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19. Jahrgang

JV 103

, Freitag, den 6. Mai 1892. ___________

MaerW Zeitung

Am Nostschaltcr.

Kriminal-Roman aus dem Berkehrsleben von Th. Schmidt.

(24. Fortsetzung.)

Traurig verließ Droop den Richter und an der betrübten Miene des heimkehrenden Gatten und Vaters erkannten die Frauen des Droop'schen Hauses, daß auch dieser Gang die ersehnte Haftentlassung des jungen Mannes nicht herbeigeführt hatte.

Mißmuthig verschloß Droop die Banknoten, um dann seinen Damen zu erzählen, was wir bereits vom Richter gehört haben.

Berthas Augen hatten keine Thränen mehr; ihr sonst von Glück und Frohsinn strahlendes Gesicht sah zum Tode betrübt aus. Der Glanz ihrer vordem so heiteren Augen schien erloschen. Nichts mehr erinnerte an das heitere fröhliche Wesen von ehedem. Nur der eine Gedanke, daß diese Prüfungszeit für ihr junges unerfahrenes Herz ein Ende nehmen würde, erhielt ihre Kräfte. Sie klammerte sich mit der Macht der Ver­zweiflung an den einen Gedanken, der Verlobte fei unschuldig.

Es war daher den Personen, die mit ihr ver­kehrten, leicht gelungen, bei ihr die Ueberzeugung auf­recht zu erhalten, der junge Mann könne die That

August Aeichensperger.

* Zur Feier der goldenen Hochzeit August Reichens- veraer's, über deren Verlauf wir im heutigen Blatte unter „Köln, 3. Mai," Näheres berichten, fchrieb die .Germania' vorgestern an leitender Stelle:

Wer im katholiichen deutschen öffentlichen Leben m der mittleren der drei lebenden Generationen von Menschen auf der Höhe des ManneSalters steht und nun die Blicke zurückschweifen läßt auf die Männer, von denen er als Knabe schon mit Stolz und Freude hörte, die im Jünglingsalter Gegenstand seiner Be­geisterung, ja seine Ideale waren und im angehenden Mannesalter ihm die wirksamsten Anregungen und die fruchtbarsten Belehrungen gaben — der kann jetzt, nach­dem der Tod vor Allem in den letzten zwei Jahren so furchtbar reiche Ernte gehalten, unter den Lebenden nur noch vier Männer entdecken, die in jener Zeit in der katholischen deutschen Welt ihre Umgebung um Haupteslänge überragten. Während die siebenziger Jahre uns nur zwei Sterne erster Größe, die unvergeßlichen Wilhelm Emanuel Freiherr von Ketteler und Hermann von Mallinckrodt raubten, haben wir in den letzten zwei Jahren Windthorft, Hergenröther, Hettinger, Heinrich und Moufang verloren. Und auch Freiherr von Franckenstein und Janssen sind ihnen zugesellt worden, die zwischen der jetzt lebenden ältesten und der mittleren Generation den Uebergang bildeten, Franckenstein näher der altern, Janssen näher der mitt­leren stehend. Und auch Döllinger ist in den letzten Jahren dahingegangen, er, den kein deutscher Katholik in den Erinnerungen der vierziger und fünfziger Jahre vermissen möchte, wenn er auch später leider so tief in die Irre ging und den Weg zurück nicht mehr fand.

Von den vier noch lebenden dieser ältesten Genera­tion ist der Einsiedler auf der Trausnitz, Dr. Jörg, als Zweiundsiebenzigjähriger der Jüngste, und wenn auch schon länger als ein Jahrzehnt aus dem deutschen Reichstag und beinahe ein Jahrzehnt aus dem bayeri­schen Landtag ausgeschieden, verwaltet er noch immer wie seit vierzig Jahren rüstig und erfolgreich das große Erbtheil Josephs und Guidos von Görres, die »Histo­risch-politischen Blätter', deutet dort fort und fort mit dem bekannten Scharfsinn die Zeichen der Zeit, Inder ohne daß im katholischen Deutschland jener stolze Erb­theil und seine immer noch trefflichen Leistungen auf dem Gebiete der brennenden Tagesfragen und so mancher wissenschaftlichen Kontroversen allgemein genug bekannt und gewürdigt wären. Der ehrwürdige Kirchen­fürst Württembergs aber, Bischof Dr. von Hefele. noch um eine halbe Generation älter als Jörg, genießt in seiner Bischofsstadt Rottenburg das wohlverdiente otimn cum dignitate, tritt bei hervorragenden An­lässen noch wohl einmal in die Oeffentlichkeit hinein, sonst aber auch im Gebete für das Wohl feiner Heerde und der Kirche wirkend, während seine amtliche, wie seine bekannte große literarische Thätigkeit in jüngere Hände übergegangen ist.

Und damit kommen wir schon zu dem rheinischen Brüderpaar, das Jahrzehnte hindurch fast nur gemein­sam genannt wurde, auf das gemeinsam das katholische

Deutschland so stolz ist, denen es so viel verdankt. Vor zwei Jahren im Sommer feierten wir Peter Reichensperger's achtzigsten Geburtstag, morgen feiern wir deutschen Katholiken des im fünfundachtzigsten Lebensjahre stehenden August Reichensperger s goldene Hochzeit. Peter steht noch heute als ein hoch­verehrter Veteran des Centrums und gar nicht selten auch als Redner in der schon 1848 angenommenen larlamentarifchen Thätigkeit, im Reichstag tote im Landtag, hat auch noch in den letzten Jahren wieder­holt, wie früher öfter, literarisch sich bewährt. August, ebenfalls seit 1848 Parlamentarier, hat zwar vor einigen Jahren sein Landtagsmandat für die Stadt Köln und sein Reichstagsmandat für die Stadt Crefeld niedergelegt, in einem rührenden Abschied von seinen Wählern, daß er jetzt mehr die himmlischen als die irdischen Dinge bedenken müsse — aber auch er ist noch immer bereit, bei besonderen Anlässen öffentliches Zeugniß abzulegen für seine Ueberzeugungen und auch literarisch, z. B. auf dem Gebiete der Kunst, was er sein Leben lang vertreten, zu verfechten.

Wenn man auf die Laufbahn des nebst der treuen Gefährtin seines Lebens morgen Gefeierten zurückblickt, welche eine Ueberfülle der gewaltigsten Erinnerungen! Als August Reichensperger geboren wurde, herrschte der stärkste und genialste, aber auch unbändigste Wille der letzten Jahrhunderte über den europäischen Kon­tinent, dessen Völker auch geistig sich immer mehr vor ihm beugten, so daß selbst vielen großen Geistern der Gedanke der Verwirklichung einer Universalmacht nicht mehr unmöglich schien. Am Ufer des Rheines selbst, um den im Mittelalter so reiches deutsches Leben pul- sirte, und die alte deutsche Kaiserherrlichkeit so oft sich offenbarte, herrschte der Corse, darüber hinaus hatte er seine kleineren Vasallen und größeren abhängigen Reiche. Gerade im Geburtsjahr August Reichensperger s ging er über die Pyrenäen, auch dort sein Reich aus­zudehnen, lernte aber hier, wie schon im Kleinen bet den erzkatholischen Tyrolern, in dem damals im Volke noch erzkatholischen Spanien kennen, was eine sittlich unverdorben kräftige Natur selbst unter den ungün­stigsten Verhältnissen durch ihre Volkskraft vermag. Noch aber gelang dem Eroberer wiederum die Nieder­werfung Oesterreichs trotz des opferfreudigsten Auf­schwungs und der feurigsten Hingebung und Tapferkeit, und selbst den Papst zwang er gewaltsam zur Residenz in Frankreich, um aus ihm einen byzantinischen Patriar­chen zu machen und so eine doppelte weltliche und geist­liche Fessel um die Völker zu schlingen.

Der Papst aber, ein schwacher Greis, blieb mora­lisch Sieger, und seinem Bedränger gelang von da ab keine größere Aktion mehr. In Spanien, in Rußlands Eisgefilden, in Deutschland und in. den Niederlanden und in Frankreich selbst unterlag er dem Zorn der Völker Europa's auf hundert Schlachtfeldern, und das Angesicht der Erde begann sich zu erneuern. Nach den äußeren, zum Theil nicht glücklichen Wiederherstellungen der Staaten waren es vor Allem zwei Gebiete, auf denen neues Leben sich zu regen begann, das der Zeit seinen Stempel aufdrückte. Religion und Glaube, durch die „Aufklärung" und die Revolution tiefer er- nicht begangen haben. Die Mutter härmte sich über den Schmerz ihres einzig geliebten Kindes sehr.

Lange, so sagte sich die selbst in jungen Jahren hart g> prüfte Frau, darf diefer Zustand meiner Tochter nicht mehr anhalten, er reibt sie sonst ganz auf und bereitet ihr ein vorzeitiges Grab.

Kein lautes Wort wurde mehr in dem Haufe ge­sprochen, wo ftüher das fröhliche Lachen und Singen der Tochter erscholl.

Daß sie noch viele Tage, ja Wochen, vielleicht Jahre den Schmerz und die Enttäuschung mit sich Herum­tragen mußte, stand vor der Hand fest; wohl ihr, daß sie es noch nicht bestimmt wußte.

Am Abend dieses Tages sprach Lmde bn Droop vor, um über die Unterredung desselben mit dem Richter Erkundigungen einzuziehen. Nachdem er von dem alten Herrn das Resultat erfahren, empfahl er sich mit einigen tröstenden Worten.

Draußen machte er seinem Aerger Luft.

„Dieser heillose Schurke", sagte er, „muß außer­ordentlich schlau operirt haben, sonst hätte der als der Schrecken der Verbrecher bekannte Gerichtsrath doch wohl etwas aus ihm herausbringen müssen. Herr Gott, Du gabst uns fünf Sinne, weshalb gabst Du uns nicht einen solchen, mit dem der unschuldige Mensch in

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schüttert und mehr zurückgedrängt und deshalb auch charitativ und sozial unfruchtbarer als zu irgend einer Periode der Christenheit, begann sich wieder stärker zu regen, rang nach reicherer Ausgestaltung und nach Frei­heit gegenüber dem staatlichen Druck. Auf politischem Gebiete verlangten immer mehr auch die nichtrevolu­tionären Geister nach Ersatz des monarchischen Absolutis­mus durch die konstitutionelle Monarchie mit gesicherten Volks- und Parlamentsrechten. Es war damals nicht so leicht bei der Erschütterung der religiösen und post- tischen Traditionen und Grundlagen und in dem Durch­einanderwogen der Ideen und Interessen die richtige Stellung zu finden; als aber in dem Konflikt mit Erz­bischof Clemens August Ende der dreißiger und in den Revolutionen Ende der vierziger Jahre beide Fragen, die religiöse und die politische, für Deutschland zur Entscheidung drängten, da haben die beiden jungen Reichensperger in beiden den richtigen Weg ge­funden und auch sofort mit Entschiedenheit eingeschlagen, so daß sie Nichts später haben zu korrigiren brauchen.

Wir aus der mittleren Generation haben es leichter gehabt; wir haben uns in den fünfziger und sechziger Jahren auf den Boden stellen können, der bereits erkämpft und bereitet war, haben ein bereits festgestelltes und bewährtes politischesProgramm annehmen können, dessen Haupturheber und hervor­ragendste Vertreter die „Gebrüder Reichensperger waren. Wir dürfen ganz bestimmt sagen, ohne Clemens August und dessen auch diplomatisch meisterhafte Ver­tretung durch den päpstlichen Stuhl autoritativ und durch Görres literarisch, ohne die grundlegende politische Arbeit der beiden Reichensperger und ihrer Freunde hätte uns Deutschen der furchtbar ge­fährliche Kulturkampf nicht entfernt ausreichend gerüstet gefunden. .

Zu seiner morgigen goldenen Hochzeit haben wir diesem unserm hochverdienten Führer und Vorkämpfer in allen Kämpfen der letzten fünfzig Jahre zunächst an dieser Stelle sagen wollen, was er uns war und ist, und wir sprechen zum Schluß unserm innigst ver­ehrten und geliebten Dr. August Reichensperger nebst Gemahlin Clementine Therese geb. Simon die herz­lichsten Glückwünsche aus. Wolle Gott ihnen Alles reichlich lohnen, was August Reichensperger für Kirche, Vaterland und Volk gewirkt, und die treue Gattin ihm war für Herz, Haus und Familie! Das ist heute und morgen aus wärmster Empfindung unser Wunsch und Gebet!

Deutsches Keich.

Berlin, 4. Mai.

* Der Besuch des Zaren in Berlin wird von offi­ziöser Seite nunmehr als feststehend bezeichnet mit dem Hinzufügen, daß in neuerer Zeit em Nachlassen der Spannung zwischen den Höfen von Berlin und Peters­burg zu konstatiren sei. Ueber die Frage, ob auch die Zarin bett Kaiser Alexander bei seinem Besuch in Berlin begleiten wird, heißt es dann: „Man wollte wissen, daß die hohe Frau zuvörderst einen Besuch der deutschen Kaiserin in Petersburg erwarte. Sollte der Seele des Verbrechers, für den er Schmach und Elend tragen muß, lesen kann! Daß der Onkel, der doch sonst so große Stücke auf Bäumer hielt, noch nichts von sich hat hören lassen, das ist mir, gelinde ausgedrückt, unbegreiflich. Die Mutter und Schwester Bäumers scheinen, Gott sei Dank, noch keine Kunde von dem Unglück des Sohnes und Bruders zu haben, sonst wären sie wohl schon hierher geeilt."

Linde hatte unter der Hand bei allen ihm bekannten Geschäften nach den gestohlenen Banknoten geforscht, aber vergebens. Auch bei den öffentlichen Kassen m D. waren ebenfalls bis auf diese Stunde noch leine verdächtigen Scheine aufgegeben worden.

„Selbstverständlich", sagte sich Linde, „wird das auch wohl nie hier geschehen, denn der oder die Ver­brecher, die mit, einer solchen rassinirten Schlauheit und Frechheit zu Werke gegangen sind, werden sich hüten, das geraubte Geld hier zu verausgaben.

Daß er trotz dieses Glaubens dennoch nach den gestohlenen Banknoten in D. fahndete, erachtete er als seine Pflicht. — .

In den nächsten Tagen schrieb Droop abermals an den Major nach Berlin. Er cheilte diesem in recht ernsten Worten mit, daß bis heute — acht Tage nach der Verhaftung seines Neffen — die Sache noch genau