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Donnerstag, ven 12. Mai 1892

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Zeitung

* Bei der gestrigen Bataillonsbesichtigung des 3.

raten empfinden begreiflicherweise das Bedürfniß, nach-

„Originell" wie immer ist auch bei dieser Gelegen­heit die ,Kölnische Ztg.' In dem Aufrufe ist u. A. von den sozialrevolutionären Schrecknissen und Unthaten unserer Zeit die Rede. Flugs ist die ,Köln. Ztg.' bei der Hand mit der Bemerkung: die Verfasser des Auf­rufs schienen hier insbesondere an ultramontan regierte oder katholische Länder wie Belgien, Spanien, Frank­reich zu denken. Das ist eine tendenziöse Verdrehung des Sachverhalts. Es gibt seit Jahr und Tag, wie auch die .Kölnische Ztg.' sehr wohl weiß, keine „ultra­montan regierten oder katholischen Länder" mehr. In Belgien regiert zwar ein angeblich katholisches Mini­sterium; allem der Ministerpräsident Herr Beernaert hat eine ziemlich „liberale" Vergangenheit und ist durch den König wie durch die ganzen Verhältnisse des belgi­schen Landes daran verhindert, wirklich und durch­greifend katholisch oder „ultramontan" zu „regieren". Er „regiert" nicht „liberal", aber auch nicht katholisch; es ist ein Mißsystem zwischen Beidem, welches er be­folgt. In der jämmerlichen Sozialpolitik Belgiens tritt dies am stärksten zu Tage. In Spanien liegen die Zügel des Ministeriums in den Händen eines aner- !

Verantwortung dafür, daß nun auch die Aufbesserung der Lehrer nicht erfolgt, von sich auf Andere abzu­wälzen. Auch im Abgeordnetenhause ist dies Bestreben hervorgetreten. Der Abg. Richter formulirte die An­klage dahin: Kein Schulgesetz — kein Dotations-Ge­setz, keine Herrschaft der Kirche über die Schule — keine bessere Lehrer-Besoldung! Diese wenigen Worte enthalten die ganze Verwechselung und Vermischung verschiedener Dinge, auf der die falsche Auffassung von der Stellungnahme des Centrums beruht. Und doch ist in der zweitägigen Debatte über dm Nachtrags-Etat

* lieber das Schuldotations-Gesetz scheinen in Leh­rerkreisen vielfach irrige Ansichten, zu herrschen, die dann auch zu einer falschen Beurtheilung der Hal­tung des Centrums führen. Man hat sich täuschm lassen durch die Behauptung liberaler Blätter, das Centrum wolle aus Aerger über die Zurückziehung des Schulgesetzes nun auch kein Schuldotattons - Gesetz be­willigen und so an den Lehrern dafür Rache nehmen,

des »Berliner Tageblatt' Regimentskolonnen formirm, rief alsdann den Grenadier Lück vor die Front und ernannte ihn mit den Worten zum Gefreiten: In Aner- kennung deines Benehmens auf Posten ernenne ich dich zum Gefreiten! Ich hoffe, daß du auch fernerhin dich durch Muth und Entschlossenheit auszeichnen wirst, und daß du stets dem Regiment Ehre machen wirst. Darauf reiche ich dir die Hand!" Nach einem kräftigen Händedruck ließ der Kaiser Lück wegtreten. Die Nachricht, daß derselbe

Mit zögerndem Schritt, das Herz zum Zerspringm voll, folgte die unglückliche Frau dem Voranschreitenden.

„Wie wird er aussehen, was wird er antworten auf die Anschuldigung?" fragte sie sich.

Jetzt hält der Schließer vor einer kleinen mit Eisen beschlagenen Thür; nachdem er aufgeschlossen, tritt er höflich zurück — es ist das gegen seine Pflicht, allein auch ein rauher Gefangenwärter mag einer solchen Scene des Widersehens zwischen Mutter und Sohn nicht gern beiwohnen, deshalb lehnt er, nachdem die Frau eingetreten, die Thür leise an und geht einige Schritte zur Seite.

Der Verhaftete sitzt an einem Tische, vor ihm steht eine kleine Lampe, bei bereit schwachem Schein er in einem Buch liest.

Die Mutter prallt entsetzt zurück und hält sich an der Thür, dem Umsinken nahe; der junge Mann ahnt nicht, wer in seiner Nähe weilt, er glaubt, es sei der Schließer, der da eintrat.

Was bewegt wohl jetzt das treue Herz der Mutter? Was drängt ihr die Thräne ins Auge? Es ist die Gestalt des einzig geliebten Sohnes! Ist dieser Mann mit den eingefallenen Wangen und hohlen Augen, mit dem ungepflegten Haar und Bart, mit dem bleichen kranken Aussehen ihr Sohn, ihr Kind, das sie mit wachsender Mutterlust hatte aufblühen sehen zu einem stolzen, schönen Jüngling? Und doch, er ist es. Ver gessen ist alles Leid und alle Trauer um ihn, nur et

»Ich gebe Ihnen vor dem ganzen Regimente für Ihre treue Pflichterfüllung hiermit die Hand; es ist eine Ehre für das ganze Regiment, wenn so brave Sol- (Lück war bekanntlich vor einiger Zeit durch frivolitätliche Angriffe, die er er­leiden mußte, als er Posten stand, genöthigt, von der Waffe Gebrauch zu machen, wobei er einen seiner An­greifer erschoß, den anderen aber verwundete.

* Die Nachricht verschiedener Blätter, der Minister des Königlichen Hauses, v. Wedell-Piesdorff, habe seine Entlassung eingereicht, nachdem Oberver­waltungsgerichtsrath Kunze erklärt hatte, daß er int Auftrage des Kaisers mit dem Berliner Magistrat in der Schloßplatzfrage verhandle, erweist sich als unbe­gründet.

Deutsches Keich.

Berlin, 10. Mai.

I Dank nichts von der Falle, die ich ihm gestellt." — — Gleich nachdem Frank das Posthaus verlassen, trat Zeits zu Linde und überreichte ihm stumm eine eben aufgenommene Depesche aus H. von der Mutter Bäumers an Droop. Linde fuhr auf.

„Mein Gott, ist es des Elends noch nicht genug in der Familie, muß auch noch die Mutter das Schreck­liche erfahren! Arme, arme Frau! Wer mag der Vor­witzige gewesen sein, der ihr den Vorfall mittheilte? Vielleicht die da oben? Hat sie noch nicht ihren ganzen I Vorrath an Gift gegen Bäumer verspritzt. Nun, ich komme wohl noch einmal unter vier Augen mit ihr zusammen, dann soll sie meine Meinung über sie noch ärger erfahren, die Schlange!"

XV.

Im linken Flügel des Gefangenhauses in D. wurde am Spätabend des dreiundzwanzigsten Oktober die Klingel gezogen. Nachdem der Gerichtsdiener die Thür geöffnet, trat eine tief in Schwarz gekleidete alte Dame — die Mutter Bäumers — ein.

„Kann ich meinen Sohn, den Postsekretär Bäumer, jetzt noch sprechen?" fragte die Eingetretene mit "fern Weh in der Stimme.

„Das geht nicht, Madame!"

„Hier, bitte, lesen Sie dieses Schreiben vom Richter!"

„Ah so! Das ändert die Sache — ich ie, mir I zu folgen!"

* Der Aufruf,

welchen die katholische Presse Deutschlands behufs Ver­anstaltung einer Wallfahrt nach Fulda für den hl Vater veröffentlichte, scheint in katholikenfeindlichen, insbesondere liberalen Kreisen einige Verwirrung ange­richtet zu haben. Verschiedene liberale Blätter verwun­dern sich, andere ärgern sich darüber, und an den in der kirchenfemdlichen Presse üblichen Entstellungen und Beleidigungen des katholischen Gefühls fehlt es auch Nicht. Es ist das doch eigentlich eine Angelegenheit, welche nur die Katholiken angeht, ob sie eine Wall­fahrt für den hl. Vater veranstalten und ob sie den lieben Gott bitten wollen, daß er denselben aus feiner unwürdigen und drückenden Lage befreien möge. Aber nein: der Liberalismus in seinem schrankenlosen Herrsch­gelüste und in seiner anspruchsvollen Manier, sich in Alles einzumischen, — mag es ihn auch noch so wenig angehen — muß auch in diesem Falle den Katholiken mtt seinen widerlichen Gehässigkeiten lästtg fallen. Mit dieser Wallfahrt ist freilich der Wunsch verbunden, den hl. Vater wieder in den Kirchenstaat eingesetzt zu sehen; aber dieser Wunsch ist doch nur ein platonischer, starke Hand kann, wie die polittsche Verhältnisse in Europa liegen, zu seiner Durchführung nicht geliehen, nicht angewandt werden. Gleichwohl erblickt der Libe­ralismus auch bei dieser Gelegenheit wieder selbst in einem so natürlichen Wunsche ein „Attentat" gegen feinen heißgeliebten Revolutionsstaat, das soge­nannte „italienische Königreich!"......Wenn der

Liberalismus die Macht dazu hätte, würde er ganz gewiß Denkverbote gegen die katholische Auffassung der Dinge und politischen Geschehnisse erlassen, damit ja nur feine Uebelthaten in Staat und Geschichte keiner Anfechtung, keinem Proteste, keiner Kritik mehr unter­lägen! —

gimentskommandeur zum Gefreiten ernannt worden fei, war falsch. — Es wird vielfach bezweifelt, daß - . .v — — । der Vorgang sich so abgespielt hat, wie das genannte

Tugenden zu finden fein. Aber die Anwendung des Blatt berichtet. Zudem kursiren noch andere Versionen Sakes: Der Klnnde nhne h.» mm | insbesondere über den Inhalt der Ansprache des Kaisers.'

Satzes: Der Glaube ohne die Werke ist tobt, bringt I insbesondere über den Inhalt der Ansprache des Kaisers rUn^ ®rftar’fun9 wie über btt romanischen I Nach ber ,Berliner Zeitung' hätte ber Kaiser gesagt: Sanber, so leider auch über die germanischen, insonder- 1 ----- - - v ' ...a Lu?1,

heit über unser geliebtes deutsches Vaterland.

Blindes Pharisäerthurnnur kann die Leute , öer ,Köln. Ztg. und anderer liberalen Blätter dazu baten ihm angeboren verfuhren, an ihre Brust zu schlagen unb auszurufen: 1 ! ! ~ ‘ '

„Ich danke Dir, v Herr, daß ich nicht bin wie Jene!" Wir dächten, das Attentat von Koscielec spreche eine beredte Sprache, und wenn noch nicht mehr sozialrevo- | lutivnäre Unthaten in unserem Vaterlande zu verzeich­nen waren, so befinden wir uns doch wahrlich auch in keiner beneidenswerthen Entwickelung, in keiner be­ruhigenden Sage. Die Sozialdemokratie verbirgt nur mehr ober minber geschickt ihre letzten Ziele; die | „Unabhängigen" reden gern von Gewalt und „ent- ! schlosiener Thai"; — und eine anarchistische Par- I tei besteht doch auch bereits in Deutschland. Was wird uns da die Zukunft bringen?

Auf alle Fälle ist eine solche Fülle schlimmer Pläne und selbst verbrecherischer Keime und Vorbereitungen auch in unserem Vaterlande vorhanden, daß es gewiß nicht überflüssig erscheint, am Grabe des hl. Bonifatius auch dafür Gebete darzubringen, daß das Christen- t h u m, welches er den deutschen Landen gebracht, . lvl^iyvu „„„ UJl ucu ^CyVCUt uu|ui macye nennten, es Tu bmn ,et daß die Regierung nicht seinen Willen thut. DieLibe-

^, un§ em Gebot der Selbsterhaltung, unsern Herr- raten empfinden begreiflicherweise das Bedürfniß, nach- gott auch für unser Vaterland um Abwendung der dem sie das Schulgesetz zu Falle gebracht haben, die drohenden, dunklen Gefahren anzuflehen. Die unange- 1 m- -------- - - - - u

messene Kritik, welche die kirchenfeindliche Presse an dem Aufrufe bezüglich der Wallfahrt nach Fulda führt, kann übrigens nur die Wirkung haben, in den weitesten Kreisen die Aufmerksamkeit auf denselben hinzulenken und so die Betheiligung an der Wallfahrt zu steigern. So bewährt die kirchenfeindliche Presse sich in dieser.. Falle wieder als einen Theil von jener Kraft, die stets das Böse will und oft das Gute schafft.

kannt liberal-konservativen Mannes, desSennor Canovas del Castillo, der weit davon entfernt ist, ein „ultra- montanes" Regiment zu führen. Und in Frankreich?

l t u r k a m p f in voller Blüthe! . -v« w«. ouimuutisuq ityugung oes ».

» 1 wle,-ne^-ürDn reuen Landern, denn der Garberegiments ließ ber Kaiser nach einer Melduna

K- feme ; kein | des .Berliner Tageblatt' Regimentskolonnen fortnire«9

Zeugmtz für katholische Gesinnung. Ware der katho­lische Geist in Belgien' Frankreich, Spanien rc. leben­dig, wären dessen Bewohner davon erfüllt, es stände in diesen Ländern ganz anders, als es — Gott sei es geklagt! — jetzt der Fall ist. Es würde dann da ein inniger, das Leben in allen seinen Beziehungen be­herrschender Glaube, daher auch eine starke Sittlichkeit, eine ehrliche Verwaltung, eine uneigennützige Hingebung , *,lt SIUUIUUII uaR

an btt staatlichen und gesellschaftlichen Interessen, daher schon am Tage nach dem bekannten Vorfall vom Re- auch eine reine, gemeinnützige Sozialpolitik, eine volle, 1 ------- ~ - • 1

konfessionelle Verträglichkeit, eine fröhliche und fried­liche Arbeitsamkeit, kurz ein ganzes Musterheer von

Am Postschalter.

Kriminal-Roman aus dem Berkehrsleben von Th. Schmidt.

(29. Fortsetzung.)

Des Mittags gegen zwölf Uhr betrat Frank das Arbeitszimmer Lindes und Merreichte ihm das im Comptoir bei Adens verlorene Blatt Papier mit den Worten:

„Hier, Herr Obersekretär, ist der Zettel, auf welchem die Nummern der gestohlenen Banknoten verzeichnet stehen ... Sie haben ihn in unfern Bureau vorhin fallen lassen."

„Ah, so! Nun, war nicht der Mühe werth, daß «ie sich den Weg deswegen machten! Ihr Chef sollte sich nur die Nummern der Einhundert-Markscheine nottrt haben. — Auf dem verlorenen Zettel standen nur die Fünfhundert- und Tausend-Markscheine ver­zeichnet. — Ihr Buchhalter scheint auch sehr vergeß- uch zu sein," sagte Linde mit etwas Entrüstung. „Da, nehmen Sie den Zettel, vielleicht treffen Sie einmal einen von den gestohlenen Scheinen an! Ich habe noch einen gleichen."

. Es war gut, daß Frank das Gesicht Lindes nach feinem Weggange nicht beobachten konnte, sonst hätte er ein tnumphirendes Lächeln an dem höflichen Manne bemerken können.

„Jetzt Himmel, steh' mir bei!" sagte Linde, nach­dem Frank gegangen war. „Der Schuft ahnt Gott sei