JM 99
Sonntag, den 1. Mai 1892.
19. Jahrgang
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Zkitmig
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Hierzu eine Beilage.
m. Die bestehende Grdnung.
lieber nichts wird so viel gehöhnt und nichts wird so viel ins Lächerliche gezogen von den Sozialdemokraten als die „bestehende Ordnung." Um aber ihren ätzenden Stoff loslaffen zu können, fallen sie nicht selten her über die „bestehenden Unordnungen" und stellen diese dar als nothwendige Folgen der bestehenden Ordnung oder nennen sie geradezu die „bestehende Ordnung".
Unter der bestehenden Ordnung verstehen sie im Grunde unser wirthschaftliches Leben, insoweit es auf dem Privaterwerbe und Privatbesitze beruht. Das Privateigenthum, im christlichen Sinne gehandhabt, erzeugt aber keine Unordnungen im gesellschaftlichen Leben, sondern die höchste Ordnung und Harmonie. Auch das moderne Massenelend ist keine nothwendige Folge des Privateigenthums. Leider hat aber der Liberalismus unserer Tage die christlichen Gmndsätze über das Eigenthumsrecht über Bord geworfen und sich die Anschauungen der alten heidnischen Welt zu eigen gemacht. Durch sein Ausbeutungsfystem und seine Genußsucht ist das Volk verarmt und dadurch hat es den Haß gegen die christlichen Prinzipien über Mein und Dein heraufbeschworen.
Aber noch mehr. Die herrschende Klasse, ganz durchsäuert von den Ideen, daß sie mit ihrem Besitz- thume schalten und walten kann, wie es ihr'beliebt, unbekümmert darum, ob neben ihr Millionen darben und ein kümmerliches Dasein führen, ist nur allzu geneigt, allen Unfug, den sie treibt, alle Versündigungen gegen die Gesellschaft, welche sie sich zu Schulden kommen läßt, als rechtliche Ordnung darzustellen und alle Bestrebungen, welche gegen dieses ihr Treiben gerichtet sind, als freventliche Angriffe gegen die „zu Recht bestehende Ordnung" zu brandmarken. Auch dadurch bietet sie den Sozialdemokraten Veranlassung gegen die bestehende Ordnung überhaupt zu eifern.
Zndem läßt sich auch nicht leugnen, daß es hie und da in unserem gesellschaftlichen Leben Einrichtungen gibt, die int höchsten Grade die Kritik herausfordern. Es sind zwar hergebrachte Unordnungen, aber für Den, der außerhalb der christlichen Anschauung steht, liegt es sehr nahe, sie auf das Konto der „bestehenden Ordnung" zu setzen. So theilte vor Kurzem der Londoner ,Daily Chronicle' mit, daß durch den Tod eines Prinzen der Posten eines Gouverneurs und Befehlshabers des Rundthurmes auf dem Schlöffe Windsor mit einem Gehalt von etwa 28000 Mk. und „keinen Dienstleistungen" erledigt fei und der Königin zur Verfügung stehe.
Es steht Jedermann frei, von seinem Privatvermögen Geschenke zu geben. Aber darf die öffentliche Gewalt auch Posten bestehen lassen, welche keine Dienst- leistungen erfordern? Wer gibt ihr das Recht dazu?
Am Uostschalter.
Kriminal-Roman aus dem Berkehrsleben von Th.Schmidt.
(20. Fortfetzung.)
„Und wenn ich nun," antwortete die Gefragte, ^.Jhren Wunsch erfülle und zugebe, daß ich wußte, woher Bäumer Zuschüsse zu seinem Gehalte erhalten hat, demnach wohl keine Schulden haben konnte, und wenn ich weiter erkläre, daß ich an all' die Gerüchte über ihn nicht glaubte ... was kann Ihnen und ihm schließlich an meinem Urtheil liegen? ... Ich habe aber wahrhaftig auch keine Ursache, Ihren Freund gegen Berläumdungen in Schutz zu nehmen. Sein Benehmen gegen mich gab ihm kein Recht, Rücksichten von mir zu fordern. Verschonen Sie mich jetzt mit weiteren derartigen Fragen," sagte sie mit gutaespielter Entrüstung.
Linde sprang erregt auf, und dicht vor sie hintretend, sagte er:
„Sie haben durch Verschweigen der wahren That- sachen Ihrem Vater gegenüber mit dazu beigetragen, daß man einen Unschuldigen wegen einer entehrenden Handlung ins Gefängniß warf. Ihr Haß, Ihr unbezähmbarer Haß aus verletzter Eitelkeit und Eifersucht ließ es geschehen, daß man falsche Aussagen gegen ihn vorbrachte, die Bäumer erdrücken mußten."
Das junge Mädchen erbleichte.
„Sein Betragen, sagen Sie, gäbe ihm kein Recht, »n Ihnen Rücksichten zu fordern?" fuhr Linde fort.
Ist es nicht ein Raub an dem Säckel der Steuerzahler, deren Geld an Personen zu verschwenden, welche keine Gegenleistung bieten? Wenn man öffentliche Arbeiten vollbringen läßt, wird vielfach versucht, die Arbeiter mit möglichst Wenigem abzufinden. Da sollte man denn doch wenigstens auf der anderen Seite das Wort nicht zuSchanden machen: W e r nicht arbeitet, soll auch nicht essen.
Deutsches Keich.
Berlin, 29. April.
* Mit dem italienischen Königspaar trifft Minister- Präsident di Rudini hier ein, der von dem General- Direktor seines Resorts, Kommandeur Malvano, begleitet sein wird.
* In den Zeitungsmittheilungen über Pläne, welche hinsichtlich einer Umgestaltung der Umgebung des Schlosses betrieben werden, ist die Angabe aufgetaucht, daß mit diesen Plänen. das Komitee für die Nieder- legung der Schloßfreiheit, zum Theile wenigstens, befaßt worden sei. Bon autoritativer Seite wird dieses als unrichtig erklärt.
* Dem Abgeordnetenhause ist der Gesetzentwurf betreffend die Verlegung der Buß- und Bettage zugegangen.
* Der allgemeine konservative Parteitag soll nach Pfingsten berufen werden. Morgen bespricht die konservative Fraktion des Abgeordnetenhauses die Frage der Revision des Programms.
* Oberbürgermeister Dr. v. Jbell wurde heute als Vertreter Wiesbadens im Herrenhause gewählt.
* Der frühere Kultusminister Graf Zedlitz hat sich vorgestern in einer Berliner Privatklinik einer Da r m f i st e l o p e r a ti o n unterzogen, welche schr günstig verlaufen ist. Graf Zedlitz befindet sich den Umständen nach wohl und dürfte binnen 14 Tagen vollständig wieder genesen sein.
* Das Abgeordnetenhaus setzte die erste Berathung des Nachtrags-Etats fort. Abg. Enneccerus wandte sich gegen die Reden Stöcker's, v. Ballestrem's und Porsch'S mit den üblichen Redensartm von den Herrschafts-Gelüsten der Kirche auf die Schule. Der Kultusminister will einer Mißdeutung feiner gestrigen Rede vorbeugen. Er erklärte, er wollte sich vor grundsätzlichen Debatten nicht drücken, auch die Möglichkeit der geforderten Vorlegung eines Dotations-Gesetzes nicht bestreiten; er verlange nur Zeit zur Vorbereitung. Abg. Lieber fertigte in anderthalbstündiger Rede die Angriffe der Abgeordneten Enneccerus, Hobrecht und v. Kardorff ab. Er verlangte eine Erklärung Miquel's über feine Stellung zum Volksschul - Gesetz, da über keinen Minister im Zusammenhang damit so viel gesprochen werde, als über Miquel. Redner fragte, was die Freikonservativen zu dem Frhrn. v. Wintzingerode fügten, welcher die Bekämpfung der schwarzen Internationale für wichtiger hielt, als die der rothen. (Große
„Hierauf bemerke ich Ihnen, daß jeder Mensch das Recht, das in der Sitte und Moral liegende Recht stillschweigend für sich beanspruchen kann, auch selbst von seinem Feinde in diesem außergewöhnlichen Falle rücksichtsvolle Offenheit zu verlangen. Denken Sie an das Wort des Dichters, das er einer edlen Frau in den Mund legte:
Nicht zum Hassen
Zum Lieben sind wir dal
Um keinen Preis möchte ich später an Ihrer Stelle vor meinem Freunde stehen. Ich gehe jetzt .... mögen Sie sich mit Ihrem Gewissen abfinden!"
Als Linde seine Stufregung niedergekämpft hatte, nahm er die Untersuchungsakten an sich und begab sich in die Wohnung des Kaufmanns Adens. Er traf den Chef des Hanfes nicht im Geschäftslokal an.
Er flüsterte daher im Komptoir dem Buchhalter einige Worte ins Ohr, worauf er dann dem voran- schreitenden alten Mann in das Arbeitszimmer des Prinzipals folgte. Hier nahm Linde das Wort und bat um Aushändigung einiger Telegramm-Ausgabe- Formulare, wie sie die Post dem Geschäft verkaufte. Nachdem der Buchhalter jene ihm gereicht und er sie kopfschüttelnd besichtigt hatte, wandte er sich mit der Frage an jenen, ob man im Geschäft vielleicht noch andere Formulare außer diesen ihm gezeigten gebrauche.
„Andere Formulare benutzen wir nicht," erwiederte befremdet der Buchhalter. „Diese haben wir vor etwa vierzehn Tagen auf der Post gekauft."
Heiterkeit auf allen Seiten. Redner rief ihnen zu, daß sie der rothen Internationale unbedingt in den Rachen fallen, wenn sie die schwarze vernichten. Große Heiterkeit.) Nach einigen beifällig aufgenommenen anerkennenden Worten für Zedlitz und Caprivi wandte Redner sich gegen den Grafen Eulenburg und warf ihm vor, daß er in feiner Antritts - Erklärung kein Wort des Wohlwollens hatte für diejenigen Parteien, welche bisher die Regierung unterstützten. Das damalige Zischen habe sich lediglich auf diese Unterlassung bezogen. Wie könne Graf Eulenburg ferner sagen, daß man unter dem neuen Schulgesetz nicht hätte leben können? Sind wir soweit in Preußen gekommen, daß man die gesetzliche Feststellung der christlichen Grundlage der Volksschule als ein Verhalten bezeichnet, mit welchem man nicht mehr leben könne? (Lebhafter Beifall im Cen- trum.) Graf Eulenburg bedauerte lebhaft, daß Abg. Lieber ihm während seiner Rede den Rücken zugewandt und daß er ihn so ungerecht beurtijeilt habe. Bei Antritt seines Amtes sei es lediglich seine Aufgabe gewesen, die thatsächliche Lage festzustellen; er mußte sich daher Steuerungen für oder gegen eine Partei enthalten. Auch der Vorwurf treffe nicht zu, daß er die Vorgänge bei feinem Amtsantritte nicht richtig darge- stellt habe. Auch den Vorwurf müsse er auf das Entschiedenste zurückweisen, daß das Christenthum nicht mehr Grundlage der Volksschule sein solle. Damit beabsichtige man, Mißtrauen zu säen gegen ihn und den Kultusminister, welche dies durch ihre Person und ihre Verwaltung nicht verdienten. Er verstehe, daß die Vorredner die Zurückziehung des Schulgesetzes bedauern; er theile dies Bedauern sogar (Beifall rechts), obwohl er daran festhalte, daß nichts zu Stande gekommen wäre. Aber die weitere Berathung würbe weitaus mehr als jetzt zur Klarstellung der verschiedenen Standpunkte geführt und eine bessere Grundlage zur Fortarbeit gegeben haben. Jedenfalls könne er nur wiederholen, daß das Mißtrauen, als ob die Regierung die christliche Gmndlage der Volksschule verlassen wolle, unbegründet fei. Der nationalliberale Professor Dr. Friedberg unternahm es alsdann, den Ausführungen des Abg. Dr. Lieber entgegenzutreten, freilich mit wenig Glück und Geschick. So bemerkte er u. A., daß er, wenn Moltke kein Kirchenvater fei, auch den Abg. Dr. Lieber nicht als Kirchenvater ansehen könne, daß er sich nicht von Jedem aus dem Rachen der rothen Internationale herausziehen lassen wolle, daß auch bieSimul- tanschule keine religionslose Schule sei u. s. w. Auch die übrigen Ausführungen dieses Redners verdienen keine besondere Wiedergabe, wie sie auch im Hause nur geringe Beachtung sanden Der Centrums-Abgeordnete Dr. Porsch weift nach, daß der christliche Gottesglaube ein Schutz gegen die Sozialdemokratie sei. Das Gesetz sei zurückgewiesen worben, um ben städtischen Schulbehörden ein Zugeständniß zu machen. Abg. v. Rauchhaupt (kons.) theilt die Gründe der kurzen Erklärung der Konservativen mit und bedauert den Ton
„Sv ! Darf ich mir vielleicht Ihren ganzen Bestand ansehen, Herr Schröpf?"
„Bitte . . . hier liegt er! Ich begreife übrigens nicht, weshalb der Chef diesen Schrank nicht verschlvffen hat ... er muß es offenbar vergessen haben, es ist vnstßnicht seine Gewohnheit, sich, ohne Alles verschlossen zu haben, zu entfernen," sagte Schröpf mehr für sich.
„Demnach scheinen Ihre Formulare doch nicht so ängstlich gehütet zu werden, wie eS in den Untersuch- unas-Akten angeführt ist," entgegnete Linde vorwurfsvoll. „Es wäre ein seltsamer Zufall, wenn gerade heute das Verschließen des Schrankes vergessen sein vllte."
„Doch, doch, Herr Linde, es ist Zufall, reiner Zu- all! Ich möchte fast behaupten, daß mein Prinzipal noch nie, während er abwesend war, den Schrank offen gelassen hat."
„Nun, eS kann ja sein."
Linde hatte die oberen Formulare, etwa achtzig Stück oben abgenommen, und nun entdeckte er zu seiner großen Freude, daß unter den abgenommenen noch wanzig Stück Formulare mit der älteren Bezeichnung ' agen. Sich umwendend, bemerkte er mit eigenthümlich erregter Stimme:
„Sie werben mir gestatten, daß ich biese Formulare, bie schon vom Liegen gelb geworben sinb, außerdem auch nicht mehr gebraucht werben, an mich nehme. Für biefelben überfenbe ich nachher anbere."
„Mit bem größten Vergnügen!" sagte Schröpf.