JV 81
Freitag, den 8. April 1892.
19. Jahrgang
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* Die Kerufswahl.
Wieder einmal ist Ostern, der bedeutungsvolle Zeitpunkt für tausende und abertausende von Jünglingen herangenaht, in welchem sie sich für ihren künftigen Lebenslauf schlüssig zu machen haben. Bei dieser hochwichtigen Frage: „Was willst Du werden?" kommt aber selbstverständlich den Eltern, als den natürlichen Vormündern und Beschützern der Kinder, die nächste und maßgebendste Entscheidung zu. Dabei sind hauptsächlich vier Dinge zu berücksichtigen. Zuerst die Frage nach der Begabung des Kindes; je eher sich die Eltern gewöhnt haben, die Fähigkeiten und die Begabung der Kinder unbefangen zu beurtheilen und je weniger sie sich hierbei den Schwächen der Kinder verschließen, um so leichter wird ihnen die Entscheidung darüber, welcher Beruf am besten der Begabung ihres Sohnes entsprechen könnte. Doch sollte nie versäumt werden, zugleich auch die Urtheile der Lehrer des Knaben einzuholen.
Weiter ist neben den Fähigkeiten und der Begabung des Kindes besonders seine Neigung zu einem Berufe zu berücksichtigen, aber gerade nach dieser Seite hin muß die bessere Einsicht der Eltern auf die Neigungen und Wünsche des jugendlichen Gemüthes einwirken. Denn dieselben stehen ja mit der Befähigung des Kindes häufig in Widerspruch, oder die knabenhafte Phantasie malt sich eine Laufbahn hin, deren Betreten dem Knaben die realen Verhältnisse schwerlich je ge- stattm. Diese elterliche Leitung darf aber niemals so weit gehen, daß das Kind nur blindlings zu gehorchen, daß es auf eigene Wünfche und Neigungen bezüglich des zu wählenden Berufes überhaupt zu verzichten hätte, vielmehr müssen beide Theile zur Entscheidung zusammmwirken. Gibt sich jedoch bei einem Kinde eine ganz ausgeprägte feste Neigung zu einem bestimmten Berufe kund und wird dieselbe außerdem noch durch entsprechende geistige oder körperliche Befähigung unterstützt, so wäre es entschieden unrecht von den Eltern, wollten sie das Kind trotzdem zu einem andern Lebenslaufe zwingen, vorausgesetzt natürlich, daß die kindlichen Wünsche mit den äußerlichen Verhältnissen nicht streiten.
Ferner darf bei Auswahl eines Berufes die zeitliche Konjunktur für denselben — d. h. die Aussichten in dem betreffenden Berufe — nicht außer. Acht ge- laffen werden. Da gilt dies namentlich dann, wenn der Knabe zu einem sogen, gelehrten Berufe, zum Studium, bestimmt wird, dann muß gefragt werden, welche Aussichten der junge Mann hat, um später als Jurist, höherer Lehrer oder Verwaltungsbeamter, Arzt u. s. w. sein gutes Fortkommen zu finden. Doch auch bei der Wahl eines der vielen kaufmännischen Fächer oder eines rein technischen Berufszweiges gilt es immer, die Chancen, die sich hier dem Knaben darbieten, reiflich zu erwägen und hierbei in Betracht zu ziehen, ob die obwaltenden Verhältnisse wirklich bestimmte Aussicht auf Versorgung und Beförderung gewähren.
gm Wstschalter.
Kriminal-Roman aus dem Verkehrsleben von Th.Schmidt.
(3. Fortsetzung.)
Auch wegen des Streifens von dem Telegrammaufgabe-Formular habe ich bei Adens Recherchen angestellt, welche weiter keinen Anhalt boten, da dieser mir mit» theilte, daß vor Jahren mit einem solchen Formular von einem seiner jungen Leute Mißbrauch getrieben wurde und er seit dieser Zeit das Formular stets in seinem Zimmer unter Verschluß hielte. Nur der Buchhalter, für dessen Redlichkeit er die weitgehendsten Garantien übernehme, erhalte in jedem einzelnen Falle zum Gebrauch dos oder die vöthigen Exemplare. Wahrscheinlich wird in der Hast, mit welcher der Verbrecher unzweifelhaft zu Werke gegangen sein wird, ein solcher Streifen von ihm aus dem Papierkorb mitgegriffen sein. Ferner zeugt gegen Bäumer auch der zum Verschließen der ausgeschnittenen Stelle benutzte Markenstreifen. Das Abschneiden der zackigen Ränder von demselben war einerseits eine vermeintliche Bedingung des Verbrechers, um die Untersuchung des Streifens auf die Qualität des Papieres hinzuhalten, andererseits konnte er auch keinen andern Streifen verwenden, da er sonst zum Aufkleben desselben den hier im Amte vorhandenen Klebestoff hätte verwenden müssen, dieser konnte aber eventuell in Bezug auf seine Stoffe chemisch untersucht werden, wobei dann die gleichartigen Substanzen Beider
Mit der Aussicht auf Versorgung und Beförderung hängt aber noch ein anderer Umstand zusammen, der ebenfalls Berücksichtigung bei der Entscheidung über die Berufswahl verdient, nämlich die Erwägung der Mittel zur Ausbildung in dem Berufe. Die Erlernung eines jeden Berufes erfordert größere oder geringere pekuniäre Opfer und da muß sich Jeder, wie das Sprichwort sagt, nach der Decke strecken.
Hat ein Kind besondere Neigung zu einem Berufe, zu dessen Erlernung ihm die Eltern nicht die genügenden Mittel gewähren können und für welchen Zweck auch von anderen Seiten keine nachhaltige Unterstützung zu erwarten ist, dann muffen ihm die Eltern die pekuniäre Unmöglichkeit, die gewünschte Laufbahn einzuschlagen, eindringlichst darstellen, und ihm passendere Berufsarten Vorschlägen. Jedenfalls aber sind bei der Entscheidung über die Berufswahl alle vier genannten Dinge zusammen ins Auge zu fassen, und wenn Eltern unter diesen Gesichtspunkten die ganze Frage reiflich prüfen, so wird die Entscheidung schließlich nur zum Besten der Kinder ausfallen.
Deutsches Keich.
Berlin, 6. April.
* In der Verlagshandlung von Ernst Siegfried Mittler & Sohn (Berlin) ist, wie schon gestern kurz mitgetheilt, ein neuer Band der „Gesammelten Schriften und Denkwürdigkeiten des General-Feldmarschalls Grafen Hellmuth v. Moltke" erschienen, und zwar Band I, nachdem Band II und III bekanntlich schon früher ausgegeben waren. Der neue Band stellt sich als ein Sammelwerk dar; Aufzeichnungen und Tagebücher des Feldmarschalls wechseln mit Mittheilungen feiner Personal-Papiere; aus der Jugendzeit wird eine Novelle von ihm „Die beiden Freunde" veröffentlicht, während seine letzte Niederschrift den Band schließt: „Trostgedanken über das irdische und Zuversicht auf das ewige Leben." Zu diesen Original-Beiträgen gesellen sich mehrere Aufsätze, die das Leben des Feldmarschalls in seinen wichtigsten Beziehungen darstellen: ein „Lebensbild seiner Frau" schildert das Glück seiner Ehe, „Stillleben in Kreisau" fein persönliches Leben in den Mußestunden, seine Liebe zu den Künsten und seine Betheiligung an ihrer Pflege; in dem Aufsätze „Der Feldmarschall und seine Kriegsherren" wird der Dankbarkeit seiner Könige ein Ehren- denkmal gesetzt. Von besonderem Interesse ist der Artikel „Trostgedanken", weil sich hier eine Art Glaubens-Bekenntniß des Verblichenen findet. Da Moltke in weiten Kreisen als ein positiv gläubiger Protestant galt, mag dieses Glaubens-Bekenntniß manches Ueberraschende haben. Moltke schreibt u. A.:
Die Vernunft ist durchaus souverän, sie erkennt keine Autorität über sich, keine Gewalt, wir selbst nicht können sie zwingen, für unrichtig anzunehmen, was sie als wahr erkannt hat. E pur si muove 1 Der denkende Geist schweift durch die endlosen Fernen der leuchtenden Sterne, er wirst das Senkblei aus in die unergründliche Tiefe des kleinsten Lebens, nirgends
zweifellos koustatirt worden wären. Wenn, so sagte sich der Verbrecher, auch ermittelt wird, daß der zum Verschließen des Briefes benutzte Streifen von Briefmarken abgetrennt ist, fo bedeutet dieses noch nichts, denn solche Streifen kann ein Jeder, der eine größere Anzahl Briefmarken kauft, an sich bringen und verwenden.
„Dieses sind meine Ansichten, die jedenfalls Ihren Beifall gefunden haben, Herr Kollege!"
Der arme Vorsteher! Vor seinem Geiste zogen in diesem Augenblicke alle jene fatalen, jetzt leider Gestalt annehmenden Gerüchte über Bäumer vorüber. Mit einem tiefen Seufzer rangen sich die Worte von seinen bleichen Lippen los:
„Herr Kollege, Sie haben mir soeben —ach allzuwahr ! — ein erschreckendes düsteres Bild von der Verirrung eines jungen Mannes gezeigt, der neben dem Leichtsinn seiner Jugend auch mit den seltensten Fähigkeiten und geistigen Gaben von Natur ausgestattet ist, mittelst deren er, wo er nur sich sehen läßt, bei Alt und Jung reuffirt. Wenn ich selbst nicht durch unsere Ermittelungen die, ich möchte sagen, unzweifelhafte Gewißheit erlangt hätte: der Mann hat die That vollbracht, so wäre ich im Stande, mit meiner Person für ibn einzustehen.
Viel, sehr viel würde ich darum geben, schon im Interesse seiner alten braven Mutter, könnte er sich vor Ihnen von der ungeheuren Anschuldigung reinigen. Vor der Hand hat Ihre Annahme, daß er der Ver
sinket er Grenzen, aber überall die Regel, den unmittelbaren Ausdruck des göttlichen Gedankens. Der Stein fällt auf dem SiriuS nach demselben Gesetz der Schwere wie auf der Erde: dem Abstand der Planeten, der chemischen Mischung der Elemente liegen arithmettsche Verhältnisse zu Grunde, und überall ergeben dieselben Ursachen dieselbe Wirkung. Nirgends Willkür in der Natur, überall Gesetz. Zwar den Ursprung der Dinge vermag die Vernunft nicht zu erfassen, aber nirgends steht sie im Widerspruch mit der Regel, welche Alle leitet. Vernunft und Weltordnung sind conform, sie müssen gleichen Ursprungs sein. Auch wenn die Unvollkommenheit alles Erschaffenen die Vernunft auf Wege führt, die von der Wahrheit ablenken, ist Wahrheit dennoch ihr einziges Ziel. So tritt denn freilich die Vernunft in Widerspruch mit manchen ehrwürdigen Ueberlieferungen. Sie sträubt sich gegen das Wunder, „des Glaubens liebstes Kind", sie kann sich nicht überzeugen, daß die Allmacht nöthig haben sollte, um ihre Zwecke zu erreichen, in Einzel-Fällen die'Gesetze der Natur aufzuheben, welche diese in Ewigkeit regieren! Doch richten sich die Zweifel nicht gegen die Religion, sondern nur gegen die Form, in welcher sie uns dargebracht ist. Das Christen- thum hat die Welt aus der Barbarei zur Gesittung emporgehoben. Es hat in hundertjährigem Wirken die Sklaverei beseitigt, die Arbeit geadelt, die Frau emanzipirt und den Blick in die Ewigkeit öffnet. Aber, war es die Glaubenslehre, das Dogma, welches diesen Segen schuf? Man kann sich über Alles verständigen, nur nicht über Dinge, an welche das menschliche Begriffs-Vermögen nicht heranreicht, und gerade über solche Begriffe hat man 18 Jahrhunderte hindurch gestritten, hat die Welt verheert, von der Vertilgung der Arianer an durch 30jäh- rige Kriege bis zu den Scheiterhaufen der Inquisition, und was ist das Ende aller dieser Kämpfe — derselbe Zwiespalt der Meinungen wie zuvor! Wir können die Glaubenssätze hinnehmen, wie man die Versicherung eines treuen Freundes hinnimmt, ohne sie zu prüfen, aber der Kern aller Religionen ist die Moral, welche sie lehren, am reinsten und erschöpfendsten die christliche. Und doch spricht man achselzuckend jftm einer trockenen Moral und macht die Form, in welcher sie gegeben, zur Hauptsache. Ich fürchte, daß der Eiferer auf der Kanzel, welcher überreden will, wo er nicht überzeugen kann, die Christen aus der Kirche hinauspredigt. Ueberhaupt, sollte nicht jedes fromme Gebet, möge es nun an Buddha, an Allah oder Jehova gerichtet sein, an denselben Gott gelangen, außer dem es ja keinen gibt?
Aber auch felbft in Bezug auf den Wortlaut des apostolischen Gläubensbekenntnifses hatte Moltke feinen Zweifel. Sv heißt es in den „Trostgedanken" :
Die Schrift verspricht uns die Auferstehung eines verklärten Leibes, und freilich läßt sich ein Sonderdasein ohne Begrenzung nicht denken; dennoch ist unter dieser Verheißung wohl nur die Fortdauer der Individualität zu verstehen, im Gegensatz zum Pantheismus. Daß die Vernunft und mit ihr alles, was wir an Kenntniß und Wissen mühsam erworben, uns in die Ewigkeit begleiten wird, dürfen wir hoffen, vielleicht auch die Erinnerung an unser irdisches Dasein. Ob wir das zu wünschen habens ist eine andere Frage. — Wie, wenn einst unser ganzes Leben, unser Denken und Handeln vor uns ausgebreitet da läge, und wir nun selbst unsere eigenen Richter würden, unbestechlich, erbarmungslos? Aber vor Allem das Gemüth muß der Seele verbleiben, wenn sie unsterblich ist."
Nicht ohne Gefühl der Wehmnth kann man diese „Trostgedanken" lesen, welche offenbar den geistig so hochbegabten Verfasser selbst nicht befriedigt haben. Lieft man doch fast aus jeder Zeile die Sehnsucht nach Klarheit und Wahrheit, die ihm freilich fein Religions- fystem nicht zu bieten vermochte. Zu bedauern ist, daß der so klar und vor Allem fo logisch zu denken gewohnte Kops nicht auch in religiösen Dingen zu der Erkenntniß kam, welche ihm allein volle Befriedigung würde gewährt haben. Und der Grundfehler! Es ist
brecher fei . . . meine Zustimmung. Zur Erklärung dieser Handlungsweise des jungen Mannes mögen die mir bekannt gewordenen Gerüchte dienen. Ich beginne vorerst mit der Beschreibung seiner persönlichen Verhältnisse hier. Bäumer wurde vor zwei Jahren von K. nach hier versetzt. Derselbe hat, da er anfangs für die juristische Laufbahn sich vorbereitete, fehr gute Kenntnisse. Da Bäumer im Umgang mit dem hiesigen Publikum ein sehr höfliches und gefälliges Benehmen zeigte, so war er mit der Gesellschaft bald bekannt und, ich fage nicht zuviel, überall beliebt geworden, und weil Sie, £>err Kollege, ihn selbst kennen, so müssen Sie zugeben, daß fein Aeußeres etwas Bestechendes hat."
„Ich halte ihn für den schönsten Mann, den ich je gesehen", entgegnete der Inspektor.
„Diesem Umstände", so nahm der Vorsteher wieder das Wort, ,»hatte es Bäumer zu verdanken, daß er der Liebling der Damen wurde. Bei allen sich darbietenden Gelegenheiten zeichneten letztere ihn in gewissermaßen auffälliger Weise aus. Man mochte ihn nirgends vermissen. Selbst in meiner Familie war er uns unentbehrlich geworden. Konnte er doch wie selten Jemand eine Gesellschaft durch geistreiche Konversation auf den Gebieten des Schönen einerseits, sowie durch amüsante Spiele und derartige, die Monotonie des kleinstädtischen Lebens angenehm unterbrechende Dinge andererseits anregend unterhalten.