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19. Jahrgang

Donnerstag, den 5. Mai 1892.

„Der Rentier Droop wünscht den Herrn Gerichts­rath zu sprechen", meldet der Gerichtsdiener.

Der Richter sieht nach seiner Uhr, dann sagt er: „Lassen Sie den Herrn eintreten." Der Angemeldete tritt ein.

Der alte wackere Mann sieht recht angegriffen aus; sein bleiches Gesicht in Verbindung mit dem schnee­

weiter als künstliche Treibhäuser der Kirche waren. Alles, was die Kultur der Gegenwart vor der des Alterthums auszeichnet, ruht direkt oder indirekt auf der christlichen Kirche: Die Abschaffung der Sklaverei, der Adel jeder rechtmäßigen Arbeit, die Ausbildung verschiedener Berufsstände neben einander, die Vielsei­tigkeit unserer Kunst und Wissenschaft, die Blüthe aller wirthschaftlichen Produktion." Ganz ähnlich schreibt Janssen: „Wie die Klöster Jahrhunderte hindurch die Schulen des Ackerbaues, des Gartenbaues und des Weinbaues waren, so wurden sie auch die eigentlichen Pflanzschulen alles gewerblichen Fortschrittes und Kunst­fleißes; in ihnen zuerst veredelte sich das Handwerk zur Kunst." (Geschichte des deutschen Volkes I.S. 322.) Der Dichter Herder meinte: „Die meisten Institute unserer Wissenschaften und Künste nähren sich von den Brosamen dessen, was einst die Männer der Legende mühsam erworben, andächtig stifteten, heilig bewahrten und der Nachkommenschaft fromm vermachten." M i g n e t und Cibrario nennen die Klöster „große agronomische, industrielle und wissenschaftliche Republiken." In der Pflege der Arbeit wie in der Pflege der Wissenschaft stehen sie heute noch überall auf der Höhe der Zeit, sind sogar vielfach bahnbrechend. Ihre Wissenschaft ist allerdings nicht auf den luftigen Hypothesen des Un­glaubens aufgebaut, sondern auf der soliden Grundlage der göttlichen Offenbarung. Aber darin kann doch nur ein „evangelischer" Bundesbruder einen Stillstand oder Rückschritt erblicken. Durch Wort und Beispiel lehren die Ordensleute die Arbeit als eine von Gott aufer­legte Pflicht betrachten, lehren den Arbeiter christliche Geduld und Ergebung, den Arbeitgeber christliche Näch­stenliebe und Barmherzigkeit üben, stiften auf solche Weise Friede und Eintracht zwischen Arm und Reich und erziehen ein zufriedenes, arbeitsames Volk. Daß aber dies eine Gefahr für die soziale Entwickelung un­serer Zeit sei, ist nur dem Verstände eines Bundes­bruders begreiflich. In Folge ihrer durch das Oidens- vermögen gesteigerten Macht waren die Orden niemals eine politische Gefahr und würden es auch heutzutage nicht werden; höchstens, daß in Folge ihres Einflusses wieder mehr Christenthum unter die breiten Schichlen des Volkes käme und damit auch unchristliche Bestre­bungen im politischen Leben unmöglich gemacht würden. Das aber könnte nur zum Heil und Segen von Land und Volk gereichen. Besser wäre es fürwahr, wenn der „evangelische" Bund, statt gegen die „tobte Hand" bei den Klöstern anzukämpfen, Mittel und Wege Vor­schlägen würde, die „tobte Hand" dort zu beseitigen, wo sie heutzutage eine große soziale Gefahr ist, näm­lich in der Anhäufung großer Vermögen in immer weniger Händen.

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Der Evangelische Kund und die Klöster.

* Die ,Fuldaer Zeitung' veröffentlichte unlängst wiederein vertrauliches Rundschreiben des Evangelischen Bundes in Württemberg, das feinem Inhalte nach nur ein mitleidiges Lächeln Hervorrufen kann. So oft auch die Anschuldigungen gegen die katholische Kirche an der Hand wirklicher Geschichte widerlegt werden, fo wieder­holt der Evangel. Bund doch immer wieder die alten Märchen, um hierdurch seinen Anhängern einen Schauder vor der „Papstkirche" einzuflößen. So erlaubt sich auch jenes Rundschreiben wieder den Satz: „Die Ordens­leute als Einzelne leisten das Armuths-Gelübde; die Orden selbst streben mit großem Erfolg nach Vermögen, insbesondere auch nach Grundbesitz. Sie bilden dadurch eine wirthschaftliche Gefahr für das Volksvermögen und die soziale Entwickelung und eine politische Gesahr wegen ihrer durch das Ordensvermögen zu sehr gesteigerten Macht." Dieser Satz spricht der ganzen Geschichte der kathol. Kirche und namentlich ihrer Orden Hohn. Aller­dings erwarben viele Orden und Klöster sich mit der Zeit große Reichthümer, großen, weit ausgedehnten Grundbesitz. Allein, daß sie dadurch jemals eine wirth­schaftliche Gefahr für das Volksvermögen und die soziale Entwickelung geworden seien, ist nicht richtig. Sie haben im Gegentheil gerade das Volkswohl und die foziale Entwickelung gefördert. Die Armenpflege lag ursprünglich einzig und allein in den Händen der Kirche. „Die Klöster, besonders Clugny und Bec, leisteten für die Armenpflege sehr viel; Wohlthätigkeit war ihnen vorgeschrieben" (Hergenröther, Kirchengesch. IIS. 86). „Die Kwche war die große Stadt der Armen, sür welche mit einer Großartigkeit und zugleich einem Geiste der Bruderliebe gesorgt war, gegen welchen unsere Versor­gungs-Anstalten und Armen - Vereine nur als Stüm­pereien erscheinen. Das Kloster Clugny allein z. B. ernährte zu Zeiten 17,000 Arrue täglich. Die Kirche war reich, aber sie galt nur als Verwalterin der Schätze der Erde zu Gunsten der Armen" (Weiß, Weltgesch. Bd. IV S. 4). Wohl gab es auch Zeiten, wo Geist und Zucht in den Klöstern darniederlagen, aber der Verfall hing meist mit den Eingriffen weltlicher Fürsten und mächtiger Familien zusammen, welche un­würdige Aebte aufdrängten, auch Laien-Aebte, welche die Klostergüter ihrem eigentlichen Zwecke entfremdeten und sie verschleuderten. In dem Maße jedoch wurde sicherlich niemals in den Klöstern der irdische Besitz mißbraucht, wie dies heutzutage von den Wenigen ge­schieht, in deren Händen sich immer mehr alle Reich­thümer anhäufen.

Montalembert sagt: „In Bezug auf die Ver­wendung konnte man dieselbe, selbst in Zeiten der schreiendsten Mißbräuche und der äußersten Erschlaffung, in ein einziges Wort zusammenfassen: die Wohlthätig­keit! Eine Wohlthätigkeit, welche nie bestritten worden ist und die niemals von Anderen erreicht werden wird." (Die Mönche des Abendl. I S. 133.) Man spricht so gern von demBesttzthum der „tobtenHand". Allein überall, wo die Klöster zu leben hatten, hatten auch von jeher die Armen zu leben. Wo die Klöster und

Am Umschalter.

Kriminal-Roman aus dem Berkehrsleben von Th. Schmidt.

(23. Fortsetzung.)

Der Richter trat dicht vor den jungen Mann hin und sah ihn mit den kleinen stechenden Augen scharf an.

„Ich sehe, ich muß Ihrem Gedächtnisse zu Hilfe kommen," sagte er. „Sie haben, um Zeit für die Be­raubung des Geldbriefes zu gewinnen, die Uhr in Ihrem Comptoir um zehn Minuten am Nachmittag des siebenten Septembers vorgeschoben; es wird dies Niemand im Comptoir aufgefallen sein. Am Abend gingen Sie also nach der richtigen Zeit um zehn Minuten vor sieben aus dem Geschäft, begaben sich schnell zu Ihrem Freund in der Triftstraße. . . sehen Sie! Das scheint Sie doch ein wenig zu packen! Der Weg zu diesem wackern Freunde ist in einigen Minuten zurückzulegen. Mit diesem säubern Freunde nahmen Sie dann die bekannten Manipulationen vor, welche höchstens fünf Minuten Zeit beansprucht haben werden, da Sie selbstverständlich alles hierzu Erforderliche bereits vorbereitet hatten, und sie konnten demnach kurz nach sieben Uhr richtiger Zeit wieder bei Ihrer Fabrik angelangt sein. Sie mußten an der Haupt-Eingangs- thür derselben vorbei, weil das Haus Ihres Prinzipals, von der Triftstraße aus, jenseits der Fabrik liegt. Vor

Kirchen reich waren, ging es auch dem Bauern- und Handwerkerstände gut. Wohl hatten die Klöster im Mittelalter auch ihre „Hörigen". Allein diese waren schon an und für sich nicht vollständig macht- und recht- lofe Sklaven. Weiß schreibt (1. c.): „Wir vermögen uns das Loos eines großen Theiles der Gesellschaft in früherer Zeit, der Hörigen, kaum erträglich zu denken. Allein bei näherem Betrachten mildern sich die Ueber- gänge. Der Hörige war doch kein Werkzeug wie heut­zutage der Fabrikarbeiter, ein sittliches Band knüpfte ihn an seinen Herrn. Ein zu furchtbarer Größe an­wachsendes Proletariat war nicht eine Gefahr für den ganzen Bestand der Gesellschaft wie heutzutage, obgleich Deutschland im 15. Jahrhundert wahrscheinlich bevöl­kerter war als jetzt. Die Religion machte die Herzen der Reichen wie der Armen für edle und harmonische Stimmung empfänglich und tilgte in den Einen den Hochmuth, in den Andern Neid und Haß." Die Ritter­schaft mit ihren vielen Fehden und namentlich das Raubritterthum brachte wohl über manche Gegend un­sägliches Elend. Aber gerade darum begaben sich auch so manche Bauern in die Hörigkeit der Kirchen und Klöster, um vor den Bedrückungen des Adels mehr ge­schützt zu sein, und weil überhaupt „unter dem Krumm­stab gut zu leben war." Bd. VIII S. 23 bei der Schilderung der Reform ation in England schreibt Weiß: „Seit die Klöster aufgehoben waren, hatte man Gelegenheit, die Raubsucht der neuen Besitzer mit der milden Herrschaft der Mönche zu vergleichen. Die Klöster waren die Herbergen der Armen; seit sie auf­gehoben waren, zogen die Bettler schaarenweise umher. Tausende von Ackersleuten waren durch Einziehung der Kirchengüter, die jetzt für Schafzucht verwendet wurden, statt für Getreidebau, ohne Beschäftigung. Ganze Dörfer gingen zu Grunde."

Die Klöster haben durch Erwerb von Grundbesitz noch nie den Bauernstand zu Grunde gerichtet, sondern gefördert, denn Jahrhunderte lang ist aller wirthschaft- liche Fortschritt gerade von den Klöstern ausgegangen. Und daß dem jetzt noch so ist, zeigt ein Blick auf die Trappisten-Niederlaffungen Mariastern in Bosnien und Mariannhill in Afrika. Diese wirken anerkanntermaßen nur zum größten Heile und Segen jener Gegenden, und nur fanatischer Haß kann sich solchen Zeugnissen gegen­über noch ablehnend und feindselig gegen die Klöster verhalten.

Die Klöster sollen „eine Gefahr für die soziale Ent­wickelung bilden"! Lassen wir den protestantischen Ge­lehrten W. Arnold reden; er sagt (Recht und Wirth- schäft nach geschichtlicher Ansicht S. 82 — 83): „Es würde eine eigene Arbeit geben, im Einzelnen den Zu­sammenhang unserer ganzen heutigen Kultur mit der christlichen Kirche aufzudecken. Nur an das Nächst­liegende sei erinnert, daß Jahrhunderte lang aller wirth­schaftliche Fortschritt von den Bisthümern und Klöstern ausgegangen ist, daß ohne die Kirche keine Städte mög­lich gewesen wären .... Ackerbau, Kunstfleiß und Verkehr sind alle drei auf die direkteste Weise von der Kirche gefördert worden; ganz besonders aber ist dieses wieder in den Städten geschehen, die anfangs nichts jener Thür erwarteten Sie nun Ihre Bekannten, die allabendlich denselben Weg an derselben vorbeinehmen. Es bot sich Ihnen somit eine passende Gelegenheit, durch die Begleitung jener Bekannten Ihr Alibi schlagend zu beweisen. Die Uhr im Comptoir haben Sie natürlich am nächsten Morgen wieder richtig ge­stellt, was Sie bei Ihrer eigenen nicht für nothwendig hielten. So, jetzt endlich dürften Sie wohl mit Ihrem Latein zu Ende sein."

Frank schien dem Umsinken nahe, doch er faßte sich rasch und im nächsten Augenblick lachte er verzweifelt auf.

„Haha! Sie wollen mich absolut ins Gefängniß bringen! Ich soll nun mit Gewalt der Sündenbock sein. Da sollte man ja aus der Haut fahren. Ich kenne keinen Mann in der Triftstraße, sage ich Ihnen. Ich hatte," verbesserte er sich im nächsten Augenblicke, „in der Triftstraße vor längerer Zeit einen Freund, wo dieser jetzt wohnt, weiß ich nicht, da ich mich nicht mehr um ihn kümmere. Er hat mich tödtlich beleidigt, was ich durch Zeugen jeden Augenblick beweisen kann. Es ist ja möglich, sogar wahrscheinlich, daß Hecht dort wohnt."

„Also Sie leugnen Ihre That noch immer?" fragte der Richter streng.

„Ich habe nichts zu bekennen, ich weiß ganz be­stimmt nicht, wo mein früherer Freund wohnt, und

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Berlin, 3. Mai.

* Die Adresse der Centrumsfraktion an Dr. August Reichensperger aus Anlaß dessen goldener Hoch­zeitsfeier hat folgenden Wortlaut:

„Auf der Höhe eines Lebens, an Jahren reich, reicher an Inhalt, wie wenig Erlesenen beschieden, feiern Sie, hochverehrter selbst wenn ich mit ihm befreundet wäre, so hätte ich Hecht doch zu der fraglichen Zeit nicht sprechen können, weil er erst um 8 Uhr Abends seine Wohnung betritt, da um diese spätere Zeit erst das J.'sche Geschäft, in welchem er angestellt ist, schließt. Fragen Sie doch die anderen jungen Leute, die werden dies Alles bestätigen."

Der Richter schellte heftig und befahl, die beiden im Vorzimmer harrenden jungen Männer vorzuführen. Diese erscheinen und bestätigen lediglich die Aussagen Frank's.

Nachdem der Richter den beiden jungen Männern ihre Uhren zurückgegeben, entließ er sie. Frank aber bedeutete er, daß er bis zur völligen Klarstellung der Angaben bezüglich des Hecht im Untersuchungsgefängniß verbleiben müsse. Mit einem triumphir enden Blick auf den Richter folgte Frank dem Polizeibeamten in die Untersuchungshaft.