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JV 110

Samstag, den 14. Mai 1892.

19. Jahrgang

Fuldaer

Zeitung

t. Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt, »lerteliahrllcher Abonnementsprers ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,(Sterne und Blumen' und der alle 14 Tage erscheinenden Gratisbeilage ,Rathgeber für Landwirthschaft, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

MW nod) W, für kn HI. An.

Katholiken Deutschlands!

Unser Hochwürdigster Herr Bischof hatte am zweiten Osterfesttag seinen Diözesanen ein eindringliches Hirten­wort verkünden lassen, worin er sie für dieses Jahr zu besonders zahlreicher Betheiligung an den üblichen Wallfahrten zu der Grabesstätte des heiligen Boni- fattus, die in ihrer künstlerischen Neugestaltung nahezu vollendet ist, einladet und ihrem inbrünstigen Gebete die großen schweren Anliegen der Welt und Kirche, zu­mal die Lage des heiligen Vaters, empfiehlt. Im An­schluß daran hat nun eine Anzahl angesehener ka­tholischer Männer Deutschlands Veranlassung genom­men, in einem Aufruf vom 1. Mai alle Katholiken Deutschlands zu einer Gesammtwallfahrt zum Grabe ihres großen Apostels und glorreichen Patrons einzu­laden. Und in der That, die Gegenwart ist ernst und verhängnißvoll genug, um einen besonders eindringlichen Hilfe- und Bittruf zum Himmel zu senden. Denn wie der Aufruf treffend darlegt, ist der gewaltige Kampf zwischen Christenthum und Antichristenthum auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens heftiger denn je ent­brannt und scheint immer mehr zur Entscheidung zu drängen. Dazu ist die Lage des heil. Vaters, wie allbekannt, eine solche, daß sie die wärmste Theilnahme, daS inbrünstige Gebet und die thätige Hilfeleistung aller Kinder der Kirche beanspruchen muß. Es steht daher zu hoffen, daß jener Appell an die religiöse Be­geisterung und Glaubensinnigkeit der Katholiken Deutsch­lands, an ihre vielfach erprobte und bewährte Hinge­bung und Anhänglichkeit an den hl. Stuhl allüberall ein lautes wirksames Echo findet und Tausende von Nah und Fern sich aufmachen werden, mit dem Gebets- strom sich zu vereinigen, der an der gnadenvollen hei­ligen Stätte gleich einer gewaltigen Litanei zum Him­mel dringen soll. Die Katholiken Fulda's, denen das Glück zu Theil wird, die nächsten Zeugen dieser groß­artigen Kundgebung katholischen Glaubens zu sein, werden es sich zur Ehrenpflicht rechnen, nach ihren Kräften zum würdigen und erhebenden Verlauf des frommen Unternehmens beizutragen. Zu dem Ende haben sich im Einvernehmen mit ihrem Hochwürdigsten Oberhirten katholische Männer hier zu einem Komitee vereinigt, um die erforderlichen Anordnungen und Maß­regeln für die äußere Zier und Verherrlichung der Festfeier zu treffen. Dabei wird es eine der hervorra­gendsten Sorgen sein müssen, für die Pilger, welche aus der Ferne kommend, in Fulda zu übernachten ge- nöthigt sind, passende Wohnungen zu beschaffen, zumal die Gasthäuser nur den geringsten Theil der Pilger auf­zunehmen in der Lage sein werden und die mäßige Ausdehnung der Stadt der Beherbergung der Gäste gewisse Grenzen zieht. Gewiß wird das Wohnungs­komitee sich mit aller Hingebung seiner schwierigen Auf­gabe widmen; indessen ist es doch unerläßlich, daß die Pilger, welche auf Logis rechnen, davon zeitig Meldung machen.*)

Am Postschatter.

Kriminal-Roman aus dem Berkehrsleben von Th.Schmidt.

(31. Fortsetzung.)

Draußen vor der Thür schloß er sich dem Mann, der mit ihm zusammen aufgestanden war, an. Es war der Kaufmann und Auswanderungs-Agent Peters.

„Gestatten Sie mir gütigst, Herr Peters," nahm Lmde das Wort, „daß ich Sie eine Strecke begleite?"

„Mit Vergnügen, Herr Obersekretär! Ihre Beglei­tung ist mir sehr angenehm!"

„Sie sprachen da vorhin," fuhr Linde fort, „ag Ihrem Tische über zwei auswanderungslustige junge Leute aus hiesigen kaufmännischen Geschäften. Ich glaube verstanden zu haben, daß Sie eines jungen Mannes erwähnten, der morgen auszuwandern gedenkt. Da ich den Betreffenden kenne und mich für ihn interessire, so möchte ich gern etwas über seine Person erfahren. Wollen Sie mir gütigst den Gefallen erweisen?"

„Recht gern! Der junge Mann, von dem die Rede war, ist hier aus der Umgegend gebürtig. Bis vor wenigen Wochen war er in einem hiesigen Geschäft tljätig. Da er nicht recht zuverlässig war, wie sein Prinzipal mir heute Abend sagte, so wurde ihm ge­kündigt, worauf er den Entschluß faßte, nach Amerika auszuwandern. Er war deshalb schon vor mehreren Wochen bei mir, doch kam die Angelegenheit nicht zum Abschluß, da er noch nicht das nöthige Geld zur Ueber-

Möge denn Gottes Segen und unsers glorreichen Apostels mächtiger Schutz, wie wir zuversichtlich hoffen dürfen, auf dem bevorstehenden Werke der Andacht und des Glaubens ruhen und ihm einen ebenso erbau­lichen, wie ehrenvollen Verlauf verleihen! Wir Katho­liken Fuldas aber werden bestrebt sein, die frommen Wallfahrer durch herzliches Entgegenkommen zu ehren.

Fulda, den 8. Mai 1892.

Für das Lokalkomitee: Justizrath I. Rang, Vorsitzender, Prälat Domkapitular Dr. Komp, stellv. Vorsitzender, Subregens Dr. Hillenbrand, 1. Sekretär. Fabrikant Richard Schmitt, 2. Sekretär. Kaufmann Joseph Schmitt, Schatzmeister.

Programm

für die Feier der Wallfahrt der Katholiken Deutsch­lands zum Grabe des hl. Bonifatius

am 7. Juni d. I.

Montag, den 6. Juni, Abends 8 Uhr,Begrüßung der Pilger in dem noch bekannt zu gebenden Lokale.

Dienstag, den 7. Juni: Von früh 5 Uhr an hl. Messen mit Ausspendung der hl. Kommunion am Hochaltäre und in der Marienkapelle.

(Vollkommener Ablaß für Alle, welche die hl. Sakramente empfangen und in der Domkirche die üblichen Ablaßgebete verrichten.)

Vormittags 9 Uhr Abgang der Wallfahrt aus der Stadtpfarrkirche zur Krypta des hl. Bonifa­tius, darauf Pontifikalamt mit Festpredigt.

Nachmittags 3 Uhr Festversammlung in der städtischen Turnhalle, danach gesellige Zusammen­kunft in den Räumen der „Harmonie".

*) Anmerkung: Bestellungen von Logis bittet man an Herrn Stadtrath Robert Kircher, sonstige Anfragen an Herrn Subregens Dr. Hillenbrand dahier zu richten.

Deutsches Keich.

Berlin, 12. Mai.

* Der Kaiser besichtigte heute beim Bildhauer Professor Pfuel in Charlottenburg das Modell des für Görlitz bestimmten Reiterstandbildes weiland Kaiser Wilhelm I., ferner im Ausstellungsgebäude die Modelle zu dem Kaiser Friedrich-Denkmal bei Wörth und end­lich im Zeughause einige Pläne zum Ausbau des neuen Reichstagsgebäudes. Nachmittags begab sich der Kaiser zur Jagd beim Grafen Fmkenstein-Madlitz nach Briesen. Morgen Nachmittag reist das Kaiserpaar zur Einweihung des neuerbauten Offizierkasinos des Grena­dierregiments „König Friedrich Wilhelm IV. (1. Pom- mersches) Nr. 2" nach Stettin, welche Stadt einen glänzenden Empfang vorbereitet hat.

* Der Bundesrath hielt heute eine Sitzung ab. Vorher war das preußische Staatsministerium unter Vorsitz des Grafen Eulenburg zu einer Sitzung zusammengetteten.

* Eine Versammlung „Arbeitsloser", die heute in der hiesigen Brauerei Friedrichshain tagte, wurde vom

fahrt beisammen hatte, wie er sagte. Heute, gegen Abend, ist er bei mir gewesen und hat den Betrag für ein Zwischendecksbillet bezahlt."

„®o!"

Linde hätte nach dieser Mittheilung laut aufjauchzen mögen; er bezwang sich aber. Ruhig fragte er:

„Wissen Sie vielleicht, ob seine Eltern mit seinem Vorhaben, auszuwandern, einverstanden sind, und wenn dies der Fall, haben sie ihm dann auch die Mittel hierzu gegeben?"

„Nein, beides weiß ich nicht genau, glaube aber nicht fehl zu gehen, wenn ich behaupte, daß seine Eltern, die gänzlich mittellos zu sein scheinen, gegen seine Aus­wanderung keine Einwendungen machen werden. Er scheint mir ein loser Bogel zu fein."

„Hm! dieser Meinung bin ich auch," sagte Linde.

„So? da scheint Ihr Interesse für den Mann ein negatives zu fein," meinte Peters.

„Das stimmt! Aufklärung kommt später! Nun agen Sie einmal, Herr Peters, mit welcher Münze wurde das Passagier-Billet ... von ... wie heißt doch gleich der Mann?

„Hecht ist sein Name!"

„Richtig, Hecht! Also mit welcher Münze wurde das Billet von Hecht bezahlt?"

„Ah, Herr Linde, jetzt geht mir ein Licht auf," erwiderte Peters.

„Bitte, etwas leiser, Herr Peters! Es wird für

überwachenden Polizei-Lieutenant aufgelöst, als sie beschließen wollte, eventuell „durch ihren eigenen Wil­len eine Umgestaltung der bestehenden Verhältnisse auf möglichst schnellem Wege herbeizuführen."

* Die Kommission des Abgeordnetenhauses für dm Gesetzentwurf über das Diensteinkommen der Lehrer an dm nichtstaatlichen höheren Schulen hat 8 2 der Regierungsvorlage, der zu Gunsten der Gemeinden aus­genommen war, mit 11 gegen 9 Stimmen gestrichen. Fiuanzminister Dr. Miquel hatte gewamt, im Inter­esse der Lehrer in der Belastung der Kommunen zu weit zu gehen; das könne nur dazu führen, zu einer Verstaatlichung der höheren Schulen zu drängen.

* In der 102. Plenarsitzung vom 12. Mai nahm zunächst das Abgeordnetenhaus in 2. Lesung den Gesetz­entwurf betr. Einführung der Landgemeinde-Ordnung in Schleswig-Holstein mit einer einzigen Aendemng (in § 107 Abänderung von „Ortsstatut" in „Gemeinde­statut") an. Es folgt die Erklärung der Regierung, daß die Weitereinführung derselben zunächst für Hessen- Nassau beabsichtigt sei. Sodann tritt das Haus in die 3. Lesung der Berggesetz-Novelle. Seitens des Cen­trums wünscht man Ausdehnung des Gesetzes auf dm gesammten Bergbetrieb und größeren Einfluß der Geist­lichkeit auf die Bergarbeiter, um sie vor dem Einfluß der Sozialdemokraten zu bewahren und ferner Unter­lassung der politischen Beeinflussung derselben durch die Beamten. Zugleich wird auf die Verdienste des Cm- trums hingewiesen, die es sich dadurch erworben, daß die Geistlichen in kritischen Zeiten die Bergarbeiter zu beruhigen gewußt. Von Seiten der Nationalliberalm wird dagegen behauptet, daß die ganze Haltung des Centrums von Herrschsucht diktirt sei; es kenne nur Worte, während die Grubenbesitzer ihre Ar­beiterfreundlichkeit durch Thatm genugsam dokurnm- tirt hätten. Eine neue Beunruhigung habe es geschaffen mit seinem Antrag auf Reorganisation der Knapp­schaftskassen. Seitens der Konservativen wird auf die Lasten hingewiesen, welche aus den weitgehenden Forde­rungen des Centrums für den Arbeiterschutz der In­dustrie erwachsen müßten. Regierungsseitig sucht man die Beschuldigung Seitens des Centrums zurückzuweisen, als habe man bezüglich des Arbeiterschutzes seine Stellung geändert und die Ausdehnung der Gewerbe­ordnungs-Novelle auf den Bergbetrieb in Aussicht ge­stellt. Es wird geleugnet, daß die Nichtbewilligung des Achtstundentags Unzufriedenheit erzeugt habe. Der Be­fähigungsnachweis müsse abgelehnt werden. Man solle das Gesetz möglichst einstimmig annehmen und so dessen Wirkung erhöhen. Abg. Hitze ((Str.) stellt eine agita­torische Thätigkeit desCentrums inAbrede. Man könne nicht von einer Gleichgiltigkeit des Arbeiters sprechen, wo man einen Streik von 100,000 Arbeitern erlebt habe. Er prophezeit, daß man in wenig Jahren auf die Forde­rungen des Centrums zurückkommen werde. Dasselbe werde für die Vorlage stimmen. Abg. Szmula (Ctt.) wendet sich direkt gegen die Nationalliberalen und die langsame Beantwortung der Beschwerden der Arbeiter

Sie genügen, daß Sie meine Absicht errathen habm. Vorläufig muß ich Sie aber dringend bitten, reinen Mund zu halten."

„Na gewiß, versteht sich ganz von selbst! .... Der junge Mann zahlte mir fünfundachtzig Mark in Gold aus."

„Ei fatal," sagte Linde. „Sie wissen wohl nicht, woher er das Gold hatte, d. h. wo er dasselbe einge­wechselt haben könnte?"

„Nein, das weiß ich leider nicht." . . .

Sie waren jetzt vor der Wohnung Linde's ange­kommen.

„Nur noch eine Frage, Herr Peters! Wissen Sie genau, ob der Mann noch in der Triststraße wohnt?"

„Warten Sie 'mal! . . . Hm! Wenn ich mich nicht irre, wohnt er noch in der bezeichneten Straße, bei dem „tauben Seiler", wie man den alten Kauz nennt."

„So! Ist der Seiler ganz taub?"

„Nein, das ist 'er nicht, er wird nur so genannt, weil er immer, wenn er angesprochen wird, die Hand hinterS Ohr legt, waS so aussehen soll, als wäre er sehr schwerhörig."

„Gut"! erwiderte Linde, „ich bin Ihnen, Herr Peters, für Ihre freundliche Auskunft irn Namen eines Andern zu großem Dank verpflichtet. Wenn ich Ihnen wieder einmal gefällig sein tarnt, dann verfügen Sie über mich!"--

Als Linde sein Wohnzimmer betrat, sah siin