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19. Jahrgang

Sonntag, den 10. April 1892

Zeitung

Fuldaer

Deutsches Keich.

Berlin, 8. April.

* Der Kaiser und die Kaiserin werden in den Tagen vom 15. bi« 17. Mai in Danzig weilen. An den Besuch des Kaiserpaares der westpreußischen Haupt­stadt knüpft sich daS Gerücht eiueS Zusammentreffens deS Kaisers mit dem Zaren.

* Wie verlautet, sanden gestern in Berlin mehrere Haussuchungen bei «uarchistea statt. Verschiedene Bn- Haftungen wurden vorgenommen und anarchistische Schriften beschlagnahmt. Die Verhaftungen stehen an­geblich mit den vor zwei Monaten erfolgten in Ver­bindung.

* Ein Telegramm auSPo fe n meldet: Der Dekan v. PoninSki von KoScielec bei Jnowrazlaw wurde von vier verkleideten Männern meuchlerisch überfalle« und durch Revolverschüsse verwundet. Die Angreifer ent­flohen und wurden verfolgt. Zwischen chnen und dm Verfolgern fand ein harter Kampf statt. Eine GerichtS- kommiffiou hat sich an den Thatort begeben. — lieber den Ueberfall wird weiter gemeldet, daß dem Dekan von den Angreifern eine rothe Karte überreicht wurde, auf welcher geschrieben stand: „DaS Exekutiv-Komitee der polnischen Anarchisten befiehlt, sämmtliche Gel­der für die polnifchm Anarchisten abzuführen ! Unge- horfam oder Verrath wird mit dem Tode bestraft. Der Dekan v. PoninSki sprang aus dem Zimmer durch das Fenster in den Garten und erhielt hierbei von den versolgendm Räubern vier Schüffe, welche schwer, aber nicht lebensgefährlich fein sollen. Bei der Verfolgung der Räuber, welche von dem Besitzer von KoScielec — einem Bruder v. PoninSki'S — und zwanzig Berittenen sofort vorgenommen wurde, wurde einer der Räuber erschossen. Ein zweiter erfchoß sich selbst. Bon den beiden Ueberlebendm tödtete der eine den andern durch einen Schuß, indem er auSrief: „Du kannst ja nicht schießen!- und erschoß sich dann selbst. Zwei der Räuber sind als PilawSki und Johann Ur- baniate, beide aus Jnowrazlaw, recgnoScirt. Die Braut des Letzterm war Dienstmädchen im Schlöffe zu KoS- cielrc. Die Verbrecher sollen sämmtlich direkt von Berlin nach KoScielec gekommen sein.

* Unglaublich, aber wahr! Nie hättm wir eS für möglich gehalten, daß die BiSmarckfeier fo zu einer thatfächlichen Bismarck-Vergötterung auSarten könnte, wie eS geschehen ist. Den Nationalliberalen scheint eben Alles möglich zu sein. Schreibt da die in Neustadt a. d. Haardt erscheinende .Neustadter Zeitung' in ihrer Nr. 79 vom 2. April dieses Jahres in einem von glühendstem Haß gegen alles „Ultra- montane" strotzenden Artikel, der von einem gewissen Treutler unterzeichnet ist, wörtlich: „Ja, sein (Bls- marcks) Geburtstag wird uns Deutschen einst ein Fest­tag, der im Kalender roth gedruckt erscheint, gleich dem heiligen Christtag. Am 25. Dezember wurde geboren der Gottmensch, der uns lehrte, daß wir Brüder seien,

Am Uostschalter.

Kriminal-Roman aus dem Berkehrsleben von Th. Schmidt.

(5. Fortsetzung.)

Das verzogene Mädchen glaubte, Bäumer würde sich jener sein Ansehen schädigenden Gerüchte wegen nur um so fester an sie anschließm und bald daS er­sehnte entscheidende Wort aussprechen. Daß sie dieses ihr unwürdiges Spiel verloren, ja unwiderruflich ver­loren, dos brachte sie der Verzweiflung nahe. Hatte sie denn den Mann überhaupt so recht innig geliebt? fragte sie sich später. Nein! Sie liebte überhaupt Niemand. Auch ihrem alten Vater grollte sie, weil er nicht zur rechten Zeit sich in's Mittel legte, als sieden jungen Mann durch ihr absichtlich schroffes Wesen ver­letzt hatte. Nur glänien wollte sie mit dem von An­deren vielgepriesenen Manne. Ihre größte Freude sollte darin bestehen, einen Triumph zu feiern über all' die anderen Mädchen in der Stadt, welche in Bäumer das Ideal eines vollkommenen Mannes erblickten.

Wenn man bedachte, daß kein Mann, sobald er eine Zeit lang mit diesem egoistischen Wesen verkehrt hatte, eine tiefere Neigung für dasselbe empfand, so war eS klar, daß es anfangs alle Verstellungskünste angewandt hatte, um Bäumer in seinen Netzen zu fan­gen. Die jungen Männer nannten sie die „Sphinx".

neue Einrichtung eingegangen worden. „Ebenfo ge- pannt darf man auf bestimmtere Erklärungen deS Herrn Dr. Bosse, als er sie im Herrenhause gegeben, über dm Geist, fein, in dem er das Kultus- und Unter- richtS-Ministerium zu verwalten gedmkt, beispielsweise darüber, ob er, etwa ht der nächsten Session, an die gesetzliche Regelung der äußern Berhältniffe der BokkS- chule und ihrer Lehrer gehen will, nachdem ein um- fastendes BolkSschulgefetz bis zu einer durchgreifenden Amderung der innern politischen Lage unmöglich ge­worden."

* Der Beschluß der konservatwm Fraktion deS Herrenhauses, durch welchm Herrn v. Helldorf der Austritt aus der Fraktion nahe gelegt wurde, ist mit 35 gegen 2 Stimmen gefaßt. Die Fraktion zählt 109 Mitglieder.

* Die ,Krmzztg.' bringt die Nachricht, und zwar, wie sie sagt: „auS sehr zuverlässiger Quelle", daß die „gläubigen evangelischen Kreise Rhetnland-Weßfalens sich von jeder ferneren politifchm Gemeinschaft mit dm freikonservativen und nationalliberalen Gegnern deS Volksschulgesetzes loszurnachm gedenken." — DaS wäre ja sehr erfreulich. Wir fürchten nur, daß die Kultur­kämpfer ei den Protestanten in den Rheinlanden und Westfalen dermaßen „in den Knochen" sitzt, daß eine geistige Gesundung derselben fo bald nicht zu ermatten ist. Mit dem Wauwau gegen daS „Römische" hat man bis jetzt noch immer in den Rheinlanden und in West­falen Alles, was protestantifch war, in Angst und Schrecken versetzt und für die gegen Glaube und Kirche gerichtete Aktton der Mittelparteiler „mobil" gemacht. Der „Evangelische Bund", dieses famose Instrument der Mittelparteiler, ist ja auch fortgesetzt an der Arbest, um in die Flammen zu blasen und keine Verständigung zwischen den Katholiken und den gläubigen protestan­tischen Elementen in politischen und anderen Fragm aufiommm zu lastm. ä i iyo .

* Die Erneuerung des Kartells im Königreich Sachsen ist mit Anregung des Königs von Sachsm erfolgt.

* Bochum, 6. April. Herr FuSangel hat gestern im Gerichtsgefängnisse zu Essen eine dreiwöchentliche Haststrafe angetreten, welche ihm die hiesige Straf- lammet wegen angeblicher Beleidigung des Bergraths Schultz zudittirt hat. Laut Befcheinigung des Kreis- physikus war die Eiufperruug des vorn TyphuS ge­nesenden Chefredakteurs der ,Wests. Bolksztg.' bis zum 4. April einschließlich mit naher Lebensgefahr verbun­den. Daß man Herrn FuSangel bereits für den nächsten Tag zum Haftantritt aufforderte, ohne seine vollständige Genesung abzuwarten — Herr FuSangel wat erst vorigen Donnerstag in der Lage, einen kurzen Spazier- gang machen zu können — beweist, schreibt die »Wests. Volksztg.', daß die Staatsanwaltschaft sehr entschiedm auftreten kann, wenn sie eS für zweckmäßig hält. Hoffentlich spürt- auch Herr Baate bald etwas von dieser Entschiedenheit. .

« Hamburg, 8. April. Die .Hamburger Nachrichten' erklären, Fürst BiSmarck habe den Redakteur Fus- angel nicht beschuldigt, vom Auslande Bezahlung zu

D., welche etwa 4000 Seelen zählt, gelebt hat, der wird auch erfahren haben, wie ein derartiges Eteigniß bis in'S Ungeheuerliche aufgebauscht wird; besonders ist Letzteres der Fall, wenn, wie hier, die Damenwelt sich für die Hauptperson des Drama's interessirt. Biele von Denen, mit welchen der Verhaftete bekannt gewor­den war und die sein biederes, gewinnmdes Siefen achteten, nahmen ihn gegenüber unsinnigen Angriffen in Schutz; Andere wieder zuckten bedeutungsvoll die Schultern, wenn die Rede auf Bäumer kam, und mein­ten, sie hätten ihn längst durchschaut ... das könne ja Jedermann fühlm, daß hinter der schönen Außen­seite des jungen Mannes ein leichtsinniger, zu Extra­vaganzen geneigter Charakter stecke. Seine letzte Ver­gangenheit, besonders die seltsame „Lebensrettung der bekannten jungen Person und die sich hieran schließende Verlobung mit der „Gerettetm" bestättgten dies zur Genüge. Auch über die Eltern der „Geretteten" wurde in nicht gerade schmeichelhafter Weise von den klatsch- füdjtigen Müttern heiratsfähiger Töchter gesprochen. Man konnte eS dem Manne nun einmal nicht verzeihen, daß er sich von der „befferm" Gesellschaft losgesagt und hierfür Umgang gesucht hatte mit Personen, die früher dem Handwerkerstände angehörten; jetzt sähe man, wohin das führe.

Die Beamten des Postamts befanden sich, wie leicht

der 1. April brachte unS ben menschlichen Gott, welcher zur That werden ließ daS hohe Wort:

Wir wollen sein ein einig Bolk von Brüdern, In keiner Roth uns trennen und Gefahr."

Also so weit geht man heutzutage, einen sterblichen Menschen voller Fehler und Schwächen in Vergleich zu bringen mit dem ewigen, allmächtigen und heiligm Gottessöhne JesuS Christus! DaS heißt doch dem ganzm Christmthum mit Fäusten ins Angesicht schlagm, Gott selbst herabziehen in ein niedriges, leidenschaft­liches Parteigetriebe, die ewige Gottheit selbst zu be­nützen, um daS Haupt des Ex-ReichskanzlerS gewiffer- maßen mit einem überirdischen Glorienscheine zu um­geben. Ein weiteres Wort wollen wir darüber nicht verlieren. Die Thatsachen sprechen laut genug! —

* In der gestrigen zweitm Sitzung der Lorsm- Euqnetekommisfiou wurde die Frage der Zuziehung von Sachverständigen berathen und eine Liste der zu vernehmenden Personen vorbehaltlich späterer Ergänzung festgestellt. Die nächste Sitzung wird erst in einigen Wochen stattfinden. — In der ersten Sitzung sind die in der Kommission vertretenen Gegensätze bereits sehr entschieden zum Ausdruck gelangt. Besonders wird Seitens der am börsenmäßigen Produktmgeschäst in Be­zug auf Korn, Spiritus, Zucker u. f. w. interessirtm Landwirtschaft darüber geklagt, daß sie allerdings im Verhältniß zum Zwischenhandel selbst nicht genügenb berücksichtigt worden sei; noch lebhafter aber wurde, und zwar fast einstimmig, der Mangel an Juristen, die mit dm Börsm-Auswüchsm durch die Praxis be­kannt geworden sind, Richtern wie Anwältm empfunden. Auch über die nicht genügende Berücksichtigung der Vertreter der Wissenschaft wurde Klage geführt, während nach Ansicht auch ferner stehender Kreise die großen Banken einen unverhältnißmäßig großen Antheil ein- geräumt erhalten haben. Das mittlere und kleine Bank­gewerbe fehlt sogar ganz.

* Eine neue Militärvorlage steht nach der ,Post' sür ben nächsten Herbst sicher bevor. DaS Blatt schreibt: „Der Reichskanzler Graf Caprivi bereitete in bet bekannten Reichstags-Sitzung vom 27. November vorigen JahreS bas HauS auf einen Gesetzentwurf vor, welcher möglicher Weife im nächsten Winter zur Vor­lage kommen sollte unb als dessen Zweck die Ausnutz­ung der fteigenben Bevölkerungs-Ziffer deS Reiches zur Stärkung ber Wehrkraft hingestellt würbe. Man irrt wohl nicht, wenn man annimmt, daß die Vor­arbeiten für die dadurch bedingte Heeres-Verstärkung bereits im erheblichen Fortschreiten sich befinden und die Einbringung deS Gesetz-Entwurfs mit dem Reichs- haushaltS-Etat für 1893/94, also im nächsten Herbst sicher bevorsteht."

* Bei der Debatte «ach Oster« im Abgearlmete«- hause über den Nachtrags-Etat erwartet die .National- Ztg.' von dem Grafen Eulenburg „einigen Aus­schluß darüber, wie er sich die Thätigkeit eines preußischen Minister-Präsidenten ohne Potrefeuille, der nicht zu­gleich Reichskanzler ist, denkt". Es komme alles auf die Absicht an, mit der von Seiten der Krone, des Minister-Präsidenten selbst und seiner Kollegen auf die

Bei dem Geräusch, daS ihr Eintritt verursachte, blickte der alte Herr auf. Die Tochter trat nahe zu ihm heran, und seinen Arm leicht berührend, sprach sie:

„Lieber Papa, ich bitte um Entschuldigung, wenn ich eS gewagt habe, in Dein Zimmer zu bringen. Ich wollte Dich inftänbigft bitten, Dir jetzt Ruhe zu gön­nen .. . eS ist jetzt Mitternacht .... unb Du be- barfft der Ruhe nach all' diesen aufregenden Ereignissen."

„Liebes Kind, Ruhe werde ich doch noch nicht so­gleich finden ... laß nur," entgegnete er. „Weißt Du denn schon, waS Alles vorgesallen ist heute?"

„Ja! ich weiß Alles ... daß es so mit Bäumer enden würde, war vorauSzusehm. Ich bitte Dich, lieber Papa, sprechen wir nicht mehr von diesem Manne, er erntet nur den Lohn für feine Thatm."

„Kind! Kind! Sag’ das nicht! Es ist noch nichts Bestimmtes erwiesen, nur der Schein ist gegen ihn . . . wer weiß, ob wir später nicht noch vor ihm erröthen müffen. Komm, laß unS gehen," sagte er erregt.

III.

Daß in den nächsten Tagen in D. die Verhaftung des PostsekretärS Bäumer als Folge der von ihm ver­übten Beraubung des Geldbriefes in allen Lokalen und Gesellfchaften der guten Stobt ber Stoff der Unterhal­tung bildete, brauchen wir dem fteundlichm Leser wohl nicht zu versichern. Wer je in einer kleinen Stadt wie

Rathgeber für Landwirthscbaft, Gartenbau und Hauswesen m rrulda und auswärts 1 Mark ... Pfennig.