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IS. Jahrgang

Mittwoch, dm 4. Mai 1892.

Zeitung

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Deutsches Keich.

Berlin, 2. Mai.

♦ Die Feier des 1. Rai ist überall in Europa verhältnißmäßig ruhig verlaufen. — Aus Berlin und Umgegend ist absolut nichts von Bedeutung zu melden, auch hat in den weitaus größten Orten Deutsch­lands das kalte regnerische Wetter dazu beigetragen, daß aus der Feier selbst nicht allzuviel geworden ist.

• — In Paris, wo man dem Verlaufe des 1. Mai fast in der ganzen civilisiiten Welt mit ängstlicher Spannung entgegensah, was nach den aufregenden Er­eignissen der letzten Tage wohl begreiflich, trug der Verkehr sein gewöhnliches Sonntagsgepräge, nur war er in Folge des schlechten Wetters noch schwächer als sonst. Ganz Paris stand allerdings unter dem Drucke einer wahnsinnigen Angst; wer die Stadt nicht ver­lassen hatte, hütete das Haus. Die Abendblätter gaben die Zahl der in Paris marschbereiten Truppen auf 100000 Mann an, welche für zwei Tage Rationen und pro Mann 80 scharfe Patronen erhalten hatten. Es verlief der gefürchtete Tag aber ruhig; auch aus den Vororten von Paris wird Ruhe gemeldet. Da­gegen erregten in der Provinz drei anarchistische Atten­tate tiefste Panik: In Chartres explodirte in der Kathedrale bei der Frühmesse eine Bombe, welche aber unbedeutenden Schaden anrichtete; im Cirkus von Troyes bewirkte die Explosion einer Petarde eine Feuersbrunst, welche den Cirkus und drei Häuser in Asche legte, ohne aber Verlust an Menschenleben zu veranlassen und endlich in Tours explodirte in einer öffentlichen Bedürfnißanstalt eine Bombe, wodurch der Urheber der Explosion schwer verwundet wurde. Im Uebrigen verlief der Tag auch in der Provinz ruhig.

- — Aus anderen großen Städten, wie London, Wien, Rom, Pest, Madrid, Brüssel, Bern, Petersburg, Konstantinopel u. s. w. lauten die Nachrichten über den Verlauf des 1. Mai erfreu­licher Weise auch nicht schlimmer. — Alles in Allem war es vorher viel Geschrei und nachher wenig Wolle.

* Die amtlichen Verordnungsblätter des Reichs veröffentlichen das Gesetz betreffend den Verkehr mit Wein und eine Bekanntmachung, betreffend die Aus­führung dieses Gesetzes. Die Letztere bestimmt, daß bei Wein, der nach feiner Benennung einem inländischen Weinbaugebiet entsprechen soll, durch den Zusatz wässriger Zuckerlösung 1) den Gesammtgehalt an Extraktstoffen nicht unter 1,5 Gr., der nach Abzug der nicht flüch­tigen Säuren verbleibende Extraktgehalt nicht unter 1,1 Gr., der nach Abzug der freien Säuren verblei­bende Extraktgehalt nicht unter 1 Gr., 2) der Gehalt an Mineralbestandtheilen nicht unter 0,14 Gr. in einer Menge von 100 Kubikcentimetern Wein herabgesetzt werden darf.

* Das Abgeordnetenhaus berieth in erster Lesung die „lex Kropatscheck" oder, wie der offizielle Titel heißt, den Gesetzentwurf betreffend das Diensteinkommen der Lehrer an den nichtstaatlichen höheren Lehranstalten. In der Debatte erklärte der Kultusminister Dr. Bos se, daß die Vorlage mit Rücksicht auf die Belastung der

Am Dostschalter.

Kriminal-Roman aus dem Berkehrsleben von Th. Schmidt.

(22. Fortsetzung.)

Dann setzte er sich so, daß der junge Mann glauben konnte, er würde von ihm nicht bemeüt, während er ihn doch beobachten konnte. So entging ihm ein Lächeln nicht, das gleich darauf um Franks Mundwinkeln zuckte."

„Sie freuen sich wohl darüber, daß Sie wegen dieser Affaire frei ausgehen sollen, he?" fragte der Richter.

„Das verstehe ich nicht", entgegnete Frank. „Man kann doch unmöglich angenommen haben, daß ich der Verbrecher fei? Ihr Ausspruch von vorhin hat mich tief gekränkt, umsomehr, als der eigenttiche Thäter sich ja schon einige Tage in Haft befindet."

„Weshalb lächelten Sie denn soeben, ttotz der schwerm Kränkung?"

„Mein Lächeln war ein bitteres. Ich dachte daran, daß man ohne große Ursache oft in den schwersten Verdacht kommen kann, wenn man nicht überzeugend seine Alibi nachweisen kann. W:e schwer das oft ist, habe ich soeben erfahren müssen."

„In Verdacht," sagte der Richter scharf, „kommt man fehl leicht, wenn man, wie Sie ei gethan, wieder­

zu denken, daß das Abgeordnetenhaus selbst eine ganz ansehnliche Quelle unnöthiger und in sich unbe­rechtigter Ausgaben ist. Nach der bestehenden Obser­vanz werden während der Ferien die Diäten an die Mitglieder des Abgeordnetenhauses weiter gezahlt. Die Summe der Diäten beläuft sich, wenn alle Mandate besetzt sind, auf 6495 Mark täglich. Für die dies­maligen Osterferien, 18 Tage, sind also 116,900 Mark Diäten zu zahlen, ohne daß irgendwie Sitzung des Abgeordnetenhauses stattgefunden hat, und ohne daß die Abgeordneten in Berlin anwesend zu sein brauchten. Im vorigen Jahre kamen zu den Osterferien nochWeih- nachts- und Pfingstferien, so daß die Ferien-Diäten sich insgesammt auf mindestens Million Mark beliefen. Das ist eine Ungehörigkeit, von der man schlechterdings nicht begreift, wie sie sich überhaupt hat einbürgern können."

* Zur Handwerkerfrage wird vom Rhein geschrieben: Es verdient ernste Beachtung, daß auch der in Neuß stattgehabte siebente rheinische Handwerkertag den Be­schlüssen des letzten großen Berliner Handwerker- und Jnnungstages zu gestimmt hat. Besonders wurde an der Forderung des Befähigungsnachweises und der obligatorischen Innung festgehalten. Die Regierung kann daraus ersehen, daß die Handwerker auf ihren Forderungen bestehen und daß es die höchste Zeit wird, etwas für das Handwerk zu thun, soll anders die Ver­bitterung und Muthlosigkett nicht immer weitere Kreise des Handwerks erfassen. Verhält sich auch jetzt noch die Regierung abwartend, nachdem durch den großm deutschen Handwerkertag in Berlin und seitdem durch verschiedene provinzielle Handwerkertage Herrn von Bötticher auf seine Handwerkerrede im Reichstage eine deutliche Antwort ertheilt worden ist, dann würde vor­läufig nichts weiter übrig bleiben, als daß im nächsten Reichstage Seitens des Centrums wieder entsprechende Anträge gestellt werden, obgleich es kein Vergnügen ist, immer nur für den Papierkorb zu arbeiten. Durch die Theilnahme verschiedener Mitglieder des Centrums, so des Freiherrn v. Schorlemer-Alst und der Abgg. Hitze und Dr. Bachem, hat der Neußer Handwerkertag noch eine ganz besondere Bedeutung gewonnen. Durch die Theilnahme der genannten Herren wurde auf'S Neue bekundet, wie ernst und eifrig das Centrum gewillt ist, den Handwerkerstand zu heben. Mit Recht hat Frhr. v. Schorlemer-Alst hervorgehoben, daß der Sieg der Sozialdemokratie zweifellos sei, wenn e8 nicht gelinge, den Handwerkerstand und mit ihm den ganzen Mittel­stand auf christlicher Grundlage zu heben.

* Nachdem der Chef der Äolouialabtheiluug, Geh. Rath Kayser, gestern vom Kaiser in Abschieds­audienz empfangen worden, hat derselbe heute Abend seine Reise nach Ostafrika angetreten.

* Die Kommission für die zweite Berathung des Bürgerliche» Gesetzbuchs hat die Berathung der Vor­schriften über Miethe und Pacht fortgesetzt, nach­dem sie bereits früher den Grundsatz angenommen, daß Kauf Miethe nicht brechen soll. Es wurde die Vorschrift ausgenommen, daß bei der Zwangsversteige­rung der Erstehn berechtigt fein soll, dar Miethver- sich dann an diese. „Sorgen Sie dafür, daß diese Bei­den im Vorzimmer keine Unterhaltung anknüpfen," be­merkte er dem Beamten.

Nachdem der Gerichtsdimer sich mit Frank und Baum entfernt hatte, fragte der Richter Frede — den Auswanderungslustigen — nach den üblichen Vorftagen sofort:

„Wie kommt es, daß Sie, der Sie noch nicht volle einundzwanzig Jahre alt sind, und demnach Ihrer Militärpflicht nicht genügt haben könnm, anszuwandern gedenken?"

„Ich bin gleich bei der ersten Aushebung gänzlich vom Militärdienst fteigefprochen worden. Ich habe seit vierzehn Tagen schon die Absicht, auszuwandern, auf­gegeben, da ein Verwandter in Charleston, der mich dazu überredete,» inzwischen am Schlagfluß gestor­ben ist". , _.

„So! also vor vierzehn Tagen schon gaben Sie jene Absicht auf? Hm, hm!"

Der Richter machte Frede jetzt mit der geschehenen Beraubung des Briefes bekannt.

„Ich mache Sie darauf aufmerksam", fügte er hin­zu, „daß Sie Ihre Aussagen eventuell werden eid­lich erhärten Müssen, also strmg bei der Wahrheit zu bleiben haben."

Das Vorleben deS Frank war dem Richter schon

Städte nicht allen Wünschen entspreche, daß aber ein Pensions- und Reliktengesetz für die Lehrer an den nichtstaatlichen höheren Lehranstalten nachfolgen werde. Von den Rednern des Hauses fand die Tendenz des Gesetzentwurfs allseitige Zustimmung, anderseits aber wurde, insbesondere auch von dem Abg. Dr. Lieber, darauf hingewiesen, daß die Vorlage einen ganz be­deutenden Eingriff in die kommunale Selbständigkeit der Gemeinden oder, wie vielfach auch behauptet werde, eine Vergewaltigung der Gemeinden darstelle. Abg. Bödiker glaubte wegen eines Eingriffs in die Rechte der Gemeinden den Gesetzentwurf nicht zurückweisen zu dürfen, weil 'in Zukunft nicht mehr geduldet werden dürfe, daß in Bezug auf die Besoldung zwei Klassen von Lehrern an höheren Lehranstalten bestehen. Von den anderen Rednern wurden ebenfalls Bedenken gegen Einzelbestimmungen der Vorlage erhoben und dieselbe schließlich einer Kommission von 21 Mitgliedern zur Vorberaihung überwiesen. Zur darauf folgenden ersten Lesung des Gesetzentwurfs betteffend die Ver­legung des Landes-Buß- und Bettags bemerkte Abg. Dr. Freiherr v. Heereman, laut Bericht der ,Ger- mania', daß die jetzige Vorlage den Wünschen der Katholiken mehr entgegenkomme als die vorjährige Vorlage, nachdem die Regierung sich mit den Bischöfen in Verbindung gesetzt und diese mit der Aufhebung des bestehenden Feiertages und der Einsetzung eines neuen Feiertags sich einverstanden erklärt hätten. Kultus­minister Dr. Bosse bemerkte, daß die Regierung es den Herren Bischöfen überlassen habe, mit dem hl. Stuhle in dieser Angelegenheit zu verhandeln; dieselbe wolle auf diesem immerhin zarten Gebiete keine Ver­gewaltigung üben und deshalb das Inkrafttreten des Gesetzes aufschieben, bis eine Vereinbarung getroffen fei. Nachdem die Abgg. v. Benda, Stöcker und v. Kard orf f für den Gesetzentwurf sich ausgesprochen, wurde die erste Lesung geschlossen. Eine Kommissions- berathung wurde nicht beliebt. Morgen: Zweite Lesung des Nachtragsetats und der Novelle zum Berggesetze.

* Im Bundesrath wird man sich jetzt in ziemlich umfangreicher Weise mit den noch unerledigten Reso­lutionen zu beschäftigen haben, die der Reichstag be­schlossen hat. Hierzu gehört u. A. der schon zu häufig gefaßte Beschluß über die Gewährung von Tagegeldern an die Mitglieder deS Reichstages. Die Reichsre- gierung hat bisher alle diese Anttäge abgelehnt. Es liegen keine Anzeichen vor, schreibt man der Magdeb. Ztg., daß dieser Standpunkt jetzt aufgegeben werden foÜ. Die ablehnende Richtung ist bisher zumeist von Preußen gestützt worden, indessen ist, soweit bekannt, auch von den übrigen Bundesregierungen eine Befür­wortung der Tagegelderforderung nicht erfolgt.

* Gegen die Frrien-Diäte« der Abgeordneten wird den ,Hamb. Nachr/ geschrieben: „Es dürfte angemessen fein, einen Uebelstand in Erinnerung zu bringen, dem die Parlamentarier mehr Aufmerksamkeit schenken soll­ten, als sie bisher gethan haben. Mit Recht verlangen die Volksvertreter in der Staatsverwaltung die gewissen­hafteste Sparsamkeit, die Vermeidung aller unnöthigen Ausgaben. Seltsamerweise aber scheinen sie nie daran holt die Unwahrheit aussagt. Treten Sie einmal näher her! ... Wo und wann haben Sie die beiden Be­amten an dem Abend getroffen?"

„Ich bemerkte schon vorhin: Vor der Thür des Geschäfts, gleich nach sieben Uhr!"

„Das ist ungenau, da das Fabrikgebäude an zwei Straßen stößt, ziemlich lang ist und mehrere Eingangs- thüren auch an der Nebenstraße hat. „Gleich nach Sieben kann auch bedeuten zehn Minuten nach Sieben".

„Ich traf meine Bekannten an derHaupteingangs- thür", ergänzte Frank, „die an der Straße liegt, auf welcher man die Privatwohnung meines Prinzipals erreicht. Auf eine Minute kann ich den Zeitpunkt freilich nicht bestimmen."

„So! Haben Sie die kleinere Nebenstraße an jenem Abend nicht betreten?"

„Nein!"

,',Könnten Sie dieses „Nein" so gut wie an Eides­statt aussprechen?"

Nur ein schwaches Blinzeln mit den Augenwim­pern gewahrte der Richter an Frank, während das „Jawohl" Franks laut durch das Zimmer hallte.

„Es ist gut! Sie können vorläufig abtreten", sagte der Richter, „da soeben der abgesandte Polizeibeamte mit den Vorgeladenen eintrat. „Einer von Ihnen kann mit Frank im Vorzimmer warten", wandte er

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