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Samstag, den 9. Aprll 1892.

19. Jahrgang

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Zeitilng

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate kosten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

I Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage .Sterne und Blumen" und der alle 14 Tage erscheinenden Gratisbeilage ,Rathgeber für Landwirthschaft, Gartenbau und Hauswesen" in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Deutsches Keich.

Berlin, 7. April.

* Am 6. Mai, an welchem der deutsche Kronprinz sein 10. Lebensjahr vollendet, wird derselbe, entsprechend der Tradition des Königlichen Hauses, an diesem Tage ä la suite des 1. Garde-Regiments z. F. gestellt wer­den, die Uniform des Regiments und dm hohen Orden vom Schwarzen Adler erhalten. Seit 1805 war es nicht mehr vorgekommen, daß der Eintritt eines preußi­schen Kronprinzen in die Armee erfolgte.

* Dem Minister Grafe« Zedlitz ist eine von 85 konservativen Mitgliedern des Herrenhauses unter­zeichnete Adresse als Ausdruck ihrer Zustimmung zu dm von ihm bei Vorlage und Vertheidigung des Volksschulgesetzes vertretenen Grundsätzen überreicht worden.

* Das preußische Abgeordnetenhaus hat sich heute bis zum 26. d. M. vertagt.

* Eine vom .Verein Berliner Kaufleute undJndu- strieller' einberufene Versammlung von Jnteressmten für eine Weltausstellung in Berlin beschloß: Die Frage der Weltausstellung 1896/97 in Berlin und im ganzen Reiche ungesäumt in Fluß zu bringm und die Zeich­nung eines Garantiefonds in gegebener Zeit zu ver­anlassen. Vom Reiche, sowie von der Stadt Berlin werden Beiträge von je 10 Millionen zum Garantie­fonds erwartet. Weitere 6 Millionen sollen die bethei- ligten Interessentenkreise, Pferdebahn, Brauereien, Gast­häuser rc. aufbringen.

* Die Börsen-Enquete - Kommisfio« wurde heute vom Staatssekretär Dr. v. Bötticher mit einer Be­grüßungsansprache eröffnet, worauf der Vorsitzende, Bankpräsident Dr. Koch die Verhandlungen durch einen Vortrag einleitete. Als Grundlage der weiterm Be- rathungen wurde die Beschaffung von Material mit Hülfe der Regierungm der Bundesstaaten sowie der Inhalt eines Fragebogens für die spätere Vernehmung von Sachverständigen festgestellt. Die Berathungen werden morgen fortgesetzt.

* Der Umbau des Weißen Saales des Berliner Residenzschlosses, in welchem größere Staatsaktionen, wie die Eröffnung der Parlamente, vor sich zu gehen pflegen, ist mit Rücksicht auf die hohen Kosten aufge­geben worden.

* Der preußische Verein zur Pflege im Felde ver­wundeter und erkrankter Krieger hielt heute unter Vor­sitz des Fürsten Otto zu Stolberg seine Generalver­sammlung ab. Der Verein umfaßt zur Zeit 12 Pro­vinzialvereine, 4 Bezirks- und 435 Zweigvereine. Das Centralkomitee verfügt z. Z. über 1256 weibliche Pflege­kräfte und 251 Pfleger. Hierzu treten noch die Mit­glieder der „Gmossenschaft freiwilliger Krankenpfleger im Kriege", mehr als 2700, von denen 885 vollständig ausgebildet sind. Endlich stehen noch zur persönlichen Hilfsleistung die Sanitätskolonnen zur Verfügung, deren es in Preußen zur Zeit 5885 gibt, wovon 2028 bei Eintritt eines Krieges zu den Fahnen einberufen werden, sodaß 3857 zur Verwendung der freiwilligen

Am Postschatter.

Kriminal-Roman aus dem Berkehrsleben von Th. Sch midt.

(4. Fortsetzung.)

Mit den Worten: „Von morgen früh ab müssen Sie sich einstweilen in die Dienstgeschäfte theilen, bis Hilfe vyn mir beantragt wird," wandte Jener sich an die im Hintergründe des Zimmers stehenden Beamten Linde und Zeits.

„Jetzt können Sie gehen, meine Herren, ich bedarf Ihrer nicht mehr . . . guten Abend!"

Die Angeredeten verbeugten sich und gingen.

Staunend sah Bäumer auf den Mann, der diese ihm unverständliche Anordnungen traf.

„Aus meinen Worten werden Sie schon gehört haben, daß ich Sie einstweilen Ihres Dienstes ent­binde . . . Hier!"

Und damit trat er auf den vor Erstaunen sprach­los gewordenen jungen Mann zu.

„Kennen Sie dieses Kouvert?"

Eine Pause entstand, während welcher Bäumer das Kouvert aufmerksam besah.

„Gewiß, Herr Inspektor! Nach den von mir auf demselben gemachten Dienstvermerken habe ich dasselbe mit seinem Inhalt gestern Abend als Werthbrief kurz vor acht Uhr am Schalter angenommen. Aber — mein Gott! — was bedeuten denn diese Papierstreifen in

Krankenpflege bleiben. Das Centralkomitee hat be­schlossen, mit einem Kostenaufwand von 400,000 Mk. ein transportabeles Lazareth für 1000 Verwundete zu beschaffen, welches aus 50 Lazareth- und 30 Wirth- schaftsbaracken bestehen soll.

* In der 49. Plenar-Sitzung vom 7. April er­ledigte das Abgeordnetenhaus die 3. Berathung, und zwar debattelos folgende Gesetzentwürfe: betr. die Er­weiterung der Stargardt-Küstriner Bahn; betr. die Be­seitigung der kirchlichen Steuerfreiheit der Angehörigen der Universität Kiel; die Novelle zum Ergänzungsgesetz für die evangelische Kirchen-Verfassung; den Vertrag zwischen Bremen und Preußen wegen Erweiterung des Bremer Staatsgebiets und endlich drn Gesetzentwurf, betr. die Abänderung wegepolizeilicher Vorschriften für die Provinz Schleswig-Holstein excl. Lauenburg. Hier­auf gelangen 2 Anträge Neukirch-Drawe (bfr.) zur 1. Berathung. Sie beziehen sich beide auf Abänderung der bäuerlichen und gutsherrlichen Verhältnisse in Neu- Vorpommern und auf Rügen, und zwar verlangt der eine, begründet durch die Eile der Sache, die vorläu­fige Regelung, der andere die definitive Regelung dieser Angelegenheit. Der Antragsteller ersucht bezügl. des 1. Antrages sofortige 2. Lesung und Ueberweisung des andern Antrags an die Justiz-Kommission des Hause-. Antragsteller beschuldigt die Regierung der Unentschlossen­heit in dieser Angelegenheit und weist darauf hin, daß das im Widerspruch stehe mit der sonst so stark beton­ten Bereitwilligkeit, einen soliden Bauernstand zn be­gründen. Regierungsseitig wird auf die verwickelte Sachlage hingewiesen. Die Sache selbst findet aus dem Hause keinen Widerspruch und beschließt das Haus dem Anträge des Antragstellers gemäß. Sodann werden Petitionen erledigt. Nächste Sitzung den 26. April: Tertiärbahn-Vorlage.

* Zur Herausgabe der Sperrgelder wird der,Ger­mania' von einem Pfarrer der Diözese Paderborn aus dem Regierungsbezirk Erfurt noch berichtet: „Ueber 25 Jahre sind es, daß ich als Pfarrer aus der könig­lichen Regierungshauptkasse zu E. zwei namhafte Geld­posten als Besoldung monatlich gegen Quittung erhalte. Fünf Jahre und 8 Monate waren diese Gelder mir „gesperrt". Die Beträge dieser Zeit betrugen im ersten Posten nahezu 5000 Mk., im zweiten Posten 3400 Mk. Diese gesperrten Gelder habe ich am ge­hörigen Orte zurückgefordert. Da ward mir am 28. v. Mts. durch die königliche Regierung mitgetheilt, daß die Beträge des ersten Postens zum Sperrgelder­fonds abgeführt seien, die anderen Beträge nicht. Ein Grund für Rückbehaltung der namhaften Summe von 3400 Mk. war nicht angegeben."

* Der sozialdemokratische Parteivorstand veröffent­licht einen Aufruf, in welchem in Betreff der dies­jährigen Mai-Feicr verschiedene Vorschläge gemacht werden. Um jeder Zersplitterung der Feier vorzu­beugen und um den sozial-politischen Charakter der­selben mehr hervortreten zu lassen, wird die Feier in diesem Jahre von der „politischen Partei" vorbereitet. Und da der 1. Mai diesmal auf einen Sonntag fällt,

demselben und der Einschnitt auf der Vorderfeite? Was bedeutet Ihr mir gänzlich unverständliches Benehmen gegen mich? Was bedeutet endlich die Durchsuchung meiner Wohnung?"

Während dieser schnell gesprochenen Worte hatte der Inspektor sich so gestellt, daß das Licht hell auf das Antlitz des jungen Mannes fallen mußte und er somit sein Gesicht scharf beobachten konnte. Doch weiter nichts als starres Erstaunen vermochte er in dessen feinen intelligenten Zügen zu lesen. Trotzdem sagte er sich: Das ist wohlberechnete Verstellungskunst!

Nachdem er das Kouvert wieder an sich genommen, sprach er streng und inquisitorisch:

„Sollten Sie wirklich noch nicht begriffen haben, um was es sich hier handelt? Bleibt Ihnen noch unverständlich, weshalb ich Ihren Kollegen befahl, den Dienst morgen allein zu verrichten? Wußten Sie nicht schon von vornherein, daß Sie vielleicht heute noch von hier aus in das Untersuchungsgefängniß abgeführt werden würden?"

„Halt, Herr Inspektor, nicht weiter! Wessen be­schuldigt man mich und waS gibt Ihnen das Recht, mir solche Beleidigungen ins Gesicht zu schleudern?" rief Bäumer außer sich.

„Bitte, erregen Sie sich doch nicht. Wenn Sie ganz ruhig sein wollen", fuhr der Inspektor dann fort, „will ich Ihnen den Gefallen erweisen und Sie mit

so erwartet man die Betheiligung „der erdrückenden Mehrzahl der Arbeiter". „Die Mai-Demonstration" — heißt es in dem Aufrufe — „wird uns Gelegen­heit geben, die Fabel vom Rückgänge der Sozialdemo- kratie durch ein noch nie gesehenes Massen- Auf­gebot zu widerlegen." Die Hauptsache sei, daß die Mai-Kundgebung überall und unter möglichst zahl­reicher Betheiligung vor sich gehe. „Wo es möglich ist, empfiehlt es sich, an die Versammelten kurze Ansprache» zu halten, und dann nur auf die Bedeutung des Tages hinweisende und die Forderungen der Arbeiter enthaltende Resolutionen zur Abstimmung bringen zu lassen." Von Seiten des Parteivorstandes wird ein besonderesillustrirtes „Mai-Festblatt" herausge­geben werden, das unter Anderem auch die auf den Arbeiterschutz, besonders den Achtstundentag und den internationalen Charakter der Arbeiterbewegung bezüg­lichen Beschlüsse der internationalen Arbeiterkongreffe in Paris und Brüssel enthalten soll. Von besondere» „Maifeierfonds" soll in diesem Jahre mit Rücksicht auf die allgemeine schlechte Geschäftslage, die große Arbeitslosigkeit und den geringen Verdienst der großen Arbeitermassen abgesehen, dafür aber ein aus Metall hergestelltes „ M a i f e st z e i ch e n" zu dem billigen Preis von 5 Pfg. ausgegeben werden. Das „Maifestzeichen" soll in zwei Farben: Roth und Gold, ausgesührt werden, „um gewissen polizeilichen und richterlichen Eingriffen vorzubeugen" (Tragen republikanischer Ab­zeichen u. s. w.) Der Parteivorstaud erwartet, daß alle Parteiorte ohne Ausnahme das allgemeine Fest­zeichen benutzen »erben. „Gerabe burch bie Benutzung bieses gemeinsamen Festzeichens soll ber einheitliche Charakter ber Demonstration sichtbar zum Ausbruck gebracht werben". Ergänzenb sei noch bemerkt, baß für bie Mai - Feier in ber sozialdemokratischen Presse bereits Fahnen, „Mailieber" unb ber Text der „Acht- stunben-Marseillaise" zum „Massenankauf" an- gekündigt werden.

* Der neuernannte Staatssekretair des Reichsjustiz­amtes Eduard Hanauer ist, wie schon gemeldet, ein geborener Bay er unb befand sich früher im bayerischen Justizdienste. Aus seinem Lebensgang und seiner Lauf­bahn als Beamter theilen die Münch. N. N. noch folgende Einzelheiten mit: Eduard Hanauer ist im Jahre 1829 in Bayreuth geboren und ist katholischer Konfession. Nachdem er die juristische Staatsprüfung im Jahre 1852 bestanden, wurde er zum funktionirenden Staats­prokuratorsubstitut am Bezirksgericht Frankenthal 1854 ernannt. Im Jahre 1857 wurde er Assessor am Bezirksgerichte in Landau, 1859 Landrichter in Dahn, 1860 Substitut des Staatsprokurators am Bezirksge­richte Frankenthal, noch in demselben Jahre Substitut am Bezirksgerichte Landau, 1861 Bezirksrichter in Landau, 1866 zweiter Staatsprocurator am Appellations­gerichte der Pfalz, 1867 erster Staatsprokurator am Apellationsgerichte der Pfalz, 1870 vierter Staatsan­walt am Ober-Appellationsgerichte in München, 1872 dritter Staatsanwalt am Ober-Appellationsgerichte in München. Durch kaiserliche Entschließung vom 2. März

den Gründen für meine Maßregeln bekannt machen, im andern Falle werden Sie ohne diese in die Unter­suchungshaft geführt werden."

„Das ist ja aber unerhört! Mein Gott, erkläre» Sie doch, ich vergehe vor Begierde zu erfahren, wie ich Dieses alles zu deuten habe."

„Hier", unterbrach ihn der Inspektor, „dieses aus­geschnittene Kouvert in Verbindung mit dem Fehlen des Inhalts desselben verdächtigt Sie des Raubes und der Unterschlagung der gestern vor Aufgabe des Briefes zur Post darin enthaltenen Geldsumme im Betrage von dreitausend Mark . . .

„Ha, ha! Das ist ja eine tolle Geschichte! Ich soll diesen Brief ausgeschnitten und seines Inhalts be­raubt haben? Erlauben Sie, das ist ein schlechter Scherz, Herr Inspektor!" stieß Bäumer mit unheim­lichem Lachen aus. —

„Ich bitte Sie, an Derartiges nicht zu denken ... zum Scherzen ist denn doch die Situation schlecht ge­wählt ..."

„Nun, und ..."

„Die Untersuchung hat ergeben, daß nur Sie die Hände nach dem fremden Gute ausgestreckt haben können. Meine Stellung als Aufsichts-Beamter fordert von mir, Sie jetzt in die Untersuchungshaft abführm zu lassen."

„Also glauben Sie wirklich an die Möglichkeit