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IS. Jahrgang

Sonntag, den 24. April 1892.

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Berlin, 22. April.

* Aus Schwerin i. M. kommt die Trauerkunde, daß I. Kgl. Hoh. die Großherzogin Mutter Alexandrine von Mecklenburg-Schwerin, Schwester weiland Kaiser Wilhelms I. gestern (Donners­tag) Nachmittag 67a Uhr in Folge einer Lungen- und Herzlähmung im Alter von 89 Jahren verschieden ist. — Mit ihr ist eine der edelsten, hochherzigsten und geistvollsten deutschen Frauen ins Grab gestiegen. Ihr eigentliches Walten beschränkte sich aus's Wohl- thun, aus die Hebung der Wohlsahrt des Landes und aus die Erweckung der sittlichen und intellektuellen Kräste des Volkes. So wird, da sie sich allgemeiner Liebe und Verehrung erfreute, ihr Dahinscheiden über- all tiefe Trauer Hervorrufen. — Am 23. Febr. 1803 als Tochter des Königs Friedrich Wilhelm III. und der Königin Louise geboren, vermählte sich bte Prin­zessin Alexandrine am 25. Mai 1822 mit S. K. H. dem Großherzog Paul Friedrich von Mecklenburg- Schwerin, der am 7. März 1842 verstarb; ihr erster Sohn war der Großherzvg Friedrich Franz H-, ihr

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zweiter Sohn der Herzog Wilhelm, der mit I. K. H. der Prinzessin Alexandrine von Preußen vermählt war.

* Der für den 9. und 10. Mai angesagt gewesene Besuch der Königin und der Königin-Regentin der Niederlande am hiesigen Hofe ist bis auf Werteres verschoben worden.

* Reichskanzler Graf Caprivi hat ferne ursprüng­lich für morgen angesetzte Abreise nach Karlsbad um einige Tage verschoben. . . . . ,

* Von berufener Seite wrrd bestimmt erklärt, daß ein Schuldolationsgksetz in der laufenden Session an den Landtag nicht mehr kommen wird.

* Auswärtigen Blättern zufolge bereitet der Reichs­kanzler eine Vorlage für den Bundesrath und den Reichstag vor, betreffend die geplante Weltausstellung

* Der Reichskommissar für die Weltausstellung in Chicago, Geh. Reg.-Rath Wermuth, hat zum 25. April die Ausstellungskommission nach Berlin geladen, um sich über die nothwendig gewordene Platzbeschran- kung zu verständigen. Namentlich auf einzelnen Ge­bieten des Kunstgewerbes sind unerwartet zahlreiche Anmeldungen eingegangen, während beispielsweise die Betheiligung der Gold- und Silberschmiede noch zu wünschen übrig läßt. Bayern bereitet eine gesonderte Kollektivvertretung seines Kunstgewerbes vor.

* Staatssekretär v. Stephan hat es übel ver­merkt, daß immer noch manche Beamte nicht das nöthige Zutrauen in sein patriarchalisches Wohlwollen, das er stets bethätigt, setzen und sich mit den ihr Amts- verhältniß betreffenden Wünschen an solche Personen wenden, welche der Verwaltung fernstehen, soll wohl heißen an - A b g e o r d n e t e! Er hat deshalb m einer Verordnung vom 5. April ein solches Verfahren als ungehörig bezeichnet. Es erinnert uns dies Vor­gehen an den wackeren König Friedrich Wilhelm L, der die bei seinem Herannahen scheu sich versteckenden Bürger mit den Worten durchprügelte: Nicht sürchten, sondern lieben sollt Ihr mich, ihr Rackers!

* Professor Felix Dahn in Breslau, der m da jüngsten Zeit wegen seiner bombastischen Protestichrist gegen das Volksschulgesetz wieder oft genannt worden ist, hat vom Fürsten Bismarck eine Einladung er­halten und sich am Oster-Dienstag etliche Tage nach Friedrichsruh begegen. .

* Redakteur Fnsairgcl ist, wie aus Bochum gemeldet wird, gegen den Fürsten Bismarck wegen der be­kannten Aeußerungen desselben über Fusangels Vor­gehen gegen Kommerzienrath Baare mit einer Klage vorqegangen. . . . ,

* Auf der Konferenz der freien eingeschriebenen SUfskassen in Hamburg wurde beschlossen, die einzelnen Kassen mit einander in nähere Beziehung zu bringen und in Form eines Verbandes oder von Kartellver- träqen gemeinsame Einrichtungen zu treffen.

* Ratibor, 22. April. Bankvorsteher Michaelis aus Leobschütz wurde wegen Unterschlagung zu zwei Jahren Gefängniß verurtheilt. (Derselbe war im Oktober v. I. nach Unterschlagung von 248,000 Mk. flüchtig geworden, in Stargard aber verhaftet worden.

Ausland.

* Wien, 22. April. Am ersten Mai finden 22 sozialistische Volksversammlungen statt. Auf der Tages­ordnung steht der Achtstundentag und das allgemeine direkte Wahlrecht. Nach Schluß der Versammlungen findet ein Aufzug im Prater statt.

* Bern, 22. April. Die Bundes-Versammlung ist zur Beschleunigung der Ratifikation der Handels­verträge zwischen der Schweiz und Italien auf dm 30. Mai einberufen. Bis zur erfolgten Ratifikation des Verttages bleibt der beiderseitige General-Tarif in K"* Unsere Nachbarn jenseits der Vogesen haben sich jetzt gleichzeitig der Anarchisten und der — Dahomeher zu erwehren. Der Prozeß gegen Ravachol kommt am 26. April zur Verhandlung. Es scheint, daß die Herren Bourgeois, die über den wahnwitzigen Dyna- mitarden ihr Verdikt abzugeben berufen sind, einen heidenmäßigen Respekt vor ihm haben, denn eine An­zahl der Geschworenen hat sich plötzlich auf längere Zeit wegen „unaufschiebbarer Geschäfte" von Paris entfernt. Weniger Respekt hat König Behanzin von Dahomeh vorder französischen Streitmacht; erst neuer­dings hat er wieder an den französischen Gouverneur von Porto Novo ein provozirendes Schreiben gerichtet, in dem er erklärt, jeden französischen Posten, der seine

des kirchlichen Einflusses aus die Schule, und drittens die Gleich­berechtigung der Katholiken auf allen Gebieten des Staatslebens. (Sehr richtig!) Und diese Zwecke sind noch lange nicht erreicht. Wo ist die Fveiheit der Kirche, wenn die Orden noch gefesselt sind, wenn einzelne Orden noch gänzlich ausge- chlossen sind, wenn die Jesuiten noch nicht das Deutsche Reich betreten dürsen, während es den Anarchisten erlaubt ist (Lebhafte Zustimmung, Beifallsrufe!), es zu betreten. Wo ist die Freiheit der Kirche, fo lange noch em Einspruchsrecht des Staates besteht, ob ein Pfarrer angestellt werden soll oder nicht. Wo ist die Freiheit der Kirche und ihr Einfluß auf die kom­mende Generation, so lange sie noch keinen direkten Einfluß aus­üben kann auf die Schule, auf daß die katholische Lehre rem und unverfälscht in derselben vorgetragen werden kann. Wo ist die Gleichberechtigung der Katholiken? Selbst auf dem Papier ist sie nicht da, denn wie könnte sonst ein Jesmtengesetz bestehen. Ist gegen eine Gesellschaft von Andersgläubigen em solches Ge­setz gemacht worden? Nein! nur gegen unbescholtene katholische Leute, denen nichts vorzuwersen ist. Man soll mir einen Jesuiten vorführen, der ein Verbrechen begangen hat. Und selbst, wenn dies der Fall wäre, dann läge immer noch kem Grund vor, die Gleichberechtigung der Katholiken selbst auf dem Papier nicht vorhanden sein zu lassen. Aber erst m> der Wirklichkeit ist s e gar nicht vorhanden. In den hohen Staatsamtern ist da em Katholik? Ist ein Katholik Minister? Vor kurzer Zeit waren ja noch zwei katholische Minister, wird man mir sagen. Ja, meine Herren, das waren nur Katholiken besonderer Art. (Heiter­keit ) Ich will den Herren nicht zu nahe treten. Sie finb m ihrem Ressort gute und tüchtige Männer gewefen, aber ihre Kinder haben sie protestantisch erziehen lassen. Gegenwärtig aber ist kein einziger Katholik im Ministerium, kem Oberprastdent ist katholisch, unter den Regierungspräsidenten finb es, glaube ich, zwei vielleicht drei, in allen anderen hohen Staatsamtern wer­den Sie auch nur die Katholiken ganz sporadisch finden. In den hohen Hosämtern ist kein einziger Katholik und nicht zum wenigsten schiebe ich diesem Umstand es zu daß Se. Maiestat der Kaiser nie eine unbefangene Meinung über die katholischen Untertanen und ihre Wünsche zu hören bekommt. (Bravo!) Also die Katholiken sind nicht gleichberechtigt, und das müssen wir erstreben, und das müssen wir auf reden Fall erreichen. Das ist für uns eine Ehrensache! (Beifall.)

Meine Herren! Wir wollen zu Gott hoffen, daß dre Sache diesmal noch gut geht, wir wollen hoffen, daß die ganze Sache auf Mißverständniffen beruht hat, daß in der nächsten oder einer späteren Session ein Schulgesetz eingebracht wird das uns auch befriedigen kann und mehr befriedigt rote das, welches diejesmal eingebracht war: das wollen wir hoffen. Aber meine Herren, gefaßt muffen wir uns machen auch darauf, daß dies nicht ge­schieht, gefaßt müssen wir uns darauf machen Bet der großen Unsicherheit, die eingetreten ist, daß biejentgen Leute, die es durchgesetzt haben, daß das gegenwärtige Schulgesetz zurückge­zogen wurde, es auch durchsetzen, daß em liberales Regi­ment, ein antikatholisches und ant,christliches Regi­ment eingeführt wird, und für diesen Fall müssen wir zu sa m m en- ft e fi e n wie wir zusammenstanden tn den langen Jahren des Kulturkampfes. Wir treten aber, Gott sei Dank, gerüsteter em in diesen Kampf, rote damals. Damals waren wir nicht orgamstrt. Freilich, meine Herren, fehlt uns jetzt der große Generalstabschef unseres Herrgottes in Deutschland, unser geliebter großer Führer Windthorst, - den hat Gott abberufen aus dieser Welt — der fehlt uns, und der wird uns sehr fehlen. Aber, meine Herren, der Feldherr in diesem Kampfe ist nicht gestorben, der lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit Das ist unser Herrgott und sein eingeborener Sohn Jesus Christus. (Stürmischer Beifalls Und wenn sich manchmal auch Gott eines hochbegabten Menschen be­dient um seine Werke auszuführen und zu fördern, so braucht er ihn dennoch nicht. Er kann dasselbe thun mit ganz geringen Kräften wenn diese Kräfte nur lauteren Willens sind und weder nach rechts noch nach links sehen, sondern Alles nur zur höheren Ehre Gottes thun wollen. Und so wird Gott sein Werk auch weiter führen in Deutschland, das Werk des katholischen Volkes; er wird es weiter führen, bis es zum Siege gelangt, wenn das katholische Volk treu steht zu Gott, zu seinem Stellvertreter auf Erden, zu feinen Bischöfen und zu sich selbst. Dann, meine Herren, werden wir unsere siegreiche Fahne für Wahrheit, Frei­heit und Recht schließlich doch auf bett Schanzen aufpflanzen, und das wird zum Wohle der Arche und zum Wohle des Vater­landes fein. (Langanhaltender, stürmifcher Beifall!)

nebst der illustrirten Sonntagsbeilage »Sterne und Blumen' und dem ,Rathgeber für Land- wirthschaft, Gartenbau und Hauswesen' von allen Postanstalten, sowie Landbriefträgern, ^reitungsträgern und von der Expedition (Katholisches Bereinshaus .Harmonie') zum Preise von 1 M. (nebst Bestellgeld) rederzert entgegengenommen.

Gras Kallestrem über die gegenwärtige inuerpolitische Lage.

* Die Versammlung, welche der Breslauer Centrurns- Berein kürzlich im dortigen St. Vincenzhause abhielt, war außerordentlich stark besucht und nahm, wir wir bereits mitgetheilt haben, einen glänzenden Verlauf. Eine besondere Bedeutung erhielt diese Versammlung dadurch, daß der Vorsitzende des Vereins, Herr Graf Ballestrem, welcher felbst präsidirte, in derfelben eine längere Rede hielt, in der er die gegenwärtigen, zum Theil sehr unklaren und verschwommenen inneren politischen Verhältnisse einer eingehenden Erörterung unterzog und dieselben ebenso scharf wie treffend kenn­zeichnete. Wir geben nachträglich einige Theile der Hochbedeutfamen Rede und empfehlen sie der Beach­tung unserer Leser, lieber den Fall des Volksschul- aesetzes sagt er u. A.:

Meine Herren! Werfen wir mal einen Blick auf bie soge­nannte Erregung, bie int Laube stattfanb. Es ist ja richtig, es ist viel geschrieen worben (Sehr richtig!), es hat eine Erregung in gewissen Kreisen ftattgefunben. Wer waren ober biefe Kreise ? Meine Herren! bas finb uns wohlbekannte Kreise. (Heiterkeit)!) Ich kenne Euch, ihr schwankenben Gestalten. Wer waren es, die schrieen? Ungläubige Profefsoren, die ben Mater,aliS- mus und ben Atheismus von ben Kathedern lehren und so den Sozialdemokraten vorarbeitet,. (Beifall! Sehr richtig!) Wer war es ferner, der erregt war? Die Herren Protestanten- Bereinler, die die Gottheit Christi leugnen, bte waren es, bie erregt waren, bie wollten keine christliche Schule. Wer war es ferner ber erregt war? Das waren bieHerren vom Evan­gelischen Bunde, die es sich zum Geschäft gemacht haben, die christlichen Konfessionen aufeinander zu hetzen, damit bann die Ungläubigen im Trüben fischen können. Das waren die Erregten (Bravo!) Dann schlossen sich noch an (Ruf. Jude!) Altkatholiken", bie längst mit ber Autorität ber Kirche gebrochen haben unb auch keine anbere Autorität anerkennen, unb wie da bie vox populi eben erwähnte,eine Anzahl Refor rn- iub'en die vorn Glauben ihrer Väter längst abgefallen waren. (Stürmisches Bravo!) Das waren bie Leute, bte erregt waren, tonst keine, aber geschrieen haben sie gewaltig, benn fte haben ein mächtig großes Maul. (Bravo! Heiterkeit!) ... .

Diese Herren, welche sich zu der sogenannten In­telligenz rechnen, sprechen viel und schreiben viel; aber es steht Niemand hinter ihnen, sie haben kein Volk hinter sich. Allerdings steht hinter ihnen eine große Masse, aber diese Masse erkannte sie nicht als Offiziere an. Das waren die Sozialdemokraten; die standen hinter ihnen, die waren einverstanden mit ihnen, die wollten die Schule nicht, die auf christlicher Grundlage begründet ist. Denn sie wußten, daß, wenn die christliche Schule kräftig durchgeführt würde, es dann mit ihnen aus fein würde in absehbarer Zett. Weiterhin sagt er:

Ich bin nach wie vor überzeugt, daß Se. Majestät, unser allerqnäbigster Herr, Kaiser und König Wilhelm II. entschlossen ift ein christlich-konservattves Regiment zu führen; bation bin ick fest überzeugt. Unb in bieser Ueberzeugung bin ich bestärkt baburÄ baß er einen Mann in bas Kultusministerium berufen fiat ber auf demselben Boden steht, wie ber Gras Zedlitz. (Zu­stimmung.) Aber, meine Herren, es ist boch jetzt Manches anbers als früher. Bor ber Krisis waren wir noch nicht un­ruhig 'aber jetzt sinb wir unruhig geworben. (Sehr richtig') Ja meine Herren, bas katholische Volk ist unruhrg ge­worden. Es hat das Vertrauen verloren zu ber Stetig­keit ber christlich-konservativen Politik, bte befolgt wirb (L-b- fiafte Zustimmung Seitens ber Versammlung!) Das^katholische Volk sagt sich, wenn bas ein Mal passiven konnte, bann kann eS leicht wieber so kommen. Wir haben keine Garantie, unb deshalb, meine Herren, sagt das katholische Volk: Ihr Führer, Ihr Leute, bie wir in das Parlament geschickt haben, Ihr, die Ihr da sitzt im Reichstage unb int Sanbtage, paßt gut auf und haltet Eure Augen offen unb sehet zu : ne quid detn- menti capiat res catholica“. Sehet zu, daß nicht schaben leide unsere katholische Sache!

Meine Herren! Die Centrumspartei steht noch fest und tief gewurzelt im Volke, davon bin ich überzeugt. Denn das Volk weiß, baß bie Centrumspartei durchaus nothwendig ist. um bie hohen Zwecke unb Ziele zu erreichen, welche bas kathowche Volk sich vorgesetzt hat, unb biefe Zwecke finb, wie ich es ichon öfters auseinanbergefetzt habe, bie Erreichung der völligen ivrei« Jjeit ber Kirche, bie Freiheit ber Schule, nämlich bie Freiheit