^91 Freitag, den 22. April 1892. 19. Jahrgang
Fuldaer W^Zcitung
Hm Mostschalter.
Kriminal-Roman aus dem Verkehrsleben von Th. S ch m i d t.
(13. Fortsetzung.)
Mein rastloses Arbeiten war vom Glück begünstigt. Ich hatte schon seit einigen Jahren an einer Verbesserung in der Konstruktion von Dampfmaschinen gearbeitet, welche mir gerade in dieserZeit gelang. Nach Prüfung meiner Erfindung durch eine Kommission wurde mir auf mein Ersuchen ein Patent auf dieselbe ertheilt. Leider konnte ich mich mit der Verwerthung desselben aus finanziellen Gründen nicht befassen, und da auch die meiner Leitung unterstellte Fabrik zur Nutzbarmachung desselben der technischen Einrichtung entbehrte, so nahm ich das mir von einer Aktiengesellschaft für Maschinenbau gemachte Angebot von 25,000 Thalern für meine Erfindung an. Mit diesem gewonnenen Kapital befriedigte ' ich die ungeduldigsten Gläubiger und nahm mir bezüglich der noch vorhandenen vor, die Forderungen derselben nach und nach abzutragen. Ich that dieses Alles einerseits in der festen Ueberzeugung. daß mit der Zeit bei umsichtiger Leitung die Fabrik mir das eingelegte Kapital mit guten Zinsen werde zurückzahlen können, anderseits aber wollte ich auch meine Pflicht gegen die Wittwe, deren verstorbener Mann mir mehr Freund als Brodherr war, erfüllen. Gottes
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-L. Die Gewerkschasts-Grganisation
i.
ist auf dem jüngsten sozialistischen Gewerkschafts-Kongresse zu Halberstadt und in der zunächst interessirten Presse der Gegenstand einer für weitere Kreise lehrreichen Diskussion gewesen.
Die Meinungsverschiedenheit über die beste Organ,- sationsform hat zum Theil ihren Grund in der öer« schiedenen Auffassung von der Hauptaufgabe der Ge- werkschaftm und in Verbindung damit in der Vereins- Gesetzgebung. Eine Minderheit von Arbeitern betrachtet die Gewerkschaften an erster Stelle alsparteipoliti s ch e Vereine, welche auf eine Sozialisirung der Gesellschaft hinzuarbeiten haben; die reinzewerkschaft- lich en Bestrebungen nehmen erst die zweite Stelle ein. Dagegen gelten der überwiegenden Mehrheit der Arbeiter die letzteren Bestrebungen als die nächste Aufgabe der Gewerkschaften; die wichtigstm dieser Bestrebungen sind: Verbesserung der Lage der Arbeiter (in Bezug auf Arbeitsräume und bergt), Erhöhung des Lohnes und Verkürzung der Arbeitszeit; darin liegt die Unterstützung von Streiks eingeschlossen; hinzu kommt die Unterstützung von Arbeitslosen und Reisenden, Errichtung von Herbergen und Arbeits- nachweisen und eventuell fachgewerblicher Unterricht; Parteipolitik soll nur indirekt getrieben werden. Dieser doppelten Auffassung entspricht ;bie doppelte Orgam- sationsform: Lokalverein, der nur die Bemfsge- nossen eines Ortes umfaßt und C e n t r a l v e r e i n, der sich über ganz Deutschland erstreckt, indem er an den verschiedenen Orten Zahlstellen errichtet oder doch Einzelmitglieder besitzt. Die Lokalvereine entsprechen der ersteren Auffassung darum, weil nur solchen nach derBereinSgesetzgebung mehrerer Bundesstaaten,namentlich Preußens, eine politische Thätigkeit gestattet fft; verboten ist politischen Vereinen ein Jnverbindungtreten wie auch die Aufnahme von Frauen und Minderjährigen. Diese verbotenen Einrichtungen sind aber offenbar für die Vertreter der zweiten Auffafsung von solcher Wichtigkeit, daß sie die Centralvereine vorziehen müssen, bei welchen jene Einrichtungen wenigstens in den meisten Bundesstaaten, insbesondere in Preußen, zulässig sind. (Namentlich in Sachsen sind Verbindungen jeglicher Art gewerkschaftlichen Organisationen untersagt, weshalb dort ein Centralverein an den verschiedenen Orten nicht Zahlstellen errichten, sondern nur Einzelmitglieder besitzen darf.) ,
Der Streit wegen dieser beiden Organisationsformen war seit langer Zeit ein recht heftiger. Die Anhänger der Lokalarganisation bekämpfen die Centralvereine namentlich mit der Behauptung, daß dieselben zur Versumpfung der modernen Arbeiterbewegung führten. Demgegenüber erklären die Centralisten, daß sie die Politik ausschlössen nicht aus prinzipiellen Gründen, sondern nur deßhalb, weil durch das Hineintragen von Politik die Centralisationen unmöglich gemacht würden;
Das Vorstehende dürfte der Mehrzahl der Unbe- theiligten das Urtheil aufdrängen, daß die Centralvereine siegreich gegen den Vorwurf derLokalvereme sich vertheidigen, als ob erstere die sozialistische Arbeiterbewegung nicht genugsam förderten. Andererseits behaupten die Centralisten gegen die Lokalisten, daß diese die rein gewerkschaftlichen Bestrebungen nicht wirksam verfolgen könnten. . . „ „ , .
Auch die Veränderung m Bezug auf daS Angebot von Arbeitskraft wird geltend gemacht: „Als der Handwerker, langsam von Stadt zu Stadt zu wandernd, nur selten seine Arbeitskraft vergeblich anbot.., da vermochten wohl die lokalen Vereine dafür zu sorgen, daß eine Regelung des Angebots von Arbeiten: soweit möglich war, daß ein Herabdrücken der Preise nicht eintreten könnte;" bei dem heutigen Zusammenflüsse von Arbeitern an einem Orte' sei vor allem wichtig, daß die zuziehenden Massen Verständnlß für die Kulturbedürfnisse des Arbeiters hätten. Dafür könne ein Lokalverein nicht genügend sorgen; selbst wenn es ihm gelänge, an anderen Orten Lokalvereme zu gründen, so könne er doch nicht die in vielen Fällen nothwendige Anleitung und Anregung dauernd geben, um die neugegründeten Vereine in brauchbarer Weise zu erhalten; denn die Verbindung mit anderen Vereinen ist dem Lokalvereine nicht gestattet. Nicht minder wird auf die mehr und mehr centralisirten Unter- nehmer - Organisationen hingewiesen, denen gegenüber nur die Centralvereine erfolgreichen Widerstand zu leisten vermöchten. Dagegen machen die Lokalisten wohl geltend, daß ein Lokalverein auch in rem gewerkschaftlicher Hinsicht mit Rücksicht auf lokale Bestrebungen zweifellos den Vorzug verdiene. Zugleich aber gestehen sie wenigstens durch die That den Gegen- gründen der Centralisten eine gewisse Berechtigung zu.
Daraus erklärt sich das Bestreben vieler Lokal-Vereine, sich mittelst des sogenannten VertrauenSmänner- Svstems zu centralisiren. Bisher schon haben sich 5 Systeme dieser Art mit circa 73,000 Mitgliedern gebildet. Das oberste Organ in diesem Systeme ist der Delegirten-Kongreß; die Delegirten werden mit Ruck- sicht auf die Vereins-Gesetzgebung in öffentlichen, nicht aber in Vereins-Versammlungen gewählt; aus derselben Rücksicht darf der Kongreß nicht von einem Vereine einberufen werden. Zu den Angelegenheiten des Kongresses gehören Sammlung und Verwaltung eines Streik- Ünterstützungs-Fonds, Agitation unb bergt Der Kongreß wählt für die qesammte Geschäftsleitung einen Central-Vorstand. Mit diesem stehen in Verbindung die Vertrauensmänner der Orte, wo entsprechende Lokal- Vereine existiren. Von der Wahl dieser Vertrauensmänner, die nicht ein Amt in dem Lokal - Vereine bekleiden sollen und von der Wahl etwaiger Lohn-Kommissionen und Revisoren gilt dasselbe, was von der Wahl der Delegirten gesagt wurde. Die Vertrauensmänner berichten an den Central-Vorstand über örtliche Vorkommnisse und sorgen für Bekanntmachung und Durchführung der Anordnungen desselben; sie sammeln mittelst Bons oder Listen Gelder, die zum Theil an den Central - Vorstand abzuführen sind; sie berufen nicht gethan haben, wenn ich nicht die unzweifelhaften Beweise von Zuneigung für mich aus ihrem Benehmen hätte schöpfen können. Sie reichte mir die Hand und wir wurden ein recht glückliches Paar. Ve^ wandten haben mich nicht merken lassen, daß ich doch nur ein ganz gewöhnlicher Handwerker war, und ms auf diese Stunde habe ich mit ihnen den freundschaftlichsten Verkehr unterhalten. Unsere Ehe war mit zwei Kindern gesegnet. Mein Sohn ist als Reserve-Offizier auf dem Felde der Ehre für sein Vaterland gestorben. Das Glück meines einzigen Kindes, meiner Tochter Bertha, würde ich, wenn Sie mich nach dem eben Erzählten für würdig halten, in Ihre Hände legen.
Bäumer verneigte sich mit einem bewundernden Blick auf den alten Herrn.
„Wie ich schon erwähnte", begann Droop weiter zu erzählen , .„war das Haus meiner Eltern durch meinen Rechtsanwalt für mich erworben worden. Als meine Kräfte nicht mehr hinreichten, um die immer größer gewordene Fabrik zu leiten, zog ich mich, nachdem ich diese unter günstigen Bedingungen veräußert hatte, in das Privatleben zurück. Seit drei Jahren wohne ich nun wieder hier im Heimathsorte. Ich ließ das Haus meiner Eltern abbrechen und baute dafür ein neues. Leider habe ich es seitdem oft bereuen müssen, daß ich meinen Wohnsitz änderte. Jener Mann,
überdies, so heißt es in der von der General-Kommission der centralisirten Gewerkschaften herausgegebenen Broschüre „Die Organifationsfrage" vermag ine Centrali- ssedr"wobl, das Klassenbewußtsein der Arbeiter ihrer Mitglieder, zu wecken und sie zu politischer Thätigkeit anzuregen: es liegt in der Diskussion aller gewerhchastlichen Fragen schon die Anregung für jeden Betheiligten werter zu denken und, ohne daß man nöthig hätte, ihn direkt auf die Politik zu verweisen, ihn dennoch auf dieser Gebiet zu drängen. .. . Es wäre ein müßiger Streit, hier entscheiden zu wollen, welche Organisation mehr dazu beizutragen haben, das Anwachsen der Arbeiterpartei zu zeitigen, ledenfalls aber dürfte ein nicht geringer Theil der Erfolge, welche auf diesem Wege errungen worden sind, den Centralisationen zusallen ... Wir wissen ganz genau, daß eine endgültige Besiegung in der Lage der Arbeiterklasse, daß die Beseitigung der Lohnarbeit, die Erringung des vollen Ertrages der Arbeit, nu r a u f p o l i t i s ch e m W e g e erzielt werden können. Andererseits aber muß die Masse der Arbeiter für diese Ideen ge- Wonnen werden, durch den wirthschaftlichen Kamm in der heutigen bürgerlichen Gesellschaft, denn er, der Kampf um die Lebenshaltung der Uebergriffe der Unternehmer, gegen den Mißbrauch ihrer ökonomischen Machtstellung, er ist es, welcher dem Arbeiter, der noch nicht genügend für die politische Thätigkeit gewonnen ist, einen Einblick in die Mißstände unserer heutigen Produktion gibt. . . . Wir werden uns bemühen, der deutschen Arbeiterschaft klar zu stellen daß wir nicht auf dem Standpunkte stehen, zu glauben, daß durch die Gewerkschaft alles erreicht werden kann, was zu erreichen ist, sondern die Gewerkschastsorganisation im heutigen Sinne durch die Verhältnisse geboten, daß sie aber nichts weiter ist, als eine Etappe indem allgemeinen Emanlzipatlons- kampfe des Proletariats ... Was sonst noch nach dieser (der politischen) Richtung fehlen sollte, wird wohl durch öffentliche Versammlungen, welche mit der Organisation nichts gemein haben, nachgeholt werden."
Bei Besprechung ber Nothwendigkeit statistischer Aufnahmen innerhalb ber Gewerkschaftsorganisation wirb ausgeführt:
„Mehr noch aber wird die Statistik in einer Gesellschaft notbwendio sei«, in welcher die Produktion geregelt werden soll. Durch unsere statistischen Aufnahmen gewöhnen wir also die Arbeiterklasse an diese Einrichtung. Deshalb dient auch diese Thätigkeit mit zur Schulung und Bildung der Arbeiter und führt diefe allmählich dazu, ihre geschichtliche Aufgabe lösen zu können."
Die Broschüre schließt:
„Immer das Endziel der Arbeiterbewegung im Auge behaltend, wollen wir in dem engen Rahmen, welcher uns durch die Gesetzgebung gezogen ist, so viel als möglich zu wirken suchen, daß die Arbeiterklasse gesund an Körper und Geist und widerstandsfähig erhalten bleibe."
In einem Artikel bes,Sozialpol. Centralbl/ erklärt ber Vorsitzenbe ber bezeichneten Generalkornmifsion, Legieu-Hamburg, „baß bie Gewerkschaftsbewegung unb Organisation nichtSelbstzweck, fonbern ein Mittel sei, um bie Sozialisirung ber Probuktion vorzubereiten." „Die Gewerkschaften vertreten bie Ansicht, daß eine materielle Gleichberechtigung und eine Garantie für eine befriebigenbe Existenz der Arbeiterklasse von ber heutigen Gesellschaft nicht zu erreichen ist." In ben Kreisen ber sozialdemo- kartischen Arbeiter „lernt man einsehen, baß bie Gewerkschaften insbesondere diejenigen Schichten ber Arbeiterbevölkerung zu gewinnen vermögen, welche bem politischen Leben unb ber politischen Thätigkeit verstänbnißlos gegenüberstehen."
Segen ruhte benn auch auf allen meinen Unternehmungen ; ganz befonberen Erfolg hatte ich aber durch die Uebernahme einer bedeutenden Lieferung in Maschinen für eine fremde Regierung. Es war dies, wie ich mir damals nicht verhehlen konnte, eine . . . nennen wir es Spekulation, deren Resultat Anfangs nicht abgesehen werden konnte. . . Doch sie gelang und machte das von mir geleitete Etablissement gewissermaßen berühmt . . .
Jetzt endlich, nach 5 Jahren, konnten sämmtliche Schulden der Fabrik getilgt werden, ja nach gewissenhafter, von mir selbst aufgestellter Berechnung ergab sich noch ein ziemlich bedeutender Ueberschnß für dieselbe. Hoch erfreut hierüber eilte ich zu meiner Brod- Herrin und legte ihr den günstigen Abschluß vor. Sie sah mich freudig lächelnd an, dann ergriff sie meine Hand und Worte des Dankes strömten über ihre Lippen. Ich Hattees ihr zu verheimlichen gesucht, daß ich selbst mein kleines Vermögen in das Geschäft einlegte, sie mußte es aber doch durch den Buchhalter erfahren haben, denn sie erwähnte dieses Umstandes und zeigte sich dabei so außerordentlich freundlich, daß ich versucht war, zu glauben, sie könnte noch etwas mehr als Dank für meine Pflichterfüllung habe aussprechen wollen. Nach einiger Zeit wagte ich, der ich mich bisher nur dann, wenn sie es verlangte, ihr genaht, ihr von tiefster Verehrung für sie zu sprechen. Ich würde dies