87 Freitag, dm 15. April 1892. 19. Jahrgang
schwellenden Polstern seufzen. Der Lenker der Geschicke hat dem Einen anscheinend mit freigebiger Hand die Glücksgüter zu Haufen in den Schooß geschüttet; es fehlt aber die Hauptsache, die Zufriedenheit, weil der Bevorzugte nicht gelernt hat, zu verzichten auf Das, was feinem Ehrgeiz oder feiner Genußsucht noch versagt bleibt. Der Andere hat wenig, vielleicht nichts erhalten von den Herrlichkeiten des irdischen Lebens, aber ihm ward das unscheinbare und doch so wunder- thätige Blümchen der Genügsamkeit zu Theil, mit dem er den Berg des Glückes öffnen kann.
„Lerne leiden, ohne zu klagen." Es gibt nun einmal kein Glück auf Erden, das nicht wie die Brunhilde der Sage von einem Flammenkranz des Schmerzes umgeben wäre. Das Himmelreich leidet Gewalt; das irdische Glück auch. Wir müssen ringen mit dem Leide und es niederhalten mit starkem Opfermuthe, daß es nicht heranreichen kann an die Ruhe unseres Herzens und Gewissens. Wenn in diesem innersten Seelenkämmerlein Frieden herrscht, dann können wir glücklich sein im sogenannten Unglück, dann können roir schon öfter« freude genießen auf dem Kreuzwege. „Nimm Dein Kreuz auf Dich"; es lohnt sich schon im Diesseits.
* Kreu; und Glück.
Eine Charfreitags-Betrachtung.
Auf das Kreuz richten sich jetzt die Augen und die Herzen. In diesen Tagen der Trauer erschemt uns das Kreuz noch nicht im Glanze der Oltersonne als Zeichen des Triumphes und der Herrlichkeit, sondern als Zeichen des Leivens, der Opferung, der Buße.
Wie kann man nun Kreuz und Glück zufammen nennen? Der gewöhnliche Sprachgebrauch wirft doch Kreuz und Unglück zufammen! Soll vielleicht die Ueberschrift dahin gemeint sein, daß Vas Kreuz uns das ewige Glück im I e n s e i t s vermittelt? Wir wollen aber an dieser Stelle nicht in eine religiöse Betrachtung eintreten, sondern vielmehr die Ueberschrift im Sinne der irdifchen Lebensweisheit auffasfen und den Zusammenhang des Kreuzes mit dem Gluck im Diesseits zu erkennen suchen.
Es ist das Unheil unserer Zeit, daß so viele Menschen nickt mehr lernen wollen, M leiden. Die sozialistischen Volksverführer strengen alle Kraf^ an, um dem begehrlichen Volke einen maßlosen Widerwillen gegen Entsagung und Geduld beizubringen. Spion eifert S£ di- ,«-sl ... 0eb«tfnl6Wdt-, um di- MMch. hert durch die Erweckung von Wünschen, die nicht befriedigt werden können, immer unzufriedener zu machen. Der Menfch toll' nicht ferner die Last ruhig tragen, die ihm das Schicksal oder vielmehr die Vorsehung auferlegt, sondern soll sich sträuben mit Händen und Fußen gegen das Kreuz, das für seine Schultern bestimmt ist. ^ Werden die Menschen glücklicher durch die Predigt der Unzufriedenheit und Widerspenstigkeit? Die Antwort gibt das Gleichniß von den zwei Lasteseln, die mit großen Ballen Schwämmen durch einen Fluß waten mußten. Der Eine ging geduldig Schritt für Schritt weiter und kam wohlbehalten an s Land. Der Andere versuchte seine Bürde abzuwerfen und brachte dabei die Schwämme in Berührung mit dem Wasser; sie sogen sich voll, die Last wurde schwerer und schwerer und der unzufriedene Esel versank in den Fluthen
Angesichts der Opfer ihrer freventlichen Aufftache- lunq zum Abwerfen des Kreuzes sagen die Volksverführer: „Der Zukunftsstaat wird dem Unglück auf Erden ein Ende machen; je unzufriedener die Menschheit wird, desto schneller wird unser Paradies auf Erden verwirklicht werden." O die Thoren! Wmn es wirklich möglich wäre, die Arbeitslast und den Ertrag derselben gleichmäßig auf alle Menschen zu vertheilen, so würde es auf Erven doch noch Kreuz und Leid in Ueberfluß geben. Was Natur und Menschenkunst hervorbringen, reicht längst nicht aus, um die Bedürfnisse und die Wünsche aller Erdenbewohner vollständig zu befriedigen; man würde nach wie vor Entsagung üben müssen. Der Zwang zum Verzichte auf manche ersehnten Genüsse würde künftig nur noch schmerzlicher
Am Postschalter.
Kriminal-Roman aus dem Berkehrsleben von Th.Schmidt.
(9. Fortsetzung.)
Bertha Droop war feit acht Tagen einige Stunden an schönen Nachmittagen von ihrer Mutter ms Freie geführt worden, um sich in der frischen Mallust zu erholen. Heute konnte sie schon allem einen Spaziergang nach dem Wäldchen in der Nähe der Stadt antreten. Dort angekommen, setzte sie sich auf eine Bank, um eine Weile auszuruhen.
Der Lenz, der lang ersehnte, war ja endlich äuge- biocficn unb mit ihm tum ßcbcit in bic 92citut, mif Bäumen und Zäunen grünte und blühte es. Aber auch in der Gesellschaft in D. ging etwas vor. Heute sollte ja das Frühlingssest in dem Honoratioren-Klub „Eintracht" festlich begangen werden. Allen Mitgliedern waren von der „Bergnügungskommisston Einladungen zugegangen, nur Bäumer hatte keine erhalten. Leute" so sagten sich die Vertreter des sogenannten "guten Tons", „die mit einfachen Handwerkern verkehren, können doch bei uns nicht mehr zugelassen werden " Außerdem brachte man, wie wir schon andeuteten, Bäumer mit der von ihm geretteten jungen Dame in solche anrüchige Verbindung, daß sein Fernbleiben, ja sein Austritt aus der „Eintracht" selbstverständlich erschien.
empfunden werden, weil die Begehrlichkeit ins Ungeheure gewachfen und die jetzt so trostreiche Hoffnung, daß man es später noch zu etwas Besserem bringen werde, vollständig abgeschniiten sein wird. Ferner wird kein phantastischer Zukunftsstaat die Krankheiten beseitigen können, die so viel Kreuz und Leid über die Menschen bringen, noch die Leidenschaften und Laster, die Elend und Jammer im Gefolge haben, fowohl für die Befallenen selbst wie für ihre Umgebung. Wahrlich, man muß die Augen krampfhaft fchließen, wenn man sich der handgreiflichen Erkenntniß verschließen will, daß es auf Erden immer Schmerzen und Unglück geben wird, so lange der Erdball sich dreht.
Darum müssen alle vernünftigen Menschen, mögen sie sonst auseinandergehen, wie sie wollen, sich einigen in der Kunst des Kreuz tragens. Natürlich sollen wir nach besten Kräften dahin streben, uns den Hunger, die Dürftigkeit, die Krankheit und andere Mißgeschicke von uns fern zu halten; aber wir sollen uns nicht einbilden, daß das jemals vollständig gelingen wird. Weil Leiden und Entbehrungen unvermeidlich sind, so kann der auf Erden glücklich sein, der Unglück zu ertragen gelernt hat.
Ja, kann man denn „glücklich" sein, wenn man „Unglück" zu ertragen hat? Darin steckt kein Widerspruch, wenn man die Worte richtig versteht. Das wahreGlück besteht nicht inder äußerlichen Behaglichkeit des Lebenslaufes, sondern in der inneren Zufriedenheit. Die Mißlich- feiten des irdischen Daseins, die man gewöhnlich Unglück nennt, machen Denjenigen nicht unglücklich, der ein reines Gewissen und ein tapferes Herz hat.
Was hilft das Klagen und Toben gegen eine unabwendbare Heimsuchung? Es bohrt den Stachel nur tiefer in die Wunde. Was hilft das Sehnen und Schmachten nach einem Luftschloß der begehrlichen Phantasie? Es macht nur die Erquickung an den erreichbaren Gaben des Schicksals zu Schanden.
Geduld und Selbstverleugnung sind vielen Menschen Thorheit und Aergerniß. In Wahrheit sind sie auch vom rein menschlichen Zweckmäßigkeits-Standpunkte die Blüthe der Lebensweisheit und die Schlüssel zum irdischen Glück. Ohne Opfer kein Heil, weder im übernatürlichen, noch im natürlichen Sinne. Der verständige Vater erkennt diesen Grundsatz auch ohne Weiteres an bei der Kindererziehung; er lehrt das Kind verzichten auf Dinge, die ihm nicht gut oder nicht dauernd erreichbar sind, und er, lehrt es die Unannehmlichkeiten ertragen, die sich nicht vermeiden lassen. Ihr Erwachsenen, erziehet euch selbst so, wie ihr die Kinder erzogen haben möchtet! Euer gesunder Menschenverstand sagt euch, daß die Kinder lernen müssen, ihr Kreuzchen auf sich zu nehmen. Wohlan, nehmt ihr auch euer Kreuz mit Entschlossenheit auf die Schultern.
Das Sprüchwort sagt: Jeder ist seines Glückes Schmied. Man kann mit demselben Rechte sagen: Jeder ist seines Unglückes Schmied! Wir kennen ja Alle Hütten, in denen glückliche Leute hartes Brod essen, und Paläste, in denen unglückliche Leute auf
Während Droop den Freund feines Hanfes auf« fnchte, um mit ihm die Schritte gegen die Verbreitung der unlauteren Gerüchte zu besprechen, nahm dieser, da jene Festlichkeit ihn verstimmte, den Weg zum nahen Walde. Er wollte möglichst fern weilen von dem Orte, wo die „Eintracht" ihr Fest feierte, bei dem er sonst in erster Linie mit engagirt gewesen. Auf dieser Wanderung kam ihm auch schon der angedeutete Gedanke, daß er wohl zu oft das Haus des Rentiers Droop betreten habe. Mit sich selbst uneinig und empört über die verlänrnderischen Menschen, schlenderte er seines Weges. Eben wollte er in den Wald einbiegen, als eine Stimme ihn anrief; aufblickend gewahrte er feinen neugewonnenen Freund, Doktor Ebert.
„Sieh da, Bäumer ! Das trifft sich ja gut. Ich wollte schon längst mit Ihnen einmal sprechen .... aber was ist denn geschehen? Sie machen ein Gesicht, als wenn Ihnen soeben ihr Todesurtheil gesprochen wäre?" unterbrach sich der Arzt.
In Bäumers Augen blitzte es auf.
„Wenn Die da" — er zeigte nach der Stadt — „es könnten, dann hätte ich wohl am längsten den Lebenden angehört. Gesellschaftlich haben sie mich ja fchon hier zu den Tobten geworfen."
„Ah bah, glauben Sie doch so etwas nicht.
„Dann scheinen Sie doch noch nicht zu wissen, was man über mich und ..."
Wegen des hl. Charsreitags wird die nächste Nummer ds. Bl. erst am Charsamstag ausgegeben.
Deutsches Keich.
Berlin, 13. April.
* Der Kaiser wird am 24. April d. I. in Saarbrücken erwartet.
* Der Kaiser wird nach den bisherigen Bestimmungen seine diesjährig- Nordlandsreise am 9. Juli antreten und am 6. August zurückkehren.
* Die Metzer Kaisermanöver beginnen am 3. Sept. Arn 14. September findet in Metz in Gegenwart des Kaisers die Enthüllung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals statt. Bon Metz reist der Kaiser voraussichtlich nach Stuttgart. , ,,
* Ueber das katholische Missionshaus, welches tn Schlesien errichtet werden soll, wird der ,Schl. Vztg/ von wohlunterrichteter Seite das Nachstehende mitgetijeilt: „Die Stehler Missionsgesellschaft, welche bereits für China und Südamerika Missionare liefert, hat sich seit längerer Zeit beim Kolonialamte in Berlin auch für eine Mission in den deutsch-afrikanischen Kolonial- und Schutzgebieten zur Verfügung gestellt und zur Errichtung eines Missionshauses in Deutschland zur Ausbildung von Missionaren erboten. Es sei dabei in Erinnerung gebracht, daß der hl. Vater selbst die Errichtung eines deutschen Missionshauses angeregt und den hochwürdigsten deutschen Episkopat zur Förderung dieses Unternehmens ermuntert hat. In Folge dessen hat der Afrikaverein in Köln bereits 100,000M. für diesen Zweck bereit gestellt. Anfangs war von den Obern der Stehler Missionszesellschaft Paderborn für das Missionshaus in Aussicht genommen; m jüngster Zeit sind dieselben hiervon abgegaugen und haben ihre Aufmerksamkeit Schlesien zugewendet. Auch sollen bereits wegen Ankaufs eines Bauerngutes in der Neiffer Gegend Verhandlungen schweben; wie weit bie«
„Fräulein Bertha schwätzt? Ja das weiß ich, und ich mache mir aus dem ganzen Gewäsch nichts. Diejenigen, die über Sie zu Gericht sitzen, sind verstimmte Mütter von heirathssähigen Töchtern, welche ja alle in Sie vernarrt sind. Lassen Sie uns mal von etwas Anderem sprechen. Ich hörte soeben, Sie würden versetzt, ist dem so?"
„Es kann sein, daß meine Versetzung bald erfolgt, da ich mich auf das höhere Examen an einem größeren Orte vorbereiten muß."
„Da Sie sich verbessern durch die Versetzung, so kann" ich wohl nicht gut mein Bedauern darüber aussprechen, aber was wird denn aus der lieben kleinen Bertha, he?" . ,
Bäumer entfärbte sich, was dem Doktor nicht ent« g'^,',Aus Fräulein Bertha? Wie kommen Sie, Freund, zu bitter Frage?" __
Na, bann muß ich wohl deutlicher werden. Sie haben mir ins Handwerk gepfutfcht; mehr als meine Medizin und meine Kunst haben Ihre Besuche tm Droop'schen Hause die Kranke wieder furirt."
Dabei sah er den jungen Mann, in dessen Gesicht sich deutliche Verlegenheit spiegelte, scharf an.
Bäumer wollte dies nicht zugeben.
„Ich glaube", fo jagte er, „die Jugend der Dame