:V 95 Mittwoch, den 27. April 1892. 19.IahrgMg
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-G Anarchisten.
(Schluß.)
Es ist uns bis jetzt noch keine anarchistische Manifestation unter die Augen gekommen, deren Prinzipien sich nicht mit der sozialistischen Weltanschauung deckten. Aber der wesentliche Unterschied, welcher zwischen diesen beiden Zweigen eines und desselben Stammes besteht, liegt in den Mitteln, deren sie sich zur Erreichung ihrer Zwecke bedienen. Die Sozialdemokratie, namentlich die sogenannten Alten, an deren Spitze die parlamentarische Fraktion steht, kann nicht laut genug den gesetzlichen Weg betheuren, welchen sie einzuhalten entschlossen ist, und so lange sie auf diesem gesetzlichen Wege bleibt, ist gar nichts gegen dieselbe zu wollen. Das Sozialistengesetz, das einer Partei zu Leibe wollte, die auf gesetzlichem Wege blieb, ist weiter gar nichts als ein wieder auferstandenes Verbot, ohne Paß von Mainz nach Frankfurt zu reisen. Die Beiden sind an polizeilicher Weisheit vollständig einander werth.
Mit dm Jungen ist die Sache schon anders. Sie verzichten auf jede positive parlamentarische Aktion, in welcher sie eine Anerkennung des Bourgeoisstaates erblicken. Sie wollen nur für ihre Ideen Propaganda gemacht haben, um dann, wenn diese Propaganda mächtig genug geworden, die Gesellschaft nach ihren Idealen umzuformen. Wie diese Umformung vor sich geht, das wissen wir nicht, wir können uns aber keinen anderen Weg denken, als den unter dem Göthe'schen Motto: „Und folgst du nicht willig, so brauch' ich Gewalt." Wir wissen nicht, wie man widerstrebende Minoritätm, wenn man den Weg der parlamentarischen Gesetzgebung verschmäht, anders als durch Gewalt überwinden kann. Das steht allerdings glücklicher Weise noch in weitem Felde und die Jungen können sich vor der Welt mit der Hoffnung tragen, Laß es in Folge ihrer propagandistischen Wirksamkeit zuletzt gar keine Minorität mehr gäbe, sondern Alle ein Herz und eine Seele seien.
Der Anarchist ist ein ganz anderer Kerl. Der will weder von der gesetzgeberischen Thätigkeit noch von der Propaganda etwas wissen, das sind phantastische Träumereien, auf die er nicht viel gibt, weil er nicht hofft, auf diesem Wege die Verwirklichung dieses Ideals erleben zu können. Er sucht der Gesellschaft auf viel kürzere Weise beizukommen, er be- weist ihr augenfällig, daß die gegenwärtigen gesellschaftlichen Einrichtungen nicht einmal im Stande sind, Leben und Eigenthum zu schützen. Das beweist er, indem er Dynamitbomben wirft, welche Leben und Eigenthum zerstören. Er macht den Besitz unsicher, indem er raubt und niederbrennt. Auf das Leben Anderer kommt es ihm gar nicht an. Der Anarchismus legt Steine auf die Schienen und unterwühlt Brücken, die unter der Last der Züge zusammenbrechen. Wenn nur das Unglück recht groß ist, und wenn dem die Größe des Schreckens entspricht, so daß die Leute sagen: da wollen wir ja lieber nichts mehr besitzen und unser Leben der Gesellschaft zur Verfügung stellen, als daß wir so in einem fort für diese Güter zittern
müssen. — Das ist sein Aktionsplan. Diese Sitten» täte, so sehr sie uns bereits längst zu viel sind, vermehren sich immer fort. Dieser wilde Fanatismus der das eigene Leben nicht achtet, um das Anderer zu vernichten ist ansteckend. Die ftanzösische Regierung hat beiden Kammern ein Gesetz vorgelegt, welches die Todesstrafe auf Dynamitverbrechen setzt. Das Gesetz ist auch im Parlamente votirt worden, aber trotzdem wird die ftanzösische Regierung sich getäuscht finden, wenn sie glaubt, damit abschreckend zu wirken. Sie schafft Märtyrer des Fanatismus. Die ganze Sache ist eine schwere Erkrankung des sozialen Körpers.
Der Anarchismus scheint uns nur die konsequente Weiterentwickelung der Sozialdemokratie, nicht bezüglich der Prinzipien, sondern bezüglich der Mittel ihrer Durchführung zu sein. Die Alten sind stehen geblieben; das ist die sozialdemokratische Gironde. Die Jungen gehen etwas weiter, wollen wir sagen, es seien die sozialdemokratischen Jakobiner. Jetzt kommen die Anarchisten, das sind die Septembermetzler im Temple, die Terroristen im Konvent, die Ersäufer in Nantes, das sind die verrückt gewordenen Cordeliers. Aber in dieser Verrücktheit liegt Methode. Man gelangt dazu auf dem Wege der Gottlosigkeit.
Betrachten wir uns einen anarchistischen Fanatiker. Ihn genirt das Gesetz gar nicht, denn er ist von vornherein entschlossen, nichts nach dem Gesetze zu fragen, und wenn er dabei zu kurz kommt, er ist daraus vorbereitet; er achtet den Tod nicht, denn das ist ja nur eine kurze Verrückung der Spanne Zeit, in welcher er doch eintreten mühte. Wenigstens findet sich diese Todesverachtung ä ontrance immer, bevor die Geschichte ernstlich an den Kragen geht. Wenn er den Kopf auf den Block legen soll, erscheinen auch dem fanatischsten Anarchisten die Dinge zuweilen in einer anderen Beleuchtung.
Aber wir haben ja mit dem Anarchisten während der Aktion zu reden; und da bat er nicht nur eine solche Verachtung des eigenen Lebens, sondern noch viel geringer achtet er das Leben Anderer. Er kennt nicht nur kein Gesetz, er kennt auch kein Gewissen. Er glaubt dem Andern nicht ewige Güter durch seinen Mord zu rauben, sondern verwandelt ihn nur etwas früher in das Nichts, das er doch geworden wäre. Und wenn er den Mammon vernichtet, dann stiehlt und beschädigt er nicht, sondern er macht der fortwährenden Unterschlagung und Schädigung der Ge- sammtheit durch den Besitzer ein Ende. Der ist eigentlich der Dieb in seinen Augen. Und wenn er das vorenthaltene Gut der Gesellschaft nicht zurückgeben kann, so kann er es wenigstens vernichten, er kann dem Unrechte ein Ende machen, welches der Eigenthümer an der Gesammtheit verübt.
In diesem Gedankenkreise bewegt sich der fanatische Anarchist und wenn wir jetzt die Hände über dem Kopfe zusammenschlagen über das, was wir alles noch bei Weiterentwickelung dieser Grundsätze erleben können, dann antworten wir mit der Gegenfrage: Wie hat der Staat die Majestät des Gewissens geachtet? Was hat er zur Pflege des Gewissens gethan? Er hat gesagt:
„Ich bin das öffentliche Gewissen, meine Gesetze sind die Stimme des Gewissens."
Die Enterbten haben es ihm aber nicht geglaubt; ihre kühnen Fanatiker haben fast in ganz Europa Gesetz und Gewissen vor die Thüre gesetzt und operiren mit dem Schrecken. Und heute, als die Regierung in der Konfessionalität der Schule dem Gewissen wiederum zu größerer Pflege verhelfen wollte, sahen wir nicht ohne Erstaunen, daß gerade Diejenigen, welche für ihr Leben und ihren Besitz allen Grund hätten zn zittern, der Pflege des Gewissens widerstreben.
Sie find noch nicht gescheidt genug, unser Herrgott ist ja sehr geduldig; er wird sie so lange instruiren, bis man merkt, was die Glocke geschlagen hat.
Wenn's dann nur nicht zur Vermeidung des allge- meinen Umsturzes zu spät ist! ______
Deutsches Deich.
Berlin, 25. April.
* Eine Gedenkfeier für den verstorbenen Grneral- feldmarschall Moltke fand gestern in der evangelischen Kirche in Graditz statt. Der Feier wohnten die Angehörigen der Familie Moltke bei. Der Kaiser hatte einen prachtvollen Lorbeerkranz am Grabe des Verstorbenen niederlegen lassen, auch die Offizierkorps des Generalstabs, des ersten Seebataillons, des Füsilier- Regiments von Moltke, sowie daS Dragoner-Regiment „König Friedrich" hatten Kranzspenden gesandt.
* Eine Wiener Meldung des ,Bureau Herold' kündigt eine Begegnung der Herrscher des Dreibunds, wie folgt, an: In militairischen Kreisen läuft ein unkon- trolirbareS, aber mit Bestimmtheit auftretendes Gerücht um, nach welchem der österreichische Kaiser im Laufe des nächsten Monats Berlin besuchen werde. Das Gerücht wird auf die Andeutungen eines höheren preußischen Offiziers zurückgeführt. Es ist die Annahme verbreitet, Kaiser Franz Joseph beabsichtige, mit König Humbert von Italien in Berlin zusammen zu treffen.
* In Berlin ist das Gerücht verbreitet, zum 1. Mai würden hier die Truppe« konfignirl werden. Dem wird von unterrichteter Seite mit dem Hinzufügen widersprochen, daß man in den beteiligten amtlichen Kreisen dem 1. Mai mit großer Rahe entgegensehe.
* Der Reichskanzler Graf Caprivi ist heute früh zum Kurgebrauch nach Karlsbad abgereift.
* Zur Einführung der neuen Lehrpläne hat der preußische Kultusminister an die König!. Schulkollegien folgende Verfügung erlaffen:
„Wie dem König!. Provinzial-Schulkollegium aus den mit» getheilten Lehrplänen bekannt, ist für alle Arten von höheren Schulen eine erhebliche Minderung der verbindlichen wisfen- schaftlichen Wochen stunden eingetreten. Sie beträgt für die Gymnasien 16, die Realgymnasien 21 und die Ober-Realschulen 18. Entsprechend reduziren sich die Wochenstunden an Progymnasien, Real-Progymnasien und Realschulen. Dieser Mnderung gegenüber steht an Gymnasien ein Mehr von 9 Turnstunden, 6 englischen und 2 Zeichenstunden, im Ganzen 17, an Realgymnasien von 9 Turnstunden, an Ober-Realschulen von 9 Turn- und 10 wahlfreien Zeichenstunden, im Ganzen 19 Stunden wöchentlich. Auch dieses Mehr erfährt selbstredend an sechsstufigen Anstalten eine entsprechende Reduktion. Aus der vergleichenden Gegenüberstellung ergibt sich, daß für Gymnasien und
Am Postschatter.
Kriminal-Roman aus dem Berkehrsleben von Th.Schmidt.
(16. Fortsetzung.) vin.
Am Morgen nach der Verhaftung des jungen Beamten faß die Familie Droop beim Kaffee und unterhielt sich noch lebhaft über die Fahrt von gestern. Man erwartete in einer halben Stunde Denjenigen, der zur Unterhaltung bei der gestrigen Fahrt den größten Theil beigetragen hatte. Bertha sah heute Morgen reizend aus. Die langen blonden Locken hatte sie unter einem feinen Spitzenhäubchen versteckt, was ihr jedoch nicht ganz gelungen war, denn einige widerspenstige guckten neugierig unter demselben hervor. Wie sie so dasaß, war sie die Verkörperung deS Glückes und der Schönheit. Armes Kind! Der Ernst des Lebens naht sich Dir mit Sturmesschritten . . . wirst Du ihm muthig Trotz bieten können?
Die Magd erschien jetzt im Zimmer und meldete, daß Herr Obersekretär Linde den Hausherrn sogleich zu sprechen wünschte. Etwas verwundert erhob sich Droop von seinem Sitze und begab sich in das zum Empfang Fremder bestimmte Zimmer, in welchem ihn Linde erwartete. Dieser sah geisterhaft blaß aus. Der Blick seiner tiefen dunklen Augen schien von einer
schlaflosen Nacht zu zeugen, was dem ihn verwundert anschauenden alten Herrn sofort auffiel.
Nach rascher Begrüßung nahm Linde das Wort und berichtete dem alten Herrn über des Freundes Verhaftung. Er schloß mit den Worten:
„Das, was ich Ihnen soeben, Herr Droop, schilderte, habe ich nur bruchstückweise aus der gestern geführten Ünterfuchung des Inspektors erfahren können; die einzelnen Verdachtsgründe sind mir noch nicht ganz bekannt."
„Aus den Reden Bäumers, den ich gestern Abend auf feinem Gange nach dem Gerichtsgebäude noch begleitete, habe ich auch nicht klar ersehen können, welcher Art die gegen ihn zeugenden Verdachtsmomente sind. Wenn Sie wollen, besuchen wir morgen Vormittag gemeinschaftlich den Richter; er wird gegen uns vielleicht seine Ansicht über die Verhaftung Bäumer'S aussprechen. Aus den Untersuchungsakten, welche sich jedenfalls noch in den Händen des Vorsteher- befinden, werde ich wohl Nichts erforschen können, da dieser aus übertriebener Aengstlichkeit mich keinen Blick hinein thun lassen wird."
„Mein Gott!" sagte Droop, indem er aufsprang, als jener geendet. „Bäumer ein Verbrecher, in Untersuchungshaft ! Der Gedanke ist zu entsetzlich! Mein Inneres sträubt sich dagegen, es zu glauben. Wie wird
diese Nachricht meine Frau, und wie wird sie meine Tochter erschüttern!"
Kopfschüttelnd sank der alte Mann wieder in seinen Sessel, mit der Hand nach der Schläfe saffend.
Linde versuchte ihn mit der Erklärung, daß solche Fälle im Leben eines Postbeamten wohl vorkommen könnten, zu ttösten. Er hätte Aehnliches, wenn auch nicht in solchem niederschmetternden Maße, schon während seiner Dienstzeit an einem andern Orte erlebt. Ein Postbeamter des praktischen Dienstes stände immer vor der Möglichkeit, in einer Stunde finanziell für alle Zeit feines Leben- ruinirt oder wegen Verdachts der Untreue jeden Augenblick verhaftet zu werden. Dieses wäre eine jener Schattenseiten, deren der technische Postvienst viele aufweise. Daß der Freund unschuldig sei, daran wäre ja gar nicht zu zweifeln. Er wollte noch heute an den Onkel des Verhafteten, Major Bäumer, schreiben und ihn auffordern, die nöthigen Schritte zu thun, um seinen Neffen aus der Hast zu befreien. Da Jener vermögend fei, so würde sich dies durch Deponirung einer Kaution bei Gericht vielleicht ermöglichen lassen.
Droop sprang auf.
„Herr Linde", rief er, „ich verdiene den Vorwurf, denn ein solcher liegt für mich in Ihren letzten Worten. Ich schäme mich, an diese Eventualität nicht sogle'ch