JV 111 Sonntag, den 15. Mai 1892. 19. Jahrgang
Fuldaer W Zeitung
Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen' und der alle 14 Tage erscheinenden Gratisbeilage ,Rathgeber für Landwirthschaft, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
3W Erstes Blatt. M
G- Freiheit, Gleichheit und KrüderlichKeit im sozialdemokratischen Zukunstsstaate.
u.
Wie es mit der Gleichheit im sozialdemokratischen Zukunftsstaate bestellt ist, das ergibt sich aus dem oben Gesagten leicht. Wir haben eine Diktatur der GesellschaftSorgane, die weit über alles dasjenige hinausgeht, was die gräulichsten Despoten geleistet haben und ihr Gegenstück nur in dem Verhältnisse findet, das zwischen den Herrn und Sklaven heidnischer Nationen besteht.
Nehmen wir eine Gesellschaft im heufigen Sinne, von welcher wir sehr gerne zugeben, daß ihre Ungleichheiten und Gegensätze sehr viele dunkle Punkte bilden, denken wir uns aber diese Gesellschaft durchaus vom Geiste des ChristenthumS beseelt, so werden diese Ungleichheiten nicht bitter empfunden. Der Gedanke einer allgemeinen Gleichheit der Menschen vor Gott wird versöhnend und vermittelnd die Abgründe überbrücken, welche die Menschen scheiden. Es wird dazu der Gedanke kommen, daß diese Verschiedenheit der Lage göttlicher Wille sei und nicht dazu dienen soll, die Einen als die Enterbten zu kränken, sondern dazu, um Allen Gelegenheit ‘ zu geben, durch Uebung der mit jedem Stande verknüpften eigenchümlichen Tugenden, durch Bekämpfung der jedem Stande eigenthümlichen Fehler sich den Himmel zu verdienen.
Es wird dazu kommen, daß Jeder sich selbst dem Höchstgestellten als Mensch und in höherem Maße noch als Christ gleich fühlt und dieses Gefühl wird auch von den Höchstgestellten getheilt werden; denn sie wissen, daß sie ihre Autorität nicht eigenem Vorzug, nicht eigener Oberherrlichkeit, sondern der Gnade Gottes verdanken, daß man nicht ihnen gehorcht, sondern Gott, der durch sie seine Ordnung aufrecht erhalten läßt.
Im sozialdemokratischen Zukunstsstaate weiß man aber weder etwas von Gott, noch von einer göttlichen Ordnung, der Groß und Klein, Hoch und Niedrig unterworfen ist, sondern man denkt höchstens an eine Erlangung der Gewalt durch das Volk, und fühlt sich dann über dem Volke. Der Unterfchied zwischen denen oben und denen unten wird im sozialdemokratischen Staate durch kein Pflichtbewußtsein, durch kein Gefühl einer Verantwortlichkeit vor einem höheren Richter ausgeglichen. Man schaut nur, daß man auf den Bock des Gesellschaftswagens kommt, — wie, ist ganz einerlei, dann ergreift man Zügel und Peitsche und das als Pferd vorgespannte arbeitende Volk zieht den Gesell- schastswagen durch Dick und Dünn.
Es ist fast lächerlich, danach zu fragen, wie es mit der Brüderlichkeit bestellt ist. Die Grundttieb- feder aller unserer Handlungen ist das Gefühl der Lust und Unlust. Diese Triebfeder liegt selbst dem höchsten Att der Tugend und Entsagung zu Grunde. Unsere Natur treibt uns nicht an, tugendhaft zu sein, sondern uns alle erdenkbaren Genüsse zu verschaffen, uns der größten Summe von Wohlbehagen zu erfreuen. Das treibt uns selbst zu den größten Opfern; um uns eines dauernden Genufses zu erfteueu, verfugen wir uns einen vorübergehenden; ja wir ertragen geduldig zu diesem Behufe die größten Schmerzen. Wir gehen selber zum Zahnärzte und lassen uns unter den heftigsten Schmerzen einen Zahn ausziehen, weil wir — das Zahnweh los sein wollen. Warum lieben wir Gott? Schlagen wir den Katechismus auf: „Weil er das höchste, liebenswürdigste Gut ist." Das wollen wir uns erringen, dem wollen wir zu Eigen sein und das soll uns zu eigen sein, und um dies höchste liebenswürdigste Gut zu erringen, deshalb üben wir die Tugend, die uns dazu führt, auch wenn sie uns im Augenblicke weh thut; deshalb bekämpfen wir die Laster, die eine Vereinigung mit ihm unmöglich machen, auch wenn sie uns ein augenblickliches Wohlbehagen verschaffen. Nehmen wir den Gottesgedanken weg, dann steht der Mensch in seinem nackten Egoismus da. Seine irdische Lust, sein irdisches Wohlbehagen ist seine einzige Triebfeder und waS sich dem widerfetzt, daS muß den Platz räumen.
Nun widersetzen sich dem aber nicht bloß Erde und Wasser, Luft und Feuer, sondern so oft die gleiche Sache der Gegenstand der Lust und der Wohlbehagens anderer Menschen ist, auch diese anderen Menschen. Der Mensch hat keine Pflicht, sie zu lieben, wer sollte
sie ihm auflegen? aber für den Augenblick haßt er sie als seine Feinde, als diejenigen, die seinem Wohlbehagen im Wege stehen, und er schafft sie aus dem Wege. Nun nimmt aber der sozialdemokratische Staat dem Menschen die GotteSidee; das ist ja überhaupt fein Alpha und fein Omega, und indem er das thut, entfesselt er den Neid, den Haß, die Verfolgung. Er entfesselt den stillen und offenen Krieg Aller gegen Alle.
Die Gesellschaft kann nicht leben ohne Gott. In Gott wurzelt die Freiheit, die Gleichheit und die Brüderlichkeit und ohne diese drei hohen Dinge in ihrem richtig verstandenen Sinne ist ein Wohlbefinden der Menschen nicht möglich. Dieselben Lügner, welche der Menschheit den Glauben an Gott hinwegdisputtren wollen, stellen ihr die Sklaverei als Freiheit, die Unterdrückung und Ausbeutung als Gleichheit, den allgemeinen Krieg als Bruderliebe dar. Westen sie fähig sind, davon geben uns die Handhabung des Dynamit, die Lobpreisung der Pariser Kommune und die wahnsinnigen Proklamattonen den richttgen Begriff. „In welcher Wonne werden unsere Herzen schlagen", heißt er in einer dieser Proklamationen, welche in Walscham in England in die Hände der Behörden gefallen sind, „wenn wir das Fett der Reichen schmoren und das Heulen dieser in den Flammen zuckenden Fleischmasse hören. Welch' herrliches Feuerwerk! Tausendmal schöner in unseren Augen als die strahlendsten Diamanten. Dazu das Geheul und Schmerzensgeschrei der Wölfe, ihrer Weiber und Jungen in dem glühenden Feuerofen!" Oder in einer anderen Proklamation, die in der Autonomie' erschienen ist und worin es heißt; „Greift sie auf, die Parasiten, hängt sie an den Laternenpfahl, sprengt sie schockweise mit Dynamit in die Lust, plündert ihre Magazine Läden, zerstört Gefängnisse und Kirchen, die Zwingburgen des Geistes!"
Und dazu die Devsts Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit! Dar soll der Weg zu einem Staate mit diesen erhabenen Prinzipien sein, und das wären die richtigenLeute, um ihn zu gründen!
Deutsches Keich.
Berlin, 13. Mai.
* Die Entscheidung des Kaisers für die Errichtung des National - Denkmals für Kaiser Wilhelm I. ans der Schloßfreiheit zu Berlin ist dahin ausgefallen, daß Professor BegaS das Reiter - Denkmal und Hof- Architett Ihne die architektonische Umgebung desselben ausführen sollen.
* Der neue Kultusminister Dr. Bosse hat eine Petition der Danziger Katholiken um Errichtung einer katholischen Konfessionsschule statt einer neuen paritätischen Simultanschule abschlägig be- schieden. Es ist das die erste Verfügung des neuen Kultusministers in Schulsachen, die an die Oeffentlich- keit dringt. Wir bedauern dieselbe; „sie läßt tiefer blicken".
* Die Kommission des Abgeordnetenhauses für das Tertiärstahn - Gesetz hat die 1. Lesung der Vorlage beendet. § 36, wonach die Subaltern- und Unter- beamten-Stellen bei diesen Bahnen 3. Ordnung nur mit Militäranwärtern besetzt werden sollen, wurde abgelehnt.
* Die Kommission des Abgeordnetenhauses für das Gesetz betreffend das Diensteinkommen der Lehrer an den nichtstaatlichen höheren Schulen führte heute die 1. Lesung der Vorlage zu Ende. Resolutionen betr. baldige gesetzliche Regelung des Relittenwesens der Siren Lehrer an den nichtstaatlichen höheren Lehralten und betr. einheitliche Regelung des Rang- und Titelwesens für die Leiter und Lehrer der höheren Schulen wurden abgelehnt nachdem Seitens der Regierung nach beiden Richtungen hin befriedigende Zusicherungen gegeben worden.
* Dem Unterstaats - Sekretär im Ministerium für Handel und Gewerbe, Wirkl. Geh. Ober-Regierungs- rath Lohmann, ist der Vorsitz der Königl. Technischen Deputation für Gewerbe überttagen worden.
* Das Abgeordnetenhaus hat heute die dritte Be- rathung der Novelle zum Berggesetz zu Ende geführt. Zu dem Gesetz kam nur mehr die Frage der Fördergefäße zur Besprechung. Vom Centtum (Abgg. Hitze und Gen.) war abermals der Antrag eingebracht worden, die Regierungsvorlage wieder herzustellen, wonach unter Zulassung von gewissen Ausnahmen nur Fördergefäße gleichen Inhalts auf derselben Grube benutzt werden sollten. Eventuell beantragten die Abgg. Hitze und Gen. den Beschlüssen
zweiter Lesung den Zusatz beizufügen: Sind die Fördergefäße von verschiedenem Rauminhalt, so ist dieses bei der Festsetzung und Berechnung des Lohnes zu berück- sichtigen." Vom Abg. Graf Douglas lag der An- ttag vor, die Bestimmung in § 80k dahin zu ändern, daß der Rauminhalt der Fördergefäße nicht dauernd und deutlich ersichtlich zu machen ist, wenn Fördergefäße von gleichem Rauminhalt benutzt werden. Die Abgg. Schultz (Bochum) und Dr. Hammacher machten gegen die Anträge Hitze technische und praktische Bedenken geltend, die Minister v. Berlepsch als unbegründet bezeichnete. Gleichwohl wurden die Anträge Hitze abgelehnt, der Antrag Douglas bagegen angenommen. Die übrigen Bestimmungen des Gesetzes wurden unverändert und ohne Debatte angenommen. Sodann kam die von den Abgg. Hitze und Gen. beantragte Resolutton auf Reform des Knappschafts- Wesens zur Verhandlung. Auch diese Resolution wurde von den Abgg. Dr. Ritter, Schmieding und von Bockel- berg angefochten, namentlich wegen der geheimen Wahl der Knappschaftsältesten, während die Abg. Letocha, Hitze, Stötzel und Dr. Lieber mit aller Äit- schiedenheit für die Resolution eintraten. Minister von Berlepsch erklärte, daß er Namens der Regierung noch keine bindende Erklärung über deren Stellung zur Resolution abgeben könne. Indem aber Abg. Dr. Ham- m a ch e r mit einem Theil feiner nationalliberalen Parteigenossen für die Resolution Hitze eintrat, gelang e8, dieselbe in namentlicher Abstimmung mit 147 gegen 126 Stimmen zur Annahme zu bringen. Die zu diesem Gesetzentwurf eingegangenen Petitionen wurden durch die gefaßten Beschlüffe für erledigt erklärt. Sodann wurden in dritter Berathung erledigt die Sekundärbahnvorlage und die Vorlage bett, die Regulirung der gutsherrlichen und bäuerlichen Verhältnisse in Neuvorpommern und auf Rügen. Hierauf folgte die 2. Lesung der Vorlage über die Aufhebung der Stolgebühren. Dieselbe wird seitens der Deutsch- freifinnigen aus finanziellen Gründen bekämpft, während die übrigen Parteien dieselbe annehmen zu wollen erklären. Die Kommission hat noch eine Resolutton beantragt, daß das Gesetz auf die katholische Kirche ausgedehnt werden soll. Regierungsseitig wird erklärt, daß man mit dieser einverstanden fei. Darauf werden Vorlage und Refolutton in 2. fiefung angenommen und schließlich noch, ebenfalls in 2. Lesung das Gesetz über Aufhebung der Stolgebühren in Hannover. Nächste Sitzung: Sonnabend. Tag.-Ord.: Stolgebühren, Steuerbefreiung der Reichsunmittelbaren. Schluß 4*/, Uhr.
* Zum Einkommensteuergesetz hat der Abg. von Schalscha (Centr.) den Antrag gestellt, das Abgeordnetenhaus möge die Regierung zur Einbringung eines Gesetzentwurfs auffordern, wonach der Vorsitzende und die Mitglieder der Beranlagungskommifsion bestraft werden, welche einen Censiten im Widerspruch mit dessen auf Pflicht und Gewissen angegebenen Beweismittel zur Feststellung der Wahrheit und Vollständigkeit der von dem Censiten gemachten Angaben von diesem oder von der Kommission erschöpft sind. Die Sttafe soll dieselbe sein, welche die bei der Veranlagung betheiligten Beamten und Kommissionsmitglieder trifft, wenn sie unbefugte Mittheilungen über die Ein- kommensverhältniffe der Steuerpflichtigen machen: nämlich Geldstrafe bis zu 1500 Mk. oder Gesängniß- strafe bis zu 3 Monaten.
* Mit Spanien haben wir nur einen kurzfristigen provisorischen Handelsvertrag; hoffentlich kommt es nun zu einer definitiven Verständigung. Die amtlichen Verhandlungen darüber werden im Lause dieser Woche eröffnet. Die Hauptschwierigkeit bildet die Frage der Ausfuhr des deutschen Spiritus nach Spanien. Die spanische Regierung ist nicht geneigt, die Deutschland in dem abgelaufenen Handelsverträge zugestandenen Vergünstigungen hinsichtlich der Spriteinfuhr auch ferner zu gewähren. Wenn wir dafür den höheren Zollsatz für Kork aufrecht erhalten, fo treffen wir damit Spanien weniger, als die deutsche Kork-Fabrikation, die im Wesentlichen auf das spanische Material angewiesen ist, da sie gleichwerthiges Material anderwärts nicht erhält.
* Zur Frage des Nachmittags-Unterrichts in den höheren Schulen schreibt die ,Schles. Ztg.': In Görlitz ist, ähnlich wie in Berlin, seit einiger Zeit eine Agitation gegen den Nachmittags-Unterricht, besonders in den unteren und mittleren Klaffen der dortigen höheren Schulen, im Gange. Infolge dieser Agitation ist das Provirzialschulkollegium in Breslau von dem