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Dienstag, bett 26. April 1892.
19. Jahrgang
Fuldaer M Zeitung
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-G Anarchisten.
Es ist ein schreckliches Wort, das Wort Anarchisten! man denkt es sich allezeit in Verbindung mit Dolchen und Dynamitbomben und wo der Anarchist austritt, geht der Schrecken vor ihm her, Mord und Brandstiftung geht ihm zur Seite, Blut und Verwüstung laßt er hinter sich zurück.
Aber was ist denn nun dieser Anarchismus? Hat schon Jemand sein Glaubensbekenntniß gehört? Wir hören, daß Anarchistenversammlungen in Berlin statt- gesunden. Wir lesen von Anarchistenbanden in Spanien; in Madrid hat man vor einigen Tagen zwei Anarchisten, welche angeblich das Parlamentsgebäude und das königliche Halais in die Lust sprengen wollten, ver- hastet; um Barcelona soll es gewaltig gähren und für den ersten Mai hat man dort das Militär verstärtt.
Auch in Paris spukt dieser erste Mai; man hört blutige Drohungen, was Alles Vorfällen würde, wenn der Feier des 1. Mai Hindernisse bereitet würden. Wenn wir uns nur etwas Vernünftiges denken könnten, was aus dieser Feier des 1. Mai hervorgehen soll? Der Eindruck einer großen Parade ist in wenigen Tagen wieder verwischt. Zum Glück ist's ein Sonntag, sonst wäre diese Feier mit dem entgangenen Arbeitslöhne etwas theuer bezahlt gewesen! Einstweilen kommt aus Paris eine Nachricht um die andere, welche entweder von stattgehabten Explosionen oder von gelegten Dynamitpetarden sprechen. Zwar hat man eine Anzahl Anarchisten hinter Schloß und Riegel gesetzt, auch den langgesuchten Dynamitard Ravachol hat man glücklich erwischt und eingesperrt, aber trotzdem hört das Legen von Sprengbomben rc. noch immer nicht auf.
Nun hört man aber weiter, daß die Dienerschaft einiger herrschaftlicher Häuser zu Anarchisten-Gruppen gehören solle. Nehmen wir die Verhältnisse, wie sie sind. Wie unendlich leicht ist es für eine im Hause bedienstete Person, eine Dynamit - Patrone an einem recht gefährlichen Orte unterzubrmgen und mit Lunte zu versehen. Jedes Vertrauen zwischen Herrschaft und Dienerschaft muß dadurch getödtet werden. Das spritzt sein Gift über den Altar der Familie, über den häuslichen Herd.
Was soll aus dem werden?
Wir sind durchaus keine Freunde polizeilicher Vorkehrungen. In Sachen der Ueberzeugung haben polizeiliche Schranken noch nie etwas geholfen, sondern stets die Sache, der sie dienen wollten, verpfuscht. Die Polizei ist vorzüglich gegenüber einer thatsächlichen oder unmittelbar drohenden Störung der öffentlichen Ordnung. Sie ist vorzüglich, wo sie als Organ der Gesammtheit den einzelnen' Störer in das Geleis der Gesetze zurückdrängt. Da ruft man auch immer nach der Polizei; aber einer im Staate befindlichen Partei gegenüber, lediglich auf Grundlagen der Gefährlichkeit ihrer Prinzipien, kann die Polizei absolut nicht beikommen, so lange die Art und Weise der Geltendmachung dieser gefährlichen Prinzipien den Rahmen der bestehenden Gesetze nicht verläßt.
Die gefährlichsten Prinzipien erfordern kein Ein-
Am Kostschalter.
Kriminal-Roman aus dem Verkehrsleben von Th. Schmidt.
(15. Fortsetzung.)
Vier Wochen nach der Verlobung im Juni geleitete der junge Mann feine Braut und deren Mutter zu feinen Angehörigen in H., wo Beide mit großer Freude ausgenommen wurden.
Wie man es nicht anders von dem liebenswürdigen Mädchen erwarten konnte, war sie bald der Mutter und der Schwester ihres Verlobten unentbehrlich geworden. Sie verstand es ja vortrefflich, Licht und Freude um sich her zu verbreiten. Während man sich mH. amüsirte, arbeitete der junge Mann fleißig in B. an seinen Examen-Arbeiten. Erst im August traf Bertha wieder im Elternhause ein. Eine Reihe schöner Tage floß den jungen Leuten nun in der Gesellschaft von Freunden dahin.
Man befand sich in den ersten Tagen des Septembers. Noch einen kleinen Ausflug wollte die Braut in Gesellschaft des Bräutigams und der Eltern unternehmen, dann aber, da Bäumer noch einmal auf vier Wochen nach B. verreisen mußte, sollten Zurüstungen zu der im Dezember verabredeten Vermählungsfeier getroffen werden. Bäumer hatte den Dezember deshalb zur Hoch;cit gewünscht, weil er hoffte, bis dahin sein
schreiten der Polizei, sondern den geistigen Kampf. Aber man müßte doch zu diefem Behufe die Prinzipien wenigstens kennen. Wer kennt denn die Prinzipien der Anarchisten? Wo ist denn ein anarchistisches Glaubensbekenntniß? Wie soll die Welt unter Herrschaft der Anarchie aussehen? Wir sind überzeugt, sie wissen'- selbst nicht. Wir glauben nicht einmal, daß die große Mehrzahl der Anarchisten die Bedeutung dieses Wortes kennt. Der Brocken wird ihnen vorgeworfen von irgend einem Führer, der vielleicht selbst konfus ist.
Wir haben's neulich in Berlin gesehen, wie sie sich das Ding vorstellen. Sie haben eine Versammlung gehalten und haben es mit den anarchistischen Grundsätzen vereinbar erklärt, daß die Versammlung durch ein Bureau geleitet werde. Sie haben eine Tafel herbeigebracht und da hat sich Jeder darauf geschrieben, der sprechen wollte und in dieser Reihenfolge haben sie gesprochen.
„Hier stock ich schon, wer hilft mir weiter fort?" sagt Faust. Wer hat sich denn erlauben können einer anarchistischen Versammlung einen solchen Vorschlag zu machen? Darüber abstimmen zu lassen? Die Minorität für überstimmt zu erklären und die Tafel herbeibringen zu laffen, auf welche man sich als Redner einschrieb? Derjenige, welcher diesen Vorschlag machte, hat ja gerade die Funktionen des so sehr perhorres- zirten Bureaus ausgeübt, und wenn nur einer hätte außer der Reihe sprechen wollen, wer konnte ihm das verwehren? ES ist ja nicht geschehen. Aber wmn die guten Leute meinen, auf diesem Wege widerstrebende Minoritäten bekehren zu können, so mögen sie sich doch nur einmal selber fragen; sie antworten mit Dolch und Revolver._______________________(Schluß folgt.)
Deutsches Keich.
Berlin, 23. April.
* Eine höchst betrübende Statistik, die fo fehr für sich selbst spricht, daß sie eines Kommentars nicht bedarf, bringt heut- die ,Schlesische Volksztg/: In den neun katholischen Pfarreien BreSlau's wurden 1891 Ehen geschlossen:
574, bei welchen Mann und Frau katholisch sind, 232, bei welchen die Frau katholisch ist, 186, bei welchen der Mann katholisch ist.
Im Ganzen wurden sonach 574 katholische und 418 Mischehen, zusammen 962 Ehen in den neun katholischen Pfarrkirchen geschloffen.
Standesamtlich wurden geschlossen:
658 Ehen, bei welchen Mann und Frau katholisch sind, 520 Ehen, bei welchen die Frau katholisch ist, 594 Ehen, bei welchen der Mann katholisch ist.
Im Ganzen wurden sonach standesamtlich 653 katholische und 1114 Mischehen geschlossen. Auf 100 katholische Ehen kommen also 170 Mischehen!
Katholisch kirchlich nicht getraut blieben:
1. von 653 rein katholischen Ehen 79, d. i. 12,01 pCt.;
2. von 520 Mischehen mit katholischer Frau 288, d. i. 55,38 pCt.;
Examen bestanden zu haben, wonächst er um Versetzung nach Berlin, wo Onkel Paul wohnte und von wo aus er seine Mutter mit der Bahn in einigen Stunden erreichen konnte, nachsuchen wollte.
Am Morgen des 8. September rollte denn auch ein schmucker Wagen, von zwei prächtigen Rappen gezogen, aus dem Thore des Städtchens D. auf der Landstraße nach dem Badeorte B. zu. Man traf hier gegen Mittag ein, besuchte eine vielbewunderte Ruine, besichtigte den schönen Kurpark und binirte in recht heiterer Stimmung an der Tadle d'hote. Um 4 Uhr fuhr die Gesellschaft weiter, jedoch nicht des Weges nach D., sondern sie wählte den fast entgegengesetzten Weg, weit man die Absicht hatte, noch einige Bekannte, welche eine Stunde hinter B. wohnten, aufzusuchen. Hier wurde unsere Gesellschaft sehr lange festgehalten, so daß sie erst um 9V8 Uhr Abends D. wieder erreichte. Vor dem Hanse Droop's stieg man ans. Der junge Mann verabschiedete sich unter Lachen und Scherzen von seiner Braut und versprach dieser, sich am andern Morgen um 9 Uhr vor Beginn seines Dienstes nach ihrem Befinden zu erkundigen.
Der jetzt noch so frisch und freudig in die Zukunft schauende junge Mann «Hute noch nicht, daß die nächste Stunde ihn von der Höhe der Glückseligkeit hinunterstoßen werde in Schmach und Schande. Em L'edchcn
3. von 594 Mischehen mit katholischem Manne 408, d. i. 68,68 pCt.
Die ,Schles. Volksztg.' bemertt dazu: „Diese Zahle» reden eine ernste und beschämende Sprache." — Gewiß: Beschämend — nach verschiedenen Richtungen hin!
* Im preußischen Finanzministerium beschäftigt man sich angelegentlich mit der Fortfiihnmk brr Steuerreform. Die betteffenden Vorlagen sollen zeittg, d. h. wohl zu Beginn der Session, dem nächsten Landtage vorgelegt werden. Die neue Einkommensteuer dürste für 1892/93 — 120 Millionen betragen, in welchem Falle 40 Millionen zu weiteren Entlastungen verwendet werden können. Unter Hinzurechnung der bisherigen Ueberweisungen an die Kommunalverbände aus den Getreide- und Viehzöllen (bisher 47 Millionen, in Zukunft in Folge der neuen Handelsverträge und unter Berücksichtigung besserer Ernten nur noch 20 bis 25 Millionen) erhöht sich dieser Betrag auf 60 Millionen. Gelangte diefer volle Betrag von 60 Millionen zur Verwendung, fo würde der Staat Preußen auf 4/s der Grund- und Gebäudesteuer zu Gunsten der Gemeinden verzichten können. Verblieben dagegen dm Kreisen die Ueberweisungen, so könnte immer noch reichlich die Hälfte der Grund- und Gebäudesteuer außer Hebung gesetzt werden. Unter diesen Voraussetzungen würde die neue Gewerbesteuer vorerst bestehen bleiben, so lange nicht die Finanzlage es gestattet, in der staatlichen Besteuerung auf die Realsteuern ganz zu verzichten. Dabei würde dann die Frage betreffs einer die Belastung des Grund und Bodens und der Gewerbe entfprechenden Heranziehung des Rentenkapitals in einer ongemeffenen Form wieder in dm Vordergrund treten. Es wird aber erwogen, das letzte Ziel der staatlichen Steuerreform schon jetzt unmittelbar in Angriff zu nehmen und damit zugleich eine angemessene Unterscheidung des fundirtm und nicht fundirtm Einkommens durchzuführen. Es soll das geschehen in der Form einer Ergänznngsstmer zur Einkommensteuer, welche die Werthobjekte nach Abzug der Schulden mit einer im Verhältniß zum ermittelten Werthe nur sehr geringen Quote direkt trifft. Das Aufkommen einer solchen alle Quellen des fuubirten Einkommens gleichmäßig treffcnben Ergänzungssteuer wirb auf 35 bis 40 Millionen gefchätzt. Wirb biefer Weg eingefchlagen, fo kann, wie im /Staat 8 an feiger' bargelegt wirb, ber Staat auf bie Hebung ber ge- fammten Grunb- unb Gebäubeftmer verzichten unb bie Bergwerkssteuer wesentlich ermäßigen. Der baburch entstehende Ausfall von ca. 100 Millionen beckt sich burch das Auskommm ber neuen Einkommensteuer, bas ber erwähnten Ergänzungssteuer unb bie bisherigen Ueberweifungen aus ben Vieh- unb Getreidezöllen (lex Huene).
* Hinsichtlich ber Gerüchte über die Milttairvsrlaze schreibt bie ,Post': Alle bisher in bie Presse gedrungenen Mittheilungen über ben Inhalt ber mit bem Reichshaushaltsetat für 1893/94 zu erwartenden Militair- vorlage können nur als Kombinationen Nichteingeweihter bezeichnet werben. Wie bie bestimmte Gestaltung ber» selben werben wirb, kann heute überhaupt noch Nie- träBernb erreichte er seine Wohnung. Vor ber Thür seines Zimmers bemerkte er ben Unterbeamten Weise. Dieser, sonst ein possirlicher Kerl, ber überall ba, wo er sie nur anbringen konnte, feine oft kuriosen Witze machte, stand da als Wäre er von Stein.
„Na, Weise, was verschafft mir denn die Ehre Ihres späten Besuchs?" redete Bäumer ihn zutraulich an. „Ist etwas in Ihrer Familie vorgefallen?" bemerke er mit feinem Lächeln. „Wenn es bas ist, fo treten Sie nur ein unb erzählen Sie! Im Voraus will ich Ihnen versprechen, mich wie bamals für Sie zu ver- wenben. Wissen Sie noch wohl, es war am späten Christabenb unb Sie überraschten mich mit bem famosen Impromptu ... wie heißt es doch gleich . . . richtig, das war's: Wir waren unserer Sieben, wer hätte das gedacht, — es ist nicht dabei geblieben — Christkind- chen hat ’nen Achten gebracht."
Er sagte dies in scherzendem Ton, ohne Weise, der nach ihm eingetreten unb bescheiben an der Thür stehen geblieben war, anzusehen. Dann legte er ben Ueberrock ab, ging zum nahen Schrank, füllte schnell zwei Gläser mit Wein unb reichte eins derselben dem noch immer steif dastehendm Untergebenen. Dieser nahm das Glas, setzte es aber wieder, ohne es mit den Lippen berührt zu haben, seitwärts auf einen Tisch.
„Herr Sekretär", sagte er, „wenn cs nur das