Beilage zu Nr. 83 der „Fuldaer Zeitung".
Sonntag, den 10. April 1892.
rr. Die eiserne Maske und die todte Hand,
i.
Bekanntlich trugen die Angaben, wodurch im früheren sozialdemokratischen Hauptorgane, dem ,Sozialdemokrat', ab und zu Parteigenossen als Polizeispitzel bezeichnet wurden, die Unterschrift: „Die eiserne Maske". Seitdem hat man das Wort „eiserne Maske" viel auf die sozialdemokratische Partei angewandt. Und in der That, wenn man die Art und Weise kennzeichnen will, in der jene Partei über Alles aburtheilt, was ihr nicht in den Kram paßt, dürfte sich schwerlich ein treffenderer Ausdruck finden lassen. Es scheint oft, als hätten sich die sozialdemokratischen Führer eine gewaltige Maske aufgesetzt, welche ihnen Augen und Ohren dicht verschließt, damit sie nur ja mit brutaler Rohheit alles Gute in den Staub treten könnten, das es heute noch auf der Welt gibt. Am schlechtesten fährt stets bei ihnen die katholische Kirche mit allen ihren Einrichtungen, weil sie nicht mit Unrecht in derselben ihre mächtigste Feindin erblicken.
In letzter Zeit machen sich die Sozialisten wieder zu schaffen mit den Gütern der Kirche, welche sie, wie der Vater Liberalismus ihnen vorgesagt hat, „Güter der tobten Hand" nennen. Der.Vorwärts' führte vor Kurzem (Nr. 37) die kirchlichen Besitzungen in Böhmen auf und knüpfte die Bemerkung an: „Wie viel Gutes könnte geschaffen werden, wenn dieses kolossale Eigen- thum der tobten Hand, das für die Allgemeinheit so gut wie verloren ist, gemeinnützig angewandt würde" . . . . „Das böhmische Volk .... erblickt in den Millionen der tobten Hand sein Eigenthum." Das sagen dieselben Leute, die sonst wohl auf den Güterbesitz der Kirche Hinweisen, wenn sie ihren Kommunismus vertheidigen wollen.
Der kirchliche Besitzstand kann nicht als Vorbild für den demokratischen Sozialismus angesehen werden; die Anschuldigung, er sei im Besitze einer tobten Hand ist gleichfalls ganz und gar ungerechtfertigt. Es soll das in Folgendem kurz dargethan werden.
Obwohl die Kirche als Gesellschaft ihre Güter besitzt, so hat ihr Besitzthum doch nichts gemein mit dem demokratischenKom- munismus.
Die Sozialdemokraten wollen den jetzigen Besitzern ihre Güter nehmen, dieselben enteignen, und sie der Gesammtheit übertragen. Die Kirchengüter haben sich
zu allen Zeiten gebildet durch freiwillige Schenkungen und den Fleiß und die Sparsamkeit ihrer Inhaber. Den Grundstock zu diesen Gütern lieferte das dargebotene Vermögen Derer, die sich dem geistlichen Stande widmeten oder ins Kloster traten, sodann die Gaben hochherziger Fürsten und Großen und die Scherflein der armen Wittwen, zumal aber die Beiträge der stets wohlgesinnten arbeitenden Stände. Aber dieser Grundstock hatte sich nicht von selbst vermehrt. Man sagt wohl, die mittelalterlichen Mönche hätten sich die schönsten und besten Plätze uusgewählt. Das ist nicht wahr, sie haben sich die Plätze nicht ausgewählt, sie haben sich dieselben gemacht. Unkultivirtes Land, sumpfige Thäler, öde Haideflächen haben sie durch ihren Fleiß in reizende Landschaften, in üppige Getreidefelder und herrliche Weinberge verwandelt. Diese Arbeit ließen sie nicht besorgen durch schlecht bezahlte Lohndiener. Sie legten selbst Hand an, sie führten die Hacke und führten den Pflug. Auch heute noch wird gearbeitet und fleißig gearbeitet in den Klöstern von allen Denen, welche nicht durch Unterricht oder Seelsorge u. dgl. ganz in Anspruch genommen sind. Das Sprüchwort: Niemand liegt sich reich, gilt auch von den Inhabern der Kirchengüter. Mit dem Fleiße ist gepaart die Sparsamkeit; wenn die Armen, welche an den großen Klosterpforten stehen, wüßten, welche Entbehrungen sich oft Diejenigen auferlegen, welche hinter der Pforte wohnen, damit nur recht viel herausgetragen werden könne für die Nothdürftigen, sie würden noch mit mehr Dankbarkeit die Hand küssen, welche ihnen Gaben spendet. Wenn die kranken Arbeiter eine Ahnung hätten von dem kargen Leben, das oft die Schwestern führen, die Tag und Nacht an ihrem Bette wachen, um ihre Frau und Kinder unterstützen zu können, sie würden noch mit größerer Hochachtung zu ihnen aufblicken. Wenn die dürftigen Mütter begriffen, wie sorgfältig die Pfarrgeistlichen alle ihre Ausgaben abwägen und sich einschränken, um den an sie gestellten Anforderungen zu genügen, sie würden viel seltener thun, als wäre es ganz selbstredend, daß ihnen gegeben werden müsse. Wie heute, so war es zu allen Zeiten. Durch Sparsamkeit und Fleiß wurden die Kirchengüter vermehrt. Wenn die sozialdemokratische Partei sich durch ähnliche Wittel in den Besitz von Erdengütern setzen und dieselben dann der Gesammtheit übertragen wollte, dann wäre dagegen wenig zu erinnern. Aber sie kennt andere, leichtere Mittel. —
Nach sozialdemokratischen Ideen soll das souveraine Volk Alles besitzen und Alles verwalten. Es soll dasselbe an kein göttlichss und menschliches Gesetz gebunden sein und über Erwerb, Besitz und Verwendung in allgemeinen Versammlungen ober durch seine gewählten Vertreter bestimmen können, wie es ihm beliebt. Beim kirchlichen Besitze ist es ganz anbers. Oberster selbst- ständiger Verwalter ber Kirchengüter ist ber Papst; in Unterordnung unter ihm sinb bie Bischöfe bie höheren Verwalter des Vermögens ihrer Diözesen. Aber jede Kirche und jedes kirchliche Institut besitzt seine Güter mit Ausschluß aller anderen. Auch müssen alle Güter dem Zwecke dienen, für den sie stiftungsgemäß bestimmt sind. Niemandem steht das Recht zu, ihnen eine andere Verwendung zu geben, so lange sie ihrem Zwecke mit Fug dienen können. Also auch in Bezug auf den Träger der Kirchengüter kann man den sogen, kirchlichen Kommunismus nicht mit dem demokratischen Kommunismus vergleichen.
Bei der Verwendung der Güter wollen die Sozial- Demokraten das Prinzip der allgemeinen Gleichheit hochgehalten wissen. Wie das aber gehandhabt werden kann, darüber sind sie sich sehr unklar. Darum behelfen sie sich in Bezug auf diesen Punkt in ihrem Programme mit einer Verlegenheitsphrase. Es soll, so heißt es im Erfurter Programm, die „für und durch die Gesellschaft betriebene Produttion".....zu
einer Quelle der höchsten Wohlfahrt und allseitiger harmonischer Vervollkommnung" werden. Mit dem unsinnigen Grundsätze der Gleichheit aller Menschen will die Kirche nichts zu thun haben. Die Menschen sind eben nicht gleich, weder nach ihren körperlichen, noch nach ihren geistigen Anlagen. Sie können auch von keiner Macht auf Erden gleich gemacht werden. Aber die Kirche weiß wohl, daß die Erdengüter für alle Menschen da sind; darum strebt sie auch unablässig darnach, Alle an den Genüssen dieser Güter theilnehmen zu lassen; darum sorgte sie auch stets dafür, daß die Güter, über welche sie verfügen konnte, der menschlichen Gesellschaft und möglichst Vielen in der Gesellschaft zu Gute kamen. Sie dachte nie daran, daß Alle gleichgestellt fein müßten, aber sie wchrte jederzeit der herrschenden Noth. In welcher Weise die Kirche ihre Güter verwandte, um ihnen einen wahrhaft gesellschaftlichen Charakter zu geben, darüber in einem zweiten Artikel, der uns zeigen wird, daß die Güter der Kirche keine Güter der tobten Hand sind.
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