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JM 79 Mittwoch, den 6. April 1892. 19. Jahrgang

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Inserate losten die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld mit der belletristischen Sonntagsbeilage ,Sterne und Blumen' und der alle 14 Tage erscheinenden Gratisbeilage ,Rathgeber für Landwirthschaft, Gartenbau und Hauswesen' in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

CH. Hintertreppen- oder Kolportage- Komane.

Die Hintertreppenromane werden in der ,Pap. Ztg.' einer interessanten Prüfung auf ihre Verbreitung unter­zogen. Ein Kolportage-Fachblatt enthält in seiner Nummer vom 15. Dez. 1891 die Anzeigen von nicht weniger als 33 Romanen dieser Art. 21 von ihnen sind Erzeugnisse des Berliner Verlagsmarktes, 8 erschienen in Dresden, 3 sind Neusalzer, 1 ist Leip­ziger Produkt. 100, 130 und 150 Hefte sind in der Regel die Ziffer, welche als Maßstab für den gefchäft- lichen Erfolg angesehen werden, 130 und 150 Hefte zeigen schon einen sichern Romantreffer an. Einer dieser Romane umfaßt sogar 200 Hefte, es ist der bei Werner Große, Berlin, erschienene Roman „Kornblume und Veilchen". Interessant dürste es sein, ungefähr festzustellen, welches Kapital diese 33 Romane in 10- Pfennigheften darstellen. Man rechnet in den ein­schlägigen Geschäftskreisen in der Regel auf den Roman etwa 25,000 Mk. Kosten für Herstellung und Vertrieb Die Ziffer darf nicht überraschen, denn das erste Heft wird in einer Auflage von 100,000 und mehr Exemplare gedruckt; die sich aber von Heft zu Heft in annähernd gleichmäßigem Verhältnisse bis zu 20,000 oder 10,000, je nach dem Anklange, den der Roman findet, herab­mindert. Heft 1 bis 5 werden umsonst an die Kol­portage-Handlungen abgegeben. Vom 6. Hefte an bringt jedes verkaufte Heft dem Verleger 5 Pfg. Eine Auflage von 5000 Exemplaren entspricht also einem Hefterträgnisse von 250 Mk., bei einem Romanumfange von 100 Heften einem Gesammterträgnisse von 25,000 Mk. Eine Auflage von 5000 Exemplaren ist also allein nothwendig zur Kostendeckung. Was über 5000 Exem­plare abgesetzt wird, bildet den Reingewinn. Dabei ist noch in Betracht zu ziehen, daß in jene« Anzeigen durchaus nicht sämmtliche Romane dieser Gattung ver­zeichnet sind; es fehlen hervorragende Dresdener und Berliner Handlungen. Man wird also kaum fehl gehen, wenn man das in dieser 10-Pfennig-Literaturwaare auf dem Handelsmarkte in Arbeit befindliche Kapital auf mindestens 1—l1/« Mill. Mark anschlägt.

Daß es keine Schriftsteller ersten Ranges sind, welche diesen Schund zusammenschmieren, das ist selbst­verständlich. Diese Romane werden meistens „warm" geschrieben, wie der Fachausdruck heißt, das will sagen: die ersten Hefte erscheinen oft, ehe die Schauergeschichte vom Verfasser zu Ende gebracht ist. Er schreibt von Nummer zu Nummer. Die Honorirung für solche Schundromane ist natürlich eine ganz schundige. Denn wie der Lohn so die Arbeit und umgekehrt. W i e diese Romane und in welcher Absicht und welchem Geiste sie geschrieben werden, erhellt aus folgendem Briefe, den ein Verleger solcher Schauer-Kolportage- Romane an einen jetzt verstorbenen Schriftsteller, den die Noth zu diesem Erwerbszweige trieb und dessen Nachlatz der Schreiber Dieses sichtete, gerichtet hat.

„Wir haben jetzt schon das 4. Heft fertig und noch keine schaurige, reizende, kraftvolle Handlung. Wie

gm Mostschalter.

Kriminal-Roman aus dem Verkehrsleben von Th.Schmidt.

(1. Fortsetzung.)

Der Thäter schiene vielmehr, wie ja aus Art und Weise des Raubes an dem Kouvert des Briefes sowie dessen verdächtigem Inhalt klar ersichtlich sei, dem Kreise der Postbeamten anzugehören. Diese Bemerkung konnte der Inspektor nur richtig finden; indes sagte sich der gewiegte Beamte, daß dann der Verbrecher noch ein Neuling in seinem Fache sein müsse, denn die beabsichtigte Täuschung war doch allzu plump ausge­fallen. Vor der Hand hielt er noch an dem Verdachte gegen den jungen Mann fest.

Frank, fcharf befragt, gab etwa Folgendes zu Pro­tokoll: Kurz vor Schalterschluß, welcher um acht Uhr Abends in D. stattfindet, will er den fraglichen Brief, so wie er ihn um sieben Uhr von dem Chef erhalten hat, gleichzeitig mit dem Post-Quittungsbuche dem Postsekretär Bäumer am Schalterfenster übergeben haben. Der Raum vor dem letzteren sei gestern Abend unge­wöhnlich mit Personen angefüllt gewesen, welche, er­klärte er, noch vor Schluß abgefertigt sein wollten. Die Hast, mit der Bäumer seine Dienstgeschäfte er­ledigen mußte, hätte den Beamten manchen Fehlgriff thun lassen, woraus sich auch erklärte, daß Bäumer den Brief ungewogen zur Seite in ein Fach legte.

lange noch soll es so weiter gehen? Wann wird end­lich einmal ein Mord oder eine sonstige pikante (!) Handlung die Erzählung spannend machen? Wir be­dauern fast, Ihnen neuerdings unfer Vertrauen ge­schenkt zu haben. Ihre breite, behagliche Schilderung des Familienlebens paßt für den Geschmack unserer Leser nicht. Auf diese Art bekommen wir nicht für das 5. Heft, das wir bis Mittwoch in Händen zu haben hoffen, eine merkliche Besferung in dieser Hinsicht. Könnten Sie nicht den alten Landpfarrer zu einem Jntriguanten stempeln? Um so weniger das nach der Einleitung zu erwarten wäre, um so mehr würde der Roman gewinnen. Ueberhaupt ist es nöthig, die schlechten Charaktere zu häufen. Für das 7. Heft, wie Sie wisfen, die kritische Nummer, ist für den Schluß die ausführliche, genaue Schilderung einer Mord- oder Gräuelfcene nöthig, die aber erst in Nr. 8 fortgesetzt und in Nr. 9 zu Ende geführt wird."

Soviel aus den Geheimnissen einer solchen Fabrik von Dutzendromanen, auch Schund- und Schauerromane genannt.

Was die Gefahr betrifft, welche aus der Ver­breitung dieser Literatur erwächst, so wollen wir zu­nächst von dem Sittenverderbnisse, welches diese Schund­romane verbreiten, absehen und uns auf den materi­ellen Standpunkt stellen. Die Romane locken Jahr aus, Jahr ein eine Million von Spargroschen aus den Taschen kleiner Leute. Theils verführt sie ein mög­lichst gruseliges Titelbild, die Geschichte zu lesen, theils versprechen die Kolporteure, die meistens zur zudring­lichsten Menschenklasse gehören, den Leuten prachtvolle „Gratisbeigaben", sehr oft auch als Sand in die Augen, „religiöse Bilder", dieses besonders in katho­lischen Gegenden (wir wissen, daß ein und dasselbe Judengeschäft zu ein und demselben Romane für katho­lische Gegenden-die-heilige. Familie, für protestantische Gegenden Luther, ferner Kaiser Wilhelm, sogar „Bebel" für Industrie und Großstädte als Prämien in Aus­sicht stellte!), theils zwingen sie die Leute zu dem Abonnement, indem sie ihnen wegen Beschädigung des aufgedrungenen Probeheftes mit Klage drohen, theils berufen sie sich und hierauf möchten wir besonders aufmerksam machen, besonders auf dem Lande mit kühnster Dreistigkeit auf die Empfehlung von geist­lichen Herren. Auch geben sie vor, ein Theil ihrer Einnahmen sei für gute Zwecke bestimmt; Ein tüch­tiger Kolporteur arbeitet mit allen Mühen und Kniffen, um den kleinen Leuten die Zehnerstücke herauszuschwin­deln; nunmehr laufen diefe Romane meistens durch 150—200 Hefte, das sind 15—20 Mark, die für solches Zeug von Leuten, die von der Hand zum Mund leben, gezahlt werden. Die Hauptgefahr be­ruht aber in dem sittenverderbenden Einflüsse dieser Schauerromane, die geradezu Schule für das Verbrechen machen. Das Gefühl des Ungebildeten stumpft sich bei dieser Leserei auf das Gefährlichste ab. Es werden ja mit Vorliebe Verbrecherleben geschildert; Mord, Diebstahl, Brandstiftung Vergiftung, Todtschlag bilden die Handlung. Das macht die Geschichte spannend.

Das Post-Quittungsbuch wiese, Frank zeigte es dem Inspektor — ja auch keine Gewichtreintragung in der betreffenden Spalte nach. Auf die Frage des Inspek­tors : „weshalb Frank das Buch ohne Angabe des Gewichtsvermerks zurückgenommen habe?" entgegnete dieser, „das käme oft vor, da Bäumer nach seiner Meinung etwas oberflächlich arbeite." Gestern Abend hätte er überhaupt sich von der Quittungsleistung des Beamten in dem Buche aus Vergeßlichkeit nicht über­zeugt." Auf die weitere Frage: „Ob er, Frank, den Brief vor der Uebergabe an Bäumer noch etwa an eine Stelle gelegt habe, die auch anderen Personen zu­gängig wäre? gab Frank zur Antwort: „Nein! der Brief ist nicht aus meinen Händen gekommen, da ich im Bureau nichts mehr zu thun, sondern noch eine Besorgung für meinen Prinzipal in der Stadt hatte." Diese Angaben wurden von dem Prinzipal und auch von dem andern Personal als richtig bezeichnet.

Auch dem Postinspektor schienen dis soweit die An­gaben des Frank glaubwürdig, jedoch konnte er sich nicht verhehlen, eine gewisse Befangenheit in dem Wefen des jungen Mannes wahrgenommen zu haben. Diese Befangenheit konnte man jedoch wieder auch auf Rechnung der Erregung setzen, in welche dieser selt­same Raub die im Verdacht desselben stehenden Per­sonen gesetzt hatte. /

Mit diesen Resultaten höchst unzufrieden, forschte

Der „gute" Schundroman muß dem Leser immer eine Gänsehaut überlaufen lassen, dann verdient er das höchste Lob „spannend" zu sein. Die Folgen dieser Leserei sind die schlimmsten. Die Leser werden zu Verbrechern erzogen, sie werden mit ihrer sozialen Lage unzufrieden, bemt die Romane predigen meistens den Luxus, sie werden arbeitsüberdrüssig, abgespannt und abgestumpft, die Religion leidet Schiffbruch, die Sittlichkeit der breitesten Volksschichten wird untergraben Statt zu belehren und zu erziehen, entsittlichen und verschlechtern diese Schundromane das Volk. Sie predigen den Luxus, die Unzuftiedenheit, die Schlech­tigkeit, sie verherrlichen die Sittenlosigkeit und das Ver­brechen. Trage ein Jeder, der irgendwie kann, dazu bei, diese Schundliteratur aus den Stuben der kleinen Leute zu verdrängen, besonders durch leihweise Ab- lassung guter Bücher an diese wirklich dankbaren Leser, die für das Gute, Schöne und Wahre, wenn man es ihnen bietet, oft weit mehr Verständniß haben, wie Bessersituirte.

Deutsches Keich.

Berlin, 4. April.

* Der Großherzog und die Großherzogin von Mecklenburg-Strelitz treffen am Mittwoch zum Besuche am hiesigen Hofe ein.

* Der Kaiser der sich für die Arbeiterwohnfrage lebhaft interesfirt, empfing heute den Vorsitzenden der deutschen Volksbaugesellschaft, Professor Dr. Dernburg.

* Die mittelparteilichen Blätter brachten am 78. Geburtstage des Fürsteu Bismarck die großartigsten Lobreden und Festberichte zu Ehren dieser verflossenen Größe. In Poesie und Prosa feierte man ihn als den Begründer des deutschen Reiches, als den ehemaligen Leitstern am Himmel Les miüelparteilichen Lebens unb Treibens, ber noch heute wie der Abglanz einer ver­sinkenden großenZeit über Deutschlands Gefilden glänze. Weit entfernt, Bismarck's Verdienste um Deutschlands Einigung auch nur im Geringsten bemäkeln zu wollen, halten wir es jedoch für ein charakteristisches Merkmal der mittelparteilichen Presse, an ihrem Abgott nur das hervorzuheben, was geeignet ist, seinen Ruhm zu ver­größern und ihn als die Leuchte des Jahrhunderts hin­zustellen. Mit beredtem Schweigen drückte man sich an Bismarck's innerer Politik vorbei. Kein Wört­chen, kaum eine Andeutung wagte man dem Leser zu bieten von dieser ganz verfehlten Politik, die doch den Kulturkampf in all' seinenGewaltthätigkeiten gegen die Katholiken, gegen ein Drittel ebenso treuer Unter» thanen Preußens, wie die Liberalen es sind, hervorrief und mit äußerster Schärfe führte. Wie viele Hunderte von deutschen Priestern mußten durch Bismarck's Politik damals ihre Heimath, ihr Vaterland verlassen, wie viele wurden in den Kerker geworfen, weil sie Gott mehr gehorchten als — Bismarck! Die Herren Mittel- parteiler scheinen eben in ihren Reden nur nach dem Spruche: „Prüfe und wähle das Beste" gehandelt zu haben. Aber hier ist das nicht der richtige, nicht der

der Inspektor weiter nach, wo der junge Frank von sieben Uhr bis zur Zeit als er den Brief der Post übergab, was also kurz vor acht Uhr, wie wir bereits wissen, geschah, gewesen war. Das Resultat dieser Nachforschung war dieses: Frank hatte, als er sich um sieben Uhr aus dem Geschäftslokale entfernte, seinen Weg, dem Auftrage seines Prinzipals gemäß, zu der etwa fünfundzwanzig Minuten vom Geschäftshause ent­fernt gelegenen Privatwohnung desselben genommen. Daß er seine Besorgung hier ausgeführt, wurde be­stimmt festgestellt.

Von dieser Wohnung ab betrug die Entfernung zum Postgebäude reichlich fünfundzwanzig Minuten und führte der Weg über eine lange Wiese, auf der keine Häuser unb keine anderen Räume lagen, in die Frank hätte eintreten und die bekannten Manipulattonen vor­nehmen können; bei dem zu der fraglichen Stunde herrschenden Sprühregen, sowie der weit vorgeschrittenen Dunkelheit, toai es Frank andererseits auch nicht mög­lich, im Freien, wenn er auch Zeit dazu gehabt hätte, seine Absicht auszuführen. In seiner Wohnung war er gleichfalls nicht gewesen, wie der Wirth fest be­hauptete.

Nachdem der Inspektor und Vorsteher — letzterer war bei allen Nachforschungen zugegen — im Post- hanse wieder eingetroffen waren, sahen sich beide fragend an.