Mittwoch, den 13. April 1892.
IS. Jahrgang
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Zeitung
also gestürzt werden: Erlösung ist Revolution. — Den Tod kann sie auch nicht leugnen, ihn einmal abzuschaffen im Zukunftsstaat wagt sie auch nicht zu hoffen; deshalb schweigt sie von ihm. — Die Aufklärung des menschlichen Verstandes erwartet sie selbstverständlich nicht von einer göttlichen Offenbarung und von der Tugend des Glaubens; sie setzt ihre Hoffnung auf die Wissenschaft, der im Zukunftsstaat jeder Arbeiter sich widmen wird zur Ausfüllung der Muße nach der dreistündigen Arbeit. — Die vielen Sünden und Verbrechen schreiben wir dem verdorbenen Willen zu, bei den Sozialdemokraten haben sie ihren Grund in einer krankhaften Verbildung des Menschen und daran if schuld die moderne Gesellschaftsordnung. Im Zukunftsstaat gibt es nur Tugendhafte. Demnach ist für die Sozialdemokratte Erlöser und Erlösung im Sinne des katholischen Glaubens etwas Unnöthiges und ein leeres Hirngespinst. Die Sozialdemokraten sind also nur konsequent, wenn sie ihre Angriffe gegen diese unsere Glaubenslehre von Erlösung und Erlöser mit Berserker- wuth richten. Das Leben Jesu von Strauß und Renan ist ihnen Evangelium; noch schmählichere Schriften gegen unseren göttlichen Erlöser eine viel empfohlene Lektüre, das Leben Jesu Gegenstand unzähliger sogen, volkswissenschaftlicher Vorttäge in ihren Versammlungen und das Agitationsgespräch in Fabriken und am Biertisch.
Besonders aber wird die Sozialdemokratie getroffen durch das Leben und die Lehre Jesu. Einige Sätze des „Nazareners" gefallen ihnen wohl, soweit dieselben gegen den Reichthum gerichtet sind. Der göttliche Heiland hat aber freiwillig ein Leben der bittersten Armuth und harter Arbeit geführt, hat Gehorsam geübt gegen jede rechtmäßige Obrigkeit, hat die Armuth selig gepriesen, hat Kreuz und Leiden hier auf Erden gesucht und lieben und suchen heißen, hat auf das irdische Glück, auf den „Himmel auf Erden" uns verzichten gelehrt: ein größerer Gegensatz also läßt sich kaum denken, als er zwischen der sozialdemokratischen Weltanschauung besteht und jener, die uns der göttliche Heiland durch Wort und That gelehrt hat.
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Am Aostschalter.
Kriminal-Roman aus dem Berkehrsleben von Th. Schmidt.
(7. Fortsetzung.)
IV.
Bäumer war Natur-Enthusiast. Für Spaziergänge in Gottes herrlicher Natur empfand er eine ganz besondere Vorliebe. Auch im verflossenen Frühjahr des Wahres, in dem unsere Erzählung spielt, unternahm er oft solche kleine Fußtouren nach dem reizend gelegenen „Gretenstein". Dieser Ort liegt etwa eine Stunde von D. entfernt und führt der Fußweg zu demselben an einer mit schönen Fichten bewachsenen tiefen Schlucht vorbei. Auf einem solchen Spaziergange wurde er von einem heftigen, mit strömendem Regen begleiteten Gewitter überrascht. Er war etwa bis zur Mitte des Felsens emporgestiegen, da wo derselbe fast senkrecht abfiel, als das Unwetter losbrach, und flüchtete sich unter eine Fichte, unter deren Schutz er das Wetter wollte austoben lassen. Hier mochte er kaum füns Minuten gesessen haben, als eine Dame, die ihm als die Frau des Rentiers Droop in D. bekannt war, in höchster Aufregung und laut klagend auf seinen Sitz zueilte. Da er etwas seitlich am Stamme des Baumes saß, so konnte die Frau ihn nicht sehen, er stand daher auf, als sie in seine Nähe kam, und redete sie an. Sie
liberalen Partei" auf, und als der Abmd kam, und die Regierung den zierlichen Menuett-Tänzen des Herrn v. Helldorff zusah, vergingen ihr alle „konservativ- klerikalen" Schulgesetz-Gedanken, so daß sie voll Entzücken auSrief: „Wie anders wirkt dies Zeichm auf mich ein!" Die Welt ist rund und dreht sich. Die konservative Fraktton des Herrenhauses hat inzwischm den tänzelnden Herrn v. Helldorff über Bord geworfen; auch dieses Ereigniß hat seine Folgen, und wer weiß, ob nicht bald Das, was unten steht, wieder nach obm kommt. Der Kultusminister Graf Zedlitz ist gegangen, und die liberale Presse hat dies frohe Ereigniß mit 101 Kanonenschüssen aus den verschiedmsten Zeitungsschlünden begrüßt. Allein statt Herrn v. Bennigsen erschien Dr. B oss e auf der Bildfläche. Graf Cap rivi gab das preußische Ministerpräsidium ab, indessen wurde die im Kastanienwäldchen geplante Serenade plötzlich abgesagt, denn wider Erwarten sahen sich die Siegesfrohen einem Eulenburg gegenüber. Kann man es uns verdenken, wenn wir diese Fährlichkeiten des Liberalismus, der eine Mime annahm, als hätte er die Welt erobert, in etwas heiterm Tone behandeln? Oder sollen wir etwa tiefsinnige geschichtsphilosophische Betrachtungen anstelle», um dem neuen Kurse auf den Gmnd zu kommen? Das wäre ein Bischen viel verlangt. Wir halten es mit Dubois-Reymond, der da sagt: „Ignoramus, ignorabimus“. — Es kann noch schlimmer, aber auch viel besser werden wie man dentt. Die Krisis im Ministerium ist noch nicht abgeschlossen. Wenn Graf Caprivi geht, so werden wir das bedauem, aber vielleicht ist sein Nachfolger auch nicht so übel. Was Herrn Dr. Bosse betrifft, der ein sttenger Orthodoxer ist und katholisches Leben aus eigener Anschauung sehr wenig kennt, so versprechen wir uns von ihm allerdings mH viel. Allein er ist ein scharfer Gegner des Unglaubens, noch weit mehr wie Graf Zedlitz. Es ist keineswegs zu befürchten, daß er mit den Liberalen geht, und deshalb ist anzunehmen, daß er allmälig auch mit dem Centrum Fühlung suchm wird, weil er sich als Staatsmann doch nicht lediglich auf den rechten Flügel der konservativen Partei — was ihm wohl am liebsten wäre — stützen kann. Unter so bewandten Umständen sehen wir dm kommenden Dingen ohne Furcht und auch ohne Pessimismus entgegen, nur an Vertrauen zur Staatsregierung haben wir eingebüßt, seitdem wir diese große Schwankung und Schwenkung gesehm. Wir denken nicht daran, die Fahne der grundsätzlichen Opposition zu entrollen, und rufen auch nicht die Centrums- Wählerschaft zu einer allgemeinen Mobilmachung auf. Daß wir aber nach dem 18. März auf unserer Hut sind und sorgfältiger als bisher Acht geben auf die Zeichen der Zeit, kann uns Niemand übelnehmm, um so weniger, als die Ueberraschungen noch keineswegs abgeschlossen zu sein scheinen. Niemand bürgt uns dafür, daß nicht in kürzester Zeit eine neue, noch radikalere Wandlung erfolgt. Die Gegensätze in dm maßgebenden Kreisen ringen mehr als jemals um dm Sieg, so daß alles noch den Charakter des Vorläufigen trägt. Die national-liberale Helldorff'sche Mittelpartei
schritten zu sein und war an dieser Stelle vor dm entsetzten Blicken der Mutter ausgeglitten und ohne Halt den mit scharfen Steinkanten besäeten Abhang Ijinuntergerollt. Während dies Bäumer überschaute, war die Dame wieder bei ihm angelangt. Der junge Mann setzte ihr kurz auseinander, daß noch alles einen guten Verlauf nehmen könne, sie möchte nur schnell zur Stadt gehen und einen Wagen auf der am Fuße les Berges sich hinziehenden Landstraße herschicken, wenn möglich auch einen Arzt zur Stelle fenbeit, während er den Versuch machen wolle, von hieraus zu i)er Verunglückten zu gelangen, da der Weg bis zur Fahrstraße und von dort bis zur Thalsenkung, in welcher das junge Mädchen liegen mußte, erst in etwa zwölf Minuten zu erreichen sei. Hingegen würde er iei vorsichtigem Absteigen in die Tiefe von seinem Stande ab höchstens nur drei Minuten gebrauchen, um an demselben Ort einzutreffen. Es war dies allerdings ein Wagniß, welches ihm das Leben kosten konnte, Dagegen war aber anzunehmen, daß einige Minuten Zeitgewinn der Verunglückten noch das Leben retten tonnte; deßhalb entschloß er sich rasch und warf sich zur Erde nieder. Auf dem Gesicht liegend bohrte er nun seine Füße fest in den Boden unter sich, dann erfaßte er mit den Händen die zur Seite greifbaren Sträucher oder Büschel 'Gras, um, diese festhaltmd,
Deutsches Keich.
Berlin, 11. April.
* Ueber die künftige Haltung des Centrums gegenüber der seit dem 18. März d. I. wahrgenommenen Unbeständigkeit der Regiernngspolitik schreibt die ,Köln. Volksztg.' u. A. Folgendes: Sollte die Regierung liberale kulturkämpferische Bahnen einschlagen, so würden wir uns selbstverständlich in eine feste Opp o sit ion sstellung zurückziehen. Allein viel wahrscheinlicher sind zunächst neue Schwenkungen und Krisen, ohne daß auch nächsten Winter eine klare entschiedene Position von Seiten der Regierung eingenommen wird. Es wirken zu viele verschiedene Kräfte gegeneinander. Die gegenwärtige Landtags- session stand anfangs unter dem Sterne der „klerikal- konservativen Allianz," die Regierung war es zufrieden. Dann tauchte am Horizonte die Wolke der „großen stutzte, rang dann verzweifelnd die Hände und bat mit von Thränen erstickter Stimme den jungen Mann, ihr Kind, ihre Tochter Bertha, zu retten.
Auf seine Frage, was denn geschehen sei, stieß sie laut wehklagend die Worte hervor:
„O mein Gott, mein Kind ist da ... da .. . hinter dem Vorsprung ausgeglitten und den Abhang hinunter gefallen. O Gott! Vielleicht ist sie schon tobt! Retten Sie! Helfen sie mir!"
Ohne ein Wort zu erwidern, lief der junge Mann so schnell er nur vermochte der bezeichneten Stelle zu. Hier erkannte er mit Schaudern an den Spuren, welche der Fall der Dame am Rande des Abhanges hinterlassen hatte, den in der That höchst gefährlichen Weg, welchen die Verunglückte über hervorragende Steine und niedriges Strauchwerk zurückgelegt. Ein Blick auf die Umgebung genügte ihm, die Situation zu überschauen. Jedenfalls hatten die beiden Damen, um sich vor dem Unwetter zu flüchten, den etwa sechs Stufen unterhalb des Weges liegenden Ruhesitz, der von einigen mächtigen Tannen überragt wurde, erreichen wollen, in der Hast jedoch nicht mit der nöthigen Vorsicht die gefährliche Lage der ziemlich primitiven Stufen beachtet. Da überdies der erweichte lehmige Boden schlüpfrig war, so war ein Ausgleiten auf demselben unvermeidlich gewesen. Die Tochter schien vorange-
R. Wie stellt sich die Sozialdemokratie zum Erlöser?
Segen wir uns zunächst die Frage vor: Was muß die sozialdemokratische Lebensanschauung ihrer Natur nach vom Erlöser und von der Erlösung halten? Nach dem katholischen Glauben ist die Menschheit für ein übernatürliches Ziel, für den Himmel bestimmt und unseren Stammeltern war eine erbliche Ausstattung übernatürlicher Güter und Hilfsmittel zur Erreichung dieses Zieles gegeben, erblich unter der Bedingung, daß die ersten Menschen die Probe des Gehorsams bestanden. Durch den Ungehorsam der ersten Sünde ist wohl die übernatürliche Ausstattung für das Ziel, nicht aber die Bestimmung für das Ziel verloren gegangen. Die Menschheit befindet sich demnach in dem Mißverhältnis für den Himmel berufen zu sein und durch Schuld der Stammeltern die Mittel zum Ziele verloren zu haben. Die Aufgabe des Erlösers bestand darin, diese übernatürlichen Hilfsmittel wieder zu erwerben und die Erreichung des Himmels zu ermöglichen. Die Lage gestaltet sich dadurch noch schlimmer, daß auch das von Gott aus Gnade verliehene Uebergewicht der Vernunft und des freien Willens über die Sinnlichkeit, ferner das Freisein von leiblichen Leiden und leiblichem Tod durch die erste Sünde verloren ging, sodaß Neigung des Menschen zur Sünde, Verdunklung des Verstandes, ein ganzes Heer von irdischem Schmerz und Leiden und der leibliche Tod die Folgen der ersten Sünde waren und all diese Uebelftände noch ins Unermeßliche vergrößert wurden durch die Menge persönlicher schwerer Sünden, welche die Menschen begingen. Tatsächlich hat nun der Erlöser Jesus Christus durch sein Leiden und Sterben Genugthuung geleistet für die Sünden und die übernatürliche Ausstattung in einer Weise wieder erworben, daß es uns möglich ist, in den Himmel zu kommen mit Hilfe der Heilsanstalt der katholischen Kirche, welcher der Erlöser die Verwaltung feines Erlösungsverdienstes anvertraut hat. Die irdischen Leiden, der leibliche Tod sind geblieben als Erinnerungszeichen an die Sünde, auch die Verdunkelung des Verstandes und die Schwäche des Willens. Aber den irdischen Leiden und dem Tod hat er die Bitterkeit genommen, dem Verstände kommt er zu Hilfe durch die Gnade des Glaubens, dem Willen durch die reichlichen Gnadenmittel.
Was muß nun hiezu die Sozialdemokratie sagen? Die Bestimmung für ein übernatürliches Ziel leugnet und verspottet sie; folglich kann sie die Nothwendigkeit eines Erlösers gar nicht zugeben. — Wir nehmen ursprünglich einen vollkommenen Zustand an. Die Sozialdemokratie huldigt dem Darwinismus und lehrt eine Entwicklung vom Unvollkommenen zum Vollkommenen: Kulturfortschritt. Die Menschheit soll sich selbst erlösen, indem sie sich immer weiter entwickelt bis zur Vollkommenheit des sozialistischen Zukunftsstaates. Also wieder kein Erlöser nothwendig. — Das irdische Unglück und Leiden kann die Sozialdemokratte nicht leugnen, aber sie schreibt die miserable Sage der schlechten Einrichtung der menschlichen Gesellschaft zu; diese muß