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Dienstag, den 3. Mai 1892.
19. Jahrgang
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Am Postschalter.
Nriminal-Roman aus dem Verkehrsleben von Th.Schmidt.
(21. Fortsetzung.)
X.
Am Tage nach der Unterredung Lindes mit dem Richter sehen wir diesen an seinem Arbeitstische in die Akten vertieft sitzen. Es ist zehn Uhr Morgens. Ein Polizeibeamter tritt ein und meldet kurz, daß in der Postdiebstahls - Angelegenheit noch nichts entdeckt sei. Der Richter sieht auf und überreicht dann mit einigen erklärenden Worten dem Beamten einen beschriebenen Bogen Papier. Der Beamte grüßt dienstlich und verläßt das Gerichtszimmer.
Rach einer Viertelstunde erscheint der Ausgesandte wieder und meldet, daß der Befehl ausgeführt sei. — Der Richter antwortet nur:
Soll eintreten!
Die Thür wird geöffnet, und herein tritt mit gespannter Miene: Frank, der Komtorift der Firma E. Adens. Da er nicht gleich vom Richter angeredet wird, läßt er seine Blicke über die Gegenstände im Gerichtszimmer gleiten. Auf dem in flacher Bogenform über dem Eingänge der Geschworenen-ZimmerS angebrachten alten Spruch: „Fiat juatitia et pereat mnndus“ läßt er seine Blicke lange ruhen. Vielleicht ist dieser Spruch dem jungen Komtoristen ein Orakel
als Amtsärztin angestellt und vereidet worden; dieselbe hatte ihre Studien in Zürich und Bern gemacht. Was Rußland betrifft, so besagt ein Bericht von Ende Februar d. I., daß der Reichsrath den Plan der Gründung eines „Medizinischen Instituts für Aerztinnen in Petersburg bestätigt hat, welches eine Fortsetzung einer ähnlichen, seit mehreren Jahren unterdrückten Anstalt sein soll. Der Lehrkursus umfaßt dort 4 Jahre, darauf folgt ein 1—Zjähriges Praktikum, worauf das Diplom als „Aerztin" nach Befund ertheilt wird. Eine solche hat das Recht auf unbehinderte ärztliche Praxis, sowie auf Anstellungen bei allen Erziehungs- und Wohlthätigkeitsanstalten für Mädchen und Frauen, in Frauen- und Kinderhospitälern, ferner bei der Sanitäts-Polizei, soweit sie Frauenspersonen betrifft, endlich auf den Medizinal- und Sanitätsdienst im Landschafts- Ressort, jedoch überall ohne staatsbeamtliche Rechte.
Wie man sieht, ist man anderwärts in Bezug auf die Zulassung von Frauen zum Aerzteberuf bedeutend weiter gegangen, als bisher bei uns. Wie man sich in Preußen zu der Frage stellen will, ist jedenfalls eine Frage der nächsten Zeit. Da aber für das Universitäts-Studium auch die Gelegenheit der entsprechenden Vorbildung gegeben werden muß, wird man nicht umhin können, mit der Bejahung der Frage des Frauenstudiums in der medizinischen Fakultät auch der Frage der Errichtung von „Mädchengymnasien" näher zu treten. In den siebziger Jahren beabsichtigte bereits der Oberpräsident v. Kühlwetter in Münster die dortige Lehrerinnen-Bildungsanstalt zu einem solchen umzugestalten; der Plan scheiterte jedoch zur Genugthuung des katholischen Münster, namentlich in Folge der Bemühungen des Prälaten Kappen; seitdem haben wir von einem ähnlichen Versuche, in katholischer Gegend wenigstens, nichts vernommen. Im Dezember v. I. allerdings hatte, wie aus der .Franks. 3tg.' vom 27. Dezember v. I. zu entnehmen, der „Deutsche Frauenverein" sich mit einem solchen Gesuche, das aus die Vorbereitung zum Universitäts-Studium für Frauen hinauslief, an die hessische Regierung gewendet, welche jedoch antwortete, diese f^rage in Anbetracht der Verhältnisse des Großherzogthums Hessen nicht lösen zu können.
Ohne Zweifel ist es eine ernste und bedeutungsvolle Frage, welche ihrer Lösung einen Schritt näher gerückt werden soll, sei es nach der positiven oder nach der negativen Seite hin. Daß an maßgebender Stelle, bei allen in Betracht kommenden Faktoren, das Für und Wider nach bestem Wissen abgewogen wird, dürfen wir erwarten, aus demselben Grunde aber auch, daß die Entscheidung so lange hinausgeschoben wird, bis die Sache spruchreif erscheint.
□ Die Frage des Frauenstudiums^ wie man die Zulassung von Frauen zu den Vorlesungen an den Hochschulen und damit auch zu den Prüfungen kurz zu bezeichnen pflegt, ist durch die Urn- ftage des Kultusministers um gutachtliche Aeußerungen darüber in Preußen in ein neues Stadium getreten. In einigen andern Ländern ist bekanntlich diese Zulassung schon seit Jahren in mehr oder minder bedeu- tmdem Maße erfolgt, wobei namentlich das medizinische Fach in Betracht kommt; die Nachwirkungen machen sich auch in Deutschland geltend, indem z. B. in manchen größeren Städten in Amerika sich bereits approbirte Zahnärztinnen befinden, denen die Praxis nicht verwehrt wird.
In Europa sind es besonders außer der Pariser Staats-Universität die drei schweizer Universitäten Zürich, Bern und Genf, welche eine nicht unbedeutende Zahl weiblicher Studenten zählen. Uns liegt nur die neueste Statistik der letztem Hochschule vor, welche im verflossenen Wintersemester 757 Studirende aufwies, darunter 86 Frauen, alfo 11,21 Prozent der Gesammt- zahl. Von diesen 86 gehörte keine der (protestantisch-) theologischen und der Rechts-Fakultät an, zur philosophischen gehörten 9 (20 Proz.), zur naturwissenschaftlichen 21 (24,4 Proz.), zur medizinischen 56 (21,5 Proz.). In Zürich und Bern ist das Verhältnis, soweit unser Bericht einen Schluß zuläßt, ein für die Frauen mindestens ebenso günstiges, im Ganzen aber studiren jetzt in Genf allein fo viel Frauen, wie in den Jahren 1884/85 in der ganzen Schweiz, so daß die Zunahme in wenigen Jahren als eine sehr starke bezeichnet werden muß. ,
Bei der Umfrage des preußifchen Mimstermms handelt es sich im Grunde um die Frage weiblicher Aerzte, welche ja schon längere Zeit auf der Tagesordnung stand und nun anscheinend ihrer Lösung einen Schritt näher gebracht werden soll.
Ohne auf die Frage felbst im Einzelnen oder prinzipiell einzugehen, wollen wir hier nur betonen, daß der Gedanke der Zulassung von Frauen zum medi- rinischen Berufe in den letzten Jahren nicht unbedeutende Fortschritte gemacht hat. In Rußland sind weibliche Aerzte nicht mehr selten, jedoch kann man bei den besonderen Verhältnissen dieses Reiches über die mit ihnen gemachten Erfahrungen keine sicheren Schlüsse ziehm; aus der Schweiz vernimmt man keine Klagen über deren Praxis und in Nordamerika bürgern sie sich auch mehr und mehr ein. In England werden namentlich an Hospitälern weibliche Aerzte mit Vorliebe angestellt, auch die protestantischen MiffionSgesellschaften bedienen sich ihrer nicht ungertt; so hat eine derselben vor Kurzem eine Miß ValeSca von Hirnpe, welche an der Londoner medizinischen Schule für Frauen — einer Art medizinischer Darnen-Fakultät — studirt und sich einen Preis erworben hat, auf eine Zeitlang für ihre Thätigkeit in ^Indien gewonnen; ähnliche Beispiele ließen sich mehrere anführen. In Bosnien ist kürzlich staatsseitig ein Fräulein Dr. Anna Bayer in D.-Tuszla
Wilhelmshaven, Helgoland und Nordenham besuchte, nach Potsdam zurückgekehrt.
* Herr Appellations-Rath Dr. August RnchenS- perger, der hochverdiente und allverehrte Veteran des Centrums, begeht am 3. Mai mit seiner Gemahlin geb. Clementine Therese Simon die Feier der goldenen Hochzeit. Die kirchliche Feier, bei welcher der Herr Erzbischof von Köln die sog. Wiedertrauung vornehmen wird, sindet Vormittags 9 Uhr in der St. Gereonskirche in Köln statt. Den Erinnerungstag selbst wünscht das Jubelpaar im engsten Kreise zu begehen; aber den unzähligen Freunden und Verehrern, welche dasselbe in unserer Stadt der Rheinprovinz und weit über dieselbe hinaus besitzt, muß auch eine Gelegenheit geboten werden, ihrem herzlichen Antheil an diesem schönen Tage Ausdruck zu verleihen. Ein aus den Vorständen der Kölner katholischen Vereine gebildeter Ausschuß hat deshalb beschlossen, am Sonntag, 8. Mai, Vorm. 11 Uhr, eine Festfeier im großen Saale des Gürzenich zu veranstalten. Ohne Zweifel ist auch von auswärts eine sehr starke Betheiligung zu erwarten. Die Centrumsfraktion widmet ihrem hochverdienten früheren Mitgliede zum goldenen Hochzeits- Jubiläum eine Adresse. Die künstlerisch reich ausgestattete Mappe für dieselbe war gestern im Abgeordnetenhause für kurze Zeit zur Besichtigung ausgestellt und fand allgemeine Anerkennung.
* Die Budgetkommission des Abgeordnetenhauses hat heute den Nachtragsetat (Gehalt für den Ministerpräsidenten) unverändert angenommen.
* Die Budgetkommission nahm den ersten Para- Sraphen des Gesetzes über die Entschädigung der ehemals teichsunmittelbaren an, beschloß aber noch nicht über die Liste der Berechtigten und über die Höhe der Entschädigung.
* Die Berliner Polizei hat die Maifest - Nummer des ,S«zialist", Organ der unabhängigen Sozialdemokraten, mit Beschlag belegt.
* Der Rechtsanwalt Stadthagen, sozialdemokratischer Reichstags-Abgeordneter, ist vom Ehrenrath der Anwaltskammer zu 2000 Mark Geldstrafe wegen Erhebung unmäßig hoher Anwalts-Gebühren und wegen seines Verhaltens vor Gericht verurtheilt worden.
* Der,Post' zufolge kommt die angekündigte Militair- varlage mit dem Reichshaushalt für 1893/94 zur Be- rathung. Die durch die Vorlage bedingten Veränderungen sollen aber erst Oktober 1893 in Kraft treten. Das genannte Blatt deutet an, daß bei einem Wechsel im Kriegsministerium Generallieutenant v. Batten- werffer in Frage kommen werde. (Nach der .Kreuzzeitung' ist Generalliegteyayt y. Hollebey besianirt.)
5 Die Rang- und QuarÜer-Liste der Königs. Preuß. Armee für das Jahr 1892 ist heute erschienen. Die Zahl der Offiziere hat sich int aktiven Dienststande um ca. 300, die der aktiven SanitätS-Offiziere um ca. 10 erhöht. Die tzlesammtzahl der Ernennungen und Beförderungen unter Berücksichtigung inzwischen vorgekommener Abgänge betrug im aktiven Dienststande: 1 General-Oberst, 5 Generale, 27 General-Lieutenants, ich um sieben Uhr an dem fraglichen Tage erhalten ... das ist richtig, die Zeugen auS Ihrem Geschäfte haben dies auch ausgesagt. Wenn Sie nun weiter meinen, daß Sie sich gleich nach sieben Uhr mit dem Briefe nach der Privat-Wohnung Ihres Prinzipals begeben und bis zu derselben fünsundzwanzig Minuten gebraucht haben, so meine ich, daß das nicht ganz richtig ist; daß Sie ferner von der Privat-Wohnung des Prinzipals bis zur Postanstalt fünfundzwanzig Minuten Zeit gebraucht, das ist roiebetum nicht ganz richtig." r „
Die Blicke Frank's irrten während dteser Wotte unruhig im Zimmer umher.
„Ich habe", fuhr der Richter fort, „beide Entfernungen genau abfchreiten lassen und habe, hierdurch festgestellt, daß men dieselben, ohne sich zu Übereilen, in vierzig Minuten zurücklegen kann. Bei Ihrem Alter und Ihrer Rüstigkeit kann man ferner mit Bestimmtheit annehmen, daß Sie, wenn Sie tüchtig auSfchreiten, noch weitere fünf bis zehn Minuten gewinnen konnten, und da Sie um zehn Minuten vor acht Uhr am Postschalter erschienen sind, auch im Hause des Prinzipals nur eine Minute, höchstens anderthalb Minuten sich verweilt haben, so blieben Ihnen, falls Sie den Brief berauben wollten, doch mindestens fünfzehn Minuten übrig. Das ist ein anderes Exempel, nicht wahr?.. . Doch hören Sie weiter! Ihr unstätes Wesen während
Deutsches Keich.
Berlin, 30. April.
* Der Kaiser ist heute von seiner Rundreise, auf welcher er die Wartburg, die Stumrn'schen Werke in Neunkirchen, Schlitz, Schwerin, Meppen, Oldenburg,
. . . Gerechtigkeit . . . Braucht er vor dieser zu erzittern?
Jetzt wird er durch die Stimme des Richters in seinen Betrachtungen gestört. Eine Handbewegung desselben bedeutet ihm, näher zu treten. Bedächtig schreitet er gegen die Schranken. Sollte er wohl Furcht haben? . . . Aus seinem verschmitzten Gesicht wird man nicht klug.
Nach den üblichen Fragen über Alter, Beruf rc. fordert der Richter Frank auf, zu erzählen, was er mit dem von seinem Chef erhaltenen Briefe am Abend des siebenten September gethan habe.
Während der junge Frank erzählt, sieht ihn der Richter mit seinen kleinen stechenden Augen durchbohrend an. Der Erzähler hat einen Augenblick des Richters Blick ausgehalten, dann aber die Augen auf andere Gegenstände gerichtet ... wer kann auch solch einen durchdringenden Blick aushalten?
„Hm!" machte der Richter, als der junge Mann geendet. „Ihre Aussagen find für Sie sehr verdächtigend, junger Mann. Sehen Sie daS ein?"
Eine Panse entstand, der Angeredete wechselte einen Moment die Farbe, dann antwortete er mit etwas unsicherer Stimme:
„Ich, ich begreife nicht . .
„So? Nun, dann hören Sie einmal, was ich Ihnen jetzt erzählen werde! Sie führen an: Den Brief habe
I ,Rathgeber für Laudwirthfchasl, Gartenbau und Hauswesen in Fulda und auswärts 1 Mark ov Dsenmg.