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19. Jahrgang

Donnerstag, den 21. April 1892,

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mässe des Geschäfts: diese ergab, daß man schon seit Jahren mit Unterbilanz arbeitete.

Dem Chef, der dies ja auch wissen mußte, machte ich vor der Hand von meiner Entdeckung keine Mit­theilung, um sein Ende, das nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien, nicht dadurch zu beschleunigen. Er war überdies schuldlos an der Kalamität des Ge­schäftes. Sein Ende trat schneller ein als ich geglaubt. Eines Morgens wurde ich aus der Fabrik in sein Wohnhaus gerufen. Ich fand ihn in feinem Schlaf­zimmer, von seiner Frau und dem Arzte umgeben, mit dem Tode ringend im Bette. Er drückte mir die Hand und bat mich mit einem mir nur verständlichen Blick auf seine Frau, ich möchte im Geschäft bleibm und mich seiner theuren Gattin annehmen. Nach einer halben Stunde hatte ihn der Tod von seinen Leiden erlöst. Ich tröstete die meinem Schutze anvertraute Wittwe; dann nahm ich mir vor, Alles aufzubieten, um den bevorstehenden Ruin der Fabrik zu verhüten. Auf die Hilfe der Verwandten des Verstorbenen und der Wittwe war, wie ich mich bald überzeugte, hierbei nicht zu rechnen. Der noch lebende Bruder des ersteren war Offizier und hatte als solcher mit seiner zahl­reichen Familie kaum sein dürftiges Auskommen. Der Vater der jungen Wittwe, ein höherer Beamter, hatte

Am Kostschalter.

Kriminal-Roman aus dem Berkehrsleben von Th. S ch midt.

(12. Fortsetzung.)

Das auf unehrliche Weife erworbene Geld hat dem­nach dem Mann keinen Segen gebracht. Für seine betrügerischen Thatm ist Ring hart vom Schicksal be­straft. Sein einziger Sohn ist em mißrathener Sprosse geworden. Er selbst ist durch den Sturz von einem Baugerüste an einer Seite gelähmt. Vermögen besitzt er augenblicklich nicht mehr, er lebt vielmehr von einer sehr kleinen Summe, welche ein vermögender Ver­wandter für ihn ausgesetzt hat.

Meine Stellung in der Fabrik in B. war indessen «ine recht schwierige. Ich hatte nicht nur die Arbeiter zu überwachen, sondern auch die Kaste und die Bücher zu führen, da mein Chef, ein Mann in den dreißiger Zähren, lungenkrank und dadurch verhindert war, sich eingehend mit diesen Arbeiten zu befassen. Nach kurzer Zeit war ich jedoch mit den einzelnen Geschäftszweigen des Etablissements vertraut. Diese Kenntniß machte mir alsbald klar, daß die Fabrik sich in einer ganz LÄenklichen Lage befinde.

Ich verschaffte mir, ohne Jemanden etwas hiervon merken zu lassen, eine Uebersicht der Aktiv- und Passiv­

selbst Schulden. Die Lage der Hinterlassenen war unter diesen Umständen eine recht bemitleidenswürdige. Die Gläubiger drängten von allen Seiten. Bisher hatte ich durch das Hinhalten dieser es verhindert, daß sie mit Anttägen wegen Begleichung der Forde­rungen sich an die ttauernde Wittwe wandten. Mit meinen Ersparnissen und dem Erbtheil meiner Eltern, befriedigte ich zunächst die dringendsten Gläubiger. Allein, was wollte dies sagen gegen einen Passivstand der Fabrik von fünfzig Tausend Thalern. Die mißliche Lage des Geschäfts blieb denn auch der Wittwe nicht unbekannt. Eines Tages ließ sie mich zu sich bitten. Sie zeigte mir eine Aufstellung ihres verstorbenen Mannes, welche er kurz vor seinem Tode angefertigt und die sie 'unter feinen Papieren gefunden hatte. Hiernach sollte die Fabrik mit obiger Summe ver- schuldet sein. Ich bat die schwergedrückte Frau, mir das Papier zu übergeben, wobei ich bemertte, daß diese Angaben wohl auf einem Jrrthum beruhen würden. Sie war jedoch nicht zu überzeugen, um so mehr nicht, da sich auch einige Gläubiger entgegen meiner Bitte, wegen ihrer Forderungen dirett an sie gewendet hatten. Ich mußte auf chr Drängen schließlich die nackte Wahr- heit gestehen, und dann beschwor ich sie, sich nich allzusehr aufzuregen. Wenn sie Vertrauen zu m

schätzen, ohne daß für die Beanstandung der ersten Einschätzung ein Grund angegeben wurde, und daß anderen Steuerpflichttgen Veranlagungen zugeschickt worden sind, in welchen sie mit einem höheren Ein­kommen als mit demjenigen, welches sie angegeben, zur Steuer herangezogen waren, gleichfalls ohne jegliche nähere Erklärung oder Begründung.

* Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Zusammen­setzung der Kommission für Arbeiterstatistik; dieselbe besteht aus Unterstaatssekretär Dr. v. Rottenburg als Vorsitzenden, Geh. Rath Dr. v. Scheel als Mitglied des statisttschen Amts, Ministeraldirettor Löhmann, Vorstand des statistischen Bureaus in München Geh. Rath Rasp, Kgl. sächs. Reg.-Rath Morgenstern, württembergischer Ober-Reg.-Rath v. Schicker, Vorstand der badischen Fabrikinspektion Ober-Reg.-Rath Dr. Wörishoffer und den Reichstagsabgeordneten Biel, Dr. Hartmann, Plauen, Dr. Hirsch, Hitze, Schippel und Siegle.

* DieUntersuchunginfolgederneuestenAhlwardt'schen Broschüre ist in vollem Gange. Ahlwardt hat 60 Zeugen nahmhaft gemacht. Vom Kriegsministerium sollen bereits Sachverständige zur Begutachtung destgnirt sein. Eine Beschlagnahme der Broschüre ist nicht er­folgt.

* Zeitungsmeldungen von bevorstehenden Verhand­lungen zwischen deutschen und ausländischen, insbe­sondere österr.- ungarischen, schweizerischen u. s. w. Eisenbahnverhandlungen zwecks Herstellung überein­stimmender Tarifschemas und gleichmäßiger Tarife be- ruhen auf Verwechselungen. Zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn ist eine gleichmäßige Gestaltung der innerstaatlichen Betriebsreglements vereinbart worden, über eine Abänderung der zugehörigen Zusatzbestimm­ungen wird noch verhandelt; ebenso finden Verhand­lungen zwischen mitteleuropäischen Eisenbahnverwalt­ungen über Vereinfachung des Geschäftsganges statt. Eine Aenderung des deutschen Tarifschemas oder gar der Tariffätze kommt bei alledem nicht in Frage.

* Zur Ermordung des Dekans Poninski in Posen schreibt man der ,AugSb. Post': Als am 23. Januar 1889 in Lahr Dekan Förderer, einer der Führer der katholischen Partei in Baden, von dem sozialistischen Buchbindergesellen Adda durch 11 Stiche hingemordet wurde, stellte sich bald heraus, daß der Unmensch das Gift fanatifchen Priesterhasses aus der Lettüre liberaler kirchen- und klerusfeindlicher Zeitungen und Kalender in sich aufgesogen hatte. Diese Erinnerung an den entsetzlichen Tod des Lahrer „BlättleschreiberS" (den Titel hatte Förderer sich selbst in seinem ,Lahrer An- zeiger' beigelegt) drängt sich unwillkürlich auf, wenn man die Nachrichten über das anarchistische Attentat aus den Dekan Poninski liest. Daß die vier Mord­buben, bereit Tod bereits das geplante Verbrechen äußerlich gesühnt hat, anarchistische Verschwörer waren, unterliegt keinem Zweifel. ES ist eine alte Erscheinung, die seit der großen französischen Revolutton fast bei allen revolutionären Gewaltthaten zu beobachten war, daß neben den weltlichen Machthabern in erster Linie stets der Kl er u S als Opfer auSerfehen ist. In dieser Thatsache dokumenttrt sich so recht deutlich die hohe

Deutsches Keich.

Berlin, 19. April.

* Der Berliner Feiertagsverkehr war größer als je zuvor. Trotz der wesentlich vermehrten Verkehrsmittel reichten diese bei Weitem nicht aus, die Tausende und Abertausende aufzunehmen, die sich in drangvoll fürchter­licher Enge nach den Bahnsteigen, den Dampfschiff- landeplätzen rc. schoben. Ueberall Ueberfüllung. Glück­licherweise scheint Alles gut von Statten gegangen zu sein; wenigstens werben ernste Unfälle ober besonders grobe Excesse nicht gemeldet.

* Offiziös wirb versichert, daß hier, in Berlin, bisher keine Thatsache bekannt geworden sei, welche auf einen Besuch des Zare« in Berlin schließen lasse. Von anderer Seite Wird der Besuch des italienischen Königspaares für den 9. Juni angekündigt.

* Der preußische Handelsminister hat int Einver­nehmen mit dem Kultusminister und dem Minister für Landwirthschast den Entwurf einer Polizeiverordnung aufgestellt, welche den für den Umfang der einzelnen Provinzen zu erlassendm Polizeiverordnungen über die äußere Heilighaltung der Sonn- und Festtage zu Grunde gelegt werben soll, ohne daß jedoch badmch etwaige tn provinziellen Eigenthümlichkeiten begründete Bestimmungen ausgeschlossen sein sollen. Der Entwurf ist den Ob er Präsident en zur Begutachtung über­sandt worden. Abgesehen von den durch die reichs- äesetzliche Regelung der gewerblichen Sonntagsarbeit bedingten Aenderungen enthält der Entwurf im Wesent- lichen nur eine Kodifikation der bereits bestehenden Be- stimmungen. _ ~ ,

* Der frühere Kultusminister Graf v. Zedlitz- Trutzschler würbe von bet theologischen Fakultät ber Universität Greifswald zum Ehrendottor ernannt.

* Das neue Steuerveranlaguugsverfahreu hat an manchen Orten eine ziemlich weitgehende Ünzuftieden- heit zur Folge gehabt. Namentlich find Klagen darüber laut geworden, daß die nach bestem Wissen und Ge­wissen ©eiten» der Deklarationspflichtigen abgegebenen Einkommenserklärungen ohne Angabe von Gründen von den Veranlagungskommissionen beanstandet und dem Steuerpflichtigen kurzer Hand ein höheres Einkommen zudekretirt wird, als er selbst ermittelt hat. In Lieg- nitz hat man bereits eine Kommission gewählt, um Material zu sammeln, auf Grund dessen der Finanz­minister ersucht werden soll, durch einen Kommissar ober ben Vorsitzenden ber Berufungs-Kommission fest­stellen zu lassen, welche Ungesetzlichkeiten bei ber bortigen Veranlagung zur Einkommensteuer stattgefunben haben. Die Vorwürfe, welche bort ber Veranlagungs-Kom­mission gemacht werden, beziehen sich sowohl auf die Nichtangabe von Gründen bei der Beanstandung von Steuererklärungen als auch auf die Nichterhebung an- gdwtener Beweise und auf die Nichtaufnahme eines Protokolls bei mündlichen Verhandlungen mit Steuer­pflichttgen. Auch aus Kattowitz werden ähnliche Be­schwerden der Steuerzahler gemeldet. Es wird darüber Klage geführt, daß mancher Steuerpflichtige, nachdem er feine Selbsteinschätzung abgegeben, die Weisung er­halten hat, sich binnen 14 Tagen noch einmal einzu-

। Btertelialjruoer ÄDonnemenispt ^thgeber Landwirtschaft, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mar? ;4) Uenmg.

Bedeutung des Pr iesterthum s für die Aufrechter- haltung ber bestehenden und jeder legitimen Ord­nung. Wir nannten den Mörder des Dekans För­derer einen Sozialisten, das war er, fo sehr auch die sozialdemokrattfche Partei sich gegen dieses Faktum sträubte. Auch die Mörder des Dekans Poninski waren Sozialisten, allerdings solche, welche die bluttge Lehre des Sozialismus, eines ber Vorkämpfer beS Liberalismus, von bent „letzten Pfaffendarm, an dem die letzte Nonne baumelt", etwas unklug zur unrechten Zeit in die Wirklichkeit übersetzen wollte. Wir machen nicht die sozialdemokratische Partei als für eine einzelne Gräuel- that verantwortlich, wir glauben sogar gerne, daß dir besseren Elemente derselben in ber Vemrtheilung ber» selben mit uns einig sind. Aber die sozialisttsche Lehre, welche in ihren äußersten Konsequenzen zu solchen Bestialitäten führt, machen wir ganz entschieden für die anarchistischen Schandthaten mitverantwortlich. Nie­mand wird Anarchist, der nicht zuvor Sozialist gewesen ist. Wenn die roheren Elemente dieser Partei immer und immer wieder von dem bevorstehenden großen ,Kladderadaffch' reden hören, bei dem die allgemeine Richtigstellung der Weltuhr stattfinden soll und die Güter dieser Welt Gemeingut werden, dann überkommt sie das Verlangen, auf ihr eigenes Risiko jetzt schon das zu unternehmen, was zur gegebenen Zeit und von der großen Masse verübt nicht als Verbrechen, sondern als eine „verdienstvolle Thai" der „Gerechtigkeit" ge» priesen würde. Lasse man sich doch durch die harmlose Miene, welche der offizielle Sozialismus heute noth- gedrungen annimmt, nicht täuschen! WaS jetzt hier und dort in der Welt unter der Devise des Anarchis­mus sich abspielt, ist nur der Vorbote deS grofjen .Kladderadatsch', den die Bebel und Genossen sehnlichst herbeiwünschen. Die opportunistischen Phrasen von dem „allmählichen Hineinwachsen in den sozialistischen Zu- kunftSstaat" können nur polittschen Kindern Sand in die Augen ftreuen; die große Mehrheit der sozialistischen Partei will auch davon nichts wissen.

* Xante», 18. April. Im Mordprozeß Busch off ist dem Vernehmen nach die Anklageschrift fertiggestellt und wird voraussichtlich in den nächsten Tagen zuge- stellt werden. Die Vertheidiger der drei Angeklagten (Buschoff, Fran und Tochter) sind die Rechtsanwälte Gummersbach (Köln), Stapper (Düsseldorf) und Fleisch- Hauer (Cleve).

Ausland.

* Bekanntlich beschäftigt sich daS ftanzösische Kriegs­ministerium seit einiger Zeit sehr angelegentlich mit der Frage der Berproviantirnng von Paris für den Fall einer neuerlichen Belagerung. Festgestellt ist bis jetzt, daß auf die Zeit von fechs Monaten die Pariser Bevölkerung benöthigen würde: 2 500 000 Meter-Centner Getreide, 1200000 Meter - Gentner frisches Fleisch, 150000 Meter-Centner Salz, 3 000000 Meter-Centner Kartoffeln, 350000 Meter-Centner Gemüse, 3000000 Hektoliter Wein, 300000 Hektoliter Milch, 600000 Halbklafter Holz und 1000000 Tonnen Steinkohlen. Der Futterbedarf bettägt für dieselbe Zeit 7000000 Meter-Centner Heu, 700000 Meter-Centner Stroh