JV 111 Sonntag, den 15. Mai 1892. 19. Jahrgang
Fuldaer W Zeitiiug
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SMT Zweites Blatt.
* Das Pariser Kürgerthum.
Anläßlich des feigen Wahrspruches der Pariser Geschworenen im Prozesse Ravachol entwirft der Pariser Korrespondent der ,Vosi. Ztg.' ein drastisches (unserer Ansicht nach wohl ein etwas allzu drastisches) Bild des Pariser Bürgerthumes, dem wir Folgendes entnehmen:
„Der Wahrspruch der Ravachol-Geschworenen kann eigentlich nicht überraschen. Er entspricht vollkommen der geschichtlichen Vergangenheit des Pariser Bürger- thums. Dieses hat sich immer durch Feigheit ausgezeichnet, aber seine Schriftsteller sagen ihm dies nicht in's Gesicht, sondern schmeicheln ihm, lobhudeln es und feiern es als eine Bevölkerung von Helden und Uebermenschen. Nur Taine hat den Muth gehabt, in seinen „Ursprüngen des zeitgenössischen Frankreichs" („Die jakobinische Eroberung") zu zeigen, mit welch' namenloser Erbärmlichkeit die Pariser sich in einem britischen Augenblick ihrer Geschichte benommen haben. 1793 konnten 300 bis 400 Wahnsinnige oder Verbrecher 200,000 Pariser Monate lang in blasser, zähneklappernder Todesfurcht erhalten; die Masse wagte nicht, gegen ihre blutdürstigen Bedrücker auch nur zu mucksen; erst als einige entschlossene Politiker mit Hilfe von Soldaten Robespierre und seine Bande niedergeschlagen hatten, richtete der hündische Pöbel der „Gebildeten" seine zusammengeduckte Gestalt wieder auf, und zerriß auf der Straße die wirklichen oder angeblichen Jakobiner, deren er mit tausendfacher Ueber- macht habhaft werden konnte. Ganz so wie 1793 benahm das Pariser Bürgerthum sich auch 1848 und 1871. Eine kleine Minderheit schrieb der großen Stadt ihr Gesetz vor und die schmeerbäuchige Bürgerschaft gehorchte unterwürfig; aber nachdem die Provinz, das Heer, ein mächtiger Einzelwille die Minderheit niedergeworfen hatte, rächte sich die Bourgeoisie für ihre eigene Erbärmlichkeit an den Besiegten und zerstampfte mit unerbittlicher Grausamkeit die wehrlos am Boden liegenden Besiegten. Es ist bekannt, daß während der Kommune die Nationalgarde-Bataillone von Belleville und La-Villette Paris beherrschten und daß nach den blutigen Maitagen ungefähr hunderttausend nicht unterzeichnete Angeber-Briefe gegen Pariser Bürger bei den Kriegsgerichten eingingen. Man kann sagen, daß damals jeder Pariser seinen Nachbar angegeben hat, wohl wissend, daß die namenlose Anzeige unter Umständen den Tod sans phrase bedeuten konnte. Er entspricht nur diesen Ueberlieferungen, daß die Bürgerschaft sich jetzt von einer Handvoll Anarchisten ins Bockshorn jagen läßt. Sie ist viel zu feige, um sich selbst zu schützen. Sie erwartet, daß die Regierung mit den Unholden fertig werde; sind die Männer unter den Anarchisten erst durch die hohe Obrigkeit unschädlich gemacht, dann werden die Pariser wahrscheinlich tapfer genug sein, deren Frauen und kleine Kinder nieder zurnetze ln. Wer das tägliche Leben der Pariser Bourgeoisie jahrelang beobachtet, der weiß, daß sie gänzlich unsähig ist, mannhaft zu handeln, im Kleinsten wie im Größern. Würde sie sich von ihren Dienstboten und Lieferanten bestehlen und ausplündern lassen, wie sie es thut, wenn sie ein Fünkchen Mannes- muth im Leibe hätte? Der Pariser Bourgeois weiß, daß die Schlächter, Bäcker und Gewürzkrämer mit seinem Dienstmädchen verschworen sind, um die Maaren theurer zu berechnen und falsches Gewicht zu geben. Er weiß, daß die Köchinnen bei jedem Einkäufe zum Preise der Maaren ihren besonderen Diebesgewinn zuschlagen. Er ist Zeuge, wie vor seinen Augen von allen Einkäufen dem Dienstmädchen ein Zwanzigstel, „le sou dn franc“, vom Geschäftsmann in die Hand gelegt wird. Aber er sagt nichts. Er drückt beide Augen zu. Er lächelt sogar süßlich, während ihm Geschäftsleute und Dienstboten hohnlachend die Taschen leeren, und er wagt es nicht, sich gegen die Diebe zu vertheidigen. Wenn eine Köchin es gar zu arg treibt, kündigt er ihr zwar, aber mit einer Ausflucht, einem Vorwande, und er gibt ihr ein glänzendes Zeugniß mit, ertheilt auch mündlich die günstigste Auskunft über sie, wenn der nächste Dienstherr Erkundigungen einzieht. Und wie der Bourgeois die Gaunereien der Lieferanten und Dienstboten erträgt, so beugt er auch sein Haupt unterwürfig unter das Joch des „Concierge", den er wüthend haßt, gegen den er hinter dem Rücken die Faust ballt, den er aber mit großen Trinkgeldern
überhäuft und mit dem er buchstäblich den Inhalt seines Kohlen- und Weinkellers theilt. Und dieser Bourgeois, der so vollständig daran gewöhnt ist, Raub und Diebstahl zu dulden und den Verbrechern hohen Tribut zu zahlen, damit sie es doch nicht gar zu arg treiben, soll plötzlich ein Held werden und sich derGefahr aussetzen, von e inem rücksichtslosen, ungezogenen Anarchisten an Leib und Vermögen geschädigt zu werden? Das war nicht zu erwarten. Es ist auch nicht geschehen. Die Pariser Bourgeoisie ist bis ins innerste Mark verfault. Sie wäre längst von ihren giftigen Schmarotzern aufgefressen worden, wenn die gesunde Provinz sie nicht immer wieder gerettet hätte. Sich selbst zu schützen, dazu hat sie weder die Kraft, noch den Muth."
Am Wstschalter.
Kriminal-Roman aus dem Berkehrsleben von Th.Schmidt.
(32. Fortsetzung.)
Nach einer Weile treten fast gleichzeitig der Staatsanwalt und der Vertheidiger ein und nehmen auf ihren Sitzen Platz.
Wir sehen nach der Uhr; diese zeigt 25 Minuten nach 10. Jetzt öffnet sich roieberiim die Thür, und nun erblicken wir die eintretenden Geschworenen, denen der Präsident auf dem Fuße folgt.
Wiederum öffnet sich die Thür und in Begleitung eines Gendarmen sehen wir den Angeklagten durch dieselbe eintreten. Seine Gestalt ist trotz des Kummers in seinen Zügen hoch aufgerichtet, während er mit festen Schritten daherschreitet. Sein Blick ist frei, obgleich die Blicke aller Anwesenden auf seine Person gerichtet sind. Eine Röthe überfliegt sein Gesicht, als er die verschleierte Dame erblickt. Diese neigt verlegen das Haupt, während ihre Augen einen feuchten Schimmer zeigen.
Die Sitzung wird vom Präsidenten eröffnet, der zunächst die Vereidigung der Gesckworenen vornimmt; die eingetretenen Zeugen hören dann die Vorhaltung für den von Jedem zu leistenden Eid an, um sodann wieder abzutreten. Es wird hierauf die Anklage gegen Bäumer vorgetragen, wobei es ganz still im Saale wird. —
Vom Präsidenten werden noch einige Fragen an den Angeklagten gerichtet, welche ohne jede Erregung von diesem beantwortet werden.
Der Präsident scheint ein besonderes Gewicht darauf zu legen, von dem Angeklagten die Gründe zu hören, weshalb er den am Abend des siebenten September am Schalter angenommenen Geldbrief mit dreitausend Mark Inhalt nicht, wie es doch in der Dienstvorschrift stände, dem zweiten mit der Expedition betrauten Beamten übergeben, sondern die ganze folgende Nacht über in seinem Verwahrsam zurückbehalten habe? Die Antwort des Angeklagten, daß er den fraglichen Brief absichtlich zurückbehalten habe, um ihn am andern Morgen seinem Kollegen zu übergeben, scheint den Richter nicht zu befriedigen, denn er bemerkt, daß das auffällig sei, da ja die andern Werthsendungen, welche fast gleichzeitig mit jenem Briefe aufgegeben wurden, noch von ihm an einen Kollegen kurz nach acht Uhr behufs Absendung übergeben worden seien.
Angeklagter: „Herr Präsident, es passirt oft, namentlich wenn des Abends eine starke Aufgabe am Schalter stattgefunden hat, daß Sendungen, die nicht mit dem Nachtzuge aus D. abgehen, absichtlich von dem Schalterbeamten zurückgehalten werden, um sie dem am nächsten Morgen neueintretenben Expebitionsbeamten zur Absendung zu übergeben. Auf diese Weise wird eine zweimalige Uebergabe vermieden."
Präsident: „Wie erklären Sie mir denn die That- sache, daß Sie stets in D. vor dem Untersuchungsrichter Ihre Unschuld betheuerten, also der Meinung sein mußten, bald die Freiheit wieder zu erlangen, Sie es doch hartnäckig ablehnten, an Ihren Examen-Aufgaben weiter zu arbeiten? Sie mußten sich doch sagen, wenn Sie ein reines Gewissen hatten, daß gerade durch diese wieder aufgenommene Beschäftigung der Schein bei dem Richter erweckt werden würde, als rechneten Sie ganz bestimmt darauf, freigesprochen zu.werden."
Angeklagter: „Herr Präsident, wer so wie ich von dem Vertreter seiner Behörde, kaum über den mir zur Last gelegten Vorfall befragt, ins Gesänqniß geschickt wird, der verliert alle Lust an dem ergriffenen Berufe. Ich sage es hier frei und mit Ueberzeugung, daß ich, der ich mich unschuldig fühle, t!ef empört war über
das Vorgehen des Beamten gegen mich. Ich gebe jetzt, nachdem ich in der Sache orienttrt bin, zu, daß ich an Stelle meines Vorgesetzten vielleicht nicht anders verfahren hätte. Ich betheure auch in diesem Augenblick noch meine Unschuld und hoffe auf Freisprechung."
Der Präsident stellt nun noch einige Fragen an den Angeklagten. Aus den Antworten auf dieselben kann der Zuhörer den Schluß ziehen, daß der Angeklagte allerdings präzise Aufklärungen giebt, die aber trotzdem für dessen Freisprechung nicht entscheidend genug sind.
Die Verurtheilung des Beamten erscheint schon jetzt nach dem bis soweit stattgehabten Verhör, den Laien als beschlossene. Auch der Angeklagte scheint wenig Hoffnung für sich zu schöpfen, denn sein Gesicht nimmt einen schmerzlich bittern Ausdruck an, als er zurücktritt.
Es beginnt hierauf das Zeugenverhör.
Der Erste, der vor die Schranken gerufen wird, ist der Absender des Geldbriefes, Adens. Ruhig spricht er dem Richter den vorgesagten Eid nach. Seine Angaben sind fast wörtlich dieselben, die wir im Anfang unserer Enzählung schon aus seinem Munde gehört haben.
Nach ihm erscheint sein alter Buchhalter, auch er bringt nur das Gehörte vor.
Danach erscheint der Ueberbringer des Briefes zur Postanstalt, Frank. Mit kecker Miene und frei sein sollender Haltung tritt er vor den Richter, dessen Augen sich lange auf sein Gesicht heften. — Was spricht aus diesem? — Seine Stirne ist nicht schön, im Gegentheil häßlich, da sie niedrig und schwach gewölbt ist, auch sonst nicht zu dem breiten Gesicht mit dem großen sinnlichen Mund paßt.
In seinen Augen, die träumerisch und bisweilen wieder düster schauen, liegt ein verborgenes Etwas, was nicht sofort erklärt werden kann. Doch der Richter, der Menschenkenner, scheint es errathen zu haben, denn wir hören ihn schärfer denn bei den Vorigen die einzelnen Silben der Eidesformel betonen, während sein Auge sich forschend in dasjenige des Zeugen gräbt. Auch glaubten Manche ein Zittern der Stimme des vor ihm Stehenden wahrgenommen zu haben .... Doch das ist ja natürlich .... der junge Mensch steht zum ersten Male im Leben vor den Schranken des Gerichts.
Düster blickt das Auge Bäumer's nach dem jungeü Mann und zu dessen Prinzipal hinüber. Was mag der Angeklagte wohl ausgesprochen, da er soeben seine Lippen bewegte? Niemand hat es gehört.
Aus den höchst versänglichen Fragen an Frank entnehmen alle Anwesenden, daß bei dem Richter doch ein Zweifel über den wirklichen Schuldigen vorhanden ist. Das ist ja schon kein Zeugenverhör mehr mit Frank, so fragt man einen Angeklagten.
Doch Frank ist nicht auf den Mund gefallen; er antwortet mit einem Anflug von Ironie:
„Herr Präsident, meine Antworten auf die Fragen stehen bereits in den Akten ... ich bitte an betreffender Stelle nachzusehen."
„Beantworten Sie gefälligst das, was Sie gefragt werden", läßt sich der Richter streng vernehmen. „Also noch einmal: wo waren Sie von sieben Uhr bis sieben Uhr zehn Minuten am Abend des siebenten September?"
„Ich bin um sieben Uhr aus dem Geschäft gegangen. Ich habe von der Thür desselben bis zurPost bett Weg in Gesellschaft ber beiben hier gleichzeitig an« wesenben Zeugen zurückgelegt. Ditz Bestättgung meiner Aussage durch bie genannten Zeugen steht gleichfalls in ben Akten."
Noch einige verfängliche Fragen an Frank folgen, bie aber schlagfertig von ihm parirt werden, dann kann er zurücktreten, was recht bescheiden und geräuschlos geschieht.
Die Aussagen der nun folgenden Zeugen erscheinen dem Richter von geringerer Erheblichkeit, denn er geht schneller darüber hinweg.
Daun kommt die Reihtz an den Zeugen Linde.
Eine Pause entsteht, während welcher der Gerichtsdiener wiederhost im Zeugen - Versammlungs - Zimmer laut den Namen desselben ausruft. Vergebens! —
„Zeuge Linde ist nicht erschienen!" meldet der Gerichtsdiener.
Der Angeklagte horcht auf und schüttelt verwundert und muthlos den Kopf.