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Samstag, den 30. April 1892.
19. Jahrgang
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ö Arbeiter-Wohlsahrts-Einrichtrmgen.
Die neugeschaffene Centralstelle für Arbeiter-Wohl- fahrts-Einrichtungen hat am Montag und Dienstag ihre erste Konferenz veranstaltet. Der Verlauf- dieses ersten Versuchs war fteilich nicht großartig, aber doch sehr befriedigend und ermuthigend. Die Konferenzen sollen nicht zu Abstimmungen dienen, sondern zum Austausch von Gedanken, Erfahrungen und Anregungen; und den Zweck hat auch die erste Konferenz in erfreulicher Weise erreicht. Die Vorträge in den Versammlungen, von denen die Presse berichtet, machen keineswegs die ganze Frucht solcher Zusammenkünfte aus; der persönliche Verkehr der Theilnehmer bildet vielmehr ein sehr wesentliches Moment. Auch die Ausstellung, von denen die Konferenz begleitet war, ist von großer Bedeutung. Es ist in Aussicht genommen, die Ausstellung zu einer dauernden Einrichtung zu machen.
Vorläufig ist die Ausstellung vorwiegend der Woh- nungsftage gewidmet, die überhaupt auf dieser Konferenz das Uebergewicht hatte. Der zweite Punkt der Tagesordnung, die Erholungsfrage, erregte das Interesse nicht in demselben Maße, schon weil sich nicht so viele greifbare Ergebnisse der Versuche auf diesem Gebiete dem Auge und dem Ohre bieten lassen. Im Grunde ist auch die Lösung der Wohnungsfrage die nothwendigste Vorbedingung für die rechte Verwendung der Erholungsstunden des Arbeiters. Denn trotz allen Schönheiten von Vergnügungen und Festen bleibt es doch bei dem, was unser trefflicher Hitze hervorhob, daß im Schooße der Familie, im eigenen Heim die Quelle der Erholung und der Freude für den Arbeiter zu suchen ist. Ohne gute Wohnung kein gesundes Familienleben! Und für den Mangel an häuslicher Ge- müthüchkeit vermögen keine allgemeinen Veranstaltungen Ersatz zu geben.
Natürlich soll die Betonung des Familienlebens nicht den Ausschluß von gemeinsamen Veranstaltungen zur gedeihlichen Ausfüllung der Freistunden bedeuten. Der Grundzug der Verhandlungen war überhaupt immer die Vielseitigkeit. Man soll dar Eine thun und das Andere nicht lassen; man soll keinen Weg ausschließen, der zum Ziele zu führen verspricht. Das trat auch besonders in den Verhandlungen zur Wohnungsfrage hervor.
Es wurden Erfahrungen über alle möglichem Systeme der Beschaffung von guten Arbeiterhäusern vorgeführt. Und wo die bisherige Praxis noch eine Lücke ließ, da sind schon neue Pläne zum Ausflicken zur Hand. Von für Familienhaus und Gärtchen bis zur großstädtischen Miethskaserne waren alle Zwischenstufen vertretm. Hier versucht man es mit der Eigenthums- übertragung auf verschiedenen Wegen, dort mit der Herstellung und sorgsamen Verwaltung von Mieths- Wohnungen. Und für jedes System lassen sich plausible Vorzüge geltend machen.
Wir haben die Wohnungsfrage noch kürzlich aus Anlaß der Freund'schen Broschüre besprochen, und der Verlauf der Konferenz hat unsere Ansicht bestätigt, daß man auch die Verbesserung der Mieths - Kasernen
gm Kostschalter.
Kriminal-Roman aus dem Berkehrsleben von Th. Schmidt.
(19. Fortsetzung.)
Man würde nun aber irre gehen, wenn man annähme, daß der Beamte auf das von dem augenblicklich in Gebrauch befindliche Formular verschiedene Zeichen C. 182a aufmerksam geworden wäre; dem war nicht so, beim bei der großen Anzahl von Dienstformularen mußte es auch ihm unmöglich sein, einen Unterschied in der Bezeichnung derselben auf den ersten Blick zu erkennen. Seine Aufmerksamkeit wurde durch einen andern Umstand geweckt. Man weiß ja, daß weißes Pchner, wenn er längere Zeit unbäreckt liegt, hauptsächlich an dm Rändern gelb wird. Der zu den Untersuchungs-Akten gelegte Abriß hatte etwa die Größe einer ManneShavd und war so abgeriffen, daß er fast einem Rechteck glich; bevor er von dem ganzem Formular abgettmnt war, bildete er die rechte untere Hälfte derselben» in welcher die Bezeichnung C. 182a eingedruckt stand. Der rechte und der untere Rand des Abrisses war stark vergilbt, das Formular mußte also ziemlich lange unverdeckt irgmdwo gelegen haben. Diese vergilbten Ränder warm Linde aufgefallm. Da die in dem betreffendm Fach amSchalter lagernden Exemplare fast alle acht Tage durch neue ersetzt wurdm und
nicht ausschließen darf, da es Verhältnisse gibt, unter denen die mehr ländliche Bauart nicht möglich ist.
Der verdiente Pastor v. Bodelschwingh hat soeben eine Schrift veröffentlicht, um die Nutzbarmachung der Heimstätten-Gesetzgebung für die Ansässigkeit der Arbeiter auf eigener Scholle zu empfehlen. Das Ziel, dem Herr von Bodelschwingh so begeistert zustrebt, ist gewiß der höchsten Ansttmgungen Werth. Für die landwirthschaftlichen Arbeiter kann es bei gutem Willen der Großgrundbesitzer leicht erreicht werden. Für einen Theil der industtiellen Arbeiter ist es auch jetzt schon erreichbar, wie erfreuliche Erfahrungen hier und da zeigen. Aber für einen anderen Theil der Industrie- Arbeiter geht es unter den jetzigen Verhältnissen noch nicht. Viele Arbeiter sind gebunden an die Großstadt, in der sich die verschiedenen Werkstätten zusammenhäufen, oder sie sind gebunden in die nächste Umgebung eines Riesenwerks, wie z. B. des Krupp'schm, dessen Arbeiterzahl so groß ist, daß thatsächlich nicht Platz genug zu finden ist, um für jede Arbeiterfamilie ein Häuschen mit Gärtchen zu bieten. Unter solchen Verhältnissen kann man die Arbeiterwohnungen nicht genügend decentralisiren, sondem muß darauf warten, ob die Industrie sich nicht decentralisiren wird.
Die auf der Ausstellung ausgelegten Pläne und Berichte zeigen erfreulicher Weise, daß sich auch bei gedrängten billigen Miethswohnungm die nöthigsten Vorkehrungen für Gesundheit, Gemüthlichkeit und Sittlichkeit treffen lassen. Andererseits sieht man recht schöne Muster von einfachen und Doppel-Häusern mit Stallungm und Gartenland. Jeder Fabrikherr, der für die Arbeiter etwas thun will, und jede gemeinnützige Gmossenschaft, die dem WohnungSbedürfniß der Arbeiter abhelfm will, kann nichts Besseressthun, als sich dem Studium dieser Ausstellung zu widmm, um aus den Erfahmngm der Andern zu lernen, wie sie unter den gegebenen Verhältnissen am besten und billigsten zum Ziele kommt. Hoffentlich wird die Centralstelle nicht dlos auf die Erhaltung, sondern aus die fort- währmde Vervollständigung dieses hervorragend plastischen Theils der Ausstellung hinwirken. Grade die Mannigfaltigkeit der Versuche und Pläne bietet gute Aussichten, denn die Bedürfnisse, die Sitten und die Mittel sind in den verschiedenen Gegenden und in den verschiedenen Industriezweigen verschieden.
Darum war es ein verfehlter, wenn auch wohlgemeinter Gedanke des Prof. Böhnert-Dresden, einen einheitlichen Arbeitgeber- ober Volksbunb für ganz Deutschlanb zu begrünben, ber bie Mittel aufbringen solle, um eine ganze Reihe gesunder, Heiner Wohnungen zu bauen und Einrichtungen für Volkswohl und Volksunterhaltungen zu schaffen. Diese Centralisation wäre durchaus unnatürlich und zur Unfruchtbarkeit verdammt. Soweit ein Zusammenfassen der Kräfte nöthig ist, besorgt daS schon bie „Centralstelle", bie als eine freie Vereinigung von Vereinen unter freunblicher Unterstützung ber Regierung dasteht. Ein allgemeiner Bund würde bie Thatkraft ber örtlichen Vereine, ber Genossenschaften, ber patriarchalischen Industriellen, der Gemeinden ic. lähmen, ohne genügenden Ersatz bieten zu
sich, wie wir gesehen haben, ein gleich bezeichnetes Formular, wie das von dem Abriß stammte, auch nicht mehr im Postdienstzimmer vorfand, so war es dem Sucher star, daß der Abriß nicht aus dem Papierkorb im Bureau stammte. Entweder hatte der Verbrecher diesen Abriß schon länger in Händen gehabt, oder er war da von einem ganzen Formulare abgerissen, wo noch bie gleichen mit beifetten Bezeichnung versehenen so lange verbraucht würben, als ber alte Vorrath anhielt.
Vielleicht, so schloß Linbe Wetter, hat ber Kaufmann Abens noch dieser ältere Formular im Gebrauch! Wenn das ber Fall ist, bann hoffe ich bald am Ziele zu sein.
An die Möglichkeit, daß auch Bäumer, um dm Verdacht von sich abzulmken, ein solches alteS Formular zu dem Zwecke hatte benutzen könnm, dachte Linde nicht; er sollte bald darüber belehrt werden.
Er griff nun wieder zu den Astm und las weiter. Seine GesichtSzüge nahmm plötzlich einen finsteren Ausdruck an. Er war da auf eine Stelle gestoßen, wo ber Inspektor über bie ihm wichtig erschienenen Punkte in ben Aussagen des Vorstehers über bie außerdienstliche Aufführung des Freundes Notizm gemacht hatte. Linde lächelte bitter vor sich hin. Also Schuldm sollte der Frmnd besitzen, mit Seuten verkehren, die in einem
können. Herrn Böhnert's phantastische Anregung wird vielleicht nur dazu beitragen, noch weiter und tiefer die Erkemttniß zu verbreiten, daß die Wohlfahrtsbestrebungen nur bei dem freien, mannigfaltigen Spiel der Einzelkräfte gedeihen.
Deutsches Keich.
Berlin, 28. April.
• Der ,Reichsanzeiger' schreibt: Der Allerhöchste Erlaß vom 20. April d. I. hat, wie Aeußerungen der Presse zeigen, das Mißverständniß hervorgerufen, als stehe die Auflegung einer neuen Reichsanleihe bevor. Eine dahin gehende Absicht besteht nicht. Die Einzahlungen auf den am 9. Februar d. I. zur öffentlichen Zeichnung aufgelegten Anleihebetrag, für welche die Frist bis zum Herbste bemessen war, sind bereits jetzt nahezu vollständig bewirkt; ein Bedürfniß, die Bestände der Reichskasse zu vermehren, liegt in keiner Weise vor.
* Dem Abgeordnetenhause soll noch hmte der Gesetzentwurf über die Gleichstellung der kommunalen mit den staatlichen Lehrern höherer Anstalten zugehen.
* Der Etatder preußischen Staatsbahnen für 1891/92 schließt mit einem Minderüberschuß von ca. 57 Millionen ab, der durch Mindereinnahmen lim Betrage von 11 Millionen, und vor Allem durch Mehrausgabe veranlaßt ist.
* Die konservative Fraktion des Abgeordnetenhauses hat hmte folgenden Beschluß gefaßt: In Erwägung, daß Herr von Helldorf-Bedra in seiner öffentlichen Erklärung vom 4. April 1892 erklärt hat, daß das Kons. Wochenblatt' unter seiner Oberleitung geschrieben werde, in fernerer Erwägung, daß in diesem Wochmblatte demnächst wiederholt Artikel erschimen sind, welche offen den Zweck verfolgen, eine Spaltung innerhalb ber konservativen Partei herbeizuführen, in weiterer Erwägung, baß ein solches Vorgehen unver- ttäglich erscheint mit ber leitenben Stellung, welche Herr v. Helldorf im Elfer-Ausschuß, b. h. der Ge- sammtvertretung der konservativen Partei, einnimmt, billigt die konservative Fraktion des Abgeordnetmhauses die Schritte, welche ihre Delegirten im Elfer-Ausschuß behufs einer anderweiten Zusammensetzung der geschäfts- führmdm Leitung dieses Ausschusses gethan haben.— Von den anwesenden 97 Mitgliedern stimmten 95 für, 1 gegen den Antrag; 1 enthielt sich der Abstimmung.
* DaS Abgeordnetenhaus beginnt die Berathung des Nachtrags-Etats. Hans und Tribünen sind stark besetzt. Außer dem Grafen Caprivi und v. Kaltenborn sind sämmtliche Minister anwesend. Dr. Miquel begründete kurz die Forderung deS Gehalts des Minister- Präsidentm. Rickert kam auf die Vertagung der Debatte vor Ostern zurück und meinte, die Freisinnigen hätten keine Veranlassung, dem neuen Ministerium besonders oppositionell gegenüber zu treten, nachdem das Schulgesetz gefallen sei. Redner verbreitete sich sodann in einstündiger Rede über bie bamaligen Vorgänge, wobei er ben vorzüglichen Charakter des Grafen Zedlitz anerkennt. Er bespricht den Zwist unter ben Konser-
zweifelhaften Rufe stäuben. Unb auf solche Aussagm hin, welche auf ber Amgstlichkett unb Voreingenommenheit bes alten Herrn basirten, hatte der Untersuchmde, wie da weiter zu lesen war, geglaubt, dm Freund ver- haftm lassen zu müssen.
Aergerlich schleuderte Linde die Aktm zur Seite und riß hierauf daS Fenster auf, um sein erregtes Blut abkühlen zu lassen.
Nach einer Welle schloß er heftig das Fenster, nahm bie Akten unter ben Arm unb eilte nach oben, um ben Vorsteher zur Rebe zu stellen.
Eben wollte Linbe in das Zimmer des Vorstehers eintreten, als die Tochter — „die kalte Schöne" nannte Linde sie — ihm daraus entgegentrat. Die junge Dame erschrack einen Augenblick über ben finsteren Gesichtr- ausdruck Linbe's.' In Seiber Charakteren fand man etwas Gemeinsames, ben starren unbeugsamen Willen.
„Ich wollte soeben", sagte sie, „zu Ihnen, um Sie um etwas zu bitten.
Beide betraten ein kleines, elegant ausgestatteter Zimmer.
„Der Zustand meines Papas," begann die junge Dame, scheint sich plötzlich verschlimmert zu haben. Der Arzt ist der Meinung, daß vielleicht ein heftiges Nervenfieber int Anzuge sei. Es ist mir gelungen, ihn zu überreden, daß er für sich einen Vertreter von der