Einzelbild herunterladen
 

vV 109 Freitag, den 13. Mai 1892. 19. Jahrgang

uldacr

Erscheint täglich, «onn- und Feiertage ausgenommen^ — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. PiertelMrlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen' und der alle 14 Tage erscheinenden Gratisbeilage ,Rathgeber für Landwirthschaft, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

-G Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit im sozialdemokratischen Zukunftsstaate.

Unter den schönen Devisen ist die Devise „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" eine der schönsten. Sie ist eine wahrhaft christliche Devise; dem Christenthume verdanken wir die Freiheit vom Joche der Sünde und damit die Fähigkeit, die Freiheit von allen übrigen Jochen ertragen zu können, ohne die gleich ehrwürdige Freiheit der Anderen anzutasten. Dem Christenthume verdanken wir die erhabene Gleichheit der Kindschaft Gottes, welche alle durch die Verschiedenheiten der geistigen und körperlichen Anlagen, sowie durch die politischen und sozialen Verhältnisse geschaffenen Un­ebenheiten verschwinden läßt, und eine Ordnung ein­führt, in welcher wir nicht der Autorität des Menschen, sondern der Autorität Gottes gehorchen. Dem Christen­thume verdanken wir endlich die Brüderlichkeit; wir verdanken ihm das Fallen der Grenzpfähle, welche die außerchristliche Welt in zwei Theile zerriß: die Bürger innerhalb der Grenzpfähle und die Feinde außerhalb derselben. Das Christenthum war es, das alle Menschen ohne Rücksicht auf Nationalität, Farbe und Abstam­mung zu lieben gebot. Das Christenthum war es, welches den Reichen gebot, ihre Güter so zu besitzen, als ob sie dieselben nicht besäßen; es vertrat die Lehre, daß Gott der alleinige Eigenthümer sei und daß er denjenigen, welche er mit den Gütern dieser Welt über­häufte, zugleich damit die Pflicht auflegte, den Kampf gegen die Noth und das Elend derjenigen zu führen, denen er diese Güter versagte; diese Pflicht ist so ge­bieterisch, daß Christus in einer Parabel die Hölle als den furchtbaren Lohn desjenigen bezeichnete, der diese Pflicht versäumte; so gebieterisch, daß derjenige Jünger, welchen Christus seinen Freund nannte, fast nichts Anderes zu predigen wußte, als die brüderliche Liebe zu dem Nächsten.

Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit 1 Wir können sagen, daß in dieser Devise die Summe aller Gaben enthalten ist, welche das Christenthum der Welt brachte, um das verlorene Eden wieder herzustellen: die Frei­heit vom Joche der Sünde, die Gleichheit der Kind­schaft Gottes und die sich auf das ganze Menschen­geschlecht erstreckende Bruderliebe. Es kann daher durch­aus nicht Wunder nehmen, wenn die Freimaurerei, die ja in Allem der Affe des Christenthums ist, auch diese Devise auf die Frontespitze ihrer eigenartigen Tempel geschrieben hat. Es kann ebensowenig Wunder nehmen, daß die Sozialdemokraten, welche den Staat der Zu­kunft gründen wollen, und im Grunde weiter nichts sind, als die konsequenteren Schößlinge der Freimaurerei, diese Devise in ihrem Zukunftsstaate zu verwirklichen versprechen.

Der Amerikaner Bellamy gibt uns auch eine mit verführerischen Reizen ausgestattete Schilderung dieser Verwirklichung; aber der Mann ist merkwürdig ge­schwind alt geworden, und nachdem noch vor kaum einem Jahre alle antichristlichen Zungen sein Lob ver­kündigten, wird heute seiner nur noch sehr selten und

Am Mostschalter.

Kriminal-Roman aus dem Berkehrsleben von Th. Schmidt.

(30. Fortsetzung.)

Alle Personen, die dem Verhafteten näher standen, ja auch viele andere waren gespannt auf die Verhand­lung, welche in den nächsten Tagen stattfinden sollte.

Der Major glaubte steif und fest an die Frei­sprechung seines Neffen. Droop sah mit weniger zuver­sichtlicher Gewißheit der Gerichts-Verhandlung entgegen, da er nicht einsehen konnte, daß andere Richter anders über den Fall denken und handeln würden als der als tüchtiger Jurist berühmte Gerichtsrath Korff. Wenn es jetzt nach seinem Willen gegangen wäre, dann hätte er es lieber gesehen, daß dem Verhafteten noch Zeit dazu verblieb, etwaige Beweise gegen seine Beschuldi­gung durch den Vertheidiger aufzubringen. Er ver­sprach sich freilich viel von der Tüchtigkeit des Letzteren, aber andererseits konnte es leicht geschehen, daß alle Beredtsamkeit durch die nackten Thatsachen, die der Staatsanwalt derselben entgegenzuhalten hatte, zu nichte wurde. Auch Linde sah mit Besorgniß der Versamm­lung entgegen. Mit der von.chm dem Frank gestellten „Falle" hatte er bis heute noch keinen Erfolg aufzu­weisen.

Es war "eineUgroße Anzahl von Personen zur

als eines überwundenen Standpunktes gedacht. Man hat die dem Feinde der Menschheit außerordentlich leicht zugänglichen Seiten seines sozialen Himmels als­bald erkannt und selbst in der streng folgerichtigen Entwickelung seiner eigenen Theorien ist ihm das Sinn­lose und Unhaltbare derselben schlagend nachgewiesen worden. Die Sozialdemokraten selbst sind über ihrem Lobpreisen stumm geworden und an die Stelle seiner Zukunftsidylle ist das Dynamit getreten, um uns einen Vorgeschmack der Freiheit, Gleichheit und Brüderlich­keit zu geben, welche wir in ihrem Zukunftsstaate zu erwarten haben.

Die griechische Göttersage berichtet, daß die Giganten einst den Himmel stürmen wollten, und da war nament­lich einer derselben mit Namen Alcyoneus, der gar nicht umzubringen war. Denn wenn ihn auch Herkules tobt schoß, so wie er auf die mütterliche Erde fiel, schöpfte er aus derselben wieder neue Kraft und lebte wieder auf. Da hob ihn Herkules in die Höhe und erdrosselte ihn in den Lüften. Dieser Gigant gleicht jener erhabenen Devise, die, in ihren Wirkungen tausend­mal getödtet, immer wieder Kraft auf ihrer mütter­lichen Erde, dem Christenthume, findet, die aber von ihrer mütterlichen Erde weggerissen, der Erdrosselung Seitens des modernen sozialen Herkules nicht zu wider­stehen vermag.

„Er will sie nicht erdrosseln", sagt die Sozialde­mokratie, „er will sie hegen und pflegen als ein treuer Nährvater." Aber wenn er das auch will, dem ur­sprünglichen Boden ihrer Kraft entrisfen, wird sie ver­dorren, wie die Blume, die man der Erde entreißt; wenn er es auch will; er kann nicht; es widerspricht seiner innersten Natur, seinem innersten Wesen.

Der sozialistische Zukunftsstaat will die Freiheit. Aber er sagt uns auch, daß er die Produktion und Konsumtion ordnen werde. Die Ordnung ist aber nicht die Freiheit, sondern das Gegentheil der Frei­heit. Freiheit ist das Recht und die Fähigkeit, den Eingebungen des Willens zu folgen. In der Ordnung liegt die Verpflichtung, auf Kosten meines Willens mich in den Willen eines Andern zu fügen. Die Ord­nung ist nothwendig, weil eben aus der ungebändigten Freiheit Aller der Krieg Aller gegen Alle folgen würde. Es ist nun gerade die Aufgabe der weifesten Menschen, die richtige Schranke zu finden, welche der Freiheit des Menschen den möglichst weiten Spielraum läßt und gleichwohl das friedliche und gedeihliche Beieinander­wohnen der Menschen sichert. Diese Schranke ist die Ordnung. Je enger diese Schranke gezogen wird, um so geringer wird die Ausdehnung der freien Willens- thätigkeit. Wir dächten, das sollte man vernünftigen Menschen nicht erst zu beweisen brauchen.

Nun unterliegt heute das ganze wirthschaftliche und Familienleben mit sehr wenigen, durch die öffentliche Sicherheit und Sittlichkeit gebotenen Einschränkungen der freien Willensbethätigung. Ich bin frei in der Berufswahl, frei in der Erwerbsthätigkeit, frei in der Verwendung des Erworbenen. Jedermann ist frei in der Entscheidung darüber, ob er eine Familie gründen will und mit wem. Man sagt nun freilich, diese Frei-

Gerichts-Verhandlung vorgeladen, unter Anderen auch das ganze Bureau-Personal des AdenS'schen Geschäfts. Das Gericht in der kleinen Stadt D. war für den vorliegenden Straffall nicht kompetent. Dieser gehörte vielmehr vor das Schwurgericht der Provinzial-Haupt- stadt W., was insofern ungünstig für Bäumer war, als ein anderer Richter und Geschworene über ihn zu urtheilen hatten, die den Verhafteten nicht persönlich kannten.

XVI.

An demselben Abend, an dem Frau Bäumer ihren verhafteten Sohn im Gefängniß aufgesucht hatte, ging Linde in Begleitung des Doktor Ebert zur Gesellschaft „Eintracht." Linde schmerzte der Kopf von aller Auf­regung der letzten Zeit. Was hatte er nicht alles ver­sucht, nm hinter die Schliche des oder der Bösewichter zu kommen, die soviel Unheil unter friedliebenden Menschen angerichtet hatten.

Bon dem Untersuchungsrichter hatte er erfahren, daß Frank mit einem gewissen Hecht früher Umgang gehabt habe. Linde vermuthete daher ganz richtig, daß die plötzliche Lösung des freundschaftlichen Verhält- nisfes der beiden Comptoristen vielleicht im ursächlichen Zusammenhänge mit der Beraubung des Geldbriefes stehen könnte. Er ließ daher Beide durch einen Unter­beamten beobachten; auch er selbst nahm an den nächsten

heit sei nur scheinbar und die Verhältnisse böten un- übersteigliche Schranken. In gewissem Sinne ist dieser Vorwurf sachlich begründet; es ist aber ein großer Unterschied, ob Verhältnisse, die sich jeden Augenblick ändern können und an deren Ueberwindung Jeder seine persönliche Kraft erproben kann, diese Freiheit ein­schränken, oder der unkonttollirbare und unüberwindliche Wille eines Menschen. Und das Letztere ist im sozial­demokratischen Zukunftsstaate der Fall. Hier ordnet sich alles nach Gründen der Zweckmäßigkeit. Es ent­scheidet sich Alles gesellschaftlich, und wer entscheidet das? Doch nicht der Einzelne, sondern die Organe der Gesellschaft. Die Verhältniffe bieten der Freiheit manche Schranke, wir geben das zu; aber einer gewissen freien Spielraum lasten sie dem Einzelnen immer. Wird aber die Arbeit gesellschaftlich geordnet, dann gibt's gar keinen Spielraum mehr. Wenn Einer bei uns aller Mittel entblößt ist, kann er sich in der Regel nicht dem ärztlichen Studium widmen; aber er braucht doch deshalb nicht Droschkenkutscher zu werden, wenn er zu diesem sonst achtbaren Stande keine Neig­ung hat. Er kann auch ein Handwerk lernen; will er gleich Geld verdienen, kann er in eine Fabrik gehen, er kann seine ihm von Gott verliehenen Kräfte ver- werthen, wie er will; der sozialdemokratische Staat sagt anders; der stellt vor Allem sein Bedürsniß fest. Wir sind nicht so verrückt, zu meinen, daß er aus Voreingenommenheit einen intelligenten Menschen zum Raddreher, einen talentlosen zum Künstler und einen Bornirten zum Pädagogen ausbilden wird. Nein, wir geben zu, daß er bestrebt ist, Neigung und Befähigung zu berücksichtigen, aber in erster Linie maßgebend ist sein Bedürfniß und dann ist immer er es, welcher dm Beruf feiner Angehörigen bestimmt, nicht der Ange­hörige selber, nicht diejmigen, welche ihm durch die Bande des Blutes nahe stehen und ein natürliches persönliches Interesse an ihm nehmen. Das ist die größte Sklaverei, die sich denken läßt, die wir in ihrer vollen Tragweite gar nicht zu würdigen wissen, weil wir sie nie gekostet haben. Wir sprechen von poli­tischer und religiöser Freiheit. In ihren persönlichen Wirkungen ist nichts so entsetzlich, als diese soziale Sklaverei. Um die Entwickelung der politischen Freiheit ist uns nicht bange; wir bekennen uns zu dem Grundsätze, daß das Volk die Freiheit besitzt, die es verdient, und daß noch niemals ein Tyrann mehr gewagt hat, als die Begeisterung des Volkes für die politische Freiheit es ihm gestattete; wenn diese unter den Gefrierpunkt ge­sunken ist, verdient es, daß sie mit der Knute aufge- thaut wird. Der religiösen Freiheit steht das Mar­tyrium zur Seite; mag man Gesetze gegen dieselbe machen und abwarten, wie viel sich wahrhaft religiöse Leute darum bekümmern; man wird bald genug ein Haar in einer solchen Gesetzgebung gefunden haben. Aber auf dem sozialen Gebiete erzeugen diese Schran­ken der Freiheit einen Zustand der Sklaverei, gegen welchen jeder Einzelne vollständig hilflos ist. Die Schrankm der Verhältnisse fallen und dafür unterliegt der Bürger einer gesellschaftlichen Diktatur, die fein ganzes Thun und Soffen in ein bestimmtes Geleise

Abenden seinen Weg durch die Triftstraße an der Woh­nung Hechts vorbei. Er hatte eine Ahnung, daß sich hier demnächst noch der letzte Akt des Dramas ab­spielen müsse. Aber soviel er auch spähte und insge­heim nachfragen ließ, nichts Verdächtiges wollte sich zeigen, die beiden Männer schienen in offenbarer Feind­schaft miteinander zu verharren.

Am zwanzigsten Oktober nun hatte er eine ganz unverhoffte und auch wichtige Entdeckung gemacht. Spät Abends in der Dunkelheit kam Linde von einer kleinen Postanstalt heim, bei der er eine Revision ab­gehalten hatte. Ungefähr eine halbe Stunde vor D. sah er zwei Männer, die lebhaft mit einander sprachen, in kurzer Entfernung vor sich. An der Stimme des einen der beiden Männer erkannte er sofort Frank. Der Weg, auf dem sie gingen, führte an einer Schenke vorbei, über deren Thür eine Laterne brannte, die einen großen Raum der Landstraße hell erleuchtete. Als die beiden Männer vor ihm diese erleuchtete Stelle passicten, konnte Linde auch den Begleiter Franks er­kennen. Es mußte Hecht sein, denn die Beschreibung, die er von dem Manne, den er nicht persönlich kannte, erhalten, stimmte mit seiner augenblicklichen Wahrneh­mung überein.

Um die voranschreitenden beiden Männer, die den ihnenlFolgenden nicht bemerkten, nicht auf sich auf-