JM 92
Samstag, den 23. Apnl 1892.
19. Jahrgang
ulimcr
eine einheitlichere Leitung an solchen Orten ermöglicht werde, wo die Arbeiter ein und derselben Fabrik oft fünf bis sechs verschiedenen Branchen angehörten; der Kastengeist könne dadurch berücksichtigt werden, daß die Arbeiter örtlich nach Branchen sich organisiren, sodaß an einem Orte so viel örtliche Verwaltungsstellen, als Branchen eines einzigen Jndustrieverbandes bestehen könnten. ,
Jndeß die Frage, ob Branchen-Organisation oder Jnndustrieverband, wurde auf dem letzten Gewerkschaftskongresse nicht direkt behandelt; dieser diskutirte ausdrücklich nur darüber, ob Jndustrieverband oder Union am meisten zu empfehlen sei. Seit längerer Zeit nämlich war man, namentlich infolge des für die Arbeiter meist ungünstigen Ausganges der Streiks und der fortschreitenden Organisation der Unternehmer, allgemein zu der Ueberzeugung gekommen, daß die Lohnkämpfe von den einzelnen Berufsorganisationen nicht wirksam geführt werden könnten, daß dementsprechend ein engerer Zusammenschluß derselben anzustreben sei. Zu diesem Zwecke fand am 16. November 1890 zu Berlin eine Konferenz von Gewerkschaftsvertretern statt; von dieser wurde eine Kommission eingesetzt, welche sich unter dem Namen „General-Kommission der Gewerk- schaften Deutschlands" mit dem Sitze in Hamburg konstituirte; diese erhielt u. A. den Auftrag, zur gegebenen Zeit einen Gewerkschaftskongreß zu berufen und eine Vorlage für eine Verbindung der Gewerkschaften auszuarbeiten. Eine solche Vorlage wurde von der Kommission Ende April 1891 bekannt gegeben. Dieser Organisationsentwurf veranlaßte eine erregte Diskussion in der Fachpresse. Die Gestaltung dieser Diskussion ließ es räthlich erscheinen, daß vor dem projektirten Gewerkschaftskongresse eine Konferenz der Vorstände der Centralvereine stattfinde. Diese wurde am 7. Sept. 1891 in Halberstadt abgehalten; auf derselben wurde u. A. dem Organisations-Entwürfe der Geurralkom- mission mit einigen unwesentlichen Aenderungen die Zustimmung gegeben. So wurde der Entwurf dem Gewerkschaftskongresse vorgelegt, welcher vom 14. bis 18. März d. I. in Halberstadt tagte. Nach diesem Entwürfe bilden die Centralvereine der einzelnen Berufe die Grundlage der gesammten Gewerkschafts-Organisation. Ein engerer Zusammenschluß dieser Centralvereine soll dadurch erzielt werden, daß die Centralvereine der verwandten Berufszweige sich unter einheitlicher und aus Vorstandsmitgliedern sämmtlicher dabei in Betracht kommenden Berufsorganisationen bestehender Leitung zu Gruppen-Organisationen, sog. Unionen, verbinden. Aufgaben der Unionen sind: Agitation für die zugehörigen Centralvereine, Regelung des Preßwesens, Unterstützung solcher Streiks eines zugehörigen Centralvereins, die von diesem allein nicht wirksam geführt werden können, Pflege der Statistik, möglichste Centralisation der für die zugehörigen Centralvereine errichteten Herbergen, Arbeitsnachweife und Zahlstellen für Reiseunterstützung in den einzelnen Städten. Der Beitrag der einzelnen Centralvereine an ihre Union ist auf 10 pCt. der Gesammteinnahme berechnet. Eine Verbindung der verschiedenen Unionen unter einander soll
Für die Monate Mai und Juni werden Abonnements auf die
durch die siebengliedrige, von dem allgemeinen Gewerkschafts-Kongresse, der alle zwei Jahre stattfinden soll, zu wählende General-Kommission hergestellt werden. Deren Aufgaben sind: Agitation in denjenigen Gegenden und Berufen, deren Arbeiter noch nicht organisirt sind (z. B. in der Provinz Preußen resp. unter den Zieglern), Herausgabe eines Korrespondenzblattes, Zusammenstellung der Statistiken der Unionen, Statistik über sämmtliche Streiks und in Ausnahmefällen Streikunterstützung. Die einzelnen Unionen haben 20 pCt. ihrer eigenen Einnahme an die Generalkommission abzuführen. (Vorgesehen ist auch der Fall, daß Centralvereine keiner Union angehören; solche können direkt mit der Generalkommission in Verbindung stehen.)
Unter der langen Reihe von Gegenanträgen ist derjenige der wichtigste, welcher statt der Union den Jndustrieverband will. Für diesm im Gegensätze zur Union wird u. A. geltend gemacht: es bestehe für die ganze Jndustriegruppe nur eine einzige Centralleitung; für dieselbe sei nur ein Gewerkschastsblatt erforderlich; dagegen blieben bei Einrichtungen einer Union neben dem schwerfälligen Unionsapparate die Centralleitungen der einzelnen Centralisationen bestehen; auch wäre schon allein mit Rücksicht auf die zahlreichen Bekanntmachungen der verschiedenen Centralvereine ein einziges Preßorgan für eine Union nicht ausreichend ; aus diefen Gründen stelle sich eine Union weit kostspieliger, als ein Jndustrieverband. Für die Union im Gegensätze zum Ju- dustrieverband wird u. A. in's Feld geführt: es würde von der Unionsbildung der Verschiedenheit der Leistungsfähigkeit der einzelnen Branchen und der Beitragshöhe ihrer Centralvereine Rechnung getragen; dagegen müßten die so verschiedenen Branchen bei ihrer Verschmelzung zu einem Jndustrieverbande zu gleichen Beiträgen herangezogen werden, was eine wenigstens vorläufig unstatthafte Zumuthung involvire; überhaupt sei in Deutschland die Produktionsweise noch nicht in der Weise entwickelt, wie etwa in England, vielmehr sei noch ernstlich mit dem Kleinbetriebe zu rechnen. Jenem Einwurfe suchen die Anhänger des Jndustrieverbandes mit dem Vorschläge zu begegnen, daß man die Beiträge und die Leistungen innerhalb eines Jndustrieverbandes klassifiziren, d. h. es jedem Mitgliede fteistellen könne, ob er hohe oder niedrige Beiträge bezahlen und im Bedarfsfälle dementsprechende Gegenleistungen beziehen will. Uebrigens wird von den Befürwortern der Union kein Hehl daraus gemacht, daß auch sie theoretisch den Jndustrieverband für die beste Organisationsform ansehen; insbesondere empfehlen auch sie, daß schon jetzt womöglich die Hülfs- d. h. die nicht gelernten Arbeiter in den entsprechenen Centralverein ausgenommen werden mögen. Nur halten sie die allgemeine Bildung von Jndustrieverbänden noch für verfrüht; sie soll zunächst durch die Unionsbildung vorbereitet werden. Dem entspricht die Resolution des Kongresses, in welcher erklärt wird, „daß in all den- jentgen Berufsgruppen, wo die Verhältnisse den Jndustrieverband zulassen, dieser vorzuziehen ist, daß jedoch in all denjenigen Berufsgruppen, wo in Folge der großen Verschiedenheit der Verhältnisse die Ver-
(Knnn. und Seiertaoe ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
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-L. Die Gewertrschasts-Grganisation n.
Aber auch unter den Anhängern der eigentlichen Centralisation bestehen Meinungsverschiedenheiten über deren beste Form. Zu einem nicht geringen Theile mögen dieselben aus dem Umstande sich erklären, daß der Gewerkschaftsbewegung in Deutschland noch keine lange Erfahrung zu Gebote steht. In den meisten deutschen Staaten wurde erst durch die Gewerbeordnung vom Jahre 1869, welche die Koalitionsfreiheit einführte, die Grundlage für die Gewerkschaften geschaffen; auch kann das Dezennium des Sozialistengesetzes nicht als günstig für die Entwickelung der Gewerkschaften bezeichnet werden. Die hauptsächlichsten Meinungsverschiedenheiten unter den Centralisten sind bezeichnet mit den Namen: Branchen-Organisation, Jndustrieverband und Union. Die Anhänger der Branchen- Organisation wollen für jeden speziellen Beruf einen eigenen Centralverein; dagegen wollen die Vertreter des Jndustrieverbandes alle Berufe eines Industriezweiges in einem einzigen Centralvereine vereinigt wissen; die Befürworter der Union nehmen eine Mittelstellung ein, insofern sie als Regel die Branchen-Olganisation an- sehen, aber gleichzeitig dadurch dem Jndustrieverbande gerecht zu werden suchen, daß sie in einzelnen Bestrebungen ein Zusammengehen der Centralvereine verwandter Branchen wünschen. Beispielsweise bilden die Verbände der Bauarbeiter, der Dachdecker, der Maler und Anstreicher, der Maurer, der Schiffszimmerer, der Steinmetzen, der Steinsetzer, der Vergolder, der Ziegler, der Zimmerleute 10 Branchen-Centralvereine; würden dieselben zu einem einzigen Centralvereine verbunden, so wäre der Jndustrieverband der Bauarbeiter vorhanden; bleiben sie aber als 10 Centralvereine bestehen, würden sie dabei jedoch gemeinschaftlich etwa die Agitation, die Streikunterstützung, die Statistik und dergleichen in die Hand nehmen, fo bildeten sie eine Union.
Die Branchen-Organisation wird hauptsächlich mit dem Hinweise darauf vertheidigt, daß man dem Kastengeiste der Einzelberufe Rechnung zu tragen genöthigt sei; insbesondere sei diese Organisation am besten geeignet, die Indifferenten für die Gewerkschaft zu gewinnen. Zu Gunsten des Jndustrieverbandes wird neben Kostenersparniß in der Verwaltung und im Preßwesen vor Allem geltend gemacht, daß dadurch
Am Uostschatter.
Kriminal-Roman aus dem Berkehrsleben von Th. Schmidt.
(14. Fortsetzung.)
VII.
DaS Erste, was Bäumer nach der Verlobung that, war, daß er seiner Mutter und Schwester einen langen Brief schrieb. In diesem theilte er den Lieben ausführlich mit, auf wie seltsame Weise er die Braut kennen gelernt habe; auch von seinen demnächstigen Schwiegereltern theilte er das uns bereits Bekannte mit. Ein wohlgetroffenes Bildniß der Geliebten legte er dem Schreiben bei. Nach einigen Tagen antwortete die Mutter, daß sie und auch die Schwester mit seiner Wahl zufrieden seien und nichts sehnlicher wünschten, als die persönliche Bekanntschaft der jungen Dame zu machen. Aus allen Richtungen liefen dann Glückwunsch-Briefe, und Telegramme ein, und auch aus der Stadt felbst waren einige Glückwunsch-Adressen an Bäumer sowohl als auch an die Familie Droop auf- gegeben, was dieser eine rechte Freude machte.
In recht formeller Weise entledigte sich dagegen der Vorsteher des jungen Mannes seiner gesellschaftlichen Pflicht. Kein scherzendes oder liebenswürdiges Wort begleitete den mündlich im Dienstzimmer ausgesprochenen Glückwunsch desselben. Jndeß vermochte dieser erste
Schatten, der auf das Glück des jungen Mannes fiel, diesen nicht lange zu verstimmen; er wußte sich frei von der Ursache des MißtonS, der sich zwischen ihn und den alten Herrn gelegt hatte. Ja oft hatte er im Stillen Gott gedankt, daß es so und nicht anders gekommen war. Er hatte das herzlose Wesen der Tochter seines Chefs, von der die Gesellschaft längst die Verlobung mit Bäumer erwartet hatte, noch rechtzeitig durchschaut. Begegnete man sich einmal, dann grüßte der junge Mann artig, aber zurückhaltend. Gleich darauf mußte er dann lächeln über den abstoßend kalten Gegengruß ... o sie verstand eS meisterhaft, sich unnahbar zu machen.
Wir müssen nun noch eines Verwandten des jungen Mannes gedenken, der in weiterer Erzählung eine bedeutende Rolle spielen wird; Major a. D. Bäumer, unverheirathet, mit gutem Auskommen vom Schicksal bedacht, in den besten Mannesjahren stehend.
Der Herr Major a. D. liebt dreierlei . . . erstens seinen Neffen Hermann, der Dies am besten weiß; zweitens seine Pfeifen, von denen er eine ganze Mustersammlung besitzt und drittens eine Partie Skat, die er zum Aerger seiner Freunde meisterhaft spielt. Wenn Sie nun, freundliche Leserin, noch wünschen, von ihm zu hören, wie er über die Personen des generis femi- nini denkt, so sehen Sie ihm bitte im Geiste einmal
über die Schulter und lesen Sie feinen neuesten Brief an seinen Neffen mit. Er schreibt also:
„Hermann, Junge! wo schwenkst Du hin? Bist verlobt! Kaum für möglich zu halten! Ergo, Warnungen vor Weiber in Wind geschlagen. Oft gesagt: taugen alle nichts! Verstehst Du wohl? Habs erfahren. Nützt aber doch nichts, heute Verliebten abzurathen, geht morgen doch auf den Leim wie ein Gimpel. Müßte eigentlich stante pede reisen und verdrehten Kopf wieder zurecht setzen. Sapperlot, geht verteufelt schlecht! Rheuma läßt mich nicht fort. Bin heute halb in Baumwolle eingepackt. Scheint eine Nixe, Dein Mädel. Hat wohl bezaubert, he! WaS sagt ma chere Schwägerin, Deine Mutter dazu, he? Kann denken: in Thränen, großartige Rührung, recht bald Hochzeit machen,,damit alte Wiegenlieder, wieder ein» studirt, an Mann gebracht werden. Parole d’hon» neur, scheint ein Blitzmädel, echte Rasse, könnte alten Junggesellen auch noch den Kopf verdrehen. Kann denken, wie'S angefangen hat. Kenne daS aus Erfahrung. Schwiegerpapa dito Mama scheinen nach Bildern respektable Leute. Sehen biftinguirt aus. Jetzt Geld nöthig, he!? Mußt standesgemäß Dich zeigen gegen vermögende Eltern von Braut. Nichts sparen, alte Onkel hält viel auf Dich. Ein-