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19. Jahrgang

Donnerstag, den 28. April 1892

Zeitung

Fulducr

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Am Umschalter.

Kriminal-Roman aus dem Verkehrsleben von Th. Schmidt.

(17. Fortsetzung.)

„O Papa, das ist, das kann ja nicht wahr sein! Hermann — ein Verbrecher? — Nein, imb tausendmal nein DaS ift er nicht Derjenige ftevelt, der daS nur einen Augenblick für wahrscheinlich hält! O, Vater, liebster Vater, hil mir daß ich ihn sehm, ihn sprechen kann, um ihm zu sagen, daß ich nicht an seine Schuld glaube."

„Brav, mein Kind! Sehr brav gesprochen von meiner Bertha! Komm an mein Herz .... auch ich glaube nicht an seine Schuld ..."

„Und Wenner nun doch der Thal überfuhrt würde, Ferdinand?" fragte Frau Droop gepreßt.

„Emilie! ..."

Vater und Tochter sahen sich erschrocken nach der Mutter um, die mit tiefernsten Mienen abseits stand und nach Worten rang. Droop sah erzürnt zu ihr Hinüber.

„Mso so wenig kennst Dn den Mann, dem Du das Glück Deines einzigen Kindes anvertrauen wolltest?" kam es zornig von seinen Lippen.

„Sei nicht böse, lieber Ferdinand," entgegnete die

«ebst der illustrirten SonntagsbeUage,Sterne und Blumen" und dem,Rathgeber für Laud- wirthschaft, Gartenbau und Hauswesen" vo« allen Postanstalten, sowie Landbriefträgern, Zeitnngsträgern und von der Expedition (Katholisches Bereinshaus »Harmonie") znm Preise von 1 M. (nebst Bestellgeld) jederzeit entgegeugenomme«.

Deutsches Keich.

Berlin, 26. April.

* Hebet Kaiser Wilhelm II. und die öffentliche Meinung äußert sich der freisinnige Abg. Barth in der Nation aus Anlaß eines „William" betitelten ano­nymen Aufsatzes in dem Aprilhest der angesehenen englischen Monatsschrift ,The Contemporary Review", von welchem Aufsatz es in der Nation heißt: „Der Inhalt läßt keinen Zweifel darüber, daß wir es mit einer deutschen Feder zu thun haben, und zwar mit einer Feder ersten Ranges. Es ist das Ä af f i ni r t e ste, was bisher über den deutschen Kaiser publicirt worden ist: schonungslos in der Beurtheilung seiner Fehler, voll boshafter Anekdoten und scharfer epigrammatischer Wendungen; dabei literarisch fein geschliffen und in der äußeren Form nicht angreifbar." Dr. Barth führt im Einzelnen aus, daß dieses Pasquill nur aus dem Bismarck'scheu Lager stammen kann, und er be­antwortet die Frage, weshalb denn auf das Pasquill aufmerksam gemacht werde, mit den Worten: „Weil es die feinste Blüthe eines Gewächses ist, das heute in zahllosen Exemplaren wild vorkommt ; weil seiner unter al? den Bosheiten und Uebertreibungen ein gut Theil beglaubigter Thatsachen verborgen ist; und weil deshalb die öffentliche Meinung geneigt ist, Alles für baute Münze zu nehmen, was ihm in dieser teuflisch geschickten Weise beigebracht wird." Der Artikel der Nation schließt folgendermaßen: „Wenn der Kaiser aufrichtige Freunde in seiner Umgebung habe, so sollten -dieselben keine höhere Pflicht kennen, als ihm darüber Aaren Wein einzuschenken, weshalb die öffentliche Mei­nung sich seit einiger Zeit so erheblich zu seinen Un- gunsten verändert habe. ES seien nicht die großen Akte seiner Regierung, sondern andere Dinge, „die Alle mehr oder weniger den Charafter von Aeußerlichkeiten tragen, die aber eben deshalb der großen Masse am leichtesten verständlich sind, über welche sich ein Jeder leicht ein Urtheil bildet, und die daher mit besonderer Vorliebe als Unterlage für die Beurtheilung der ge- summten Persönlichkeit gewählt werden. Was dem Kaiser in dieser Beziehung vorgeworsen wird, das findet sich in dem besprochenen Artikel der Contem­porary Review" mit einer Sorgsamkeit zusammmgetragen, die jede anderweitige Spezialisimng überflüssig macht. Schließlich hält die öffentliche Meinung Alles für mög­lich, und es bemächtigt sich des Volkes jene innere Unruhe, in der die ganze politische Zukunft des Landes

als von unsicher« Fattoren beherrscht erscheint. Bei einer derartigen Disposition des VolksgeisteS bekommen selbst an sich untergeordnete Vorgänge eine größere Bedeutung; und in diesem Zusammenhänge wird auch der Gedanke einer neuen Lotterie, aus deren Er­trägen die Mittel für eine weitere Freilegung des königlichen Schlosses gewonnen werden sollen, von der Presse mit Recht als eine Angelegenheit von Wichtig­keit behandelt. Den Strebern, die sich mit neuen Lotterie-Projekten an den Kaiser herandrängen, sollte man statt des erhofften Ordens einen kräftigen Fuß­tritt geben. Mit solchen schäbigen Dingen den Namen deS Königs zu verquicken, ist mehr als eine grobe Taktlosigkeit, ist insbesondere in einer Zeit, wo die öffentliche Meinung so wie so geneigt ist, an dem Ver­halten des Monarchen Krittk zu üben, geradezu unver­zeihlich."

• In der 50. Plenarsitzung vom 26. April trat das Abgeordnetenhaus in die 1. Berathung der Vor­lage bett, die Bahnen unterster Ordnung (Tertiär­bahn-Gesetz). Minister Thielen weist darauf hin, daß die Vorlage im Lande sich ungewöhnlicher Anerkennung erfreue. Es solle bei der Anlage dieser Bahnen das Konzessionswesen insoweit berücksichtigt werden, als die Handhabung des Gesetzes gestatte, bei welchem dessen Handhabung wichtiger sein werde, als die strenge Inne­haltung seiner Buchstaben. Der Betheiligung des Privatkapitals soll dabei volle Rechnung getragen werden. — Es meldeten sich 12 Redner gegen und 10 für die Vorlage. Abg. vom Heerd (natl.) spricht gegen die Vorlage, die nur bezwecke kleine Lokalbahnen und Pferdebahnen an das Staatsbahnnetz anzuschließen, wodurch die Frecheit der ersteren beschränkt werde. Redner wünscht strengeres Verfahren bei der Kon- zesffonsertheilung und bezweifelt, daß die Vorlage die Baulust im Privatkapital wecken werde; er will Korn- missionsberathung. Abg. v. Bismarck (cons.) ver­sichert die Zustimmung der Konservattven. Man müsse jedoch die Bestimmungen der Vorlage über die Kon- zessionirung und die Anstellung von Militäranwärtern einer gründlichen Prüfung unterwerfen und hierzu sei Kommissionsberathung nöthig. Abg. Rickert (d.f.s.) betont, daß die Vorlage Grundsätze enthalte, bezüglich deren seine Partei hier seit Jahren vor tauben Ohren gepredigt habe. Für den Preis, den sonst eine Chaussee zu bauen gekostet, baue man heute eine Eisenbahn niederer Ordnung. Was die Landwirthschaft unter Bismarck verlernt, für sich selbst zu sorgen, daS müsse sie wieder lernen. Redner sucht sodann nachzuweisen, daß die Bahnverstaatlichung ein verfehltes Experiment gewesen sei und tritifirt das bisherige Verhalten der Regierung bei den KonzessionSertheilungen und bemängelt verschiedene Besttmmungen der Vorlage bett, dieelektti- schen und die Pferdebahnen und bezweifelt, daß die­selben sich mit den Reichsgesetzen decken. Regierungs­seitig wird besonders diesen letzten Ausführungen ent» gegengetreten und betont, daß die Konzeffionirung von Pferdebahnen, sobald sie über die Weichbildgrenze einer Gemeinde hinausgeht, der Reichsgewerbeordnung nicht mehr untersteht. Abg. v. Tiedemann-Bomst (ft.-kons.) polemistrt gegen die Angriffe Rickerts gegen Gattin, „ich dachte nur an die seltsamen Gerüchte, die Dn mir ja selbst mitgetheilt hast."

„Ah so! Nun, was diese anlangt, so glaubte ich vorhin auch an sie, aber nur einen Augenblick, denn — daß Du es weißt, Emilie — Bäumer hat, um uns Freude zu bereiten und unsere Tochter reichlich beschm- len zu können, seinen Stolz bekämpft und von seinem Onkel, dem Major in Berlin, eine dringend ihm ange­botene Unterstützung angenommen. Rein von aller Schuld ist er gestern Abend von uns gegangen, und rein wird er — so Gott will, recht bald — wieder zu uns zu­rückkehren! Der ist mein Feind, der sich unterfängt, etwas Unehrenhaftes über ihn zu verbreiten. Und nun seid gefaßt auf Das, was da noch kommen mag. Es werden noch Tage, vielleicht Wochen vergehen, ehe feine Unschuld klar erwiesen wird."

Wir lasten jetzt die kleine Gesellschaft für eine kurze Zeit mit ihrem Kummer allein und begeben uns in das Gefängniß, in welchem der Verhaftete in dumpfem Brüten die Stunden dahin schleichen sieht.

DaS GefangenhauS, ein großes, geräumiges Ge­bäude diente zu verschiedenen Zwecken. Der linke Flügel, welcher nicht mit dm übrigen Abteilungen durch Thüren von Innen verbunden war, wurde von der Gerichts- Behörde des Kreises benutzt; in diesem Theile des

die Vorlage, will jedoch keine Unterstützung der niederen Bahnen durch die Provinzen und bittet die Bestim­mung bezüglich der Anstellung von Militäranwärtern ganz zu streichen. Ferner wünscht er, daß das Gesetz möglichst bald in Kraft trete. Abgeordneter Dr. Friedberg (nl.) wünscht Einrichtung eines geordneten JnstanzenzugS bei Verweigerung der Kon­zession. Nachdem noch Abgg. Brömel (bfr.), von Strombeck (Ctr.) Boettinger (nl.) unb von CzarlinSki (Pole) sich im Ganzen mit der Vorlage einverstanben erklärt, jeboch verschiedene Bestimmungen derselben bemängelt haben, wirb dieselbe an eine Kom­mission von 21 Mitgliedern verwiesen. — Nächste Sitzung Mittwoch. Tagesordnung: Kommissionsbericht. Anttäge aus dem Hause. Schluß 41/* Uhr.

* Wie bereits gemeldet, wird sich der Bundes­rath, der seine Sitzungen im Laufe dieser Woche wieder aufnimmt, in erster Linie mit dem Entwurf von Bestimmungen über den Verkehr mit Sprengstoffe« und dann mit dem Entwurf des neuen portugiesischen Zoll­tarifs beschäfttgen. Bei der ersten Vorlage handelt es sich, wie verlautet, nur um eine Umgestaltung der bereits giftigen Vorschriften. Die Bundesregierungen sollen ersucht werden können, dm Verkehr mit Spreng­stoffen in ihren Gebieten gleichmäßig nach dm umge­arbeiteten Bestimmungen zu regeln.

* Die in Berlin begründete Centralstelle für Ak- better-Wohlfahrts-Mnrichtunge« begann heute ihre erste Konferenz. Die Verhandlungen bettafen Verbesserung der Wohnungen und zweckmäßige Verwendung der Sonntags- und Feierzeit. Mit der Konferenz ist eine Ausstellung von Plänen, Modellen und bergt von muftergüfttgen Wohlfahrtsanstalten oerbunben. Be­schlüsse würben nicht gefaßt.

* Die konservattve Fraktion bes Abgeorbnetmhauses lehnte es ab, mit ber Helldorff'sche« Streitsache sich zu befassen, ba er bem Hause nicht angehöre. In ben nächsten Tagen finben Fraktions-Sitzungen betreffend Abänderung des konservattven Programms statt.

* Die Freisinnige« beschlossen, Anträge einzu­bringen betteffs ber neuen Schloßlotterie bezw. der Stellung ber Regierung zu derselben. Auch ver- langm sie eine Denkschrift über die Ergebnisse der Einkommensteuer.

* Das Gesetz, betreffend die Gesellschaften mit be­schränkter Haftung ist heute endlich veröffentlicht worden.

* Die Berliner vuchdruckergehilfe« haben es abge­lehnt, sich an der von dem Vorsitzenden der Tarif- kornrniffion für Deutschlands Buchdrucker, Klinkhardt in Leipzig, ausgeschriebenen Wahl von Vertretern zu einer Tarifkommission zu beteiligen.

* Wie bekannt hat Chefredakteur Fußangel gegen Bismarck die Privat. Beleidigungsklage angestrengt, weil Fürst Bismarck gegenüber der Bochumer Depu­tatton an seinem diesjährigen Geburtstage über die „Fußangelei" sich wegwerfend äußerte und dem Herm Fußangel in unverblümter Weife zum Vorwurfe machte, daß derselbe vom Auslande Bezahlung annehme, um die deutsche Industrie zu schädigen. Einige Tage darauf hat Fürst Bismarck zwar in den ,Hamb. Nachr." widerrufen lassen, daß er dem Herrn Fusangel vorge- düsteren, unsreundlichm Hauses befanden sich auch die Zellen für Untersuchungs-Gefangene. Die mittlere Ab- theilnng, von der man auch von Innen zu dem rech­ten Flügel gelangen konnte, nahm diejenigen Sträflinge auf, welche wegen leichterer Vergehen lind Verbrechen verurtheilt worden warm. In dm Abteilungen des rechten Flügels befanden sich ausschließlich gefährliche, rückfällige Gefangene.

Eine Gefängniß-Zelle bietet an sich sehr wenig, oder besser gar nichts, worauf daS Auge länger verweilm möchte. Wie viele Seufzer von schuldlos Verhafteten mögen hier in ber linken Abtheilung wohl schon durch bie vergitterten Fenster zum Sternenhimmel aufgestiegen sein, aber auch wie mancher grimmige Fluch Derjenigen, bie in wilder Wuth sich der Ohnmacht gegen die Ge­rechtigkeit bewußt wurden, mag an dm kahlen Wändm verhallt sein!

In einer Zelle, welche sich von den anderen durch einen gewissen Komfort unterscheidet, finben wir Bau­mer tief brütenb an einem Tische sitzen. Vor ihm steht bie Mittagskost, boch trotzdem sie schon säst eine halbe Stunde vor ihm gestanden hat und bald erkaltet sein wird, ist sie noch unberührt.

Soeben tritt der Gerichtsdimer, der zugleich Wär­ter und Koch ist, ein. Sein Auge ruht voll Theilnahme

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