19. Jahrgang
Dienstag, den 12. April 1892.
lllbflt
K8
steckt,
zählte
etwas dieser
kennt keine Schranken. Von ihrem Wirken zur Linderung der Noth in der menschlichen Gesellschaft läßt sich in den kurzen Sätzen einer Zeitungsartikels kein Bild geben. Wenn man davon reden will, weiß man nicht, wo anfangen und wo aufhören. Da müßte man sprechen von den Hospizen und Hospitälern jeglicher Art, welche sie ins geben gerufen hat. Da müßte man sprechen von den wohlthätigen Vereinen, die sie gegründet. Da müßte man sprechen von den Millionen von öffentlichen und verschämten Armen, die sie am Leben hält. Die Armen und Dürftigen gingen immer an die Thüren der Klöster und die Wohnungen der Geistlichen, in dem sicheren Bewußtfein, daß sie dort unterstützt würden. Was die Kirche heute thut, ist nur wenig im Verhältnisfe zu dem, was sie in früheren Zeiten geleistet, weil ihr jetzt die Mittel fehlen. Das Kloster Heisterbach speiste täglich 1500 Arme der Umgegend. Alt-Zelle bot in drei Jahren 34,000 armen Reisenden liebevolle Gastfreundschaft. Es mag vorgekommen sein, daß in den letzten verflossenen Jahrhunderten der große, von den Vorfahren überkommene Reichthum den klösterlichen Geist hier und da erschlafft hatte. Die meisten Wundermärchen, die darüber erzählt werden, beruhen indeß auf Dichtung. Aber man weiß nichts darüber zu berichten, daß jemals Noth- dürftige vergebens um Unterstützung angeklopft hätten. Ständen heute noch in den einzelnen Vierteln der Jn- dustriecentren und der großen Städte reiche Klöster, dann würde wahrhaftig das Elend nicht so groß sein, als jetzt, wo die irdischen Güter sich in den Händen vergnügungssüchtiger Jndustrieritter und herzloserBörsen- spekulanten befinden.
rr. Die eiserne Maske und die tobte Hand, n.
Die Güter der Kirche sind keine Güter der tobten Hand.
Wenn es je einen Besitzer gegeben hat, welcher die Pflichten erfüllte, die an dem Besitze der irdischen Güter haften, dann ist es die katholische Kirche. Wenn je Güter Verwendung fanden, um der Gesammtheit zu Gute zu kommen, dann sind es die kirchlichen Besitzungen. Wenn je eine besitzende Hand im wahren Sinne des Wortes lebendig war, dann ist es die Hand, die von übelwollender Seite so viel als „tobte Hand" verschrieen wird.
Ackerwirthschast und Gewerbe, Handel und Verkehr, Kunst und Wissenschaft, sie sind großgezvgen worden mit den Gütern Derjenigen, die man nachher in so schnöder und und undaEarer Weise beraubt hat.
Einen großen Theil Europas haben die edelsten Söhne der Kirche urbar gemacht. Sie haben den Boden bebaut und bebauen aelehrt. Sie haben den Bauernstand geschaffen. Ihre Güter gab die Kirche dann in Pacht unter den günstigsten Bedingungen. Die Pächter standen zwar in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnisse von ihr. Man nannte sie Hörige. Um die Kirche zu verleumden, erzählt man viele Märchen über die harte Lage der armen Hörigen. Thatsache ist, daß diese Hörigen wohlsituirte Bauern waren, welche nicht nur ein reichliches Auskommen, sondern auch eine gesicherte Existenz hatten. Sie konnten zwar nicht ohne Grund die Scholle verlassen, aber die Kirche konnte ihnen auch nicht ohne Grund kündigen. Sie mußten zwar einen Pachtzins zahlen, aber keinen Wucherzins. Die Kirche begnügte sich mit geringen Abgaben und überließ den Löwenautheil den Pächtern. Allen Unwahrheiten zum Trotz hat sich stets das Sprüchwort erhalten: Unter dem Krummstabe ist's gut leben. Auch heute noch, obwohl meistens die Einkünfte der Kirche nicht ausreichen, um ihre eigenen gottesdienstlichen Bedürfnisse zu bestreiten, sind die Pächter kirchlicher Besitzungen die bestgestellten Pächter.
Das Geld, das der Kirche zur Verfügung steht, hat sie auch nie in eisernen Schränken ober unterirbb schen Gewölben verborgen. Selbst zur Zeit, wo bie Erfindungen ber Neuzeit unser heutiges BerkehrSleben noch nicht gezeitigt hatten, suchte sie es nach Möglichkeit in Umsatz zu bringen. Sie lieh es ben gewerblichen Unternehmern. Unb sie lieh es, wenn persönliche ober sachliche Sicherheit geboten wurde, ohne Zinsen. Ihre eigenen Gesetze untersagten ihr, für einfache Darlehen ein Entgelt zu nehmen. Heute kann sie leider, wie die Verhältnisfe sich gestaltet haben, selten gegen persönliche Garantie Geld austhun. Auch ohne Zinsen leiht sie unter den obwaltenden Verhältnissen kein Geld mehr. Aber dennoch sind bei uns zu Lande die wenigen Geldmittel, die der Kirche übrig geblieben sind, die beliebteste Quelle, an welcher der kleine Gewerbsmann sich Hilfe holt. Er weiß, daß ihm hier keine Schraube angesetzt wird, um ihm Wucher-
Deittsches Keich.
Berlin, 9. April.
„Lebe wohl, bester Freund! Ich danke Dir für Deine Theilnahme an meinem Unglück! Theile vor der Hand meiner Mutter nichts von dem Vorfälle mit . . . es könnte ihr Tod sein."
Noch ein kräftiger Händedruck . . . dann schlossen sich die düstern Pforten hinter dem Freunde.
Linde ging festen Schrittes von dannen, um von jetzt ab sich der Sache des Freundes anzunehmen. Von seinem Scharfsinn und seiner Energie durfte der Freund erwarten. Müdigkeit und Rathlosigkeit kannte Mann nicht. Hatte er sich einmal ein Ziel ge- so vermochte ihn nichts von dem Wege zu demselben abzubringen. Als er zu Hause anlangte, er- """" er seiner wegen der späten Nachtstunde besorgten Gattin den ihr bis jetzt unbekannt gebliebenen Vorfall. Auch diese, auf's Höchste überrascht, glaubte an die Unschuld Bäumers.
Es kommt oft vor, daß uns im Leben Personen in ber Gesellschaft begegnen, welche Freunde besitzen, die dem Aeußern sowohl wie dem Innern nach grundverschieden von einander ausgestattet sind. Dieser Gegensatz zeigte sich auf den ersten Blick auch bei den eben geschilderten Freunden.
gm Postschalier.
Kriminal-Roman aus dem Verkehrsleben von Th. Schmidt.
(6. Fortsetzung.)
* Der Besuch ber Königin unb ber Königin-Regentin von Holland am hiesigen Hofe wirb am 15. Mai erwartet. Eine Amsterdamer Meldung besagt dagegen, daß rücksichtlich des Besuchs noch gar kein definitiver Beschluß gefaßt fei.
* Der Kaifer übersandte dem General Grasen Waldrrsee zu dessen gestrigen 60. Geburtstage ein Handschreiben, sowie einen prächtigen Militärmantel aus grauem Tuch, der im Reichslande hergestellt ist.
* Die Vorarbeiten über die Heeres - Verstärkung, welche den Gegenstand einer dem Reichstage in der kommenden Session vorzulegenden Vorlage bildet, sind soweit vorgeschritten, daß bereits an der Ausarbeitung der Einzelheiten des Planes gedacht werden kann.
* Die von ber Bärsenenquete-Kommisfiou beschlossenen Ermittelungen sollen sich beziehen auf bie in ben einzelnen Bundesstaaten und an den hauptsächlichsten Handelsplätzen des Auslandes bestehenden gesetzlichen und statutarischen Bestimmungen, Handelsgebräuchen u. s. w., sowie darauf, ob Termingeschäfte stattfinden und welche Einrichtungen zur Erleichterung des Abschlusses und der Abwickelung derselben vorhanden sind. Die ferner den Sachverständigen zur gutachtlichen Dieser bedeutete ihm sehr richtig, daß schon oft allzu weit ausgedehnte Gefälligkeiten bittere Enttäuschungen für den Beamten zur Folge gehabt hätten; er möge daher auf seiner Hut sein. Linde war daher nicht so beliebt beim Publikum wie Bäumer. Die jungen Handelsbeflissenen namentlich hatten vor ihm einen sichtbaren Respekt, wenn sie aber außer Hörweite waren, dann konnte man oft den Ansdruck „grimmiger Schalterbär" vernehmen.
Es mußten demnach recht unangenehme Erfahrungen gewesen sein, die Linde erlebt und die ihn fast zum Menschenfeind umgewandelt hatten; ein Ereigniß wissen wir aus seinem Leben und wollen es hier mit aufführen. Als er noch vor Jahren dem Postdienst bei einem kleinen Amte Vorstand, wurde ihm von dem ihm zur Aushülfe unterstellten Beamten eine Geldsendung im Betrage von fünfhundert Thalern entwendet. Als man den Dieb ergriff, hatte dieser bereits alles verjubelt. Linde mußte den Betrag ersetzen. Dieser Fall machte ihn mißtrauisch. Scherzweise hatte einst ein Kollege, dem dieses Mißtrauen nicht gefiel, gesagt: Linde hat dem siebenten Gebot den Satz hinzugefügt: „Laß dich auch nicht bestehlen".
War, wie wir geschildert, Linde im Dienst streng gegen sich, so war dasselbe auch in Hinsicht auf seine außerordentliche Führung der Fall. Mäßig im Genießen, hatte er mit dem Freunde nur das gemein
zinsen zu erpressen, und er weiß, daß ihm das Kirchengeld nicht entzogen wird zu einer Zeit, wo er dessen vielleicht am besten bedarf.
Auch Handel und Verkehr sind in früheren Zeiten durch kirchliche Mittel in Schwung gekommen. Hat die Kirche nicht Wege und Stege, Straßen u. Brücken gebaut, wo noch dichte Wildniß Europa bedeckte? Hat sie nicht in ihren Anstalten Gastfreundschaft geübt zu einer Zeit, wo es noch keine Gasthäuser gab? Hat sie nicht den Grund gelegt, zu einer Reihe von Städten in Nord und Süd, in Ost und West? Standen nicht die Städte, welche unter geistlicher Herrschaft waren, am schnellsten in hoher Blüthe? Waren nicht die Missionäre, welche mit ihrem (Selbe in fremde Länder gingen, die Pioniere, welche den Weg zu immer neuen Handelsverbindungen bahnten? Haben nicht z. B. die Kreuzzüge, welche von der Kirche ins Leben gerufen wurden, den Handel Europas zu vorher nie geahnter Höhe emporgehoben? Ganze Bibliotheken könnte man schreiben, wenn man darlegen wollte, wie gerade die Güter der Kirche lebendig waren und eine rege Thätig- feit vermittelten, um das ganze wirthschaftliche und gesellschaftliche Leben, Ackerbau und Gewerbe, Handel und Verkehr zu heben und zu fördern. Unb öa kommen heute bie Sozialdemokraten unb reben bie abgelhane Phrase von ben Gütern ber tobten Hand nach!
Kunst unb Wissenschaft sind die beiden großen Sterne, welche das gesellschaftliche Leben verklären. Keine Macht auf Erden hat so viele Opfer gebracht, um wahre Kunst und wahre Wissenschaft zu fördern, als die katholische Kirche. Nichts ist dümmer, als zu behaupten, die Kirche gehe darauf aus, die Menschen zu verdummen. Die ganze Geschichte der Kirche legt feierlichen Protest ein gegen eine solche Anschuldigung. Es hat Zeiten gegeben, wo alle geistigen Errungen- schastm der antiken Welt in Feuer und Flammen auf- gegangen wären, wenn die Kirche nicht die schützenbe Hand über dieselben gehalten hätte. Sie ist es auch, die zuerst für den Unterricht des Volkes sorgte. Ihr verdanken wir die höheren Schulen. Die Universitäten find ihre Schöpfung. Von dem, was sie für die Kunst gethan, erzählen uns unsere herrlichen Dome mit ihren Schätzen der Malerei und der Skulptur. Auffallend! Gerade derjenige Papst, welcher das auf- lugende Licht der sog. modernen Aufklärung im Keime zu ersticken suchte, Leo X., war ein großer, mächtiger Förderer von Kunst und Wissenschaft. Er kaufte um vieles Gold in Westfalen die Annalen des Tacitus und ließ sie herausgeben. Unter ihm baute Michael Angelo die Kuppel der St. Peterskirche, unter ihm malte Raphael die Galerien des Vatikan, unter ihm wurde das erste moderne Schauspiel aufgeführt. So dienten die Güter der Kirche auch der Kunst und Wissen- schast.
Bei alle dem haben wir den Hauptzweck, welchem das kirchliche Vermögen zu allen Zeiten diente, noch nicht erwähnt: „Kirchengut ist armer Menschen Gut", sagt ein altes Sprüchwort. Diesem Grundsätze blieb die Kirche stets treu. Die kirchliche Wohlthätigkeit
Linde war ein Mann in den dreißiger Jahren. Seine Gestalt war im Gegensatz zu der seines Freundes — Bäumer war kräftig, von hoher Statur mit ebenmäßigem Gliederbau — schlank, aber steif. Sein Gesicht hatte einen blaßgelben Anflug. Aus demselben stachen die dunklen Augen scharf hervor. Das Gesicht des Freundes war regelmäßig und schön, von frischer Lebensfreudigkeit durchglüht. Seine Augen zeugten von edlem jugendlichem Feuer, von Begeisterung für alles Wahre und Gute. Lindes Bewegungen hatten etwas ungemein Gravitätisches an sich, selten sah man ihn lachen, und wenn es geschah, so legten sich zwei unschöne Falten um seinen Mund, welche zu dieser Gemüthswallung schlecht paßten. Des Lebens Ernst mußte er demnach schon gekostet haben, was bei Bäumer nicht der Fall war. Viele Worte gebrauchte Linde nicht; seine Sprechweise war knapp und gemessen. Im Dienst war er pünktlich und gegen sich streng. Dem Freunde mußte man dagegen einen gewissen Grad von Oberflächlichkeit, wenn nicht gar Leichtsinn nachsagen. Im Verkehr mit dem Publikum war jener ernst, und wenig Gefälligkeiten konnte sich dieses von ihm rühmen. Er wußte sich Personen, bie ihn oft mit nichtssagenden Kleinigkeiten belästigten fern zu halten. Bäumer war hingegen oft allzubereit zur Gewährung von Gefälligkeiten, und er hatte sich oft schon von Linde hierüber Vorstellungen machen lassen müssen.
* .Rathgcbcr für LandwlrttzsMqkt, Wartrnbau unb Hauswesen in Fulda und auswärts 1 Mark oO Prenmg.