19. Jahrgang
Am Postschalter.
Kriminal-Roman aus dem Berkehrsleben von Th. Schmidt.
(11. Fortsetzung.)
VI.
Am Abend dieses für Bäumer so ereignißvollen Tages begab sich der junge Mann in das Haus des Rentiers Droop. Er traf ihn auf der Hausflur. Mit freundlichem Händedruck bat ihn Droop, in dos nächste Zimmer zu treten. Hier trat er auf Bäumer zu mit den Worten:
„Ich weiß bereits von Bertha, daß Sie uns des Glückes würdig halten, Sie Sohn nennen zu dürfen. Hierfür sind wir Ihnen im Interesse Bertha's, die schon lange eine stille Neigung für ihren Retter zeigte, ganz besonderen Dank schuldig, den ich hiermit in unser Aller Namen aussprechen möchte."
Bäumer wollte sprechen, aber der alte Mann ließ ihn nicht zu Worte kommen, sondern redete weiter:
„Ich war vorhin schon in Ihrer Wohnung, um mit ihnen über hier im Orte gegen Sie sowohl als gegen mich und meine Familie verbreitete Gerüchte zu sprechen, die seit dem Tage, an welchem Sie unser Kind retteten, der ganzen Stadt Stoff zur Unterhaltung gegeben zu haben scheinen."
„Ich weiß, ich weiß, Herr Droop ... und da man
* Der die diesjährigen
Wallfahrten;um Grabe des hl. Konifatius betreffende Erlaß Sr. Bischöflichen Gnaden, welcher gestern, am 2. Osterfeiertage, von der Kanzel verlesen wurde, hat folgenden Wortlaut:
Geliebte Diözesanen!
Fulda war, wie Euch bekannt ist, der Lieblingsaufenthalt deS hl. Bonifatius; hier lebte er von Zeit zu Zeit mit seinen Schülern und Ordensgenossen nach der Regel des hl. Benediktus; hierher zog er sich zu kurzer Erholung von anstrengenden Arbeiten als in sein theures Asyl zurück. Bon Fulda aus trat er auch eine seiner berühmten Romreisen an, um zu den Füßen des Nachfolgers des hl. Petrus über seine Thätigkeit Bericht zu erstatten, Rath zu erholen und zugleich seinen Schöpfungen in Deutschland durch enge lebensvolle Verbindung mit dem apostolischen Stuhle festen Halt und höhere Autorität zu verleihen. Hier wünschte er denn auch nach seiner mühevollen apostolischen Laufbahn für immer auszuruhen und seine Grabstätte zu finden. Diesen Willen, daß sein Leib in Fulda, in der Kirche des Klosters, bestattet würde, sprach er sehr klar und bestimmt aus. Und dieser Wille fand auch seine Erfüllung. .Nachdem er die Palme des Martyriums errungen hatte, wurde sein hl. Leib hierher gebracht, und die Stätte, welche die hl. Gebeine barg, wurde im Laufe langer Jahrhunderte in hohen Ehren gehalten. Heute noch pilgern ja alljährlich zu demselben zahlreiche Gläubige nicht bloß der Diözese, auch aus den entlegensten Orten unseres Vaterlandes.
Durch die Ungunst der Zeiten und Verhältnisse aber gerieth diese heil. Stätte unseres Vaterlandes ihrer äußeren Gestaltung nach in einen minderwürdigen Zustand. Daher hat in richttger Erkenntniß desselben schon mein hochwürdigster Herr Amtsvorgänger die ersten vorbereitenden Schritte zur Restauration der Domgruft gethan und seit meiner Uebernahme des bischöflichen Amtes ging mein Streben dahin, unter Mitwirkung des hochwürdigen Domkapitels das begonnene Werk fortzusetzen und mit Gottes Hilfe zu vollenden. Der liebe Gott hat auf die Fürbitte unseres hl. Apostels sichtlich geholfen, die Restaurations-Arbeiten nehmen erfreulichen Fortgang und am Bonifatiusfeste dieses Jahres wird es uns vergönnt sein, an der einem jeden Deutschen werthen, prächttg hergerichteten Grabesstätte des hl. Bonifatius zu beten.
Wir freuen uns auf diesen Tag und wollen uns die Freude nicht trüben lassen durch den Gedanken an die schweren Verbindlichkeiten, welche wir den Künstlern und Handwerkern gegenüber noch zu erfüllen haben; wir wollen vielmehr vertrauensvoll und freudig weiter sammeln, um zuerst diese Verbindlichkeiten zu erfüllen und dann den ganzen reparaturbedürfttgen Dom deratt herzustellen, daß wir in Wahrheit darin sprechen können: „Herr, ich habe lieb die Zierde Deines Hauses." (65, 25,8.)
Geliebte Diözesanen! Ich lade Euch demnach herzlich und väterlich ein, gerade in diesem Jahre an den Wallfahrten zum Grabe des hl. Bonifatius, welche in herkömmlicher Weise gehalten werden, Euch recht zahlreich zu betheiligen und Gott zu danken für die glückliche Wiederherstellung des Heiligthums, welches der Diözese Fulda, ja ganz Deutschland gehört.
Wir nennen den hl. Bonifatius mit gerechtem Stolze den Patron unseres Vaterlandes. Wohlan, so leget ihm am kommenden Pfingstfest so recht innig und glaubensvoll alle Anliegen desselben an's Herz. Gewiß hat Jeder von Euch seine besonderen Anliegen, und wie könnte es anders sein, als daß Ihr für diese zuerst besondere Gnade und Hilfe erfleht! Aber erweitert am Grabe des Apostels Deutschlands Euern Blick und Euer Herz unb umfanget die ganze hell. Kirche, die ganze Christenheit mit Eurer Sorge und Theilnahme. O, wer will es leugnen, die Zeiten sind ernst und verhängnißvoll, der furchtbare Kampf zwischen Christenthum und Gottlosigkeit tobt heftiger denn je; für jene christliche Kultur und Gesittung, welche der heil. Bonifatius unserem Vaterlande vermittelt hat, will man der Menschheit eine andere Kultur geben ohne Gott und Jesus Christus, eine Kultur, welche sie in tiefere Erniedrigung und Schande zurückwerfen würde, als der Heilige sie bei unseren heidnischen Vorfahren gefunden hat. Denn wohin anders sollen Grundsätze
richteter Seite" schreiben: „Die Friedenspräsenzstärke des deutschen Heeres an Mannschaften ist bekanntlich durch Gesetz vom 11. März 1887 bis zum 31. März 1894 auf 468,409 Mann festgesetzt, in welcher Zahl die Einjährig-Freiwilligen nicht einbegriffen sind. Vom 1. April 1894 muß die Friedenspräsenzstärke auf's Neue festgestellt werden. Die bezügliche umfangreiche und nach vielen Seiten hin gründlich zu erwägmde Vorlage beschäftigt gegenwärtig schon die Militärverwaltung, ohne daß bis jetzt etwas Bestimmtes aus diesen Berathungen hervorgegangen ist. Nach Feststellungen des zu Fordernden und erzielter Einigung mit den Militärverwaltungen der größeren Bundesstaaten wird dann die Zustimmung des Kaisers und die Genehmigung zur Vorlage an den Bundesrath eingeholt werden. Was nun die Hauptforderung der in Aussicht stehenden Vorlage anbetrifft, so ist ja schon regierungsseitig im Reichstage, und zwar durch den Reichskanzler am 27. November v. I., erklärt worden, daß man daran denken müsse, unser Ueberge- wicht über unsere Nachbarn durch die jährlich steigende männliche Bevölkerungsziffer praktisch auszunützen, d. h. die Zahl der zum Heeresdienst Auszuhebenden zu vermehren. Dies soll auch die Absicht der Militärverwaltung sein und durch die zu erwartende Vorlage bezweckt werden. Sämmliche Cadres sollen vermehrt werden, man spricht von etwa 45,000 bis 50,000 Mann, doch wird die endgiltige Entscheidung nicht vor dem Januar 1893 getroffen werden." — Diese bittere Pille sucht die genannte osfiziöse Korrespondenz einigermaßen zu überzuckern, indem sie Folgendes hinzufügt: „Wenn von der Reichsverttetung eine Bewilligung so einschneidender Natur verlangt wird, so muß nothgedrungen eine Gegenleistung gemacht werden, die in Einführung der zweijährigen Dienstzeit bestehen wird, ein Zugeständniß, zu welchem man sich, in Anbetracht des heutigen Bil- dungsgrades der Nation, an zuständiger Stelle im Prinzip entschlossen hat."
* Posen, 16. April. Hier eingetroffenen Nachrichten zufolge traf die russische Regierung eine weitere Gewaltmaßregel gegen die Katholiken, indem sie die Umwandlung der bekannten katholischen Kathedralkirche in Ostrog (Wolhynien) in eine russische Kirche beschloß.
* Kaiserslautern, 16. April. Der hiesige Stobt» rath hatte in seiner letzten Sitzung ein Gesuch des sozialdemokratischen Arbeiterwahlhereins wegen eines am 1. Mai beabsichtigten öffentlichen Umzuges einstimmig genehmigt. Das Bezirksamt hier, als distrikts- polizeiliche Aufsichtsbehörde hat jedoch laut Beschluß vom Heutigen diesen beabsichtigten Umzug verboten.
Ausland.
* Aarau, 18. April. Der allgemeine schweizerische Gewerkschaftskongreß ist von 107 Delegirten und 20 Gästen besucht. Nach Erledigung rein gesthäst- licher Fragen sprach gestern Abend der Arbeitersekretär Greulich-Zürich über obligatorische Berufsorganisation und Arbeitsstatistik. Der Kongreß beschloß heute die Aufnahme einer Arbeits- und Lohnstatistik und ge- — bot mir der Besitzer einer größeren Maschinenwerkstatt eine Oberauffeher-Stelle an. Die Annahme dieser Stelle sollte später mein Glück werden. Ich war kaum ein Jahr in der Fabrik thätig, als ich eines Tages an das Sterbebett meines Vaters gerufen wurde. Bon demselben erfuhr ich nun den Grund seiner plötzlichen Erkrankung. Was ich Ihnen nun erzähle, Herr Bäumer, sind die Worte eines Mannes, der sich schlicht und recht durch's Leben gekämpft hat; sie bürfen daher wohl auf Wahrheit und Glauben Anspruch machen. Mein sterbender Vater erzählte mir: Von der Regierung in B. war derzeit der Bau eines Gefangenhauses hier angeordnet. Mit der Ausführung desselben war der noch hier ansässige, Ihnen ja auch bekannte Bauunternehmer Ring, ein damals noch junger, aber vermögender Mann, beauftragt. Da der hiesige Landrath die Arbeiten meines Vaters als die besten in dieser Gegend fand, so wurde in dem mit Ring abgeschloffenen Ver- ttag ausdrücklich bestimmt, daß sämmtliche in das Schlossergewerbe einschlagende Arbeiten von meinem Vater ausgeführt werden sollten. Nach einem Seperat- vertrag des Letzteren mit Ring sollte dieser meinem Vater die Summe von dreitausend Thalern zahlen, sobald der Bau beendet sei. Als dies geschehen war und die verschiedenen Handwerker ihre Bezahlung erhielten, glaEte Ring meinem Vater Abzüge machen zu
arelntun? Feiertage ausgenommen. - Inserate kosten die einsvaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
'i Vrertellahrlicher Abonne-menlspreis ohne Brnigcrlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen' und der alle 14 Tage erscheinenden Gratisbeilage .Rathgeber für Landwtrthschaft, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
_ Mittwoch, den 20. April 1892.
Illdilk
führen, wie sie der moderne Unglaube verkündet, welche den Menschen zu seinem eigenen Gott machen und die Befriedigung thierischer Leidenschaft als letztes Ziel des menschlichen Fortschritts und der höchsten Kulturentwickelung feiern! Ach, müßt Ihr da nicht doppelt beten, daß diese unschätzbaren Güter christlichen Glaubens und christlicher Sitte, die Ihr dem hl. Bonifatius verdankt, diese Güter, von welchen der Trost des Lebens und das Glück einer Ewigkeit abhängt, nie aus Eurer und Eurer Nachkommen Mitte weichen? O ja, betet für dieses große Anliegen jeden gläubigen Herzens unserer Tage, betet für dieses unentbehrlichste Kleinod Eures Vaterlandes, ohne das alle äußere Größe und aller äußere Glanz desselben vor dem Ruin nicht schützen kann! Betet daher auch für unseren erhabenen Monarchen, von dessen Einsicht und Entscheidungen die Geschicke dieses Vaterlandes so sehr abhängen! Betet für die Bischöfe, welche alljährlich am Grabe unseres Apostels zusammenkonnnen, um über Eure heiligsten Interessen zu berathen! Betet endlich noch für eine große heil. Sache, für die Ehre und Würde jenes apostolischen Stuhles, dem der heil. Bonifatius mit glühender Liebe ergeben war, weil er dessen einzige Bedeutung für die ganze Christenheit mit tiefem Glauben und scharfem Geistesauge erkannte, weil er in ihm verehrte das Felsen-Fundament und den gewaltigen Licht- heerd für alle geoffenbarte christliche Wahrheit. O, dieser apostolische Stuhl, sein erhabener Träger, unser hl. Vater Leo XIII., wie sehr erheischt er zur Stunde unsere ganze Sorge und Theilnahme! Wie sehr muß es unser Wunsch und Gebet fein, daß er aus feiner bedrängten Sage befreit werde und die zur Verwaltung feines erhabenen Amtes erforderliche Freiheit und Unabhängigkeit wieder erlange! Gewiß, wir überlassen Tag und Stunde und Art der Wendung der Dinge demüthig der göttlichen Vorsehung — „denn ihre Gedanken sind nicht unsere Gedanken und ihre Wege sind nicht unsere Wege" — aber unsere Pflicht ist und bleibt es, für den hl. Vater zu beten, wie es die erste christliche Gemeinde für den ersten hl. Vater, den hl. Pettus, gethan, als er im Gefängnisse sich befand, und dieses Gebet, es wird und muß Erhörung finden, wenn es jetzt auch aussichtslos zu sein scheint. Darum erhebt gerade in diesem Jahre an der Grabesstätte des hl. Bonifatius recht dringend und herzlich den Hilferuf für den hl. Vater, wie ihn einst das katholische Deutschland im Jahre 1870 in der Domgruft dahier vertrauensvoll zum Himmel gesandt hat. Und wer kann es leugnen, daß seitdem der apostolische Stuhl ttotz aller äußerer Bedrängniß Triumphe geschaut, wie sie die Jahrhunderte nicht gekannt haben. Gewiß, so wird auch jetzt unser Gebet für die Ehre, das Recht und die Freiheit des hl. Vaters — wir haben die Verheißung des Herrn — seine wunderbare, uns noch unbekannte Erhöhung finden und der Welt auf's Neue zeigen, daß der Nachfolger des hl. Pettus der Fels ist, auf den der Gottmensch seine Kirche gebaut, „auf daß die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen."
Nicht daran zweifelnd, daß meine lieben Diözesanen die Einladung ihres Oberhirten bereitwillig annehmen und eine recht gnadenreiche Pflügst- und Bonifatius - Oktav feiern werden, er» theile ich denselben von Herzen den heiligen Segen.
Fulda, am Palmsonntag 1892.
t Joseph.
Deutsches Keich.
Berlin, 18. April.
* Es wirb hier als sehr wahrscheinlich bezeichnet, baß ber Zar auf seiner Rückreise von Kopenhagen, wo Enbe nächsten Monats bie golbene Hochzeit bes Königs- paares stattfinbet, ben Berliner Hof besucht.
* Von offiziöser Seite wirb mehrfach bestätigt, baß bie Regierung für bie nächste Zeite eine erhebliche Verstärkung ber Armee „entsprechenb bem Anwachsen ber Bevölkerung Deutschlanb unb ber Vermehrung anberer europäischer Heere" beabsichtigt. Währenb aber baS eine offiziöse Organ behauptet, baß bie betreffen» ben Vorschläge noch keine bestimmte Gestalt angenommen hätten, läßt sich bie ,A. R. G.' „von unter» es nicht vermocht hat, mein Interesse für Ihre Familie erkalten zu machen, so würben Sie mir eine Frenbe bereiten, wenn Sie bieseS Thema fallen ließen."
„Das kann ich nun leiber nicht, Herr Bäumer, weil mein ehrlicher Name burch jene Gerüchte beschmutzt ist. Ich halte es vielmehr für burchaus erforberlich, bevor Sie ben ernsten Schritt tijun, Ihnen Erklärungen über mich unb bie Meinigen zu geben, bamit Sie später nicht in bie Lage kommen, eine Verbinbung mit meinem Hause zu bereuen . .. Sßenben Sie nicht ein, daß dies unnöthig fei," fuhr er fort, als er sah, baß Bäumer ihn ungebulbig unterbrechen wollte. „Ich werbe mich möglichst kurz fassen."
Droop begann bann zu erzählen:
„Ich bin hier in D. als Sohn eines Schlossers geboren. Meine Eltern waren schlichte ehrliche Leute, welche mich basselbe Hanbwerk erlernen ließen. Nach- bem ich meine vier Lehrjahre beenbet, trat ich mit nach bamaligen Begriffen guter Schulbildung in eine Maschinenwerkstatt ein. In biefer verblieb ich weitere vier Jahre bis zum Tobe meiner Mutter. Nachdem ich einige Jahre in anderen technischen Anstalten, vorzugsweise zur Aneignung ber in bas Maschinenwesen einschlagenben Kenntniffe mich beschäftigt — es würbe mir bieS leicht, ba mein in Amerika lebenber, gut fituirter Stuber mir Gelbunterstützungen zukommen ließ