt wird. Von einer prinzipiellen Verwerfung der Gewalt kann ja schwerlich bei einer Partei die Rede sein, die chrer Religionsfeindlichkeit wiederholt in der rücksichtslosesten Weise Ausdruck verleiht. Erst kürzlich erklärte der.Vorwärts, in seinem Artikel „Zu Ostern" die Entstehung dieses christlichen Festes in der Weise, daß „aus dem heidnischen Feste der Göttin Ostara das Staats- Ehristenthum, den germanischen Naturkultus in die semitisch-jüdische Christus-Legende einhällend, das christliche Osterfest gemacht" habe; Christus wollte „nach der Sage die leidende Menschheit erlösen;" „ein tiefer Sinn liegt in dieser (deshalb ward er von den „Machthabern des Tages" gekreuzigt, stand aber aus seinem Felsengrabe wieder auf") wie in andern Mythen, die ihren Ursprung in dem Herzen, der Einbildungskraft und in dem Gemüthe des Volkes haben."
L- Die Sozialdemokratie und die Gewalt.
Die sozialdemokratische Presse hat sich in der entschiedensten Weise gegen jeden Versuch gewehrt, welcher das Koscielecer Raubmord-Attentat auf das Konto der Sozialdemokratie setzen wollte. Gegen solche Abwehr an sich ist nichts zu erinnern. Aber kindisch ist es, wenn dieselbe Presse gleichzeitig das Attentat auf Spitzel zurückzuführen sucht. Auch insofern schießt die Abwehr über das berechtigte Ziel hinaus, als sie den Glauben zu erwecken sucht, daß überhaupt die Gewalt von der Sozialdemokratie verschmäht werde. Demgegenüber mögen einige Aeußerungen der hervorragendsten Sozialdemokraten hier Platz finden, wie sie P. Cathrein in der stark vermehrten und sehr verbesserten 5. Auflage seines „Sozialismus" mittheilt:
In dem „Manifest der kommunistifchen Partei", welches Karl Marx, der Hauptbegründer des modernen Sozialismus, zusammen mit einer anderen Koryphäe der Sozialdemokratie, Friedrich Engels, im Jahre 1848 verfaßte, heißt es: „Die Kommunisten erklären es offen, daß ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung. Mögen die herrfchen- beit Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern." Derselbe Karl Marx erklärte ans dem Haager Sozialistenkongresse im September 1872: In den meisten Ländern Europas muß die Gewalt der Hebel unserer Revolution sein; an die Gewalt wird man seinerzeit appelliren müssen, um endlich die Herrschaft der Arbeit zu etabliren Die Revolution muß solidarisch sein, und wir finden ein großes Beispiel in der Kommune in Paris, die gefallen ist, weil in allen Hauptstädten, in Berlin, in Madrid rc., nicht gleichzeitig eine große revolutionäre Bewegung ausgebrochen ist, welche in Verbindung stand mit diesem gewaltigen Aufstande des Proletariates von Paris."
Mit Bezug auf dieselbe Pariser Kommune erklärte bas Haupt der deutschen Sozialdemokratie, August Bebel, im Reichstage: „Das ist nur ein kleines Vorpostengefecht in dem Kriege, den das Proletariat gegen alle Paläste führen wird". In seiner Schrift „Unsere Ziele" heißt es: „Man entsetze sich nur nicht über die mögliche Anwendung der Gewalt, zetere nicht über die Unterdrückung „berechtigter Existenzen", gewaltsame Expropriation unb bergt Die Geschichte lehrt, baß zu allen Zeiten bie neuen Ideen in der Regel nur durch gewaltsamen Kampf mit den Vertretern der Vergangenheit zur Geltung gelangten und daß dann die Kämpfer für die neuen Ideen die Vertreter der Vergangenheit so tödtlich als möglich zu treffen suchten."
Ein anderer Führer der deutschen Sozialdemokraten, Liebknecht, drohte auf dem Genter Sozialistenkongresse im Jahre 1877: „Die Armee besteht schließlich aus Söhnen des Volkes, die wir durch unsere revolutionäre Propaganda gewinnen. . . . Wenn der Tag kommt, werden Gewehre und Kanonen von selbst
getreten, um weitere Schritte in der Sache, namentlich hinsichtlich eines Arbeitsplanes und Beschaffung des Garantiefonds, zu thun. Wie die,Nordd. Allgem.Ztg/ konstattrt, ist bei der Regierung entschieden Wohlwollen für den Plan einer Weltausstellung vorhanden. Der Inhaber der Portland - Cement - Fabrik in Rüdersdorf hat sich in einem Schreiben an die ,Nat.-Ztg/ bereit erklärt, 50,000 Mark für den Garantiefonds zu zeichnen. Wenn dieses Beispiel umfassende Nachahmung findet, dann wird der Fonds bald zusammen sein.
* Graf Herbert Bismarck soll, wie ein Berliner Blatt wissen will, „in absehbarer Zeit" einen Botschafterposten erhalten. Ferner wird behauptet, Der Staatssekretär des Auswärtigen, Frhr. v.Marschall, beabsichtige zurückzutreten und der bisherige Gesandte in Bukarest, v. Bülow, solle sein Nachfolger werden.
* In der 64. Plenarsitzung vom 14. Mai nahm zunächst das Abgeordnetenhaus die in 3. Lesung erledigte Berggesetznovelle durch Gesammtabstimmung an. Sodann debattelos in 3. Lesung die Stolgebührenvor- lagm für Schleswig-Holstein und Hannover. Es folgt die 2. Lesung der Vorlage bett. Die Aufhebung der Befreiung der früheren Reichsunmittelbaren von ordentlichen Personalsteuern gegen Entschädigung. Abg. Rickert (dfr.) spricht im Namen der Partei gegen
Am Mostschalter.
Kriminal-Roman aus dem Verkehrsleben von Th. Schmidt.
(33. Fortsetzung.)
Nach der Beweisaufnahme nimmt der Staatsanwalt das Wort und beantragt — nach einer längeren Rede, indem er auseinandergesetzt, daß die Herren Geschworenen durch die Beweisaufnahme in der Schuldftage gegen den Angeklagten überzeugt fein würden — das „Schuldig" über den angeklagten Beamten auszusprechen. Der vorliegende Fall erheische eine nachdrückliche Ahndung, da von Seiten des Angeklagten das Vertrauen des Publikums, das vorzugsweise ein Postbeamter genösse, in hohem Grade erschüttert sei. Er beantragte daher, man möge die höchste zulässige Strafe über den Angeklagten aussprechen.
Es meldet sich jetzt der Vertheidiger zum Wort. Derselbe führt aus, daß durch die Aussage der Zeugen nur ein höchst unvollkommenes Bild der That zu Tage gefördert sei. Namentlich müßte der Umstand, daß sein Client, wenn er die Absicht hatte, den Brief seines Inhaltes zu berauben, doch nicht solche sofort ihn verdächtigende Papierfetzen in den Briefumschlag gelegt haben würde, seine Freisprechung zur Folge haben. Es käme ferner in Betracht in Person seines Klienten selbst. Könnte ein Mann mit dem Bildungsgrade des
Deutsches Keich.
Berlin, 14. Mai.
* Eine amtliche Absage des für Juni angesetzten Besuchs des ilalienischen Königspaars ■ am hiesigen Hofe ist bisher nicht eingegangen, trotzdem gilt es als wahrscheinlich, daß der Besuch bis zum Herbst werde verschoben werden.
* Der deutsche Botschafter in Petersburg, General v. Schweinitz tritt am 1. September d. I. von seinem Posten zurück. Zu feinem Nachfolger ist Generallieutenant Graf Wedel designirt.
* Die diesjährige große akademische Kunstausstellung im Landesausstellungsgebäude zu Berlin wurde am Sonntag Mittag eröffnet. Dieselbe dauert bis zum 31. Juli. Der Kaiser besuchte die Ausstellung kurz vor seiner Abreise und bezeichnete mehrere Kunstwerke zum Ankauf.
* Nachdem der „Verein Berliner Kaufleute und Industrieller" von einer größeren Versammlung das Mandat hinsichtlich des ferneren praktischen Vorgehens in Angelegenheit einer Weltausstellung in Berlin übernommen, ist derselbe mit dem „Verein zur Förderung des Gewerbefleißes", dem „Verein der 1879er" und dem „Verein für deutsches Kunstgewerbe" in Fühlung Angeklagten der, von einer durchaus rechtlichen, ja noblen Familie abstammend, nie in Geldverlegenheit gewesen sein, ein solches Verbrechen begehen? Es wäre ferner klar nachgewiesen, daß sein Klient zur Zeit der That sich in einer geregelten Vermögenslage befunden, daß er ferner einen reichen Onkel besitze, der ihm stets Baarmittel angeboten, daß er einen soliden, gesitteten j Lebenswandel geführt habe, sowie daß in dienstlicher Beziehung nichts Nachtheiliges vorliege. Die Nichtbeachtung der dienstlichen Vorschriften Seitens seines Clienten sei rein zufälliger Natur, wie das fachmännische Urtheil ergeben habe. Sein ganzes Verhalten vor und während der Hauptverhandlung zeuge von seiner Unschuld. Daß er vertrauensseliger, ja sogar etwas oberflächlicher Natur sei, das könnte man zugeben. Dann müßte sich aber aus dieser Thatsache Jedem die Ueberzeugung aufdrängen, daß jene Eigenschaften dem wirklichen Verbrecher bekannt und für seine Zwecke benutzt seien."
Eine ganze Stunde lang redete der vortreffliche Anwalt noch weiter für die Freisprechung des Angeklagten in wahrhaft überzeugender Weise, allein Alles, was er vorbrachte, wurde gleich darauf mit scharfsinniger Logik und vernichtenden Redewendungen von bem Staatsanwälte zu des Angeklagtm Ungunsten widerlegt.
(Abg. Dr. Sattler) wird ein Rechtsanspruch mindestens für zweifelhaft erklärt, jedoch die Abfindung für die thatsächlich seit langen Jahren geübte Steuerbefteiung empfohlen. Seitens der Freisinnigen wird sodann für die 3. Lesung ein Antrag in Aussicht gestellt, wonach 8 1 der Vorlage so gefaßt werden soll, daß er die Aufhebung des Privilegs ausspricht. Schließlich wird die Vorlage in 2. Lesung angenommen. Eine Resolution des Abg. Grafen Limburg-Sttrum, welche die Vorlage auf zwei weitere Familien ausgedehnt wiffen will, wird abgelehnt. Nächste Sitzung: Montag. Tages-Ordnung:
I Landgemeindeordnung für Schleswig rc. Schluß l3k Uhr.
* Die neu errichtete Kommiffion für Arbeiterstatistik tritt in der 1. Hälfte des Juni zum 1. Male zusammen, um über die Geschäftsordnung und anzustellende Erhebungen bezüglich der Arbeitszeit im Bäckergewerbe, Müllergewerbe und Handelsgewerbe zu be- rathen.
* In der heutigen Nummer des Reichsgesetzblattes wird die Generalacte der »rüffelet Antiklaverei-Koafe- renz nebst Deklaration publizirt. Dieselbe datirt bereits vom 2. Juli 1890, ist aber erst jetzt ratifizirt toorben.
Auf die Frage des Richters an ben Angeklagtm, ob er noch etwas zur Sache anzuführen habe, verneinte biefer.
Die Geschworenen ziehen sich zur Berathung in das anstoßende Zimmer zurück. Lebhafte Spannung liegt auf allen Gesichtern; hier und da flüftem im Zuschauerraum einige Personen miteinander. Der Major scheint sehr aufgeregt zu fein, von Zeit zu Zeit sieht er mit funkelnden Augen der Reihe nach diejenigen Personen an, die gegen seinen Neffen gezeugt haben. Daß er ein sehr schmerzliches Uebel an seinem Bein hat, das merkt man ihm in diesem Augenblicke nicht an, er steht hochaufgerichtet ohne Stütze da. Der alte Droop sieht sehr bleich, aber trotzdem gefaßter aus als Jener. Der Postamts-Vorsteher läßt traurig den Kopf hängen.
Nach einer Viertelstunde erscheinen die Herren Ge- schworenm wieder im Sitzungszimmer. Der Obmann derselben spricht laut die Worte: „Auf Ehre und Gewisfen bezeuge ich als den Spruch der Geschworenen." Dann verliest er die von dem Richter entworfenen Fragen mit den darauf abgegebenen Antworten. Sämmt- liche im Gerichtssaal Anwesenden blicken überrascht auf — selbst Frank — das, was sie hörten, war aber auch gegen alles Erwarten.
Gleich nach Verlesung des Spruchs der Geschworene n tritt ein Polizeibeamter mit einem Telegramm ein; es